Kinder in Deutschland; Teil 47: Coronoia

Seit rund 10 Jahren gibt es die Kinder‐Serie auf dem ZG‐Blog. Am 20. Juli 2010 ging bezeichnenderweise »Teil 1: Kinderfeindlichkeit« online. Gerade die häufig offen ausgelebte, manchmal etwas subversiv versteckte, aber leider auch meist sehr direkte Kinderfeindlichkeit in Deutschland, war und ist für mich ein ganz persönliches Trauerspiel. Kinder werden -nach wie vor‐ vielfach als formbare Objekte der Erwachsenen, halbfertige Menschen, Nervenbündel, Schmutzverursacher und/oder Lärmbelästiger betrachtet. Deutschland hat zwar die UN‐Kinderrechtskonvention unterzeichnet, das hindert aber scheinbar Niemanden daran, seinen Menschenhass (denn genau das sind Kinder: kleine Menschen) ungeniert auszuleben. Die Corona‐Krise hat das leider wieder sehr deutlich aufgezeigt. Weiterlesen

Der Club der toten Dichter

Ein Film, der mich in meiner Jugend nachhaltig geprägt hat -und der auch heute noch seine volle Wirkung bei mir entfaltet‐ ist »Der Club der toten Dichter« von Peter Weir. Robin Williams in der Rolle des Lehrers John Keating, möchte junge Männer an einer Elite‐Schule zum selbstständigen, kritischen und offenen Denken anregen. Gerade in einem Umfeld, in der Fremdbestimmung (Eltern, Schule und Gesellschaft geben vor, was die Jugendlichen denken und tun sollen) schnöde Alltagsrealität ist, wird Keating’s Vorhaben als aggressiver Putschversuch gewertet. Nur »Leistung«, »Erfolg« und »Konformität« sind auch heute‐ jenseits von Elite‐Einrichtungen‐ überall die tief verinnerlichten, neoliberalen Dogmen unserer alternativlosen, marktkonformen Demokratie. Weiterlesen

Der pädagogische Happen (31)

[An der Abmeldung im Schulhort]

Mutter: (schaut nur auf ihr Handy) »Ich möchte meine Tochter Alicia abmelden!«

Pädagoge: »Alicia aus der 3c?«

Mutter: (schaut den Pädagogen nicht an. Glotzt weiter auf ihr Handy.) »Ähm...was?«

Pädagoge: »Meinen Sie Alicia aus der 3c?«

Mutter: (gereizt) »Ja genau, habe ich doch gesagt!«

Pädagoge: »Ok, ist abgemeldet. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!«

Mutter: (antwortet nicht, tippt etwas auf ihr smartphone ein und geht schweigend weiter.)


Der pädagogische Happen (1−30)

Angst und Macht

Eine dunkle Gasse...

Der Zusammenhang zwischen Angst und Macht wurde schon vielfach untersucht. Beispielsweise von Rainer Mausfeld, der die modernen Herrschaftstechniken hervorragend aufzeigt. Wie stark die Ängste der Menschen in den letzten 30 Jahren gestiegen sind, kann man besonders gut an den Eltern beobachten. Die gefühlten Elternängste steigen von Jahr zu Jahr. Sie haben mit den tatsächlichen Gefahren meist wenig zu tun, denn kaum ein Elternteil lässt sich mit Kriminalstatistiken oder rationalen Argumenten überzeugen. Da herrschen oft die pure Panik und die ungebändigte Hysterie, die via whatsapp, facebook, BILD, RTL sowie Boulevard‐ und Skandalpresse -zum Zwecke der Aufmerksamkeitsgenerierung‐ ordentlich angeheizt und aufgeputscht werden. Am Ende verkriechen sich immer mehr in ihre weltverleugnenden Komfortzonen‐Wohlfühlbunker.

Ängste werden bewusst und unbewusst geschürt und angeheizt. Von der Politik, den Massenmedien, von Denkfabriken oder Lobbygruppen. Denn es gibt einige Interessengruppen, die sich viele Vorteile von unsicheren und ängstlichen Menschen versprechen. Sie konsumieren mehr. Sie glauben mehr. Sind leichter zu steuern und zu manipulieren. Sie nehmen die Einschränkung von Bürgerrechten leichter hin. Sie lassen sich besser auf Feindbilder und Kriege einschwören. Sind im Lohnarbeitsleben gefügiger. Sie leisten weniger Widerstand. Und sie halten generell stärker am gegenwärtigen Zustand fest, auch wenn er ihnen Unglück bringt. Insofern haben die Reichen und Mächtigen absolut kein Interesse daran, dass die Bevölkerung sorglos, ausgeglichen, angstfrei, bescheiden und selbstsicher ist.


Herrschaftsprinzipien
Probleme schaffen. Lösungen anbieten.

