Ziegenjournalismus (2)

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Eine weitere mittlerweile sehr große Plage, ist die SEO‐Gleichschaltung, die effektiv Filterblasen und Echokammern erzeugt. Ganze Heerscharen von vermeintlichen Online‐Marketing‐Experten geben Journalisten und Redakteuren explizite Anweisungen, wie ein google‐konformer Text auszusehen hat. Die Anzahl der Wörter, Keywords, Verlinkungen, Clickbait‐Überschriften und so weiter. Besonders anstrengend und nutzerfeindlich sind die No‐News‐Beiträge, die Nicht‐Nachrichten und das Gerüchte‐Geblubber, die nur als Platzhalter für Keywords und das Google‐Ranking dienen. Ein typisches Beispiel. Weiterlesen

Ziegenjournalismus (1)

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Die großen bürgerlichen Massenmedien bezeichnen sich gerne als »Leitmedien« (Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, BILD). Sie seien für die Demokratie konstituierend und für den Einfluss auf die öffentliche Meinung von entscheidender Bedeutung. Seit einigen Jahren schiessen sie aus allen Rohren gegen alternative Medien. Dort sollen primär Verschwörungstheorien, Populismus und Fake News verbreitet werden. Gleichzeitig feuern diese mit pauschalen (Wert-)Urteilen zurück: »Lügenpresse«.

Was mir bei der ganzen Debatte zu kurz kommt, sind die alltäglichen Fehler, Ungereimtheiten, Verzerrungen, Halbwahrheiten, Übertreibungen, Falschzitate, Skandalisierungen sowie die gezielten Methoden von Print‐ und Online‐Medien, die schon als völlig »normal« gelten, es aber eigentlich nicht sein sollten und nicht sein dürften. Denn genau diese Methoden haben primär mit zum Vertrauensverlust der Bevölkerung in die vermeintlich etablierten Massenmedien beigetragen. Um die soll es zukünftig in der neuen Rubrik »Ziegenjournalismus« gehen. Heute starten wir mit »Advertorials«. Weiterlesen

Antikriegsfilme

Es gibt für mich nur wenige Filme, denen ich das Attribut »gegen den Krieg zu sein« verleihen würde (»Apocalypse Now«, »Der schmale Grat«, »Full Metal Jacket«). »Der Soldat James Ryan« gehört beispielsweise nicht dazu. Ein Antikriegsfilm (oder besser: Friedensfilm) muss nicht nur schockieren, nachdenklich stimmen sowie die Grausamkeit und Brutalität des Krieges zeigen, sondern darf auch keinen heuchlerischen Pathos oder verlogenen Nationalismus beinhalten. Wenn er Kriegslügen aufdeckt (oder zumindest thematisiert) und die Dämonisierung des Feindes als Propagandainstrument entlarvt, umso besser.

Vor kurzem habe ich zum ersten mal »Johnny zieht in den Krieg« aus dem Jahre 1971 von Dalton Trumbo, der zu den berüchtigten »Hollywood Ten« gehörte, gesehen. Der Film ist auch 50 Jahre später immer noch düster, depressiv, ein lebendiger Alptraum. Wenn ein Antikriegsfilm unterhält, hat er etwas falsch gemacht. Denn Krieg ist kein »Spaß«. Die NATO‐Massen‐und‐Unterhaltungs‐Medien schweigen ihn tot, was vermutlich auch an solchen Aussagen liegt: »Demokratie ist wie andere Regierungsformen, wo sich junge Leute gegenseitig umbringen.«


Kriegssprache
Die Inszenierung des Krieges
»Und plötzlich war er da: der Krieg«

Die Wahrheitspresse

»Wer will, kann in diesem schier unendlichen Raum vom Schreibtisch aus alternative Wahrheiten aller Art finden, die ihn gegen Kritik immunisieren. [...] Ein demokratischer Diskurs und der in pluralistischen Gesellschaften so wichtige Prozesse von Aushandlung und Kompromiss ist mit einer fundamentalen Frontstellung von Wahrheit und Lüge nicht vereinbar.«

- Maximilian Probst. Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema »Lügenpresse« am 6. Juni 2018

Natürlich ist die binäre Wahrnehmung und Bewertung in aller Regel infantil und wird selten einer tiefgehenden Analyse gerecht. Gleichzeitig kämpfen jedoch die bürgerlichen, etablierten Medien mit aller Macht um ihre Meinungs‐ und Deutungshoheit und schießen aus allen Rohren auf alles und jeden, der ihnen nicht zustimmt. Deshalb ist Herr Probst absurd naiv, wenn er tatsächlich glaubt, Medienschaffende, Milliardäre, Politiker, Manager oder Finanzinvestoren seien an einem »demokratischen Diskurs« ernsthaft interessiert. Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden. Und um diese duchzusetzen wird auch mal kräftig Propaganda betrieben, getrickst, getäuscht, desinformiert und ja, auch gelogen. Zur Erinnerung ein paar prägnante Beispiele. Weiterlesen

Pressefreiheit?

