»Zeigen, was man hat!«

Als ich vor einigen Jahren auf einer Eltern-Kind-Reise mit rund 20 anderen Familien war, ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie stark der Abgrenzungs- und Distinktionswille der Ober- und Mittelschicht nach unten hin ist. Man will zeigen, was man hat. Weshalb man so anders und besonders sei. Dabei geht es in erster Linie nicht nur um Geld, den neuen Porsche oder andere materielle Güter. Der Haben-Habitus zeigt sich hier insbesondere im sozialen Kapital. Eine gesunde Ernährung. Sozial erwünschte Hobbys (kochen, musizieren, lesen etc.). Regelmäßiger Sport. Eine schlanke Figur. Informelle Netzwerke. Ein sozial geachteter Beruf. Die tollen Kinder. Und niemals anecken oder für diskursive Konflikte sorgen, sondern stets die von allen erwünschte Zwangsharmonie zelebrieren.

Die eigene moralische Erhöhung ist in der gutbürgerlichen Akademiker-MIttelschicht ein immanenter Bestandteil des Selbstkonzeptes. Während der Hartz4-Empfänger bei Lidl einkauft, versorgen sich die Besser-Esser bei Basic und Bio-Company. Die binäre Sichtweise sorgt dann dafür, dass es nichts mehr dazwischen gibt und geben darf. Die Corona-Krise hat dies wieder eindrucksvoll bewiesen. Die sattgefressene Mittelschicht sonnt sich in der solidarischen Maskenpflicht und schwingt den autoritären Feindhammer gegen jeden, der es wagt, die eigene moralische Überlegenheit kritisch zu hinterfragen. Fakten, Zahlen und internationale Studien werden ignoriert und beiseite gewischt.

Das gleiche Spiel gibt es dann beim Thema »Impfen«. Wer die moralische Selbstüberhöhung ‑man würde ja sich selbst und seine Mitmenschen schützen- zur Disposition stellt, wird bis aufs Blut bekämpft. Argumente und sachliche Analysen laufen hier regelmäßig ins Leere. Stattdessen wird fast ausschließlich mit ad personam und ad hominem auf den Tisch gehauen. Auf der Eltern-Kind-Reise vor rund 5 Jahren galt ich dann beispielsweise schnell als komischer Kauz, weil ich es gewagt hatte, beim abendlichen Lagerfeuer nicht stundenlang nur und auschließlich über den eigenen kleinen Lebenskreis reden zu wollen. Aber genau das liebt eben die Mittelschicht: die Grabesruhe, den Status Quo und den narzisstischen Mikrokosmos.

Der pädagogische Happen (31)

[An der Abmeldung im Schulhort]

Mutter: (schaut nur auf ihr Handy) »Ich möchte meine Tochter Alicia abmelden!«

Pädagoge: »Alicia aus der 3c?«

Mutter: (schaut den Pädagogen nicht an. Glotzt weiter auf ihr Handy.) »Ähm...was?«

Pädagoge: »Meinen Sie Alicia aus der 3c?«

Mutter: (gereizt) »Ja genau, habe ich doch gesagt!«

Pädagoge: »Ok, ist abgemeldet. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!«

Mutter: (antwortet nicht, tippt etwas auf ihr smartphone ein und geht schweigend weiter.)


Der pädagogische Happen (1−30)

Angst und Macht

Eine dunkle Gasse...

Der Zusammenhang zwischen Angst und Macht wurde schon vielfach untersucht. Beispielsweise von Rainer Mausfeld, der die modernen Herrschaftstechniken hervorragend aufzeigt. Wie stark die Ängste der Menschen in den letzten 30 Jahren gestiegen sind, kann man besonders gut an den Eltern beobachten. Die gefühlten Elternängste steigen von Jahr zu Jahr. Sie haben mit den tatsächlichen Gefahren meist wenig zu tun, denn kaum ein Elternteil lässt sich mit Kriminalstatistiken oder rationalen Argumenten überzeugen. Da herrschen oft die pure Panik und die ungebändigte Hysterie, die via whatsapp, facebook, BILD, RTL sowie Boulevard- und Skandalpresse ‑zum Zwecke der Aufmerksamkeitsgenerierung- ordentlich angeheizt und aufgeputscht werden. Am Ende verkriechen sich immer mehr in ihre weltverleugnenden Komfortzonen-Wohlfühlbunker.

