»Das musst Du positiv sehen!«

1. Wenn Du einsam bist oder seelische Probleme hast...
2. Wenn Du unter dem Leistungsdruck zusammenbrichst...
3. Wenn Dein Chef Dich von oben herab behandelt oder mobbt...
4. Wenn Politiker, Geschäftsleute und Werbetreibende Dich täglich belügen und betrügen...
5. Wenn Du Dich ein Leben lang für Andere kaputt geschuftet hast und dann eine Armutsrente bekommst...
6. Wenn Du ständig Überstunden machen musst und keine Zeit mehr für Familie und Freunde hast...
7. Wenn Du als chronisch kranker Mensch, als körperlich oder geistig Beeinträchtigter, als Erwerbsloser, als Rentner oder als vermeintlicher Ausländer ignoriert, diffamiert oder beleidigt wirst...

...dann sei nicht unzufrieden oder unglücklich. Wehre Dich nicht! Sei immer gut drauf! Belaste Deine Umwelt nicht mit Deinen Problemen! »Du darfst nicht alles gleich so negativ sehen!«

Zwangsoptimismus als Herrschaftsinstrument.

12 Gedanken zu “»Das musst Du positiv sehen!«

  1. Danke Dir! :d

    Dabei könnte man jetzt noch einbauen, dass sich jeder seine persönliche Reihenfolge schaffen kann.

    An der Spitze bei mir: Punkt 6

  2. »[...]Zwangsoptimismus als Herrschaftsinstrument[...]«

    Yep, uns das beweist, dass unsere Mitbürger ein gegenaufklärerisches, und lesefaules, Volk sind.

    Die US-Autorin Barbara Ehrenreich weist schon seit Jahren auf die Diktatur, und das psychiatrische Krankheitsbild, des »Positiven Denkens« hin — wie man sieht in den USA, und in Deutschland umsonst.

    Danke für die Hinweise ;)

    Gruß
    Bernie

  3. Danke — genau die selben Gedanken mache ich mir in solchen Situationen auch des öfteren... allgegenwärtiger Zwangsoptimismus ist wirklich ein sehr brutales, perfides Herrschaftsinstrument. Eng verwandt mit eiskaltem Funktionalismus — man soll funktionieren wie ne Maschine, einen Zweck erfüllen, negative Erfahrungen »ausschalten«. Und sich auch noch am besten selber »reparieren«. In meinem Studium hat mich am Ende nix mehr genervt als diese dummen Vorwürfe, wenn ich nicht positiv denken würde, würde ich es erst Recht schaffen... also: selbst Schuld!

  4. Ah, Zwangsoptimismus — ein wunderbares Instrument, den Abgehängten und Marginalisierten die Schuld an den gesellschaftlichen Zuständen in die Schuhe zu schieben...

  5. in der Tat! Positiv sehen, lachen, strahlen, lustig sein. Es ist wahrlich sonderbar, wenn man sich einmal aus diesen eingespeisten Verhaltensskripten herausgewunden hat und man langsam sehen kann, wie manche lachen, während sie von ihrem Unglück sprechen. Lachend erzählen, wie ihnen der Blinddarm entfernt wurde, wie sie mit dem Motorrad gestürzt sind, wie der Chef ein Affe ist, aber immerzu lächeln. Ich bin bei der Prüfung schon dreimal druchgefallen, erzählte sie lächelnd. Ach was, das ist aber lustig, müßte man sagen, wollte man auf ihren Gesichtsausdruck reagieren. Das gekünstelte verspaßigen von Belanglosem. Ja cool, hihi, da warst du also im Park. Oder umgegekehrt die ansteigende Nervosität, wenn der erwartete Positivitätslevel ausbleibt, fast schon Mitleid, das einem entgegenschaut, wenn der Urlaub bloß ruhig und entspannend war. Nicht wissen, wie man reagieren soll. Kein besonderes Erlebnis vorzuweisen in den letzten Tagen. Ach so, ja, hmm, na das wird schon. Ach so, dir gefällt die Arbeit nicht, na das wird schon wieder besser, ach so, hmm, du bist 42, hihi. Ach so, ja denk mal nicht dran, konzentrier dich auf die schönen Seiten des Lebens. Und was machst du so schönes in deinem Leben? Ich putze Hochhausfassaden. Achso, hmm, ja, ne, das muß auch getan werden, ist sicher interessant, hihihi, ähm,....., da haste wenigstens ne tolle Aussicht, harharhar.

