»Wir müssen reden!«

»Schweigen ist die wesentlichste Bedingung des Glückes.« (Heinrich Heine. »Essays I: Über Deutschland. Elementargeister«.)

Wie oft habt Ihr diesen Satz in eurem Leben schon gehört? Immer wenn es zwischenmenschliche, berufliche oder familiäre Konflikte, Probleme und Differenzen gibt, kommt das Allheil‐ und Wundermittel Kommunikation daher. Viele glauben heutzutage daran, dass es nur auf die richtigen Worte, die richtige Technik oder die vermeintlich richtige Semantik ankomme, um Menschen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Ja, es gibt riesige Berufszweige, die sich damit beschäftigen: von Coachern, Beratern, Moderatoren, Psychologen, Pädagogen bis zum Supervisor. Das Web ist voll mit tausenden Foren, bei denen ganz innovativ geraten wird: »Redet doch mal darüber!«

Sicher, Kommunikation ist alles. Aber gleichzeitig Nichts. Die Macht der zwischenmenschlichen Kommunikation wird ständig überschätzt. Besonders von Frauen. Denn den tief verinnerlichten Normen, Werten und Narrativen kommt man nicht mit einem »guten Gespräch« bei. Schön wärs! Anstatt die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die gesetzlichen Regelungen und die strukturellen Sachzwänge, die uns täglich beherrschen und disziplinieren, zu thematisieren, weil sie eben in fast allen Fällen die Ursachen aller Probleme sind, will man lieber über vermeintlich zwischenmenschliche Probleme quatschen und labern. So als wäre alles nur ein »Vermittlungsproblem«. Nein, es ist oft sogar sehr heilsam, in sich zu ruhen und zu schweigen.

Zwangsharmonie

Der Biedermeier‐Zeitgeist, der sich von allem zurückzieht, was nicht unmittelbar das eigene Leben betrifft, ist wieder schwer angesagt. Häufig ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich selbst vermeintlich Alternative, Linksgrüne und Progressive in den heimeligen Spießer‐Familien‐Bunker verkriechen. Und dort hat Frieden zu herrschen! Bei Familenfeiern. Im Urlaub. Auf Fotos. Der krampfhafte Versuch, der sozialen Außenwirkung zu dienen, endet fast immer in bigotter Selbst‐Heuchelei. Man wird so, wie man nie sein wollte.

Selbst wenn die ganze Welt unter brennender Lava verglühen sollte, solange man selbst auf einem kühlen Stein sitzt, kann und darf alles Lebendige elendig verrecken. Wer auf diesen weitverbreiteten, menschenverachtenden Habitus hinweist, gilt als unangenehm und anstrengend. Als Pessimist, Schwarzseher und Nörgler. Es herrschen verordnete Zwangsharmonie und devoter Zwangsoptimismus: »Uns geht es doch gut!«

Moderne Politik

»Es geht also nicht um politische Überzeugungen, sondern um die Frage, was man sagen muss, um zu gewinnen.«

Christophe Ventura. »Der Superstratege von Buenos Aires«. Le Monde Diplomatique. Ausgabe April 2017. S. 16

Anmerkung: Das ist der machiavellistische Zeitgeist aktueller, weltweiter Politik. Ob Links‐, Rechts‐ oder Mittepopulismus: das Wahlkampfthema entscheidet. Ein Neusprech‐Begriff, der schon andeutet, dass Themen (beispielsweise Rente, Soziale Gerechtigkeit, Mietpreise, Steuern, Migration etc.) primär dazu instrumentalisiert werden, um Stimmen zu gewinnen. Es darf also ganz offiziell alles versprochen und erzählt werden, es sei schließlich nur ein Wahlkampfthema. Nach der Wahl ist die (Real-)Politik der Macht dann wieder komplett alternativlos. Was auch kein Wunder ist, wenn diejenigen, die entscheiden, nicht diejenigen sind, die gewählt wurden.

