Der pädagogische Happen (10)

_happen_Mutter: (gibt gerade ihre fünfjährige Tochter Dorothea in der Kita ab. Zur Erzieherin gewandt. Lächelt künstlich.) „Sie hustet ein bisschen, ist aber ansonsten ganz fit!“

Erzieherin: (begrüßt Mutter und Tochter) „Sie sieht aber schon ein wenig blass aus. Habt Ihr Fieber gemessen?“

Mutter: „Ja. Alles in Ordnung! Entschuldigt, ich muss dringend los. Zur Arbeit.“ (Verabschiedet sich schnell von Ihrer Tochter und geht dann los. Beim Mittagessen übergibt sich Dorothea. Die Erzieher dürfen zwar kein Fieber messen, bemerken aber, dass sie ganz warm und lustlos ist.)

Erzieherin: (zu Dorothea gewandt) „Du sag mal, wie ging es Dir denn gestern so?“

Dorothea: (schaut verlegen weg und sagt dann leise) „Mir war schlecht, aber ich musste versprechen, nichts zu sagen!“

Erzieherin: (ruft die Mutter an) „Sie müssen Ihre Tochter sofort abholen und zum Arzt bringen. Sie hat sich beim Mittagessen übergeben und hat höchstwahrscheinlich Fieber!“

Mutter: „Ich kann hier leider nicht weg. Ich muss arbeiten!“

Erzieherin: „Sie holen Ihr Kind bitte sofort ab! Wir sind eine Bildungseinrichtung und keine Krankenstation! Darüber hinaus können sich andere Kinder, Erzieher und Eltern anstecken!“

Selbstentfremdung

selbstent_titelOft werde ich gefragt, was Selbstentfremdung durch Lohnarbeit eigentlich genau bedeuten soll? Schließlich verdiene man sein eigenes Geld, sei unabhängig, liege niemandem auf der Tasche und man würde sich mit seinem eigenen Job doch auch selbst verwirklichen? Nun zu behaupten, das Gegenteil sei der Fall, empfinden viele nicht nur als absurde und steile These, sondern auch als einen persönlichen Angriff auf ihren Lebensstil. (Lohn-)Arbeit mache doch schließlich unabhängig. Oder etwa nicht?

Im Einzelfall mag es Jobs geben (besonders im sozialen, geisteswissenschaftlichen oder künstlerischen Bereich), in denen Menschen Sinnerfüllung und Freude durch ihre Tätigkeiten erfahren und davon sogar noch halbwegs gut leben können. In den meisten Fällen dürfte es aber eher so sein –insbesondere in Anbetracht des Arbeitsmarktes- das Mann und Frau an Lohnarbeit nehmen, was sie kriegen können. Hauptsache Arbeit. Egal welche. Eine Funktion ausfüllen ohne erfüllt zu sein. Weiterlesen

Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 7)

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Frau Ragnitz: „Du Bruno, kannst Du bitte die ganzen Verträge aus dem Büro von Herrn Schabanowski alle hier in dem Schrank im Flur chronologisch ordnen und verstauen?“

Bruno: „Ok, mache ich.“

Frau Ragnitz: „Alles klar, danke.“

Herr Schabanowski: (drei Stunden später, verärgert) „Verdammt, wo sind denn jetzt wieder die ganzen Verträge hin? Ich habe sie doch heute morgen erst selbst alle auf meinen Tisch abgelegt? Bruno, hast Du sie vielleicht gesehen?“ Weiterlesen

Narrative Legenden

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BILD-Schlagzeile vom 2. August 2016

Nebelkerzen, Alibi-Diskussionen, Trash-TV, Symbol-Politik, Boulevard-Meldungen, Teile-und-Herrsche-Diskurse sowie Nebenkriegsschauplätze, sollen uns regelmäßig von dem ablenken, was wirklich wichtig ist. Also von den Interessen der Eliten, von Reichtums-Verteilungsfragen und den wahren Hintergründen von Kriegen. Zwar weiß eigentlich jeder (mindestens gefühlt), dass es immer und überall primär nur ums Geld geht, dennoch lässt man sich immer und immer wieder auf Halb-Wahrheiten, Legenden und Mythen ein, die unsere Hirne vernebeln und unseren Verstand ausschalten sollen. Weiterlesen

Lohnarbeit

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© epikur

Seit jeher gibt es ein großes Paradoxon: wer als Arbeiter seine „Aufgaben“ fleißig, gewissenhaft, schnell und effizient erledigt, bekommt als Belohnung für seine tolle Leistung in aller Regel: noch mehr Arbeit. Ob im Büro, im Dienstleistungssektor, im sozialen Bereich, in der Produktion, auf dem Bau oder im Vertrieb – überall freuen sich die Chefs über Angestellte, die ihre Arbeit zügig, aber natürlich auch gewissenhaft, also ordentlich erledigen. Die Mitarbeiter hingegen, würden sich über mehr Gehalt, einen früheren Feierabend oder einen Tag mehr Urlaub als „Belohnung“ freuen. Das wird in der Regel für zügige Arbeit aber eben nicht gewährt.

