Unter Muttis

Als Vater gibt es kaum etwas schlimmeres als allein unter einer Schar von Übermuttis zu sein. Sei es auf Elternabenden, Schul‐, Laternen‐ oder Sommerfesten. Denn für weibliche Elternteile gibt es meist nur ein Thema: das eigene Kind. Hier vermischen sich Wettbewerbs‐, Konkurrenz‐, Leistungs‐ und Anspruchs‐Denken mit einer (über-)fürsorglich-rührseligen Affektsoße. Gleichzeitig verwerten sie die eigenen Kinder zu Objekten ihrer ganz persönlichen Projektions‐ und Profilierungsfläche. Erfolge der Kinder sollen hier stets auf die elterliche Erziehungsfähigkeit beruhen und für die Niederlagen sind regelmäßig Andere schuld: Erzieher, Lehrer, Schule, Kita, falsche Freunde, YouTube und so weiter. Mit kindfremden Themen braucht man gar nicht erst anfangen.

In so einem Diskursrahmen, den es in Deutschland wohl millionenfach gibt, sind spannende Gespräche in aller Regel selten möglich. Viele moderne Muttis scheinen zudem deutlich spießiger, verbohrter und langweiliger zu sein, als es unsere eigenen Eltern jemals waren. Statt also den weltfremd‐ignoranten‐Biedermeier‐Weltverleugnungs‐Kreis zu durchbrechen, wird lieber Heile‐Welt gespielt und sich in den eigenen Komfortzonen‐Bunker verkrochen. Im digitalen Social‐Media‐Wahnsinn bekommt dieser Aspekt eine unverschämt aufdringliche Dimension: »Schaut her, wie toll unser Leben ist!« Kultivierte Selbstentfemdung als Selbstverwirklichung zu etikettieren, ist jedoch weder emanzipiert noch alternativ.


Selbstentfremdung
Selbstinszenierung
Selbstoptimierung

»Wünsch Dir was!«

Männlich. Alt. Weiß. Hetero. Täter.

In Staffel 3, Folge 2 der ersten HBO‐Qualitäts‐Gefängnis‐Serie »Oz« (die man hierzulande häufig ignoriert) aus den Jahren 1997–2003, sehen wir eine aggressive Gefängniswärterin, die wegen einer Sex‐Affäre mit dem Gefängnisleiter ihn beschimpft und schlägt. Im weiteren Verlauf der nächsten Staffeln benutzt und erpresst sie einen männlichen Insassen für ihre sexuellen Bedürfnisse. Auch viele andere Szenen, Handlungen und Charaktere werden in »Oz« schonungslos dargestellt. Frauen sind hier eben auch Täterinnen. Unter anderem gibt es auch eine weibliche Mörderin, die ihre Kinder umgebracht hat und im Todestrakt sitzt. Vermeintlich authentischer, brutaler und ungeschönter (US-)Gefängnisalltag eben. Jenseits von feministischer SJW‐Gender‐Ideologie.

Es ist mehr als fraglich, ob im öffentlichen Diskurs‐Alltag des Jahres 2019 solch eine Serie überhaupt eine Chance hätte. Stattdessen sehen wir heute eine Vielzahl an (absurderweise auch historisch angelegten) Filmen und Serien bei denen es starke Frauencharaktere (bis hin zu Mary Sue) zu bewundern gibt: »der Name der Rose«, »Warrior«, »Mayans MC«, »Peaky Blinders«, »Vikings«, »Gomorrha« und viele, viele mehr. Ob Frauen früher und damals -bzw. in starken Männerdomänen wie der organisierten Kriminalität‐ nicht in vielerlei Hinsicht wohl eher unterdrückt werden und wurden, wird selten thematisiert. Denn sie wollen nicht sehen, wie es wirklich war, sondern wie sie es gerne hätten. Ist das der Sozialkonstruktivismus, von dem alle reden? :SHOCK:


Genderqueersuperwoman in Rom
Der US‐Gefängnis‐Industrie‐Komplex

»Wir müssen reden!« (2)

Labern. Sitzen. Labern. Saufen. Labern. Fressen. Labern. Rauchen. Labern. Schwafeln. Quatschen. Der Glaube an das Allheilmittel Kommunikation ist bei einigen Bevölkerungsschichten (Pädagogen, Psychologen und Frauen) sehr stark verankert. Auch das Quantität nicht gleichbedeutend mit Qualität ist, wollen die endlosen Quasselstrippen, nervigen Labertaschen und narzisstischen Ich‐Bin‐Wichtig‐Blubberinnen nicht verstehen. Ich vermute, es gab noch nie so viel Kommunikation wie heute (aka soziale Medien) und gleichzeitig wurde noch nie so wenig gesagt.