»Anzeigenkunden stellen Forderungen, der Übergang zur Prostitution ist schleichend.«
(Gabor Steingart am 10. Mai 2019 auf meedia.de)

»Um den Bruch mit den Medien zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass für den Journalismus die Nähe zu den Mächtigen überlebensnotwendig ist, um gegenüber der Konkurrenz zu bestehen.«
(Jun Branco. »Julian Assange — erst gefeiert, dann fallen gelassen«. Le Monde Diplomatique. Mai 2019. S. 21) Weiterlesen

Zwei Meldungen: Eine Ideologie

Kleine, aber feine Nuancen lassen erkennen, wie die herrschenden Narrative und Meinungen gestrickt sind. In beiden Fällen geht es um Kritiker der jeweiligen Regierungen. Wortwahl, Sprache, Zitierregeln und subtile Zwischentöne lassen einiges erkennen.

»USA beantragen offiziell die Auslieferung von Julian Assange«
(zeit.de vom 12. Juni 2019)

In dem Artikel geht es vor allem darum, was die USA und Schweden ihm vorwerfen: »Insgesamt liegen 18 Anklagepunkte gegen Assange vor.« Assange wird als »Aktivist«  (und eben nicht als Whistleblower oder gar Investigativjournalist) bezeichnet, außerdem sei er »geflüchtet« und habe sich »verschanzt«. Mutig klingt anders:

»Kremlkritiker Nawalny bei Kundgebung in Moskau festgenommen«
(zeit.de vom 12. Juni 2019)

Er ist: »Russlands führender Oppositioneller«, »ein Wortführer der Massenproteste« und ein »Investigativjournalist«. Zitiert werden hier das Bürgerrechtsportal OWD‐Info sowie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), aber eben nicht die offizielle Regierung, wie im Falle Assange. Statdessen: »wegen angeblichen Drogenhandels festgenommen.«

Auch ich weiß nicht, was stimmt und was nicht. Aber ich möchte gerne eine absolut neutrale und sachliche Berichterstattung in beiden Fällen lesen. Stattdessen: Parteilichkeit, tendenziöse Berichterstattung, Meinungsmache. Solche Details finden in den NATO‐Medien beispielsweise gar nicht mehr statt: »Amerikanische Lehrer fordern Freilassung von Julian Assange und Chelsea Manning.«

Qualitätspresse

Warum die meisten Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, mittlerweile PR‐ und Presseberater haben und tunlichst darauf bedacht sind, was sie wann und wo der Presse sagen, zeigt das Beispiel von Thomas Gottschalk. Er hat sich nach 46 Jahren Ehe scheiden lassen, jedoch öffentlich keinen Grund dafür genannt (Warum auch?). Nachdem die Boulevard‐ und Klatschpresse ihn im April 2019 tagelang bedrängt hatte, war es ihm zuviel:

»Die Leser irgendwelcher Weiberzeitungen, die gehen mir wirklich am Arsch vorbei.«

Nun hatten die Qualitätsmedien zwar immer noch keine Begründung für die Scheidung, aber endlich endlich endlich (!!) eine zitierfähige Aussage, die polarisiert, provoziert, Aufmerksamkeit und Reichweite erzeugt. Denn nur darum geht es. Google spuckt fast 35.000 Ergebnisse dazu aus. Außerdem kann man daraus wiederum tolle, irreführende Clickbait‐Überschriften generieren:

Thomas Gottschalk nach Ehe‐Aus: Wer ihm »am Arsch vorbei geht«
»Am Arsch vorbei«: Gottschalk im ersten Interview nach Ehe‐Aus
Thomas Gottschalk zieht vom Leder

Das ist nur ein Beispiel von sehr vielen Methoden (zitierfähige Aussagen herauspressen, aus dem Zusammenhang reißen und damit Clickbait‐Überschriften produzieren), die unsere Konzern‐, Lücken‐, Produkt‐, Wahrheits‐, Qualitäts‐ und Systempresse verwenden, um Aufmerksamkeit und Reichweite zu generieren. Um Wahrheitsfindung oder Informationsvermittlung geht es schon lange nicht mehr.


