Der pädagogische Happen (32)

 

 

 

 

(In der Schule, Abholsituation)

Mutter: Meine Tochter erzählt mir jeden Tag Zuhause, dass sie von einem Ali immer geärgert wird.

Pädagoge: Ja, ich habe die Situation beobachtet. Möchten Sie eine unbeteiligte Einschätzung dazu hören?

Mutter: (sauer, aufgebracht) Ich will, dass sie sich diesen Ali zur Brust nehmen. Es kann nicht sein, dass er hier frei dreht und andere Kinder schlagen darf!

Pädagoge: (ruhig, sachlich) Wenn ich Ihnen das einmal kurz erklären dürfte...

Mutter: (unterbricht) Wo ist denn dieser Ali jetzt gerade? Ich will mit ihm reden!

Pädagoge: (bestimmt) Stop! So geht das nicht! Die Kinder stehen in der Einrichtung unter unserer Fürsorge und Aufsicht. Außerdem reden wir doch gerade darüber. Also der Konflkt ging von beiden Seiten aus. Ihre Tochter Anna-Lena hat auch...

Mutter: (unterbricht wieder, wird lauter) Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich möchte sofort mit der Leitung sprechen! Wo finde ich die?

Pädagoge: Das Gebäude links, dritte Tür rechts.

Mutter: (stapft wütend davon)


Der pädagogische Happen (1−31)

Kinder in Deutschland; Teil 48: Maskenpflicht

Langjährige Leser dürften wissen, dass ich an einer Schule in Berlin arbeite. Auch bei uns gibt es zum neuen Schuljahr 2020/2021 eine neue Hygieneverordnung sowie Maskenpflicht. Die Umsetzung hat mit pädagogischen Grundsätzen absolut nichts mehr zu tun. Sie ist ein groteskes Chaos, ein kafkaesker Irrsinn und eine absurde Behörden-Willkür. Angst, Panik und politischer Aktionismus verwandeln den Bildungsraum Schule, bei der Kinder kognitive, aber auch sozial-emotionale Fähigkeiten entwickeln und stärken sollen, in ein völlig realitätsfernes Experimentierlabor. Ein Erfahrungsbericht. Weiterlesen

Lehrer-Bashing

Es ist mittlerweile zum Volkssport geworden und dauert keine 10 Minuten mehr, wenn über Schule geredet wird: Lehrer-Bashing. Es klammert (wie so oft) jedwede strukturelle Problematik komplett aus: »schuld sind die Lehrer!« Darin sind sich alle einig. Sie sind die Prügelknaben der Nation. Gleichzeitig wundern sich alle, warum es bundesweit so einen Lehrermangel gibt? Die Bezahlung ist doch vergleichsweise solide? Na gut, Kinder können ein wenig Kraft kosten, aber das bekommt man doch irgendwie hin, oder?

Das Problem sind jedoch nicht die Kinder, sondern die Eltern! Ich kenne und lebe ‑als Pädagoge der täglich in einer Grundschulklasse arbeitet und gleichzeitig als Vater auf Elternabenden auftritt- beide Perspektiven. Am Ende sind es für mich meist die Eltern, die mit Hysterie, Propellerkreisen, überzogener Anspruchshaltung, Gerüchten, Vorwurfssprache, Selbstoptimierungs‑, Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken sowie mangelnder Kooperationsbereitschaft, das System Schule zu einer anstrengenden Veranstaltung machen. Waren früher die Kinder für ihre Leistungen selbst verantwortlich, stürmen heute die Eltern die Lehrerzimmer: »Warum hat mein Kind eine fünf bekommen?« Weiterlesen

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»CDU-Fraktion will Schulen auf Discountern bauen. Der Berliner CDU-Fraktion geht es beim Schulbau nicht schnell genug. Zu Beginn des neuen Schuljahres wird es zu wenig Plätze geben. Sie setzt daher auf unkonventionelle Ideen. Schulen bei Aldi & Co. aufs Dach zu setzen ist nur eine davon.«