Lehrer‐Bashing

Es ist mittlerweile zum Volkssport geworden und dauert keine 10 Minuten mehr, wenn über Schule geredet wird: Lehrer‐Bashing. Es klammert (wie so oft) jedwede strukturelle Problematik komplett aus: »schuld sind die Lehrer!« Darin sind sich alle einig. Sie sind die Prügelknaben der Nation. Gleichzeitig wundern sich alle, warum es bundesweit so einen Lehrermangel gibt? Die Bezahlung ist doch vergleichsweise solide? Na gut, Kinder können ein wenig Kraft kosten, aber das bekommt man doch irgendwie hin, oder?

Das Problem sind jedoch nicht die Kinder, sondern die Eltern! Ich kenne und lebe -als Pädagoge der täglich in einer Grundschulklasse arbeitet und gleichzeitig als Vater auf Elternabenden auftritt‐ beide Perspektiven. Am Ende sind es für mich meist die Eltern, die mit Hysterie, Propellerkreisen, überzogener Anspruchshaltung, Gerüchten, Vorwurfssprache, Selbstoptimierungs‐, Wettbewerbs‐ und Konkurrenzdenken sowie mangelnder Kooperationsbereitschaft, das System Schule zu einer anstrengenden Veranstaltung machen. Waren früher die Kinder für ihre Leistungen selbst verantwortlich, stürmen heute die Eltern die Lehrerzimmer: »Warum hat mein Kind eine fünf bekommen?« Weiterlesen

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»CDU‐Fraktion will Schulen auf Discountern bauen. Der Berliner CDU‐Fraktion geht es beim Schulbau nicht schnell genug. Zu Beginn des neuen Schuljahres wird es zu wenig Plätze geben. Sie setzt daher auf unkonventionelle Ideen. Schulen bei Aldi & Co. aufs Dach zu setzen ist nur eine davon.«

- welt.de vom 30. Dezember 2019

Anmerkung: Warum nicht Schulen auf oder neben McDonalds oder Burger King bauen? Dann hätte man das Schulessen auch gleich mit abgedeckt? Oder vielleicht Oberschulen auf oder neben Kasernen bauen? Dann könnte der Nachwuchs gemeinsame Workshops und Projekte mit den Soldaten machen? Schießübungen, Auslandseinsätze und mehr über den Feind Russland lernen? Die Möglichkeiten sind hier grenzenlos! Wir brauchen deutlich mehr »unkonventionelle Ideen«, Herr Stettner (bildungspolitischer Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus)! :JAJA:

Die letzte Generation

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die heutigen 30–40jährigen  die letzte Generation sind, die noch als Kinder wenig Verbote, kaum elterliche Überwachung, aber dafür viele Explorationsmöglichkeiten hatten. Ob alte Fabrikgelände, Ruinen, Mauern, Brachflächen, Hinterhöfe, Müll‐ und Schrottplätze, Hinterhöfe oder Waldgebiete: wir haben alles allein oder mit Freunden erkundet und erforscht. Wir haben den Sozialraum erobert. Wir durften bis 20 Uhr oder sogar 22 Uhr alleine draußen bleiben. Unsere Eltern haben uns blind vertraut und damit sehr stark unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstständigkeit gefördert, ohne jemals an (früh-)kindliche Förderung gedacht zu haben. Dieses Zeitalter ist vorbei.

Heute regieren absurd‐skurile‐hysterische Elternängste. Angefangen von Dehydrierung, vermeintlichen Nägeln im Sand bis hin zu Kinderschändern hinterm jedem Baum. Moderne Eltern sperren ihre Kinder in Wohlfühl‐Schutzbunker ein. Ständige Überwachung, Kontrolle und Einmischung sind die Doktrinen. Die Kinder werden von Insel zu Insel: von Kindergarten zu Sportverein zu Muskangebot zur Schule zu Freunden zur Sprachschule zum Kindergeburtstag zur Familie gebracht und gefahren. Gleichzeitig sind immer mehr Kinder medial verstrahlt. Viele Eltern empfinden den hohen Medienkonsum zwar als kritisch, aber immerhin sind die Kids so Zuhause vor digitalen Welten geparkt, anstatt selbstständig, selbstbestimmt und selbstbewusst den Gefahren der Umwelt zu trotzen, wo ja so so so so so viel passieren könnte. :JAJA:


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

Der pädagogische Happen (30)

Erzieher und Pädagogen sollen...

