Vorträge halten

Ob auf der Oberschule, in der Ausbildung, in der Universität oder auf einer Fortbildung: immer wenn es heißt, dass die Schüler in dem Fach ein Referat halten sollen, gibt es in der Regel genaue Vorgaben, in welcher Form das gemacht werden soll. Beispielsweise soll der Vortrag nicht länger als rund 20 Minuten sein. Wie oft mir in meinem bescheidenen Leben von Mitschülern und Mitstudenten stundenlang das Ohr abgekaut wurde, kann ich nicht mehr zählen. Wenn ich mir an einem Tag fünf Referate anhören muss und alle ihre Zeit gnadenlos überziehen, so eine Stunde und länger ihren Sermon vorne abliefern, dann bin ich fix und fertig. Nein, es hat absolut nichts mit Kompetenz oder Fachwissen zu tun, wenn man ganz besonders lange vorne herum schwätzt, nur um die meist anschließende Diskussion zu verkürzen.

Die Kunst besteht eben nicht darin, jedes Detail eines Textes wieder zu käuen (oder wikipedia durch‐zu‐zitieren), sondern das Wesentliche zu erkennen und auf den Punkt zu bringen. Fast überall im Berufsleben kommt es darauf an, den Kern in wenigen Worten zusammen zu fassen. Kaum ein Behördenmensch, Chef, Unternehmer, Kundenberater oder Geldgeber jedweder Form, möchte stundenlang zugetextet werden. Es ist eben kein Kavaliersdelikt, wenn man ganz besonders viel als Vortragender zu erzählen hat, sondern respektlos und egoistisch den Zuhörern gegenüber. Und sofern man als Zuhörer das Thema nicht absolut spannend findet, schaltet jeder nach 15 Minuten auf den Standby‐Modus. Inklusive des Dozenten.


»Aufmerksamkeit als Währung«

»Wir müssen reden!«

»Schweigen ist die wesentlichste Bedingung des Glückes.« (Heinrich Heine. »Essays I: Über Deutschland. Elementargeister«.)

Wie oft habt Ihr diesen Satz in eurem Leben schon gehört? Immer wenn es zwischenmenschliche, berufliche oder familiäre Konflikte, Probleme und Differenzen gibt, kommt das Allheil‐ und Wundermittel Kommunikation daher. Viele glauben heutzutage daran, dass es nur auf die richtigen Worte, die richtige Technik oder die vermeintlich richtige Semantik ankomme, um Menschen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Ja, es gibt riesige Berufszweige, die sich damit beschäftigen: von Coachern, Beratern, Moderatoren, Psychologen, Pädagogen bis zum Supervisor. Das Web ist voll mit tausenden Foren, bei denen ganz innovativ geraten wird: »Redet doch mal darüber!«

Sicher, Kommunikation ist alles. Aber gleichzeitig Nichts. Die Macht der zwischenmenschlichen Kommunikation wird ständig überschätzt. Besonders von Frauen. Denn den tief verinnerlichten Normen, Werten und Narrativen kommt man nicht mit einem »guten Gespräch« bei. Schön wärs! Anstatt die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die gesetzlichen Regelungen und die strukturellen Sachzwänge, die uns täglich beherrschen und disziplinieren, zu thematisieren, weil sie eben in fast allen Fällen die Ursachen aller Probleme sind, will man lieber über vermeintlich zwischenmenschliche Probleme quatschen und labern. So als wäre alles nur ein »Vermittlungsproblem«. Nein, es ist oft sogar sehr heilsam, in sich zu ruhen und zu schweigen.

Die Ablehnung der Wirklichkeit

Smartphomania

Bei Konzerten oder Schul‐Aufführungen fällt es mir am stärksten auf: viele Zuschauer lassen den Augenblick nicht mehr an sich heran. Sie scheinen unfähig, auf das Gesehene oder Gehörte empathisch zu reagieren und zu antworten. Stattdessen wird eine  elektronische Mauer vor die eigenen Emotionen und das eigene Bewusstsein geschoben: das smartphone. Entweder müssen sie dringend, unbedingt und sofort ihre FB‐Timeline abarbeiten bzw. WhatsApp‐Nachrichten beantworten oder ihre Hände hoch heben und mit der Schutzglocke auf »Aufnahme« drücken.

Nicht nur Busse und Bahnen sind voll mit devoten Jüngern, die mit gebeugten Hals, den digitalen Göttern willfährig dienen. Auch jeder andere Lebensraum ist mittlerweile mit den Stilletötern vergiftet worden. Sie sind schon lange keine harmlosen Spielzeuge mehr, sondern Konsum‐, Kompensations‐ und Kontrollinstrumente. Jeder Vergleich mit anderen Medienformen (Zeitung etc.) hinkt schon deshalb, weil heute das smartphone sämtliche Lebenswelten kolonisiert hat und jede soziale Interaktion beeinflusst.


