»Du bist viel zu negativ!«

»Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, dass er Fesseln zerreißt.»
Friedrich Hölderlin

Wie oft habe ich mir schon anhören müssen, ich sei zu kritisch, zu negativ und zu pessimistisch. Ich kann es nicht mehr zählen. Oder hören. Und wie oft habe ich den Leuten dann erklärt, dass wer nicht mehr analysiert, kritisiert und hinterfragt, eigentlich derjenige ist, der sich selbst, seine Mitmenschen und seine Lebensumwelt komplett aufgegeben hat! Wer sich fügt, zu allem Ja und Amen sagt und nicht mehr selbstständig denken will, sei optimistisch und glücklich? Wer die real gegebenen Ungerechtigkeiten verleugnet, hat eine »positive Lebenseinstellung«?

Die Haltung, wer kritisch ist, muss auch irgendwie unzufrieden, gefrustet oder gar depressiv sein, entspricht einem typisch deutschen Untertanengeist. Dieser glaubt tatsächlich daran, dass sich alles irgendwie zum Guten, ja, dass man glücklich werden wird, wenn man nur mit aller Kraft wegschaut, sich devot jeder Form von neofeudaler, struktureller und staatlicher Herrschaft unterwirft sowie sich in seinen Biedermeier‐Weltverleugnungs‐Bunker verkriecht. Zwangsoptimismus als Herrschaftsinstrument.

Dabei macht doch erst der schöpferische Prozess, dazu gehört -neben Kunst und Musik‐ eben auch die Entwicklung von eigenständigen Gedanken, frei, zufrieden und glücklich. Das erklären uns schon seit Jahrhunderten überall auf der Welt Philosophen, Dichter, Denker und Psychologen. Aber die kann man natürlich alle ignorieren und lieber das denken und glauben, was uns BILD, RTL und Hollywood ständig einimpfen.


»Warum kritisches Denken glücklich macht!«
»Das musst Du positiv sehen!«
»Kritik ist positives Denken«

Neulich am Strand...

Was einmal Geist hieß, wird von Illustration abgelöst.“ Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S.160

Drei junge Bikini‐Bienen unterhalten sich über die vermeintlich perfekte Körperbräune von Männern und darüber, wie viel Muskeln wirklich attraktiv seien. Es ist schon erstaunlich, wie sehr uns Werbung, Musik‐Videos und Hollywood‐Filme beeinflussen, prägen und konditionieren. Jeder Körper wird am Strand bewusst (und unbewusst) beäugt, begutachtet und bewertet. Groß oder klein, dick oder dünn, Fettanteil, Körperbau, Muskeln, Gesicht, Körperbräune, Rundungen, Hintern, Beine, Haare — alle diese Kriterien kommen schon in die sofortige Endnote, bevor man auch nur ein Wort miteinander gewechselt hat. Sicher, Aussehen spielt immer und überall auch eine Rolle. Nur die mediale Photoshop‐Instagram‐Youtube‐und‐Facebook‐Generation befördert und bevorzugt eine idiotisch‐infantile Fokussierung auf den Körper. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. :NENE:


»Neulich...«