Ängste werden bewusst und unbewusst geschürt und angeheizt. Von der Politik, den Massenmedien, von Denkfabriken oder Lobbygruppen. Denn es gibt einige Interessengruppen, die sich viele Vorteile von unsicheren und ängstlichen Menschen versprechen. Sie konsumieren mehr. Sie glauben mehr. Sind leichter zu steuern und zu manipulieren. Sie nehmen die Einschränkung von Bürgerrechten leichter hin. Sie lassen sich besser auf Feindbilder und Kriege einschwören. Sind im Lohnarbeitsleben gefügiger. Sie leisten weniger Widerstand. Und sie halten generell stärker am gegenwärtigen Zustand fest, auch wenn er ihnen Unglück bringt. Insofern haben die Reichen und Mächtigen absolut kein Interesse daran, dass die Bevölkerung sorglos, ausgeglichen, angstfrei, bescheiden und selbstsicher ist.


Herrschaftsprinzipien
Probleme schaffen. Lösungen anbieten.

Die letzte Generation

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die heutigen 30–40jährigen  die letzte Generation sind, die noch als Kinder wenig Verbote, kaum elterliche Überwachung, aber dafür viele Explorationsmöglichkeiten hatten. Ob alte Fabrikgelände, Ruinen, Mauern, Brachflächen, Hinterhöfe, Müll- und Schrottplätze, Hinterhöfe oder Waldgebiete: wir haben alles allein oder mit Freunden erkundet und erforscht. Wir haben den Sozialraum erobert. Wir durften bis 20 Uhr oder sogar 22 Uhr alleine draußen bleiben. Unsere Eltern haben uns blind vertraut und damit sehr stark unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstständigkeit gefördert, ohne jemals an (früh-)kindliche Förderung gedacht zu haben. Dieses Zeitalter ist vorbei.

Heute regieren absurd-skurile-hysterische Elternängste. Angefangen von Dehydrierung, vermeintlichen Nägeln im Sand bis hin zu Kinderschändern hinterm jedem Baum. Moderne Eltern sperren ihre Kinder in Wohlfühl-Schutzbunker ein. Ständige Überwachung, Kontrolle und Einmischung sind die Doktrinen. Die Kinder werden von Insel zu Insel: von Kindergarten zu Sportverein zu Muskangebot zur Schule zu Freunden zur Sprachschule zum Kindergeburtstag zur Familie gebracht und gefahren. Gleichzeitig sind immer mehr Kinder medial verstrahlt. Viele Eltern empfinden den hohen Medienkonsum zwar als kritisch, aber immerhin sind die Kids so Zuhause vor digitalen Welten geparkt, anstatt selbstständig, selbstbestimmt und selbstbewusst den Gefahren der Umwelt zu trotzen, wo ja so so so so so viel passieren könnte. :jaja:


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

Unter Muttis

Als Vater gibt es kaum etwas schlimmeres als allein unter einer Schar von Übermuttis zu sein. Sei es auf Elternabenden, Schul‑, Laternen- oder Sommerfesten. Denn für weibliche Elternteile gibt es meist nur ein Thema: das eigene Kind. Hier vermischen sich Wettbewerbs‑, Konkurrenz‑, Leistungs- und Anspruchs-Denken mit einer (über-)fürsorglich-rührseligen Affektsoße. Gleichzeitig verwerten sie die eigenen Kinder zu Objekten ihrer ganz persönlichen Projektions- und Profilierungsfläche. Erfolge der Kinder sollen hier stets auf die elterliche Erziehungsfähigkeit beruhen und für die Niederlagen sind regelmäßig Andere schuld: Erzieher, Lehrer, Schule, Kita, falsche Freunde, YouTube und so weiter. Mit kindfremden Themen braucht man gar nicht erst anfangen.

