Der Tod der Wahrnehmung

Das ist nicht »1984«, sondern »2019«.

Als Wahrnehmung bezeichnet man »jenen Aspekt des psychischen Geschehens und Erlebens, der sich auf die Kopplung des Organismus an funktional relevante Aspekte der physikalischen Umwelt bezieht. Hierzu gehören nicht nur die haptische, visuelle, auditive, olfaktorische und gustatorische Wahrnehmung, sondern auch die Wahrnehmung des Leibes und seiner Teile« (Rainer Mausfeld, spektrum.de). Zu Wahrnehmungsstörungen zählen nicht nur Illusionen und Halluzinationen, sondern auch der Verlust über die Kontrolle der eigenen Wahrnehmung sowie deren Ausrichtung. Gefühle, Bewegungen, Farben, Gesichter oder Geräusche können kaum oder nur noch teilweise erkannt und identifiziert werden.

Filterblasen. Echokammern. Tunnelblick. Betriebsblindheit. Ich‐Bunker‐Weltverleugnung. Scheinbar leidet heute jeder Zweite unter einer chronischen Wahrnehmungsstörung. Allerlei Verbotsschilder, Regeln des Zusammenlebens sowie soziale Konventionen werden komplett ignoriert, Meinungen, Analysen und Kommentare, die nicht in das eigene Weltbild passen, werden gezielt weggeschoben und überall Smombies, die von ihrer realen Umgebung nur noch das Hintergrundrauschen wahrnehmen. Es existiert eine große Unfähigkeit, Sachverhalte, Dinge und Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit zu erfassen. Kontexte, Ursachen und Inhalte müssen in 200 Wörtern oder mit Bildern erklärt werden, weil sonst die Konzentration und Aufnahmefähigkeit rapide absinkt. Die Dystopie liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart.


Medial verstrahlt
Die Ablehnung der Wirklichkeit

Endlose Bilderflut

wikipedia.org

Heute scheint jeder ein Fotograf zu sein. Einfach alles wird mit dem smartphone fotografiert. Jeder Fliegenschiss, jedes Bauwerk, jeder flüchtige Moment, jeder oberflächliche soziale Kontakt muss digital eingefangen und für das eigene soziale Kapital verwertet werden. Dabei haben die meisten Bildfetischisten überhaupt keine Sensibilisierung für »das Recht am Bild«. Von Urheber‐ und Persönlichkeitsrechten ganz zu schweigen. Vielleicht ist Berlin aber auch nur noch von Tourismus‐Foto‐Zombies bevölkert.

Dabei hat diese endlose visuelle Reizüberflutung vor allem den Effekt, dass der Wert von Bildern und Fotos immer weiter abnimmt. Ja, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber tausend Bilder sagen überhaupt nichts mehr! Wie viele Bilder haben denn beispielsweise die zahlreichen Eltern da draußen von ihren (Klein-)Kindern? Und welche Bedeutung hat hier das einzelne Foto überhaupt noch? Überall wird man mit Abbildungen der vermeintlichen Realität von Wichtigmenschen zugebombt. Aufmerksamkeit. Inszenierung. Narzissmus. Das Auge muss wohl in Bewegung bleiben, damit der Geist keine Ruhe finden kann.


Selbstinszenierung
Bilder in Fernsehnachrichten
Reale Welten vs. Fiktive Welten

Bequemlichkeit statt Freiheit

Ich habe nie verstanden, warum sich so viele Menschen freiwillig und ohne Not (sozialer Zwang?) in technisch geschlossene und eingeschränkte Systeme begeben. Nehmen wir beispielsweise die Apple‐Produkte iPod, iPhone und iPad. Eigene Daten auf die Geräte spielen, sich die Benutzeroberfläche oder sich das Betriebssystem nach eigenen Bedürfnissen umgestalten, ist fast unmöglich. Aber auch Android, dass von Herstellerseite an ein Google‐Konto geknüpft ist (ja, mit ein bisschen Fummelei gehts auch ohne), lässt nicht alles zu. Besonders Google blockiert den Zugriff auf bestimmte Webangebote oder verbietet -also zensiert‐ gleich spezifische Programme (beispielsweise YouTube‐Downloader) in der Android‐Umgebung.

Ja, es ist signifikant bequemer via Konsole statt mit einem PC zu zocken oder via Apple‐Produkte mit leicht zugänglicher Benutzeroberfläche zu surfen. Aber es ist eben auch mit deutlich weniger Freiheiten verbunden. Keine Mods, keinen Zugriff auf die Spiel‐ oder Systemdateien und kaum Kontrolle über Datenfishing, Tracking und Cookies. Im Marketing‐ und PR‐Bullshit‐Sprech nennt man das dann euphemistisch »exklusiv«. Während man ansonsten ständig von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Freiheit schwafelt, scheint das bei digitalen Unterhaltungsprodukten absolut keine Rolle zu spielen. Willkommen im digitalen Überwachungskapitalismus! »Ich habe auch nichts zu verbergen!« :JAJA:  