- welt.de vom 30. Dezember 2019

Anmerkung: Warum nicht Schulen auf oder neben McDonalds oder Burger King bauen? Dann hätte man das Schulessen auch gleich mit abgedeckt? Oder vielleicht Oberschulen auf oder neben Kasernen bauen? Dann könnte der Nachwuchs gemeinsame Workshops und Projekte mit den Soldaten machen? Schießübungen, Auslandseinsätze und mehr über den Feind Russland lernen? Die Möglichkeiten sind hier grenzenlos! Wir brauchen deutlich mehr »unkonventionelle Ideen«, Herr Stettner (bildungspolitischer Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus)! :jaja:

Bildungsrepublik Deutschland

»Der Mangel an Lehrkräften verfestigt sich. [...] Insbesondere im Grundschulbereich [...] Anwerbemaßnahmen zum Nulltarif ohne qualitative und monetäre Verbesserungen werden nicht ausreichen, um die Lücke zu schließen [...] vor allem in Schulen in sozial schwierigen Wohnquartieren.«

(13.09.2019, Marlis Tepe, GEW-Vorsitzende)

Anmerkung: Warum es wohl vor allem bei den Altenpflegern, Erziehern und Lehrern so einen Notstand gibt? Die Arbeitsbelastung ist hoch, die Bezahlung (Ausnahme Lehrer) ist unterwältigend, die gesellschaftliche Anerkennung niedrig und die Karrieremöglichkeiten begrenzt. Wer eine neoliberale, »marktkonforme Demokratie« (Merkel) propagiert, sollte sich nicht wundern, wenn immer weniger Menschen Freude an empathischen Berufen entwickeln. Das marktradikale Motto heißt doch allerorten: »Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht!« Klappt wohl doch nicht, oder? ;)


Berliner Bildungsprogramm: eine Kritik
Neusprech: Sozial schwach und bildungsferne Schichten

Der pädagogische Happen (29)

Mutter: »Könnten Sie mir bitte helfen, meine Tochter zu finden?«

Pädagoge: »Ja, natürlich!«

(Mutter verschwindet unauffällig. Der Pädagoge sucht und findet das Kind auf dem Schulhof.)

Pädagoge (zur Kollegin): »Sag mal, hast Du die Mutter von Lena gesehen?«

Kollegin: »Sie meinte, sie wartet in ihrem Auto vor der Schule und Du möchtest ihre Tochter doch bitte zu ihr bringen.« (Der Pädagoge bringt das Kind zum Auto.)

Mutter: »Danke, dass Sie mir geholfen haben!«

Pädagoge: »Frau Kolaczyk, es ist eigentlich nicht unsere Aufgabe die Kinder zu suchen und zum Auto der Eltern zu bringen. Bitte holen Sie Ihr Kind das nächste mal bitte selbst ab.«

Mutter: »Aber ich kann meine Tochter immer so schwer finden!«


Der pädagogische Happen (1−28)

Vorträge halten

Ob auf der Oberschule, in der Ausbildung, in der Universität oder auf einer Fortbildung: immer wenn es heißt, dass die Schüler in dem Fach ein Referat halten sollen, gibt es in der Regel genaue Vorgaben, in welcher Form das gemacht werden soll. Beispielsweise soll der Vortrag nicht länger als rund 20 Minuten sein. Wie oft mir in meinem bescheidenen Leben von Mitschülern und Mitstudenten stundenlang das Ohr abgekaut wurde, kann ich nicht mehr zählen. Wenn ich mir an einem Tag fünf Referate anhören muss und alle ihre Zeit gnadenlos überziehen, so eine Stunde und länger ihren Sermon vorne abliefern, dann bin ich fix und fertig. Nein, es hat absolut nichts mit Kompetenz oder Fachwissen zu tun, wenn man ganz besonders lange vorne herum schwätzt, nur um die meist anschließende Diskussion zu verkürzen.

Die Kunst besteht eben nicht darin, jedes Detail eines Textes wieder zu käuen (oder wikipedia durch-zu-zitieren), sondern das Wesentliche zu erkennen und auf den Punkt zu bringen. Fast überall im Berufsleben kommt es darauf an, den Kern in wenigen Worten zusammen zu fassen. Kaum ein Behördenmensch, Chef, Unternehmer, Kundenberater oder Geldgeber jedweder Form, möchte stundenlang zugetextet werden. Es ist eben kein Kavaliersdelikt, wenn man ganz besonders viel als Vortragender zu erzählen hat, sondern respektlos und egoistisch den Zuhörern gegenüber. Und sofern man als Zuhörer das Thema nicht absolut spannend findet, schaltet jeder nach 15 Minuten auf den Standby-Modus. Inklusive des Dozenten.