In so einem Diskursrahmen, den es in Deutschland wohl millionenfach gibt, sind spannende Gespräche in aller Regel selten möglich. Viele moderne Muttis scheinen zudem deutlich spießiger, verbohrter und langweiliger zu sein, als es unsere eigenen Eltern jemals waren. Statt also den weltfremd-ignoranten-Biedermeier-Weltverleugnungs-Kreis zu durchbrechen, wird lieber Heile-Welt gespielt und sich in den eigenen Komfortzonen-Bunker verkrochen. Im digitalen Social-Media-Wahnsinn bekommt dieser Aspekt eine unverschämt aufdringliche Dimension: »Schaut her, wie toll unser Leben ist!« Kultivierte Selbstentfemdung als Selbstverwirklichung zu etikettieren, ist jedoch weder emanzipiert noch alternativ.


Selbstentfremdung
Selbstinszenierung
Selbstoptimierung

Der pädagogische Happen (29)

Mutter: »Könnten Sie mir bitte helfen, meine Tochter zu finden?«

Pädagoge: »Ja, natürlich!«

(Mutter verschwindet unauffällig. Der Pädagoge sucht und findet das Kind auf dem Schulhof.)

Pädagoge (zur Kollegin): »Sag mal, hast Du die Mutter von Lena gesehen?«

Kollegin: »Sie meinte, sie wartet in ihrem Auto vor der Schule und Du möchtest ihre Tochter doch bitte zu ihr bringen.« (Der Pädagoge bringt das Kind zum Auto.)

Mutter: »Danke, dass Sie mir geholfen haben!«

Pädagoge: »Frau Kolaczyk, es ist eigentlich nicht unsere Aufgabe die Kinder zu suchen und zum Auto der Eltern zu bringen. Bitte holen Sie Ihr Kind das nächste mal bitte selbst ab.«

Mutter: »Aber ich kann meine Tochter immer so schwer finden!«


Der pädagogische Happen (1−28)

Kinder in Deutschland; Teil 46: Entwicklung

In der Pädagogik und der Psychologie gibt es bergeweise Studien, Untersuchungen und Bücher über die Entwicklung des Kindes. Dort wird festgehalten, was normal und was entwicklungsverzögert sei und somit gegebenenfalls einer Diagnose eines Facharztes bedarf. Ob pränatale Frühförderung, die Sprach-Meilensteine oder die altersentsprechenden Kompetenzen und Entwicklungen im sozial-emotionalen, kognitiven oder motorischen Bereich: darüber gibt es unzählige Veröffentlichungen. Häufig steht die Frage im Vordergrund: wie kann ich das Kind noch weiter unterstützen und/oder besser fördern? Dabei kann man auch eine ganz andere Geschichte erzählen. Mit weniger euphemistischen Blümchen und mit weniger neoliberaler Sozialromantik. Weiterlesen

Der pädagogische Happen (27)

Mutter A: »Mein Sohn spielt ja jetzt jeden Montag Klavier!«

Mutter B: »Okay.«

Mutter A: »Dienstags und Freitags spielt er ja eh schon Fussball im Verein. Manchmal gibts noch Turniere am Wochenende.«

Mutter B: »Interessant.«

Mutter A: »Und im Schulhort macht er seit drei Wochen bei der Spanisch-AG mit.«

Mutter B: »Wirklich?«

Mutter A: »Na klar! Ich habe ihm gesagt, dass ich es mir wünschen und ich es ganz toll finden würde, wenn er das macht. Und jetzt macht er das.«


Der pädagogische Happen (1−26)

Der Pädagogische Happen (26)

(Auf dem Schulhof)

Kind: »Auf dem Mädchenklo soll ein fremder Mann in Frauenkleidern Mädchen entführen!«

Erzieher: »Hat ein Kind diesen fremden Mann schon mal gesehen?«

Kind: »Nein.«

Erzieher: »Hat ein Lehrer, Erzieher oder Elternteil diesen fremden Mann schon mal gesehen?«

Kind: »Nein.«

(Zwei Tage später auf der Teamsitzung)

Erzieher: »Haben wir hier auf der Schule wirklich ein Sicherheitsproblem? Mehrere Kinder und Eltern erzählen etwas von einem fremden Mann?«

Leitung: »Die Eltern haben via Whatsapp einen Artikel der BILD herumgeschickt. Dabei geht es um eine Schule, die 40 Kilometer von hier entfernt ist. Und wie viel selbst an dieser Geschichte stimmt, wissen wir nicht. Jedenfalls wollen viele Eltern ab sofort ihre Kinder aus den 3. und 4. Klassen wieder persönlich abholen.«


Der pädagogische Happen (1−25)
Elternängste