Medial verstrahlt
Die Ablehnung der Wirklichkeit
Kollektive Kommunikationspflicht

Kinder in Deutschland; Teil 46: Entwicklung

In der Pädagogik und der Psychologie gibt es bergeweise Studien, Untersuchungen und Bücher über die Entwicklung des Kindes. Dort wird festgehalten, was normal und was entwicklungsverzögert sei und somit gegebenenfalls einer Diagnose eines Facharztes bedarf. Ob pränatale Frühförderung, die Sprach‐Meilensteine oder die altersentsprechenden Kompetenzen und Entwicklungen im sozial‐emotionalen, kognitiven oder motorischen Bereich: darüber gibt es unzählige Veröffentlichungen. Häufig steht die Frage im Vordergrund: wie kann ich das Kind noch weiter unterstützen und/oder besser fördern? Dabei kann man auch eine ganz andere Geschichte erzählen. Mit weniger euphemistischen Blümchen und mit weniger neoliberaler Sozialromantik. Weiterlesen

Smombie Nation

Fragmentierte Wahrnehmung. Marktplatz der Aufmerksamkeiten. Narzisstisches Nicht‐Streicheln. Gebeugtes Versinken. Vernetzung ohne Auffangnetz. Schein als Sein verkaufen. Gestreute Zerstreuung. Elektronische Emotionen. Sozial‐fiktive Identitätsproduktion als Erweiterung des verstümmelten Selbst. Mensch‐Sein als endgelagertes Endgerät.

»Das ist heute halt so! Man muss eben mit der Zeit gehen!« Echt jetzt? Ich muss jeden Bullshit mitmachen, weil es eben alle so machen? Hatten wir das nicht schon mal?


Handystrahlung produziert Zombies
Die Ablehnung der Wirklichkeit

Smombie City

Ich könnte dieses Bild hier jeden Tag veröffentlichen. Ob es einen Unterschied machen würde? Vermutlich nicht. Ist doch eh alles halb so wild, nicht wahr? Immer diese Kulturpessimisten! Das ist eben modern so! :JAJA: Dennoch: wenn ich das täglich in Bus und Bahn sehe, muss ich an viele dystopische Romane und Filme denken...aber auch das: wen interessierts? :)

Integrität

»Integrität ist eine ethische Forderung des philosophischen Humanismus nach möglichst weitgehender Übereinstimmung zwischen den eigenen Idealen und Werten und der tatsächlichen Lebenspraxis« (wikipedia)

Ich bin ja für Flüchtlinge! Refugees Welcome! Aber an der Schule meiner Tochter soll der Migrationsanteil bitte nicht so hoch sein!

Ich bin ja gegen zu viele mediale Einflüsse meines Kindes, gegen Computer‐ und Konsolen‐Zockerei. Aber ich brauche ständig das neueste smartphone und es muss überall dabei sein!

Ich bin ja gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung. Auch die Wettbewerbs‐ und Leistungsgesellschaft gefällt mir nicht. Aber eine 3 in Mathe ist nicht gut und mein Kind sollte schon studieren!

Medial verstrahlt

Wer in einer Schule, einem Hort oder in einer Kindertages‐, Jugend‐ oder sozialen Einrichtung arbeitet, erlebt relativ schnell die Folgen der Digitalisierung. Immer mehr Kinder haben eine Aufmerksamkeitsspanne von 30 Sekunden bis maximal 5 Minuten. Sie können alle »Fortnite«-Tänze, bauen tolle »Minecraft«-Welten, wissen schon sehr früh wie man mit smartphones und Tablets umgeht, aber können sich mit 6 Jahren nicht mehr die Schuhe zu binden, geschweige denn eine analoge Uhr lesen. Es ist daher völlig unverständlich, dass es von wissenschaftlicher Seite immer wieder heißt, man habe dafür »noch keine Daten« oder man müsse das Phänomen »noch untersuchen«. Die digitale Versumpfung von Millionen von Smartphone‐Junkies ist jeden Tag überall zu beobachten.

Besonders bigott sind viele linksgrüne Bio‐Öko‐Alternativ‐Eltern, die alles Digitale für ihre Kinder verbieten, aber selbst den ganzen Tag an der WhatsApp‐ und Facebook‐Nuckelflasche hängen. An vielen Schulen und Kindertageseinrichtungen sind die Dummphones verboten. Es hängen Verbotsplakate. Es wird überall darüber informiert. Aber was interessiert das die Süchtigen. Bei Kita‐ und Schulveranstaltungen sitzen die Eltern nur noch mit erhobenen Händen da, um alles aufnehmen zu können. Wer Bus und Bahn fährt, glaubt in einem dystopischen Thriller zu sein. Übrigens: der Vergleich mit der Tageszeitung ist nur noch lächerlich. Offline ist das neue Bio!


»Automatisierung. Digitalisierung. Industrie 4.0.«
»Handystrahlung produziert Zombies«
»Digitale Dystopien«