»Wir müssen reden!«

»Schweigen ist die wesentlichste Bedingung des Glückes.« (Heinrich Heine. »Essays I: Über Deutschland. Elementargeister«.)

Wie oft habt Ihr diesen Satz in eurem Leben schon gehört? Immer wenn es zwischenmenschliche, berufliche oder familiäre Konflikte, Probleme und Differenzen gibt, kommt das Allheil‐ und Wundermittel Kommunikation daher. Viele glauben heutzutage daran, dass es nur auf die richtigen Worte, die richtige Technik oder die vermeintlich richtige Semantik ankomme, um Menschen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Ja, es gibt riesige Berufszweige, die sich damit beschäftigen: von Coachern, Beratern, Moderatoren, Psychologen, Pädagogen bis zum Supervisor. Das Web ist voll mit tausenden Foren, bei denen ganz innovativ geraten wird: »Redet doch mal darüber!«

Sicher, Kommunikation ist alles. Aber gleichzeitig Nichts. Die Macht der zwischenmenschlichen Kommunikation wird ständig überschätzt. Besonders von Frauen. Denn den tief verinnerlichten Normen, Werten und Narrativen kommt man nicht mit einem »guten Gespräch« bei. Schön wärs! Anstatt die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die gesetzlichen Regelungen und die strukturellen Sachzwänge, die uns täglich beherrschen und disziplinieren, zu thematisieren, weil sie eben in fast allen Fällen die Ursachen aller Probleme sind, will man lieber über vermeintlich zwischenmenschliche Probleme quatschen und labern. So als wäre alles nur ein »Vermittlungsproblem«. Nein, es ist oft sogar sehr heilsam, in sich zu ruhen und zu schweigen.

7 Gedanken zu “»Wir müssen reden!«

  1. Grundsätzlich halte ich den Ansatz, dass Reden besser ist als sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen für richtig. Das Redenmüssen hat sich aber verselbstständigt. Unerträglich ist das dieses »Reden« sich sofort in Metaebenen verliert. »Das ist kein Rassismus«, »Das hast du falsch verstanden«, »Was bedeutet eigentlich ....« »Warum hast du das nicht gleich gesagt«. An eine richtige (offene) Diskussion über relevante Inhalte kann ich mich im realen Leben nicht wirklich erinnern.

  2. Hihi, — ohne Zweifel, — der aufgesetzte Laberzwang besonders im »beziehungstechnischem« Bereich, (das Wort gebrauche ich bewusst), hat sich aus einstmals gut gemeinter Psychologie heraus, in den Bereich der hoch funktionellen Erwartungshaltung mit auch noch pseudopsychologischer Erwartungshaltung an eine Methodik dabei entwickelt. Dafür gibt es ein einfacheres Wort; Klischee.

  3. @kakapo3

    Da merkt man wieder, wie schnell man im digitalen Zeitalter gleich wieder binär denkt und polarisiert. Warum denn immer nur: entweder »reden« oder »Köpfe einschlagen«? Gibt es nichts mehr dazwischen? Warum nicht ein sowohl als auch? Erst reden, dann zuschlagen? ;)

    Was heute alles zerredet wird, worüber alles geredet wird (»Schatz, welches Brot soll ich heute kaufen?«) und wie wenig eigentlich geschwiegen wird, darüber sollte man einmal nachdenken. An mangelnder Kommunikation im Zeitalter von FB, WhatsApp und Blubb leidet heute wohl kaum Jemand, oder?

  4. Müssen wir? Wirklich? ;) Mit dieser Phrase leitet man ja sehr gerne persönliche Angriffe ein.

    »Mir müssen reden — ohne uns dabei was (neues) zu sagen«!

    Die Existenz von Talkshows sollte der beste Beleg dafür sein, dass das Reden in den allermeisten Fällen nur zum Selbstzweck stattfindet. Ich wäre angesichts der immer lauter werdenden Zeiten viel mehr dafür, der Tugend »Schweigsamkeit« endlich wieder mehr Bedeutung zu verleihen. Oder etwas uncharmanter ausgedrückt:

    »HALTET DOCH ALLE ENDLICH MAL DIE FRESSE!« Vor allem dann, wenn ihr nix zu sagen habt! ;)

    »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«!

  5. @epikur
    Wohl war. Auch nach dem Zuschlagen wird sich in der Regel ein »Redenmüssen« anschließen ;)

    Ich empfinde es in dieser Art Gesprächen regelmäßig schwierig, keine Meinung haben zu dürfen (z.B. ist Dinkelmehl besser als Roggenmehl)

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