Sommerpause

Ich verabschiede mich für rund 14 Tage in eine, hoffentlich sehr erholsame, Blogpause. Die ständige Beschäftigung mit den Übeln der Welt, kann emotional und seelisch nur überleben, wer gelegentlich alles hinter sich lässt und volle Lebensenergie tankt. Kuscheln. Lachen. Singen. Baden. Tanzen. Toben. Knutschen. Schwimmen. Sonnen. In einer verrückt gewordenen Welt — in der Polizisten Kindergeburtstage stürmen, eine vermeintlich Linke Repressionen begrüßt (bewusst kleinredet oder ignoriert) sowie eine kommende Impfapartheid, nicht zum  Aufschrei der Massen führen, sondern ganz im Gegenteil, das von der Mehrheit sogar für richtig befunden wird — muss ich regelmäßigen Eskapismus betreiben.

Denn alles Blog-Tun hat nicht nur den Sinn als Chronist des geistlosen Zeitgeistes zu fungieren, sondern auch die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufzugeben. Resignation und Fatalismus spielen nur den Machthabern in die Hände. Da ich noch lange nicht vorhabe, dieses Blog zu schließen (»Sorry, liebe Maßnahmen-Befürworter!«), muss ich mich regelmäßig von mir selbst distanzieren. Und für alle, die denken, ich hätte mich geändert oder um 180 Grad gedreht, geht doch bitte endlich einmal auf die unzähligen Studien, Analysen und Argumente ein, anstatt ständig nur mit Diffamierungsvokabeln und Dreck zu werfen! Danke. Schaut doch in der Zwischenzeit bei meinen geschätzten Kollegen vorbei:

DS-Pektiven
Maschinist
Neulandrebellen

Ach, und zum Thema Corona (neben den Empfehlungen in der Blogroll) — kommen hier viele weitere Experten zu Wort, die in den Panikmedien nicht stattfinden:

RPP Institut
Gunnar Kaiser
Punkt.Preradovic

Auch bei Multipolar, Rubikon oder KenTube gibt es viele gute Beiträge. In diesem Sinne: lasst euch nicht ärgern und bis bald!

Zeitverschwendung

»Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!« (Kurt Tucholsky)

Videospiele seien Zeitverschwendung. Fernsehen, Filme und Serien seien Zeitverschwendung. Nerd-Hobbys (Trading-Card-Games, Tabletop-Games, Pen&Paper-Rollenspiele, ehrenamtliches bloggen etc.) ebenso. So heißt es allerorten. Produktiv sein. Funktionieren. Keine Zeitverschwendung seien primär Selbstoptimierungs-Tätigkeiten. Außerdem haben Hobbys und Freizeit-Aktivitäten einen ganz unterschiedlichen sozialen Status. Kochen, Sport und Musik machen haben einen hohen sozialen Stellenwert. Je nerdiger, desto uninteressanter.

Mich aber mit anderen Eltern im ewig gleichen Diskursrahmen über Smalltalk-Sozial-Status-Spießer-Geblubber (Auto, Haus, Garten, Urlaub, Lohnarbeit, Kinder etc.) zu unterhalten, ist für mich restlose Zeitverschwendung.

Mir BWL-Bullshitjob-Wissen anzueigenen, infantilisiert meine Vernunft und ist insofern komplette Zeitverschwendung.

Mit meinen engstirnigen Verwandten über Normen, Werte und Grundüberzeugungen zu diskutieren, ist ebenfalls: totale Zeitverschwendung.

Mit BILD-Lesern und RTL-Konsumenten über die Todesstrafe zu diskutieren, ist verschwendete Lebenszeit.

Das gesellschaftliche Narrativ der »Zeitverschwendung« gehört unbedingt überarbeitet.


Das Verschwinden der Hobbys
»Verschwende Dein Leben!«
»Die Anarchie der freien Zeit«

»Du bist viel zu negativ!«

»Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, dass er Fesseln zerreißt.»
Friedrich Hölderlin

Wie oft habe ich mir schon anhören müssen, ich sei zu kritisch, zu negativ und zu pessimistisch. Ich kann es nicht mehr zählen. Oder hören. Und wie oft habe ich den Leuten dann erklärt, dass wer nicht mehr analysiert, kritisiert und hinterfragt, eigentlich derjenige ist, der sich selbst, seine Mitmenschen und seine Lebensumwelt komplett aufgegeben hat! Wer sich fügt, zu allem Ja und Amen sagt und nicht mehr selbstständig denken will, sei optimistisch und glücklich? Wer die real gegebenen Ungerechtigkeiten verleugnet, hat eine »positive Lebenseinstellung«?