    Die Positivität transportierende Frage als Verletzung. Einfachheitshalber ist es so, dass, wer nicht positiv gestimmt ist, nicht in einer solchen Position ist. Das kann unterschiedliche Gründe haben, aber unter anderem auch soziale. Nicht alle sozialen Positionen urgieren Positivität. Es ist daher in der Tat ein Herrschaftsinstrument, das von herrschenden Positionen aus eingesetzt wird, wenn es ubiquitär zur Grundhaltung wird. Denn dann wird verschleiert und so getan, als würde überall Positivität zur Verfügung stehen, aber nur nicht überall ergriffen. Daher dann eine Rekonfiguration der Seele am besten nötig wäre, damit richtig ergriffen werden kann dasjenige, was angeblich vor jedermanns Füße schon daliegt (perfide: der Reiche hat es gar hergelegt nach der Art eines Almosens). Sie machen Annahmen über ihre Zukunft? Sie können also in die Zukunft schauen? Nein, das nicht, aber ich bekomme ja sowieso nie eine tolle Arbeit, das macht mich traurig. Aber woher wissen sie das dann, wenn sie nicht in die Zukunft schauen können? Ja stimmt eigentlich, kann ich nicht wissen. Ja sehen sie, da haben wir eine falsche Kognition erwischt. Aber gut, wenn wir also nicht wissen, was die Zukunft bringt, sollten wir besser optimistisch oder pessimistisch ihr entgegenblicken? Naja, besser wird wohl der Optimismus sein. Ja freilich, stellen sie sich vor, ein Personalchef hat sie vor sich und sie strahlen vor Optimismus. Da nimmt er sie doch eher, als wie wenn sie betrübt und lustlos daherkommen. Also, sie können ruhig etwas positiver sein.

    Es ist ein tolle Erfahrung, die Städte ermöglichen, wenn man Bezirke abkundschaftet und versucht die unterschiedlichen Positivitätslevel zu ersehen.

    Überhaupt, die abgeplatteten Sprüche des Positivsehens durch Professionelle, die zur Hälfte niemals daran glauben können, aber so tun als ob, trifft man ebenso ubiquitär an. Sei es der Psychologe als Ratgeber im tristen Altersheim oder die Ärztin auf dem Kongress für Muliplesklerose oder der Sozialwissenschaftler als Experte in der Runde oder das Ratgeberbuch für Allfälliges des Lebens: Positiv denken. Anscheinend fällt es all jenen besonders oft ein, die mit Menschen in niederer sozialer Position zu tun haben: Arme, Kranke, Behinderte, Belastete und Unglückliche. An sie wird herangetragen die Losung des Lebens, aber, wenn man hinsieht, sehr oft aus sozial höher gestellter Position. Darin kommt mehreres zum Ausdruck: Verdrängung und Verleugnung, vom Tisch wischen, sieh es positiv und Punkt, ich will mich damit nicht beschäftigen, tu nicht auf negativ, sonst muß ich dich trösten und dir helfen, was ich nicht will und nicht kann (eventuell: denn ich möchte selbst getröstet werden). Ausdruck der Sichtweise der eigenen sozialen Position (in meiner Position sehe ich Probleme positiv, weil sie meistens lösbar sind, weil ich bislang immer die nötigen Mittel dazu hatte, also warum....). Suche die Lösung bei dir und nur bei dir, denn ich sehe alles positiv und das war das Geheimnis des Erfolges; bist du nicht erfolgreich, so warst du nicht positiv genug. Erfolgt aus deinem Handeln nicht der Reichtum, gereicht dir den Handeln nicht zur Folge des Reichtums, erfolgt dieser nicht, erfolgte das Glück nicht reichlich? Komme nicht auf die Idee, etwas Transindividuelles wie gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse zu indizieren. Es heißt auch, in meiner Position reichte mir die Positivität. Mehr brauchte ich nicht. Ich konnte mich sogar daran orientieren, was mich positiv stimmte. Ich konnte es mir aussuchen. Ich ließ mich positivieren. So zeichnete Positivität mein Leben.