» »Handystrahlung produziert Zombies«
» »Biste auch bei WhatsApp?“
» »Kollektive Kommunikationspflicht«

Begrifflichkeiten

CDU-Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

CDU‐Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

Ich komme nicht mehr hinterher, die tägliche Flut an Bullshit‐Bingo‐Begriffen, Neusprech‐Floskeln, Diffamierungs‐Vokabeln und Euphemismen aus Politik, Wirtschaft und Systemmedien zu analysieren. Wir werden mit ideologisch gefärbter Gaga‐Sprache regelrecht bombardiert. Die Zunahme an instrumentalisierten Begrifflichkeiten verdeutlicht den neoliberalen Druck, im Sinne ihrer Interessen zu sprechen, zu denken und zu handeln. Denn wenn Sprache und Denken miteinander korrelieren, dann soll die Bevölkerung nicht nur die Sprache der Herrschenden sprechen, sondern auch in ihr denken. Weiterlesen

Neusprech: Kommunikation

ZG-Artikel: Neusprech HeutePädagogen, Politiker, Unternehmer, Philosophen, Psychologen, Medienmenschen, Vertriebsmitarbeiter sowie PR‐ und Marketing‐Soldaten erzählen uns seit Jahrzehnten immer und immer wieder, wie wichtig Kommunikation sei. Sprechen, zuhören, schreiben, Körpersprache sowie der Austausch von Informationen: das seien die Grundlagen der Kommunikation. Den Gummibegriff verwenden eine ganze Armee an Coachern, Trainern und Beratern. Dabei besetzen sie ihn mit dutzenden Annahmen und Theorien. Weiterlesen

Zeitgemäße Romantik

romantik_titelEine attraktive Frau steht an einem menschenleeren Strand. Die Sonne geht gerade unter. Der Wind umspielt ihr Haar. Der Sand streichelt ihre Haut. Aber es interessiert sie nicht. Absolut nicht. Ein smartphone glitzert in der Sonne. Mehrfaches Knipsen. Selfies werden gemacht. Auf Facebook und WhatsApp hochgeladen. Als Profilbild eingestellt. Mit dem Satz »genießt den Sonnenuntergang.« Dann geht sie.

Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 8)

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[Auf der Weihnachtsfeier]

Frau Sonntag: „Herr Schabanowski, ich hätte da ein paar Ideen, damit die Buchhaltung effizienter geführt werden könnte!“

Herr Schabanowski: „Aha. Lassen Sie mal hören!“

Herr Schmitt: (30 Minuten später) „Herr Schabanowski, ich wollte Ihnen nur Bescheid geben, dass ich die Präsentation schon fertig habe!“

Herr Schabanowski: „Sehr gut!“

Frau Lange: (30 Minuten später) „Herr Schabanowski, ich sollte Sie doch daran erinnern, dass Herr Zander noch einen Anruf heute Abend von Ihnen erwartet!“ Weiterlesen

Euphemistische Vorwurfsprache

vorwurf_titelIn der zwischenmenschlichen Kommunikation gibt man sich selbst gerne Blankoschecks, um anschließend vermeintlich verletzende und/oder kritische Dinge sagen zu dürfen. Vorwürfe will man so relativieren, abschwächen oder legitimieren, weil man nicht auf sie verzichten will. Dabei sollten klare Ansagen und Aussagen nicht generell im Widerspruch mit Höflichkeit und Rücksichtnahme stehen. Und auch komplett ohne Vorwurfssprache auskommen können. Beliebte Phrasen sind:

Bitte nicht falsch verstehen!“
„Ist nicht persönlich gemeint!“
 „Nichts gegen Dich, aber…“
„Das ist jetzt nicht böse gemeint!“
„Nimm‘s mir nicht übel, aber...“

Die binäre Wahrnehmung

binär_titelLike oder Nicht‐Like. Daumen rauf. Daumen runter. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. NATO oder Putin. Hype oder Shitstorm. Fleischfresser oder Veganer. Es gibt zwar US‐Serien, die differenzierte Darstellungen von Themen und Charakteren zeigen, aber im politischen und sozialen Diskurs herrscht in aller Regel die eindimensionale Polarisierung vor. Es werden simplifizierende Weltbilder und vorurteilsbehaftete Erklärungsmuster geliefert. Narrative, die moralisch‐emotionale Deutungskriterien bedienen, sachliche Argumente verabscheuen und tiefergehende Analysen ablehnen. Wissenschaftliche und akademische Herangehensweisen erzeugen im Aufmerksamkeitswettbewerb zu wenig Klicks, Reichweite und Quote. Die binären Erklärungsmuster entspringen einem absurden ökonomischen Zahlenfetischismus, der alles und jeden messen, zählen und statistisch verarbeiten will.

Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 7)

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Frau Ragnitz: »Du Bruno, kannst Du bitte die ganzen Verträge aus dem Büro von Herrn Schabanowski alle hier in dem Schrank im Flur chronologisch ordnen und verstauen?«

Bruno: »Ok, mache ich.«

Frau Ragnitz: »Alles klar, danke.«

Herr Schabanowski: (drei Stunden später, verärgert) »Verdammt, wo sind denn jetzt wieder die ganzen Verträge hin? Ich habe sie doch heute morgen erst selbst alle auf meinen Tisch abgelegt? Bruno, hast Du sie vielleicht gesehen?« Weiterlesen