    • ...die Resilienz der Kinder fördern.
    • ...die Kinder für Nachhaltigkeit, gesundes Essen und kulturelle Vielfalt begeistern.
    • ...die Kinder in allen Vorläuferkompetenzen (Mathe, Deutsch, Naturwissenschaften) stärken, fördern und bilden, damit sie gut auf die Schule vorbereitet werden.
    • ...ein Musikinstrument spielen, sich für Sport interessieren und eine klare deutliche Sprache haben.
    • ...die Kinder in ihren Ich‐, Sach‐ und Sozial‐Kompetenzen stärken.
    • ...perfekte Diplomaten sein, damit sie auch bei schwierigen Elterngesprächen absolute Ruhe bewahren können.
    • ...mit einem unendlichen Vorrat an Empathie, Einfühlungsvermögen und sozialem Bewußtsein ausgestattet sein.
    • ...sich ständig in Inklusion, Sprachförderung, Partizipation und Gender fortbilden.
    • ...sich sowie die eigenen Handlungen jeden Tag selbst reflektieren können.
    • ...mit jedem Kind sichere sozial‐emotionale Bindungen eingehen können.
    • ...perfekt basteln, malen und zeichnen können.
    • ...den Kindern Medien, Fremdsprachen und demokratische Werte näher bringen können.
    • ...Feste und Feiern organisieren sowie mit anderen Sozialpartnern kooperieren können.
    • ...
    • ...

...mit einer niedrigen Bezahlung und einer geringen Wertschätzung zufrieden sein! :JAJA:


Berliner Bildungsprogramm
Der pädagogische Happen (1−29)

Erwachsensein

Erwachsen‐Sein wird heute als das höchste Ziel der individuellen Entwicklung betrachtet. Wer Geld verdiene, besitze und/oder Rechnungen bezahle, der übernehme Verantwortung. Überhaupt wird Erwachsen‐Sein in erster Linie immer irgendwie mit Geld, Vermögen, Besitz, Konsum und/oder Lohnarbeit verbunden. Aus Kinderaugen wirkt das weder großartig erstrebenswert, noch attraktiv, auch wenn viele Erwachsene das gerne glauben wollen. Die sinnlose Monotonie des täglichen Lohnarbeits‐Hamsterrades ist keine erstrebenswerte Reife, sondern eine von Menschen gemachte Selbstentfremdung.

Wer sich als einen fertigen Menschen definiert, kein Interesse mehr an Dingen, außerhalb seines eigenen kleinen Mikrokosmos mehr entwickelt, wer sich stetig im Kreise und um sich selbst dreht, soll reif, verantwortlich und erwachsen sein? Wer keine Schönheit und Liebe in den kleinen uneigennützigen Dingen des Lebens sehen, wer keine schöpferische Kreativität mehr aufbringen und wer Konsum und Unterhaltung mit Freude und Glück gleichsetzen will, soll erwachsen sein? Wer resigniert, statt kritisiert, soll erwachsen sein?


»Liebe Erwachsenen...«
»Erwachsene sind doof!«
»Kinder in Deutschland; Teil 34: Erwachsen werden«

Die Jugend von heute

Aktuell sollen es »Ego‐Shooter« sein, die als »Killerspiele« diffamiert werden und aus Jugendlichen Amokläufer und sozial verwahrloste Menschen machen sollen. Früher waren es Comics, Rockmusik und Horrorfilme. Und in den 80er Jahren waren es Pen&Paper-Rollenspiele. »Dungeons and Dragons« von Gary Gygax und Dave Arneson galt als erstes seiner Art. In Deutschland wurde vor allem »das Schwarze Auge« von Ulrich Kiesow bekannt. Bis heute halten sich jedoch zahlreiche Mythen und Legenden, dass insbesondere auch analoge (!) Fantasy‐Spiele, bei denen es um Kämpfe, Monster und Magie geht, Gewalt verherrlichen, süchtig machen und zum Verlust der Realitätswahrnehmung führen sollen.

Insbesondere der Hollywood‐Film „Labyrinth der Monster“ (Original: „Mazes and Monsters“) aus dem Jahr 1982 mit Tom Hanks in der Hauptrolle, hat viel zum negativen Image von P&P-Rollenspielen beigetragen. In dem Film geht es um Studenten, die regelmäßig ein P&P-RPG spielen. Der Spieler Robbie (Tom Hanks) verliert zusehends den Bezug zur Realität und kann am Ende Spiel und Fiktion nicht mehr voneinander unterscheiden.

Der Film nahm Bezug zu einer vermeintlich wahren Begebenheit, um James Dallas Egbert III, der Monster in Wartungstunneln bekämpft haben soll. Der Fall sorgte damals in den USA wochenlang für große Schlagzeilen, erwies sich aber als eine urbane Legende, da keinerlei Beweise gefunden und Egbert wenig später wohlbehalten wieder auftauchte. In Deutschland erschien der Film beispielsweise am Samstag, den 25. Juli 2015, nachts um 02.15 Uhr auf „ZDF‐Neo“ in der Rubrik: „Horrorfilm“. :KICHER:


»Killerspiele«
»Symptom einer kranken Gesellschaftsordnung«