Stattdessen: Bullshit‐Bingo (PR, Werbung, Marketing), inszenierte Diskurse (Polit‐Talkshows), Clickbait‐SEO‐Nicht‐Nachrichten sowie unerträglich viel Hype‐Gewese um langweilige Nichtigkeiten, Familien‐Gedöns, lustig‐lustige YouTube‐Filmchen und profane Alltagsbanalitäten. Im Jahr 2019 wird nicht zu wenig miteinander geredet, sondern eher viel zu viel. Insofern: »Es gibt kaum etwas Besseres, als mit einem guten Freund über ein interessantes Thema zu schweigen.« (Alec Guinness)


»Wir müssen reden!«

Keine Armut. Nirgends.

Wir reden über Gender, aber nicht über Armut.
Wir reden über Bildung, aber nicht über Armut.
Wir reden über Inklusion, aber nicht über Armut.
Wir reden über Ernährung, aber nicht über Armut.
Wir reden über Klimaschutz, aber nicht über Armut.
Wir reden über Feminismus, aber nicht über Armut.
Wir reden über Digitalisierung, aber nicht über Armut.
Wir reden über Nachhaltigkeit, aber nicht über Armut.
Wir reden über Rechtsextremismus, aber nicht über Armut.
Wir reden über Fake News, Populismus und Verschwörungstheorien, aber nicht über Armut.

Hauptsache, wir haben Themen, bei denen wir uns produzieren und profilieren können. Aber sie dürfen nicht die Besitz‐, Eigentums‐ und Verteilungsfrage berühren. Das sind gottgegebene Strukturen, die es nicht zu hinterfragen gilt. :JAJA:


Keine Sklaven. Nirgends.

Hauptsache Ich!

»Personalisierung bedeutet De‐Sozialisierung, also das Wegschneiden von sozialen Zusammenhängen.«
(Harald Welzer. »Die höchste Stufe der Zensur: Das Leben in der Ich‐Blase«. Blätter. Ausgabe Juli 2016. S. 70)

Seit einiger Zeit ist der immer weiter um sich greifende Narzissmus in immer mehr beruflichen und privaten Gesprächen zu beobachten. Eine egozentrische Wahrnehmung, die nur den eigenen Mikrokosmos kennt und kennen will. Da redet man beispielsweise über Filme, die politische Situation, den Immobilienmarkt, über berufliche Angelegenheiten, die Lebensmittelindustrie, die Massenmedien oder sonst irgendetwas, und dann gibt es (gefühlt) immer mehr Leute, die diese Themen nur als Brückenkopf begreifen, um über sich selbst sprechen zu können. Die Beziehungsebene auch einmal zu verlassen und sich auf die Sachebene zu begeben, scheint immer mehr Menschen sehr schwer zu fallen:

»Ja, also bei mir...«
»Ich finde ja...«
»Meine Erfahrung ist...«
»In meinem Leben...«
»Ich bin...Ich habe...«

Nein, verdammt noch mal! Es geht um die Sache und nicht um Dich, Du kleines Staubkorn! Wenn ich etwas von Dir wissen möchte, dann frage ich Dich auch direkt! Ja, wir alle sind Gefangene unseres Selbst und unserer Umgebung. Der Eigenverantwortungs‐ und Individualitäts‐Wahnsinn lässt wohl viele vergessen, dass es einen Kosmos außerhalb unserer Mikrowelt und unserer Gefühle gibt. Einen, der uns durchaus auch persönlich bereichern kann. Aber die Neugier sowie das Interesse an anderen Dingen -außer uns selbst‐ scheint in der digital‐narzisstisch‐neoliberalen Gesellschaft ziemlich verloren zu gehen. Kein Wunder, wenn jeder tagtäglich mit Selbstoptimierung und Selbstinszenierung beschäftigt ist. Macht mal einen Test: zählt mal in einem beruflichen oder privaten Gespräch, wie oft euer Gegenüber die Wörter »ich«, »mir« und »selbst« verwendet. ;)


Selbstoptimierung
Selbstentfremdung

Interessen

Im ersten Semester »Politikwissenschaft« lernt man, dass jeder Akteur, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Interessen hat. Diese Erkenntnis mag auf den ersten Blick banal wirken, wird aber in der Analyse und Bewertung von Entscheidungen und Sachverhalten immer wieder -bewusst oder unbewusst‐ nicht mit einbezogen. Diese Interessen folgen leider eher selten übergeordneten oder zivilgesellschaftlichen Zielen, sondern sind häufiger mit persönlichen Vorteilen verbunden. Um diesen schnöden Sachverhalt zu vertuschen, wird getäuscht, getrickst -und ja‐ auch gelogen. Das ist weder Populismus, noch Verschwörungstheorie, sondern ganz normaler Alltag.

Kein Politiker wird jemals zugeben, dass er primär seine berufliche Karriere im Sinn hat, Entscheidungen nach persönlichen Vorteilen trifft und die Demokratieförderung bzw. der Wille des Volkes eher selten sein Entscheidungs‐Kriterium sein wird. Journalisten werden selten zugeben, dass sie Selbstzensur betreiben müssen, wenn sie ihren Job behalten wollen. Auch Arbeiter und Angestellte werden aus ganz persönlicher Existenzangst, selten zugeben, dass sie bei Fällen von Betrug und Menschenverachtung auf ihrem Arbeitsplatz regelmäßig schweigen und wegschauen.

