Sowohl als Auch

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In der siebten Episode von »the Orville« wird in satirischer Form aufgezeigt, wohin eine Gesellschaft führen kann, die alles und jeden bewerten muss und welche Folgen die binäre Wahrnehmung hat. Dann gibt es kein grau, keine Differenzierung und vor allem auch keine Nicht-Wahl/Enthaltung mehr. Man darf, soll und muss sich zwischen gut und schlecht, zwischen down- und upvotes entscheiden. Ist man für oder gegen Flüchtlinge? Opfer oder Täter? Für Russland oder die NATO? Die Spannung aushalten, sich nicht entscheiden wollen sollen müssen oder auch -bei manchen Themen- beide Ansichten verstehen und nachvollziehen können, ohne sich auf eine Seite schlagen zu wollen, scheint immer weniger möglich zu sein. Oder um es mit George W. Bush zu sagen: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!«

Monokausale Vereinfachungen und Polarisierungen haben offenbar nicht nur den Vorteil, weniger selbst denken zu müssen, sondern auch schneller (be- und ab)werten zu können. Es ist selten eine Erklärung von »entweder oder«, als viel öfter eine Frage von »sowohl als auch«. Ambiguitätstoleranz scheint im digitalen Zeitalter kaum noch möglich zu sein.

Die Ablehnung der Wirklichkeit

Smartphomania

Bei Konzerten oder Schul-Aufführungen fällt es mir am stärksten auf: viele Zuschauer lassen den Augenblick nicht mehr an sich heran. Sie scheinen unfähig, auf das Gesehene oder Gehörte empathisch zu reagieren und zu antworten. Stattdessen wird eine  elektronische Mauer vor die eigenen Emotionen und das eigene Bewusstsein geschoben: das smartphone. Entweder müssen sie dringend, unbedingt und sofort ihre FB-Timeline abarbeiten bzw. WhatsApp-Nachrichten beantworten oder ihre Hände hoch heben und mit der Schutzglocke auf »Aufnahme« drücken.

Nicht nur Busse und Bahnen sind voll mit devoten Jüngern, die mit gebeugten Hals, den digitalen Göttern willfährig dienen. Auch jeder andere Lebensraum ist mittlerweile mit den Stilletötern vergiftet worden. Sie sind schon lange keine harmlosen Spielzeuge mehr, sondern Konsum-, Kompensations- und Kontrollinstrumente. Jeder Vergleich mit anderen Medienformen (Zeitung etc.) hinkt schon deshalb, weil heute das smartphone sämtliche Lebenswelten kolonisiert hat und jede soziale Interaktion beeinflusst.


» »Handystrahlung produziert Zombies«
» »Biste auch bei WhatsApp?“
» »Kollektive Kommunikationspflicht«

Reale Welten vs. Fiktive Welten

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Immer wieder lese ich die akademische Grundannahme, es gebe hier die positiven, selbsterfahrenden, mit Sinneswahrnehmung ausgestalteten, realen Alltagswelten und dort die negativen, zerstörerischen und suchterzeugenden, fiktiven Medienwelten. Diese binär-dual-polarisierende Wahrnehmung empfinde ich als unwissenschaftlich, weil sie wenig Differenzierung, also Grautöne erlaubt. Ich würde sogar behaupten, dass es heute überhaupt keine trennscharfe Linie -zwischen vermeintlich realen und vermeintlich fiktiven Welten- mehr gibt. Es existiert hier längst kein entweder oder mehr, sondern nur ein sowohl als auch. Weiterlesen

Die binäre Wahrnehmung

binär_titelLike oder Nicht-Like. Daumen rauf. Daumen runter. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. NATO oder Putin. Hype oder Shitstorm. Fleischfresser oder Veganer. Es gibt zwar US-Serien, die differenzierte Darstellungen von Themen und Charakteren zeigen, aber im politischen und sozialen Diskurs herrscht in aller Regel die eindimensionale Polarisierung vor. Es werden simplifizierende Weltbilder und vorurteilsbehaftete Erklärungsmuster geliefert. Narrative, die moralisch-emotionale Deutungskriterien bedienen, sachliche Argumente verabscheuen und tiefergehende Analysen ablehnen. Wissenschaftliche und akademische Herangehensweisen erzeugen im Aufmerksamkeitswettbewerb zu wenig Klicks, Reichweite und Quote. Die binären Erklärungsmuster entspringen einem absurden ökonomischen Zahlenfetischismus, der alles und jeden messen, zählen und statistisch verarbeiten will.

Die SEO-Filter-Bubble

seo_titelEs gibt einen wichtigen Aspekt, warum wir es mit einer zunehmenden medialen Online-Gleichschaltung zu tun haben und der eher selten thematisiert wird: Search Engine Optimization (SEO) oder kurz: Suchmaschinenoptimierung. Schließlich wollen alle Webseiten-Betreiber möglichst auf der ersten Seite einer Google-Suchanfrage stehen. Verschiedene Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass fast 30 Prozent aller Nutzer auf das erste Ergebnis klicken und nur knapp 5 Prozent der User sich die Mühe machen, auf Seite Zwei der Suchergebnisse zu klicken. Um also weit vorne zu stehen, werden verschiedene Methoden angewandt (Onpage- und Offpage-Optimierung, Linkpyramiden, Backlinks, PageRank, Social-Media-Spamming, Gestaltung der Landing Page etc.). Die Hauptmethode ist und bleibt aber den sog. »Content« (also den Inhalt der jeweiligen Seite) so anzupassen, um Google-Algorithmen bestmöglich zu entsprechen. Weiterlesen

Wissen ist relativ VIII

Enzyklopädie des relativen WissensDie Enzyklopädie des relativen Wissens umfasst nun schon 31 Begriffe. Die zwei neuesten sind »Gewalt« und »Wahrnehmung«. Wir haben auch schon die nächsten zwei ausgewählt und zu einem Drittel auch geschrieben.
Alle Begriffe auf zeitgeistlos.de

Mal so am Rande: Stört es euch eigentlich, dass Ihr die Begriffe und viele andere Inhalte immer erst nach einem weiteren Klick lesen könnt? Also wollt ihr die neuen Begriffe gleich hier im Blog? Ich habe mal dazu eine Umfrage gestartet, könnt aber auch in den Kommentaren antworten. Weiterlesen