Bullshit‐Bingo‐Begründungen

bullshit_titelGibt es einen Skandal, eine Affäre oder irgendeinen anderen politischen Missstand, so werden typische Argumentationsmuster aus der PR‐Mottenkiste für die Steigbügelhalter des Kapitals geholt. Sofern überhaupt auf die entsprechenden Fragen geantwortet, ihnen nicht ständig ausgewichen oder sie sogar komplett ignoriert werden. Dabei müssen entsprechende Lego‐Gummibegriffs‐Hülsen nicht zwingend selbst erwähnt werden, es wird jedoch jegliche Verantwortung abgestritten. Politik beschließt Gesetze, für dessen Folgen sie dann aber nicht mehr haftbar gemacht werden will. Schuld ist dann:

Die Eigenverantwortung.
Das Vermittlungsproblem.
Der Markt.
Der Russe.
Der Einzelfall.
Der Sachzwang.
Die Alternativlosigkeit.
Die Globalisierung.
Der Terrorismus.
Die andere Partei.

Neusprech: Schlupflückenlöcher

»Große Koalition entdeckt Haushaltsloch von 4 Milliarden Euro.«

- deutsche-wirtschafts-nachrichten.de vom 29. August 2014

ZG-Artikel: Neusprech HeuteÜberall lauern sie: die Gesetzes‐, Steuer‐, Gehalts‐, Haushalts‐, Bildungs‐, Renten‐ und Gerechtigkeitslücken. Die Löcher, Spalten und Ritzen, für die es angeblich keine Fugenmassen gibt. Nichts und niemand kann sie verhindern oder aufhalten. Sie tauchen immer wieder unvermutet auf, verursachen einen derben Kontrollverlust der vermeintlichen Entscheidungsträger und zwingen sie ungewollt zur Sachzwang‐Politik. So die gängige Legende. Weiterlesen

Selbstverwirklichung durch Fremdbestimmung

Wer einer Lohnarbeit nachgehe, verdiene sein eigenes Geld, sei nicht mehr vom Staat abhängig, sorge für sich selbst und seine Familie, verwirkliche sich selbst und nehme aktiv an der Gesellschaft teil. So lautet eine der üblichen, allgemein gültigen und selten in Frage gestellten Dogmen der westlichen Industriegesellschaften. Manche Menschen sind gar »selbstständig« oder gründen eine »Existenz«. Wer als ein vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft anerkannt, ja als Mensch respektiert und nicht zu den Überflüssigen zählen will – der muss einer Lohnarbeit nachgehen. Unabhängig davon, welche Vorstellungen er oder sie vom Leben hat. Individualismus bedeutet, die eigene Lebensgestaltung, Selbstfindung und Sinnerfüllung der vorhandenen sozioökonomischen Struktur zu unterwerfen. Weiterlesen

Von Menschen gemacht

»Die Krise wurde von Menschen gemacht« (Siemens‐Chef Peter Löscher)

»Bildung wird von Menschen gemacht« (GEW)

»Hunger ist von Menschen gemacht« (Kölner Stadt‐Anzeiger)

»Klimawandel ist von Menschen gemacht« (NZZ)

»Politik wird von Menschen gemacht« (generation-bildung.de)

Es gibt keine Ausrede und keinen Sachzwang. Das Schicksal ist von Menschen gemacht.

Kinder in Deutschland; Teil2: Sachzwang Kind?

»Kinder in die Welt zu setzen ist keine Kunst, sie zu selbstbewußten Menschen zu erziehen hingegen schon«

- M. Vollack, Politologe und Hobby‐Philosoph

In Teil 2 meiner Gedankenreihe zu Kinder in Deutschland, stelle ich die These auf, dass die finanzielle Versorgung eines Kindes zwar wichtig ist, es aber ungleich wichtiger ist, sich für die eigenen Kinder Zeit zu nehmen und auf ihre Bedürfnisse und Wünsche einzugehen, die in erster Linie eben nicht materieller Natur sind, wie oftmals behauptet wird. Weiterlesen