Interessen mögen per se ganz persönlicher und individueller Natur sein. Gleichzeitig sind sie es auch nicht. Denn jeder hat das Interesse nach Existenzsicherung, Anerkennung, Liebe, Wertschätzung und nach der Befriedigung aller Grundbedürfnisse. Darüber hinaus werden die Interessen der neoliberalen Machtelite, regelmäßig im Nebel des akademischen Wissenschaftsdiskurses, unsichtbar gemacht: »Wir leben in einer komplizierten Welt!«, heißt es dann. Nein, manchmal ist es auch ganz einfach.

Der tägliche Irrsinn

irrsinn_titel

Unser Alltag ist bestimmt von kafkaesken Absurditäten. Für die meisten ist das alles völlig normal. Es werden beispielsweise berufliche, gesellschaftliche und private Rahmenbedingungen (finanziell, personell, strukturell) immer und immer weiter verschlechtert. Die Wände kommen von allen Seiten auf uns zu, drohen uns zu zerquetschen. Und dann fängt man an, von »Eigenverantwortung« und »Resilienz« zu reden. Achtet nicht auf die Strukturen (sie sind doch Schicksal)! Achtet nur auf euch selbst, lautet überall die Devise.

Vermeintlich schlaue Geister lassen dann gern mal (intern oder extern) Konzepte oder Gutachten erarbeiten, wie man mit der gottgegebenen Situation am besten umgehen könne. Wenn es dann nicht geklappt hat, war das Konzept oder die Umsetzung mangelhaft. Die Rahmenbedingungen und Strukturen selbst, dürfen aber nicht nie niemals Gegenstand der Diskussion sein. Diese Vorgehensweise kann man überall beobachten.

Mit aller wirtschaftlicher und politischer Macht sowie allen journalistischen Methoden, werden effektive Diskurse über strukturelle Gegebenheiten, Probleme und Gewalten effektiv verhindert. Es gibt nur Einzelfälle, unglückselige Zufälle und individuelle Schicksale. In so einem Diskursrahmen wird es niemals echte Veränderungen geben können.


» »Die Einzelfalltheorie«
» »Bullshit‐Bingo‐Begründungen«
» »Affären. Lügen. Skandale.«

Begrifflichkeiten

CDU-Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

CDU‐Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

Ich komme nicht mehr hinterher, die tägliche Flut an Bullshit‐Bingo‐Begriffen, Neusprech‐Floskeln, Diffamierungs‐Vokabeln und Euphemismen aus Politik, Wirtschaft und Systemmedien zu analysieren. Wir werden mit ideologisch gefärbter Gaga‐Sprache regelrecht bombardiert. Die Zunahme an instrumentalisierten Begrifflichkeiten verdeutlicht den neoliberalen Druck, im Sinne ihrer Interessen zu sprechen, zu denken und zu handeln. Denn wenn Sprache und Denken miteinander korrelieren, dann soll die Bevölkerung nicht nur die Sprache der Herrschenden sprechen, sondern auch in ihr denken. Weiterlesen

Die binäre Wahrnehmung

binär_titelLike oder Nicht‐Like. Daumen rauf. Daumen runter. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. NATO oder Putin. Hype oder Shitstorm. Fleischfresser oder Veganer. Es gibt zwar US‐Serien, die differenzierte Darstellungen von Themen und Charakteren zeigen, aber im politischen und sozialen Diskurs herrscht in aller Regel die eindimensionale Polarisierung vor. Es werden simplifizierende Weltbilder und vorurteilsbehaftete Erklärungsmuster geliefert. Narrative, die moralisch‐emotionale Deutungskriterien bedienen, sachliche Argumente verabscheuen und tiefergehende Analysen ablehnen. Wissenschaftliche und akademische Herangehensweisen erzeugen im Aufmerksamkeitswettbewerb zu wenig Klicks, Reichweite und Quote. Die binären Erklärungsmuster entspringen einem absurden ökonomischen Zahlenfetischismus, der alles und jeden messen, zählen und statistisch verarbeiten will.

Alles Wirtschaft Oder Nichts

alleswirtschaft_titelWarum gibt es in der Mainstream‐Presse sowie in den regionalen und überregionalen Tageszeitungen eigentlich noch die Ressorts Kultur, Sport, Regionales, Boulevard, Politik, Soziales, Gesundheit usw.? Da mittlerweile quasi alle Lebensbereiche mit neoliberalen Verwertungskriterien betrachtet, bewertet und beurteilt werden, könnte man doch nur noch ein Ressort haben: Wirtschaft.

Denn für die Vermögenden und ihre Zuträger ist doch sowieso alles Ökonomie. So wird aber nur weiterhin der Schein aufrechterhalten, als gebe es finanzfreie Themen, die schöpferischen, sozialen oder kulturellen Maßstäben und Kriterien unterliegen würden. Dabei durchdringt die Diktatur des Marktradikalismus mittlerweile jede Pore des sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Authentisch ist heute, was sich zu Geld machen lässt. Alles andere sei doch nur belanglose Zeitverschwendung.