Interessen

Im ersten Semester »Politikwissenschaft« lernt man, dass jeder Akteur, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Interessen hat. Diese Erkenntnis mag auf den ersten Blick banal wirken, wird aber in der Analyse und Bewertung von Entscheidungen und Sachverhalten immer wieder -bewusst oder unbewusst‐ nicht mit einbezogen. Diese Interessen folgen leider eher selten übergeordneten oder zivilgesellschaftlichen Zielen, sondern sind häufiger mit persönlichen Vorteilen verbunden. Um diesen schnöden Sachverhalt zu vertuschen, wird getäuscht, getrickst -und ja‐ auch gelogen. Das ist weder Populismus, noch Verschwörungstheorie, sondern ganz normaler Alltag.

Kein Politiker wird jemals zugeben, dass er primär seine berufliche Karriere im Sinn hat, Entscheidungen nach persönlichen Vorteilen trifft und die Demokratieförderung bzw. der Wille des Volkes eher selten sein Entscheidungs‐Kriterium sein wird. Journalisten werden selten zugeben, dass sie Selbstzensur betreiben müssen, wenn sie ihren Job behalten wollen. Auch Arbeiter und Angestellte werden aus ganz persönlicher Existenzangst, selten zugeben, dass sie bei Fällen von Betrug und Menschenverachtung auf ihrem Arbeitsplatz regelmäßig schweigen und wegschauen.

Interessen mögen per se ganz persönlicher und individueller Natur sein. Gleichzeitig sind sie es auch nicht. Denn jeder hat das Interesse nach Existenzsicherung, Anerkennung, Liebe, Wertschätzung und nach der Befriedigung aller Grundbedürfnisse. Darüber hinaus werden die Interessen der neoliberalen Machtelite, regelmäßig im Nebel des akademischen Wissenschaftsdiskurses, unsichtbar gemacht: »Wir leben in einer komplizierten Welt!«, heißt es dann. Nein, manchmal ist es auch ganz einfach.

Der tägliche Irrsinn

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Unser Alltag ist bestimmt von kafkaesken Absurditäten. Für die meisten ist das alles völlig normal. Es werden beispielsweise berufliche, gesellschaftliche und private Rahmenbedingungen (finanziell, personell, strukturell) immer und immer weiter verschlechtert. Die Wände kommen von allen Seiten auf uns zu, drohen uns zu zerquetschen. Und dann fängt man an, von »Eigenverantwortung« und »Resilienz« zu reden. Achtet nicht auf die Strukturen (sie sind doch Schicksal)! Achtet nur auf euch selbst, lautet überall die Devise.

Vermeintlich schlaue Geister lassen dann gern mal (intern oder extern) Konzepte oder Gutachten erarbeiten, wie man mit der gottgegebenen Situation am besten umgehen könne. Wenn es dann nicht geklappt hat, war das Konzept oder die Umsetzung mangelhaft. Die Rahmenbedingungen und Strukturen selbst, dürfen aber nicht nie niemals Gegenstand der Diskussion sein. Diese Vorgehensweise kann man überall beobachten.

Mit aller wirtschaftlicher und politischer Macht sowie allen journalistischen Methoden, werden effektive Diskurse über strukturelle Gegebenheiten, Probleme und Gewalten effektiv verhindert. Es gibt nur Einzelfälle, unglückselige Zufälle und individuelle Schicksale. In so einem Diskursrahmen wird es niemals echte Veränderungen geben können.


» »Die Einzelfalltheorie«
» »Bullshit‐Bingo‐Begründungen«
» »Affären. Lügen. Skandale.«

Begrifflichkeiten

CDU-Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

CDU‐Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

Ich komme nicht mehr hinterher, die tägliche Flut an Bullshit‐Bingo‐Begriffen, Neusprech‐Floskeln, Diffamierungs‐Vokabeln und Euphemismen aus Politik, Wirtschaft und Systemmedien zu analysieren. Wir werden mit ideologisch gefärbter Gaga‐Sprache regelrecht bombardiert. Die Zunahme an instrumentalisierten Begrifflichkeiten verdeutlicht den neoliberalen Druck, im Sinne ihrer Interessen zu sprechen, zu denken und zu handeln. Denn wenn Sprache und Denken miteinander korrelieren, dann soll die Bevölkerung nicht nur die Sprache der Herrschenden sprechen, sondern auch in ihr denken. Weiterlesen

Die binäre Wahrnehmung

binär_titelLike oder Nicht‐Like. Daumen rauf. Daumen runter. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. NATO oder Putin. Hype oder Shitstorm. Fleischfresser oder Veganer. Es gibt zwar US‐Serien, die differenzierte Darstellungen von Themen und Charakteren zeigen, aber im politischen und sozialen Diskurs herrscht in aller Regel die eindimensionale Polarisierung vor. Es werden simplifizierende Weltbilder und vorurteilsbehaftete Erklärungsmuster geliefert. Narrative, die moralisch‐emotionale Deutungskriterien bedienen, sachliche Argumente verabscheuen und tiefergehende Analysen ablehnen. Wissenschaftliche und akademische Herangehensweisen erzeugen im Aufmerksamkeitswettbewerb zu wenig Klicks, Reichweite und Quote. Die binären Erklärungsmuster entspringen einem absurden ökonomischen Zahlenfetischismus, der alles und jeden messen, zählen und statistisch verarbeiten will.