Die Folge dieser „Mitarbeiter-Behandlung“ ist letztlich das exakte Gegenteil von Produktivität und Motivation. Denn: diese sehr weit verbreitete, kontraproduktive  Lohnarbeits-Dynamik motiviert die Mitarbeiter letztlich nur, langsamer zu arbeiten, Dienst nach Vorschrift zu  erledigen und eben nicht mehr als nötig zu machen. Weil die Wenigstens Lust verspüren, noch viel mehr als ihre Kollegen zu schuften. Gleichzeitig wirft die Jobcoacher- und Berater-Industrie ständig mit tollen Vokabeln um sich: Leistung, Motivation, Effektivität, Produktivität. Ohne auch nur einmal solche essentiellen Widersprüche zu thematisieren.

Kranke Gesellschaft

Wir alle sind krank. Die einen, weil sie keine Arbeit haben. Die Anderen, weil sie Arbeit haben.“

– Volker Pispers

Anmerkung: In unseren bürgerlichen Massenmedien wird jedoch vor allem nur darüber gesprochen, dass Erwerbslosigkeit krank machen würde. Sie würde Depressionen und Süchte verursachen. Wer sich nicht der Zwangsverwertung und der Selbstentfremdung durch Lohnarbeit unterwerfe, sei sinnentleert und unglücklich, so der Tenor. Dabei wird gerade auch die große Mehrheit der Bevölkerung durch ihre Lohnarbeit krank und kaputt.

Sucht noch jemand einen Job?

Anzeige auf stepstone.de vom 18. August 2016

Anzeige auf stepstone.de vom 18. August 2016

Weitere Anforderungen:

  • Identifikation mit neoliberalen Werten, dem Geldadel und mit notleidenden Banken.
  • Eine angemessene Menschenverachtung gegenüber Erwerbslosen, Rentnern, Behinderten, Flüchtlingen, Migranten, Zigeunern und Ausländern.
  • Die Überzeugung, dass der islamistische Terror (und nicht die weltweiten Finanzmärkte, der industriell-militärische Komplex in den USA oder die Großkonzerne) die einzig wahre Bedrohung für die Menschheit ist.

Wenn Sie genau diese berufliche Heraus­forderung suchen, freuen wir uns auf Ihre aussagefähige Bewerbung unter Angabe Ihrer Gehalts­vorstellung sowie des frühestmöglichen Eintrittstermins. Noch heute bewerben!

Erwerbslos – Na Und?

erwerbslos_titelSeit einiger Zeit bin ich nun unverschuldet erwerbslos. Nun darf, soll und muss ich mich offiziell schämen, ducken, schlecht fühlen, verteidigen und rechtfertigen. Und zwar ständig und überall: in der Familie, bei Freunden und den sogenannten Sachbearbeitern. Warum, wieso und weshalb es nur so weit kommen konnte, wird gefragt. Betroffenheit wird geheuchelt. Verachtung versteckt. Und soziale Überlegenheit empfunden. Man gehöre schließlich noch dazu. Erwerbslosigkeit wird hierzulande nicht als ein vorübergehender Zustand begriffen, sondern als persönlicher Makel. Als Sünde und Ketzerei. Gegenüber dem Gott des (Arbeits-)Marktes und der hart arbeitenden (Rest-)Bevölkerung. Wer sich jedoch nicht primär durch seine Lohnarbeit definiert, der ist auch halbwegs in der Lage -selbst in der Erwerbslosigkeit- seine Würde und sein Selbstbewusstsein zu bewahren. Allein das empfinden viele Lohnarbeiter schon als absolute Dreistigkeit. Wer erwerbslos ist, hat depressiv zu werden. Weiterlesen

Keine Sklaven. Nirgends.

(22 Sekunden Realitätsverdrängung und Realsatire)

„In Katar baut eine riesige Arbeiterarmee an sechs von sieben Wochentagen, winters wie sommers, bei Temperaturen von bis zu 50 Grad, die Stadien für die Fußballweltmeisterschaft 2022. Während ihres Aufenthalts in Katar sind die ausländischen Arbeiter praktisch rechtlos: ihr Lohn wird sehr spät oder gar nicht ausgezahlt, ihre Wohnheime sind baufällig und unhygienisch, sie dürfen ohne Zustimmung des Arbeitgebers nicht den Job wechseln und ihr Pass wird eingezogen. […] Bis zum ersten Anpfiff der WM ist mit dem Tod von über 7.000 Wanderarbeitskräften zu rechnen.“

David Garcia. „Die Leibeigenen von Katar“. Le Monde Diplomatique. Ausgabe Juni 2016. S. 16

Arbeitsscheue. Drückeberger. Faulenzer.

faulenzer_titelDie Faulheit gilt in westlichen, industrialisierten Breitengraden als moderne Todsünde. Wer keine Leistung zeige, wenig motiviert und nicht fleißig sei, wer im Müßiggang oder in der Langsamkeit verharre, wer zu viel nachdenke, der sei nicht nur unmodern und unzeitgemäß, sondern eine überflüssige, ja verachtenswerte Ballastexistenz. Die kapitalistische Wachstumsdynamik braucht Menschen, die sich dem Dogma des höher, schneller, weiter – Prinzips unterwerfen. Denn für den Kapitalismus gibt es kein zurückblicken und kein stehenbleiben,  sondern nur den endlosen Zwang des „weiter so!“, der Rohstoffausbeutung und der Geldvermehrung. Nur wer hart arbeite, habe sich in seiner Freizeit einige Stunden Nichtstun verdient. Wobei auch alle Freizeitaktivitäten als belangloses Gedöns angesehen werden, die nicht ökonomisch verwertbar seien oder der Selbstoptimierung gewidmet werden. Weiterlesen