Digitale Dystopien

Das erledigen heute smartphones:

Die Omnipräsenz des Smartphones scheint niemanden (mehr) zu kümmern oder zu stören. Man kann kaum noch im Augenblick leben, ihn genießen und auf sich wirken lassen. Alles wird mit dem smartphone via Foto und Video konserviert, sich in den Chats und sozialen Netzwerken inszeniert (»Seht her! Mein tolles Leben! Mein süßes Kind! Mein gutes Aussehen! Meine niedliche Katze!«). Als ich letztens bei einer Tanz‐Aufführung in einer großen Sporthalle von mehreren Schulen mit vielen Kindern war, saßen hunderte Eltern auf den Plätzen und hielten die ganze Zeit ihre smartphones hoch. Sie machten Fotos und/oder Videos. Es war eine Groteske. Wie in einem dystopischen Science‐Fiction‐Film.

Als ich mal an einem See war, haben sich zwei junge Mädchen vor ihren mobilen Endgeräten inszeniert, ohne auch nur einen Fuß in das Wasser zu setzen. Dann sind sie gegangen. Auf Facebook/WhatsApp stand dann bestimmt: »Coole Party am See gemacht« oder so ähnlich. In Bus und Bahn hängt mittlerweile fast jeder vor diesen Geräten. Mit Stöpsel in den Ohren. Abgeschirmt. Isoliert. In einer Bespaßungs‐Glocke. Im Museum, im Schwimmbad, im Kino, auf Wald‐Spaziergängen, in Restaurants, auf Konzerten, auf Kinderspielplätzen, in den Schulen und auf den Arbeitsplätzen – es gibt keinen sozialen Raum mehr, der frei ist von Digitalisierung, Konservierung und (Selbst-)Inszenierung. Und dann wollen mir diese Junkies weismachen, das alles hätte keine langfristigen Folgen? :WTF:

7 Gedanken zu “Digitale Dystopien

  1. Umso wichtiger sind heute Stimmen wie die des alten Enzensberger:

    »Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg. Es hat ein Leben vor diesem Gerät gegeben, und die Spezies wird auch weiter existieren, wenn es wieder verschwunden ist. Der abergläubischen Verehrung, die ihm zuteil wird, sollte man nichts abgewinnen. Smart sind nicht diese Geräte oder die sie benutzen, sondern die sie uns anpreisen, um unermessliche Reichtümer anzuhäufen und gewöhnliche Menschen zu kontrollieren.«

    Selbst ein Konzert kann man inzwischen ja nicht mehr besuchen, ohne zuhauf auf die Gerätezombies zu treffen, die alles mögliche mit ihren »Smartphones« tun, dabei aber gewiss nicht die musikalische Darbietung genießen.

    Wie debil muss man eigentlich sein, um für die Überwachung und eigene Robotisierung auch noch Geld zu bezahlen, indem man diesen von interessierten Konzernen präsentierten Scheiß kauft und nutzt?

    Das sind gewiss dieselben Leute, die auch ein streng überwachtes »Premium‐Internet«, das nur zahlenden »Kunden« zur Verfügung steht, nutzen würden. Der Begriff »Dystopie« ist viel zu harmlos für diese Entwicklung.

  2. Kenne so etwas als Tagebuch. Aber das ist ein Wuttagebuch, dass die Sinnlosigkeit des Seins und der Aufgaben, die man ausführen muss, die einem überhaupt nicht gefallen, einfängt.

  3. Ich hab mir letztens alte Konzert-DVD’s angesehen — da gab es diese Seuche noch nicht. Schaut man sich heute irgendeinen Mitschnitt an, kriegt man vor lauter hochgehaltenen Smart‐Hirnkrücken beinah epileptische Anfälle... Was soll der Scheiß? Was bringt einem da ein verwackeltes, rauschendes, qualitativ vollkommen grottiges, minutenlanges Video oder Foto von ner Band auf einem Konzert aus der Menge raus? Joah, nix — aber man machts halt — weil mans kann...!