    Etwas Irres im Grunde: Optimismus zu verzwängen, damit alle spontanen negativen Gefühle als gleichvollwertige Lebensexpression verunglimpft werden, als Makel, als Resultat einer Leistungsversagung, als Entität im Sündenfeld mit Scham, Kleinheit, Alleinheit, Nichtgeliebtheit als emotionale Färbungen. Denn sie können ja eine Triebfeder für Umsturz und Veränderung sein. Denen geht es schlecht, ja dann sollten wir was verändern! Uns geht es schlecht, ja dann sollten wir es uns besser einrichten. Gleichvollwertige Lebensexpression heißt nicht, dass man sie gleich lieben soll wie Lust und Spaß. Sie stellen sich ein auf ihre Weise und dies genügt und haben andere Anregungen und Ausregungen als Lust und Spaß. Aber man schämt sich ihrer. Die Entfremdung, als wären wir nicht alle entfremdet, lachen zu unserem Leid, ja wenn das keine Entfremdung ist! Rätselhaft nur, dass Entfremdung von Karl Marx so klar gesehen wurde, wenngleich auf die Zuteilung des produzierten Wertes und den Gesamtzusammenhang bezogen, während sie späterhin zusehends dethematisiert wurde, anstatt, dass man sie vertieft bedacht hätte. Stattdessen wurde sie nivelliert zum Pluralitätsexempel. Du kommst dir entfremdet vor? Nein, take it easy, nichts ist mehr als Schein, du kannst es auch positiv sehen.

  6. @epikur

    Gern geschehen, ich halte das Buch wirklich für lesenswert, zumal die Autorin Barbara Ehrenreich die Entstehung, und die Fortdauer von etwas beschreibt, dass auch bei uns — wie vieles andere — über den sogenannten Großen Teich rübergeschwappt sein dürfte — Wie bereits erwähnt »Die Ideologie des Positiven Denkens«.

    Der konkrete Titel des Buches war, insofern ich mich noch erinnern kann »Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt« — Frau Ehrenreich hat übrigens auch viele andere Punkte beschrieben, die über den Großen Teich zu uns geschwappt sind, z.B. die Working Poor in den USA, aber das ist ein anderes Thema.

    Zum Positiven Denken als gesellschaftliches Krankheitsbild gibt es ja auch mittlerweile genügend Sachbücher, aber die bringen nichts, wenn unsere Mitbürger lesefau, und aufklärungsresistent,l sind.

    Hier noch ein Beispiel eines anderen Autors:

    http://www.denkladen.de/Natur-Forschung/Anthropologie/Wiseman-Wie-Sie-in-60-Sekunden-Ihr-Leben-veraendern::1454.html

    »[...]Der Titel des Buches lässt an ein typisches Ratgeber- und Selbsthilfebuch denken, in dem ein Autor die Lösung aller persönlichen Probleme verspricht. Tatsächlich aber ist es das gerade nicht. Immer wieder setzt sich Richard Wiseman, Psychologe und zeitweise Präsident der British Association for the Advancement of Science, mit vermeintlich erfolgreichen Selbsttherapien wie „Positives Denken“ auseinander, die oft mehr schaden als nützen[...]«

    Quelle siehe oben.

    Gruß
    Bernie

  7. Diese ganzen Positivdenker haben oft wenig Hemmungen , ihren Mist bei anderen abzuladen , wenn sie die Chance dazu sehen.

  8. Das kranke ist doch, dass Menschen die solche Forderungen stellen, damit dem der nicht positiv genug denkt, indirekt die Schuld an seinem Leid zuschustern. Du bist einsam? Depressiv? Du denkst daran, dir das Leben zu nehmen? Selbst schuld! Du denkst eben nicht positiv genug!

    Wie heisst es noch schon schön: »Es ist nichts Gesundes daran, angepasst zu sein an eine kranke Gesellschaft.«

  9. »Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken
    und sich nicht an jeder Dummheit begeistern.
    Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.«

    Antonio Gramsci, »Gefängnishefte«

    Kann mensch es besser auf den Punkt bringen?

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