Begrifflichkeiten

CDU-Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

CDU-Plakat zu den Bundestagswahlen 2017

Ich komme nicht mehr hinterher, die tägliche Flut an Bullshit-Bingo-Begriffen, Neusprech-Floskeln, Diffamierungs-Vokabeln und Euphemismen aus Politik, Wirtschaft und Systemmedien zu analysieren. Wir werden mit ideologisch gefärbter Gaga-Sprache regelrecht bombardiert. Die Zunahme an instrumentalisierten Begrifflichkeiten verdeutlicht den neoliberalen Druck, im Sinne ihrer Interessen zu sprechen, zu denken und zu handeln. Denn wenn Sprache und Denken miteinander korrelieren, dann soll die Bevölkerung nicht nur die Sprache der Herrschenden sprechen, sondern auch in ihr denken. Weiterlesen

Neusprech: Gesellschaftliche Teilhabe

Nur wer ein regelmäßiges und ausreichendes Einkommen besitzt, ist in der Lage, sich in die Gesellschaft einzubringen und am kulturellen Leben teilzuhaben.

Piratenpartei

ZG-Artikel: Neusprech HeuteEine immer wiederkehrende Erzählung in Politik und Gesellschaft, ist die Redewendung von der „gesellschaftlichen Teilhabe“. Besonders Gewerkschaften, Parteien und linke Organisationen verwenden dieses Narrativ gerne, um auf existenzielle Armut und die immer größer werdende Schere zwischen Armut und Reichtum aufmerksam zu machen. Wer an Politik, Kultur und Gesellschaft teilnehmen will, so die Erklärung, braucht ein Mindestmaß an finanzieller Sicherheit. Wer nicht über ausreichend monetäre Mittel bzw. ein regelmäßiges Einkommen verfüge, der würde ausgegrenzt werden. Diese Argumentation ist im (links-)politischen Diskurs weit verbreitet. Mir stellen sich hierzu jedoch einige Fragen. Weiterlesen

Arbeit. Anpassung. Ausbeutung.

Die Menge an Euphemismen für einen Sachverhalt, kann als ein Indikator dafür dienen, wie unangenehm eine Wahrheit für die Herrschenden ist. Die Realität soll, im Dienste von Partikularinteressen, so zurecht gebogen, verdrängt, verharmlost und schöngefärbt werden, bis sie in die vorherrschende Ideologie passt. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Euphemismen, wenn es um die Kündigung von (Lohn-)Arbeitskräften geht, also wenn Menschen ihrer finanziellen Existenzgrundlage entzogen und zum Bittsteller beim Arbeitsamt gemacht werden:

  1. Den Mitarbeiter freistellen oder freisetzen.
  2. Umstrukturierungs- oder Restrukurierungsmaßnahmen.
  3. Das Unternehmen sanieren.
  4. Personalumbau.
  5. Gesundschrumpfung.
  6. Sich neu aufstellen.
  7. Sozial verträglicher Stellenabbau. Betriebsbedingte Kündigung.

Die Euphemismen sollen mit allen Mitteln verhindern, dass ein wirtschafts-, unternehmens- oder gar kapitalismuskritisches Weltbild entstehen könnte. Außerdem sind sie stets aus der Position des Unternehmens formuliert, also beschreiben, was das Unternehmen will, ohne jedoch die Verantwortlichen beim Namen zu nennen. Dies verdeutlicht zum Einen, dass die Sprache immer die Sprache der Herrschenden ist und zum Anderen, dass Lohnarbeiter als reine Verfügungsmasse für den Profit betrachtet werden. Denn was Lohnarbeiter denken und fühlen, findet in unserer Sprache erst dann Berücksichtigung, wenn es zur „Depression“ oder zum „Burnout-Syndrom“ kommt.

Kürzungspakt

Der sog. „Fiskalpakt“ ist nichts anderes als ein verbindlicher Kürzungspakt. Alle EU-Nationen verpflichten sich, Arbeitsplätze abzubauen (euphemistisch: „zu sparen“), ihre Sozialausgaben zu reduzieren (euphemistisch: „den Haushalt konsolidieren“) und die Renten zu kürzen (euphemistisch: „Renten stabilisieren“). Das EM-Soma 2012, wird wieder gnadenlos ausgenutzt, um unbequeme Gesetze durch zu drücken. Wir erinnern uns: als Deutschland vom sog. „Sommermärchen“ im Jahre 2006 ganz betrunken war, wurde schnell die Mehrwertsteuer um drei Prozent erhöht.