Alles Wirtschaft Oder Nichts

alleswirtschaft_titelWarum gibt es in der Mainstream‐Presse sowie in den regionalen und überregionalen Tageszeitungen eigentlich noch die Ressorts Kultur, Sport, Regionales, Boulevard, Politik, Soziales, Gesundheit usw.? Da mittlerweile quasi alle Lebensbereiche mit neoliberalen Verwertungskriterien betrachtet, bewertet und beurteilt werden, könnte man doch nur noch ein Ressort haben: Wirtschaft.

Denn für die Vermögenden und ihre Zuträger ist doch sowieso alles Ökonomie. So wird aber nur weiterhin der Schein aufrechterhalten, als gebe es finanzfreie Themen, die schöpferischen, sozialen oder kulturellen Maßstäben und Kriterien unterliegen würden. Dabei durchdringt die Diktatur des Marktradikalismus mittlerweile jede Pore des sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Authentisch ist heute, was sich zu Geld machen lässt. Alles andere sei doch nur belanglose Zeitverschwendung.

Fressen als Fetisch

fressen_fetischKochsendungen mit und ohne Promis, Kochbücher auf den Bestseller‐Listen, Foodblogger und Food Events wie die Berlin Food Week, Erlebnis‐Restaurants (wie beispielsweise das Dunkelrestaurant) oder der Billig‐Italiener um die Ecke, Dinner Shows, Restaurant‐Kritiker und Bewertungsportale wie yelp.de, Ernährungstipps und Trainer, Gourmet‐Köche, dogmatische Vegetarier oder fanatische Veganer, Fast Food – Jugendhype, Magersucht‐Kotz‐Models, Kino‐Popcorn‐Reinstopfer, Omas Kochkünste, Bio‐Besseresser, Kochduelle, Diät‐Wahnsinn oder dutzende Rezepte‐Webseiten: essen und kochen ist für viele Menschen nicht einfach nur ein Grundbedürfnis des Körpers, sondern Leidenschaft, Obsession und Fetisch. Weiterlesen

Die große Kommunikationslüge

by epikur

Vor einiger Zeit hat mein geschätzter Kollege flatter von feynsinn einen Beitrag mit einem beeindruckenden Satz enden lassen: »Kommunizieren ist mehr als senden«. Im folgenden Artikel stelle ich die These auf, dass im vermeintlichen digitalen Zeitalter, in der ein Überangebot an Kommunikationsinstrumenten herrscht, fast ausschließlich nur noch gesendet wird. Die Fähigkeit zuhören zu können, Aussagen zu reflektieren oder gar zwangsfrei offen für neues zu sein, ist gesamtgesellschaftlich gesehen kaum noch vorhanden. Kommunikation wird nicht mehr als ein Akt der zwischenmenschlichen ehrlichen und offenen Interaktion, sondern vor allem als ein Instrument der eigenen Ziele und Interessen verstanden. Weiterlesen

Verbissene Diskurshoheit

Wer über politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Veränderungen spricht, und dabei halbwegs ernst genommen werden will, der muss Zahlen und Fakten vorlegen, wirtschaftspolitische Modelle oder Theorien besprechen, die Finanzmarktindustrie ernst nehmen oder ökonomisch argumentieren. Der herrschende Ökonomie‐Diskurs, lässt eine offene und konstruktive Wertedebatte, in welcher der Mensch im Mittelpunkt allen politischen und wirtschaftlichen Handelns steht, nicht zu. Ganz im Gegenteil, wer primär normativ argumentiert, gilt wahlweise als Sozialromantiker, Träumer, Esoteriker, realitätsfremd, Spinner, regierungsunfähig oder als wirtschaftspolitisch nicht tragbar.

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(Anti-)Diskurs-Strategien

In einem zwischenmenschlichen Gespräch, in einer Diskussion oder in einem Meinungsstreit gibt es wiederkehrende Argumentationsmuster. In den folgenden Kommunikationsstrategien geht es selten um einen ernsthaften Austausch von Inhalten oder Argumenten, sondern vielmehr darum, Recht zu haben, sein Gesicht zu wahren und kompetent zu wirken. Folgende Diskurs‐Strategien lassen sich in einem typischen Streitgespräch erkennen: Weiterlesen

Tierethik und die Konstruktion der Welt

Der Eisbär Knut und sein PflegerDiebisch wie eine Elster, geschmeidig wie eine Katze, schlau wie ein Fuchs, scheu wie ein Reh oder stumm wie ein Fisch? Fabeln und Märchen weisen Tieren Eigenschaften zu, personalisieren sie. Wir werden mit diesem Kulturkontext groß, leiten daraus moralisch gerechtfertigte Entscheidungen ab. Spinnen sind für viele eklig, hinterlistig und böse. Sie zu töten, sie zu zertreten bereitet den wenigstens ernste Gewissensbisse. Würde aber jemand öffentlich eine Katze töten, wäre der Aufschrei groß. Zumindest in Deutschland. Kann man Tieren einfach Kategorien wie »gut« und »böse« zuweisen? Hat nicht jedes Tier, jedes Lebewesen seine Berechtigung? Und auch wenn diese moralischen Kategorien erzogen worden sind, so erscheinen sie mir doch willkürlich festgelegt. Weiterlesen