»Aufmerksamkeit als Währung«

Medial verstrahlt

Wer in einer Schule, einem Hort oder in einer Kindertages‑, Jugend- oder sozialen Einrichtung arbeitet, erlebt relativ schnell die Folgen der Digitalisierung. Immer mehr Kinder haben eine Aufmerksamkeitsspanne von 30 Sekunden bis maximal 5 Minuten. Sie können alle »Fortnite«-Tänze, bauen tolle »Minecraft«-Welten, wissen schon sehr früh wie man mit smartphones und Tablets umgeht, aber können sich mit 6 Jahren nicht mehr die Schuhe zu binden, geschweige denn eine analoge Uhr lesen. Es ist daher völlig unverständlich, dass es von wissenschaftlicher Seite immer wieder heißt, man habe dafür »noch keine Daten« oder man müsse das Phänomen »noch untersuchen«. Die digitale Versumpfung von Millionen von Smartphone-Junkies ist jeden Tag überall zu beobachten.

Besonders bigott sind viele linksgrüne Bio-Öko-Alternativ-Eltern, die alles Digitale für ihre Kinder verbieten, aber selbst den ganzen Tag an der WhatsApp- und Facebook-Nuckelflasche hängen. An vielen Schulen und Kindertageseinrichtungen sind die Dummphones verboten. Es hängen Verbotsplakate. Es wird überall darüber informiert. Aber was interessiert das die Süchtigen. Bei Kita- und Schulveranstaltungen sitzen die Eltern nur noch mit erhobenen Händen da, um alles aufnehmen zu können. Wer Bus und Bahn fährt, glaubt in einem dystopischen Thriller zu sein. Übrigens: der Vergleich mit der Tageszeitung ist nur noch lächerlich. Offline ist das neue Bio!


»Automatisierung. Digitalisierung. Industrie 4.0.«
»Handystrahlung produziert Zombies«
»Digitale Dystopien«

Presseblick (75)

In Frankreich sind sechs der zehn größten Vermögen in den Händen von Medienunternehmern.“
Serge Halimi. Gegen den Strom. Le Monde Diplomatique. Oktober 2015. S. 23

Massenarmut. Landraub. Verelendung. Kriege. Umweltzerstörungen. Abbau von Bürgerrechten. Wirtschaftskriminalität. Massenüberwachung. Das alles bekommt in unserer bürgerlichen Medienwelt nicht die Aufmerksamkeit, als wenn es um vermeintlichen Sexismus geht: »Transsexuelle Entwicklerin: Mob will sie feuern lassen, scheitert.« Oder: »Arte, der Männersender.« Fast täglich werden wir mit solchen und ähnlichen Meldungen, Artikeln und Beiträgen bombardiert. Ganz so, als würde der Kampf gegen das vermeintliche Patriarchat das einzig wichtige gesellschaftliche Problem unserer Zeit sein.

Es ist nicht nur ein perfektes Ablenkungsthema, damit sich niemand mehr mit der Finanzindustrie sowie den Eigentums- und Vermögensverhältnissen, mit Kriegen sowie den täglichen kriminellen Schweinereien von Konzernen und Banken beschäftigt, es spaltet auch auf Mikroebene weiter die Gesellschaft. Divide et Impera, damit allein schon der Gedanke an Solidarität ausgelöscht wird. Die Solidarität der Armen, Entrechteten, Arbeitern und Hilflosen untereinander war und ist das Grundübel der kapitalistischen Ordnung. Denn wo Solidarität herrscht, gibt es Protest, Streik und Widerstand. Weiterlesen

Bildung nur für Reiche

»Laut einer aktuellen Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) fehlen Eltern mit geringerem Einkommen die Ressourcen, um ihre Kinder bei der Bewältigung des größeren Lernpensums zu unterstützen.«

- Böckler Impuls Ausgabe 09/2018. »G8 verringert die Chancengleichheit«. (Hans-Böckler-Stiftung. Deutscher Gewerkschaftsbund. DGB)

Anmerkung: Das war und ist wohl das Ziel des Bologna-Prozesses gewesen. Die finanziell Armen raus und unten halten. Mission erfolgreich!