    Als Fotograf blutet mir ja grade bei dem Smartphone‐Geknipse eh noch zusätzlich das Herz... Wenn die beiden von dir beobachteten Badesee‐Models wenigstens eine ordentliche Kamera nehmen würden bzw. jemanden fragen würden, der sich auskennt, irgendwelche Kreativität zeigen würden — aber neeeeee, man ist ja smart und kann ja alles selber machen — hat aber von den Grundlagen der Fotografie meist nicht den blassesten Dunst...

    Im Grunde sind die Smartphones ja tragbare »Televisoren« aus Orwell’s 1984. Ich komm mir manchmal auch »komisch« vor; wie so ein alter Grantler, der aus Prinzip etwas gegen alles Moderne, Technische hätte — aber dem ist ja nicht so. Ich habe keine Angst vor sinnvollen technischen Weiterentwicklungen; im Gegenteil bin ich ja auch ein großer Freund der SciFi — und selbst auf der Enterprise gab es ja keine Smartphones... ;)

    Die Dinger passen in meinen Augen jedenfalls perfekt zur total an die neoliberale »Un‐Gesellschaft« angepasste »Generation Degeneration«. Denkfaul war die Mehrheit ja schon immer — aber mit diesen Dingern hat man förmlich das Meisterstück abgeliefert...!

    Wie schrieb der olle Dante? »Die ihr eintretet, lasset alle Hoffnung fahren!«

  4. @Dennis82

    Ich will den Dingern ja nicht ihre gelegentliche Nützlichkeit absprechen. Wenn man unterwegs ist und mal schnell eine Info aus dem WWW braucht oder schnell etwas bildlich festhalten will — dann haben sie schon ihre Daseinsberechtigung.

    Was aber nervt, ist die Omnipräsenz und die Verharmlosung der Smartphones. Denn sie bestimmen und prägen mittlerweile jeden sozialen Raum und jede Kommunikation. Ich kenne so einige, die es nicht schaffen, das Ding auch nur mal für eine Stunde in der Tasche zu lassen.

  5. Mit der stärkste Grund, warum ich es so sehr liebe, mit dem Rennrad oder MTB in der weiten Welt unterwegs zu sein, ist die Nicht‐Erreichbarkeit! Fern jeglicher künstlicher, medialer »Information«; nur das, was einem die Natur und Umwelt so bietet. Ja, es würde ggf. dann auch mal nützlich (= bequem) sein, zu wissen, ob und wann der nächste Schauer heranrückt bzw. wie lange dieser dauert... aber da reicht ja im Grunde ja auch Blick zum Horizont — und etwas Erfahrung. ;)

    Denn diese total nervige Omnipräsenz resultiert ja auch daraus; weil eben alle meinen, sie müssten(!) nahezu immer da jetzt mal schnell im Netz die neuesten Promi‐News checken. Oder irgendwelche bedeutungslosen Fotos machen, um sie im fressbuch zu posten...

    Was mich am meisten anödet, sind allein schon diese ganz speziellen »Blicke« — wenn man auf die Frage nach der Handy‐Nr. oder Whatsapp etc. antwortet, man habe: keins... Manchmal glauben sie einem auch nicht, sondern unterstellen einem, man wolle ihnen nur die Nummer nicht geben...

    Eine Stunde Handy‐Entzug ist ja wirklich schon ziemlich hardcore. ;) Wenn irgendwann mal die Funknetze völlig zusammenbrechen würden (wär doch mal ne Aufgabe für unsere Cyber-»Terroristen«...!?) — und die Leute tagelang ohne Internet, SMS oder Telefon auskommen müssten — ja, dann gäb es vielleicht wirklich mal sowas wie eine echte »Revolution«...!? :d

  6. Schon einige Tage nach diesem Beitrag hat die Realität wieder einmal jede Dystopie und Satire überholt: »Pokemon Go«. Menschen lassen sich von ihrem smartphone steuern und an bestimmte Orte locken, um digitale Mini‐Monster zu »erwerben«. Sind denn alle verrückt geworden?

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