Die Haltung, wer kritisch ist, muss auch irgendwie unzufrieden, gefrustet oder gar depressiv sein, entspricht einem typisch deutschen Untertanengeist. Dieser glaubt tatsächlich daran, dass sich alles irgendwie zum Guten, ja, dass man glücklich werden wird, wenn man nur mit aller Kraft wegschaut, sich devot jeder Form von neofeudaler, struktureller und staatlicher Herrschaft unterwirft sowie sich in seinen Biedermeier-Weltverleugnungs-Bunker verkriecht. Zwangsoptimismus als Herrschaftsinstrument.

Dabei macht doch erst der schöpferische Prozess, dazu gehört ‑neben Kunst und Musik- eben auch die Entwicklung von eigenständigen Gedanken, frei, zufrieden und glücklich. Das erklären uns schon seit Jahrhunderten überall auf der Welt Philosophen, Dichter, Denker und Psychologen. Aber die kann man natürlich alle ignorieren und lieber das denken und glauben, was uns BILD, RTL und Hollywood ständig einimpfen.


»Warum kritisches Denken glücklich macht!«
»Das musst Du positiv sehen!«
»Kritik ist positives Denken«

Fazit: WM 2018

Denn nichts ist beweglicher und wandelbarer als das Denken der Massen. Man kann es erleben, dass sie das, was sie gestern bejubelten, heute mit dem Bannfluch belegen.“
(Gustave le Bon. „Psychologie der Massen“. Nikol Verlag. Hamburg 2009. S. 141)

Selbstdarsteller und Medienzirkus: beide brauchen und begrüßen einander. Gleichzeitig war diese WM wenig von Solidarität oder gar sportlichem Fairplay gekennzeichnet. Wie giftig, brutal und rücksichtslos beispielsweise die Mannschaften von Kroatien, Kolumbien oder Nigeria in die Mitspieler gesprungen sind, hat mich schon überrascht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in meiner Kindheit eine WM oder eine EM gesehen habe, wo es so viele Verletzte und gelbe Karten gab, wie bei der Fussball-Weltmeisterschaft 2018. Ohne Schiedsrichter, gelbe/rote Karten und Massenmedien, gebe es sicherlich regelmäßige Massenschlägereien auf dem Feld. Das ist Zeitgeist: in die Gegner reinspringen, sie umnieten und wegtreten.

Regelmäßige ZDF-Seitenhieb-Kommentare auf Putin gab es natürlich auch. Kommentator Bela Rethy beim WM-Finale: »Auch diese WM wird an den russischen Verhältnissen nichts ändern!« Aber Hauptsache Deutschland bleibt das Paradies für Steuerhinterzieher, prekäre Lohnarbeit, menschenverachtende Hartz4-Willkür, Waffen-Lobbyisten, Bankster und NATO-Journalisten, oder wie? Diese Bigotterie ist unerträglich. Und nicht zu vergessen: Tätowierung und Undercut. Individualität war gestern. Anpassung ist heute.

Zwangsharmonie

Der Biedermeier-Zeitgeist, der sich von allem zurückzieht, was nicht unmittelbar das eigene Leben betrifft, ist wieder schwer angesagt. Häufig ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich selbst vermeintlich Alternative, Linksgrüne und Progressive in den heimeligen Spießer-Familien-Bunker verkriechen. Und dort hat Frieden zu herrschen! Bei Familenfeiern. Im Urlaub. Auf Fotos. Der krampfhafte Versuch, der sozialen Außenwirkung zu dienen, endet fast immer in bigotter Selbst-Heuchelei. Man wird so, wie man nie sein wollte.

Selbst wenn die ganze Welt unter brennender Lava verglühen sollte, solange man selbst auf einem kühlen Stein sitzt, kann und darf alles Lebendige elendig verrecken. Wer auf diesen weitverbreiteten, menschenverachtenden Habitus hinweist, gilt als unangenehm und anstrengend. Als Pessimist, Schwarzseher und Nörgler. Es herrschen verordnete Zwangsharmonie und devoter Zwangsoptimismus: »Uns geht es doch gut!«