Der Datenmensch

Wir sehen keine Patienten, wir sehen Daten.

– Aussage eines anonymen Managers eines Unternehmens, dass klinische Studien in Osteuropa betreibt. Zitiert aus „Arme Schlucker“, Dezember-Ausgabe der le monde diplomatique, von Carl Elliot, Seite 12

In der Dezember-Ausgabe der le monde diplomatique gibt es einen interessanten Artikel über das Millionen-Geschäft der klinischen Studien. Menschen als Versuchskaninchen für neue Medikamente. Die Pharmaindustrie nennt sie euphemistisch Probanden. Nachdem es in den USA einige spektakuläre Skandale im Rahmen von klinischen Studien gab (Probanden an denen Psychopharmaka und Antidepressiva getestet wurden begannen Suizid), starteten große Pharmakonzerne, wie z.B. Eli Lilly, eine PR-Kampagne. Demnach sind Versuchskaninchen auch keine Probanden mehr, sondern Medical Heroes: Helden der Medizin.

Zeugnissprache

Arbeitszeugnisse besitzen eine Geheimsprache. Auch wenn im Internetzeitalter nur noch wenig wirklich geheim ist, gibt es sicher noch Menschen, die sie nicht zu deuten wissen. Arbeitszeugnisse sollen wohlklingend geschrieben sein. Kritik und negative Beurteilungen werden in Form von dreisten Euphemismen untergebracht. Einige Beispiele.

1.) …bewies stets Einfühlungsvermögen für die Belange der Belegschaft.

  • Er suchte Sexkontakte im Betrieb.

2.) …trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei.

  • Er hat vielleicht Alkoholprobleme.

3.) …war pünktlich und fleißig.

  • Er ist nicht ehrlich.

4.) … galt im Kollegenkreis als toleranter Mitarbeiter.

  • Er kam nicht mit den Vorgesetzten zurecht.

Quelle: bewerben.de

Neusprech: Befriedung

„Obama hatte im Dezember 2009 das Militär angewiesen, das Land nachhaltig zu befrieden und die Verantwortung schrittweise an die afghanische Regierung zu übergeben.“

SpiegelOnline vom 15. November 2010

Als Befriedung wird eine gezielte Maßnahme verstanden, die dafür sorgen soll, dass Frieden und kein Kampf oder Krieg in einem bestimmten Gebiet mehr herrscht. In der Regel sollen Konfliktparteien daran gehindert werden, ihren Streit auszutragen. Von Befriedung wird meist dann gesprochen, wenn ein Krieg schon ausgebrochen ist. Denn befrieden meint selten eine Entmilitarisierung. Meist soll mithilfe des Militärs Frieden geschaffen werden. Das Schlagwort Befriedung ist nicht selten ein Euphemismus für Eroberung und Unterwerfung.

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Neusprech: Notlüge

„Wenn die Wahrheit nur verletzen und entmutigen würde, ist man zum Lügen verpflichtet“

Sozialwissenschaftler Peter Stiegnitz

Das Free Dictionary bezeichnet die Notlüge, als eine Lüge, die eine peinliche Situation bzw. etwas unangenehmes abwenden oder Nachteile vermeiden möchte. Eine Lüge, die durch eine vermeintliche Not entsteht bzw. die eine Not vermeiden möchte, gilt insofern als weniger schwer, als eine „normale“ Lüge. Der Begriff wird häufig verwendet, um eine Lüge zu rechtfertigen, sie weniger lügend aussehen zu lassen. Dabei bleibt die Unwahrheit immer die Unwahrheit. Weiterlesen

Neusprech: „sozial verträglich“

„HypoVereinsbank will weitere 1.500 Stellen sozialverträglich abbauen“

Meldung aus der FAZ.net vom 6. Februar 2009

Die Begriffe der „Sozialverträglichkeit“ bzw. der Formulierung vom „sozial verträglichen Stellenabbau“ sollen suggerieren, dass im Sinne der ethischen und sozialstaatlichen Normen Menschen gekündigt, gefeuert bzw. aus der Firma geworfen werden. „Sozial verträglich“ vermittelt eine Metapher des „weichen Fallens“ aus der Firma bzw. dem Arbeitsplatz. Insofern ist es in erster Linie ein Euphemismus, welcher die individuelle Situation des soeben Gekündigten ausblendet. Weiterlesen