Die SEO‐Filter‐Bubble
Replik auf: »Journalismus unter Beschuss«

Wiederholungen

Urlaub: Alles bleibt anders?

Letztens wurde mir in einem Gespräch vorgeworfen, meine Kritik würde sich zu oft wiederholen und das schwäche meine Argumentation. Ich entgegnete, wenn sich der Irrsinn um mich herum immer wiederholt (Orwell lässt grüßen!), dann kann sich meine Kritik daran auch nicht großartig verändern. Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb man einerseits die ständigen Medien‐Propaganda‐Wiederholungen und -Narrative locker ertragen kann (der böse Russe, gefakte Arbeitslosenzahlen, »Wir sind die Guten« etc.), aber andererseits jedwede wiederholte Kritik daran, als unbequem und anstrengend empfindet?

Die täglich monotone Wiederholung der eigenen Lohnarbeits‐Aktivitäten wird kaum thematisiert. Selbstentfremdung ist außerhalb akademischer Diskurse kaum eine Frage. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass jegliche Art von Störung der eigenen Biedermeier‐Komfortzone und Mikro‐Bequemlichkeitswelt (und sei es nur ein Hintergrundrauschen), als ganz persönliche Belästigung betrachtet und empfunden wird. Das eigene Denk‐ und Wertesystem (und sei es noch so schief, kaputt oder pathologisch), dürfe nicht angerührt werden. Wer auf den Schmutz aufmerksam macht, ist somit nicht nur schmutzig, er verursacht auch den Schmutz. :JAJA:

Keine Armut. Nirgends.

Wir reden über Gender, aber nicht über Armut.
Wir reden über Bildung, aber nicht über Armut.
Wir reden über Inklusion, aber nicht über Armut.
Wir reden über Ernährung, aber nicht über Armut.
Wir reden über Klimaschutz, aber nicht über Armut.
Wir reden über Feminismus, aber nicht über Armut.
Wir reden über Digitalisierung, aber nicht über Armut.
Wir reden über Nachhaltigkeit, aber nicht über Armut.
Wir reden über Rechtsextremismus, aber nicht über Armut.
Wir reden über Fake News, Populismus und Verschwörungstheorien, aber nicht über Armut.

Hauptsache, wir haben Themen, bei denen wir uns produzieren und profilieren können. Aber sie dürfen nicht die Besitz‐, Eigentums‐ und Verteilungsfrage berühren. Das sind gottgegebene Strukturen, die es nicht zu hinterfragen gilt. :JAJA:


Keine Sklaven. Nirgends.

Selektive Menschenrechte

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“
(– Art. 1: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte)

Wenn es gegen Sexismus geht, ist die Einschränkung der Meinungsfreiheit erwünscht.
Wenn es gegen Sexualverbrecher geht, wird Lynchjustiz geduldet.
Wenn es gegen Linksextreme geht, wird Polizeigewalt toleriert
Wenn es gegen Putin und Russland geht, ist NATO‐und‐Kriegs‐Propaganda ein probates Mittel.
Wenn es gegen, in der Öffentlichkeit stehende, Banken‐, Konzern‐ oder Regierungskritiker geht, ist Rufmord ein übliches Herrschaftsinstrument.

Qualitätsjournalisten und Social‐Media‐Wutbürger scheinen die Universalität der Menschenrechte immer weniger anzuerkennen. Der Zweite Weltkrieg, und damit verbunden die totale Zerstörung jedweder Menschlichkeit, scheint für Einige zu weit weg und zu abstrakt zu sein. Über beispielsweise die Hintertür einer vermeintlich authentisch‐emotionalen Öffentlichkeit (»Todesstrafe für Kinderschänder«) werden argumentativ‐sachliche Diskussionen, über den grundsätzlichen Wert und die Bedeutung von universellen Menschenrechten für alle, blockiert, verhindert und/oder mundtot gemacht. Wer zur Mäßigung aufruft, wird zum Schluffi oder gar zum (Mit-)Täter gemacht. Ich halte das für eine bedenkliche, wenn nicht gar gefährlichen Entwicklung.