Bouldern

bouldern»Im Jahre 1989 gab es in ganz Deutschland laut Deutscher Alpenverein (DAV) gerade einmal 20 Kletterhallen mit über 100 Quadratmetern Kletterfläche. Elf Jahre später waren es bereits 180 und 2015 schon 440.«

ispo.com

Ich war jetzt schon einige Male in einer Turnhalle an Felswänden klettern. Es ist durchaus nett und macht Laune. Dabei könnte man es schon belassen und diesen Beitrag hier schließen. Warum aber gerade dieser Sport zu so einem starken Trend geworden ist, verwundert mich absolut nicht. Denn er beinhaltet und symbolisiert alles, was unser neoliberale Zeitgeist ausmacht: Fitness-Selbstoptimierung. Ich gegen den Rest der (Natur-)Welt. Sozialdarwinismus. Den (Karriere-)Gipfel erstürmen. Leistung durch eigenverantwortliche (Muskel-)Kraft. Disziplin. Fleiß. Kein Mannschafts‑, Gruppen- oder Solidaritätsdenken, sondern nur der Ich-bezogene Wettbewerbsgedanke. Nicht zuletzt unterstützt der Sport die tief verinnerlichten Selbstbetrug-Narrative: »Du kannst alles schaffen im Leben, wenn Du es nur wirklich willst! Vom Tellerwäscher zum Millionär! Auf Deine Einstellung kommt es an!« Natürlich interpretiere ich hier wieder viel zu viel hinein. Es geht doch nur um ein bisschen klettern! :jaja: 

»Zensur!«

zensur_titelNach mehr als 10.000 (nicht moderierten!) sehr vielen, sehr tollen Kommentaren, rund 9 Jahren ZG Blog und mehr als 1.700 veröffentlichten Beiträgen, wirft man mir nun vor, ich  würde »Zensur« betreiben, ich würde die hochintellektuellen Beiträge eines Kommentatoren nicht verstehen, sei für die »Revolution« nicht bereit und könne keine Kritik vertragen. Dabei gab es Dutzende, ja Hunderte sehr interessante, oft auch heftige Diskussionen im Kommentarbereich. Und das nicht nur hier, sondern auch auf Feynsinn, dem Narrenschiff oder anderen Blogs. Nie (mit einer Ausnahme: eine gewisse Hardcore-Feministin, die nur am pöbeln und beleidigen war) habe ich auf dem ZG Blog Kommentare gelöscht oder zur Moderation umgeschaltet. Weiterlesen

Vergrabene Fragmente

Seit mehr als 8 Jahren schreibe ich mir hier nun die Finger wund. Mehr als 1.500 Artikel wurden bisher veröffentlicht. In den ersten Jahren waren meine Kollegen jtheripper und todesglupsch noch recht fleißig. Bis sie die Sinnlosigkeit des ganzes Projektes erkannt und sich zurückgezogen haben. Soweit bin ich noch nicht. Die schnelllebige Medien- und auch Bloglandschaft lässt Artikel und Beiträge schnell im Orkus verschwinden, was sehr schade ist. Um dem einmal entgegen zu wirken, und weil ich glaube das viele Texte noch immer aktuell sind, gibt es hier und heute ein paar Lesetipps aus dem Archiv. Wenn euch schon immer Fragen bezüglich dem ZG Blog auf der Seele gebrannt haben, ist das hier und jetzt auch ein guter Ort, um sie los zu werden. ;)

» »Ein ganz normaler Amtsalltag«
» »Die Destruktivität des Leistungsgedanken«
» »Endlich! Todesstrafe für Kinderschänder!«
» »Was halten Sie von Ausländern?«
» »Die wichtigsten Fragen unserer Zeit«

Ohne Haltung

haltung_titelIn letzter Zeit begegne ich immer mehr Menschen, die sich unangreifbar machen wollen. Immer freundlich. Höflich. Lächelnd. Aalglatt. Weichgespült. Ohne Ecken und Kanten. Die mit Allerwelts-Phrasen und Small-Talk-Platitüden um sich werfen. Sie verbergen ihre ehrliche Meinung, auch bei Nachfrage. Sagen nicht, was sie wirklich denken und fühlen. Sie wollen sich alle Möglichkeiten und Optionen offen halten. Sie wissen ja nicht, wann sie jemanden mal gebrauchen, also für eigene Zwecke benutzen könnten.  Sie lügen und schweigen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen.

Sie verkriechen sich in ihren Kokon der familiären Biedermeier-Zwangsharmonie. Ein typischer Grünen-Hipster-Pseudo-Alternativer-Club-Mate-Trinker. Im Herzen jedoch konservativ, spießig und bürgerlich: Geld, Karriere, Auto, Haus, Kinder. Am Status Quo klebend. Nur den eigenen Vorteil im Blick. Pragmatisch. Ohne Prinzipien, Überzeugungen oder einer empathischen Haltung zur Welt. Soll das etwa die hochgelobte »Generation Y« sein?