Traumjob: Selbstverwertung

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Gesehen am 13. Oktober 2017 in einem Berliner U-Bahnhof

„Studiere jetzt für die realen Zukunftsanforderungen in Unternehmen!“

Vor rund sechs Jahren habe ich schon einmal den „Markttraumjob“ thematisiert. Für Politik, Wirtschaft und Marketing scheint es weiterhin ein Naturgesetz zu sein, dass die Selbstverwirklichung des Einzelnen nicht nur zwingend in Lohnarbeit enden soll, sondern auch, dass jeder abhängig Beschäftigter stets immer genau dort seine Erfüllung finden muss, wo Unternehmen gerade dringend menschliche Waren aka „Humankapital“ benötigen. Die eigentlichen Motive von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung -also das Erforschen und Entdecken der eigenen Leidenschaften und Interessen- jenseits von monetärer Lohnarbeitsverwertung, werden schlicht pervertiert. Und niemanden fällt es auf, dass es eben keine Selbstverwirklichung, sondern eine Selbstentfremdung ist, wenn ich primär die Interessen von Anderen bediene, anstatt das zu machen, was mir Erfüllung und Zufriedenheit bringt. Und natürlich habe ich immer genau dort meine Kompetenzen, was der ominöse „Markt“ gerade von mir verlangt. Schließlich sind wir unendlich formbare („lebenslanges Lernen!“) Ressourcen im Dienste des Kapitals. :JAJA:

Vom Geld-Selbstwert

selbstwert_titelArmut und Arbeitslosigkeit machen krank und depressiv. So lautet das allgemeine Narrativ und das öffentliche Dogma. Und das heißt eben auch: wer arm und/oder krank ist, soll möglichst nicht glücklich und zufrieden sein. Denn das würde ja Stillstand und mangelnden Veränderungs-, Ehrgeiz- und Verbesserungswillen bedeuten, so der industriell-neoliberale Habitus. Immer in Bewegung sein, unendlich viele Bedürfnisse haben und niemals mit dem Ist-Zustand zufrieden sein, erzeugt jedoch chronisches Unglücklichsein. Und nein, das bedeutet freilich nicht, politisch erzeugte Massenarmut als fatalistisches Schicksal bedingungslos und devot zu akzeptieren.

Die eigene innere Zufriedenheit und das Selbstwertgefühl sollen an eine Lohnarbeit-Selbstverwertung und an den eigenen Kontostand gebunden sein. So will es der moderne Zeitgeist. Und so wollen es die Eliten aus Politik und Wirtschaft. Sie produzieren damit -neben ökonomischen und strukturellen Abhängigkeiten- auch eine mental-emotionale Hörigkeit. Ich halte es für elementar, das Selbstwertgefühl eben nicht an vergängliche Konsumgüter, an das eigene Aussehen oder an die eigenen Finanzen zu knüpfen. Das erzeugt langfristig nur Depressionen.

Und ja, ich höre schon die Einwände: natürlich sollten elementare Grundbedürfnisse, wie Wohnen, Essen oder auch mal Urlaub, stets gedeckt sein. Es ist für das eigene, langfristige Wohlbefinden jedoch deutlich gesünder, seine innere Zufriedenheit aus den eigenen Leidenschaften, Interessen und kreativen Ideen -jenseits von monetärer Verwertung- zu ziehen.

Identitätsproduktion

change_titelIch habe das nie verstanden. Da geht Mann oder Frau zum Frisör, kauft sich neue Klamotten und/oder macht eine erfolgreiche Diät und sofort reden alle davon, dass er oder sie sich verändert habe. Eine riesige Medien- und Schönheitsindustrie produziert und profitiert von diesem Narrativ. Natürlich ist das Aussehen Teil der individuellen Identität. Aber eben nur ein Teil. Wer sich seiner selbst bewusst sein, also selbstbewusst werden will, erreicht das eben nicht mit dem Konsum von gleichgeschalteter Marken-Identitätsproduktion. Persönlichkeit und Charakter verkommen hier zu kollektiven Konsum-Worthülsen, da sie jeder überall kaufen kann.

Selbstinszenierung, Selbstoptimierung und Selbstentfremdung sind die modernen Werte der digitalen Unfreiheit. Authentische Veränderung hingegen, kommt aus sich selbst heraus. Sie ist Sein und nicht Haben. Sie ist das Ergebnis von persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen. Sie kann nur entstehen, wenn man mit Neugier, Empathie und Selbstreflektion durch das Leben geht. Eigenschaften, die vielen Facebook-Selbstinszenierer-Narzissten völlig fremd sind.

Selbstentfremdung

selbstent_titelOft werde ich gefragt, was Selbstentfremdung durch Lohnarbeit eigentlich genau bedeuten soll? Schließlich verdiene man sein eigenes Geld, sei unabhängig, liege niemandem auf der Tasche und man würde sich mit seinem eigenen Job doch auch selbst verwirklichen? Nun zu behaupten, das Gegenteil sei der Fall, empfinden viele nicht nur als absurde und steile These, sondern auch als einen persönlichen Angriff auf ihren Lebensstil. (Lohn-)Arbeit mache doch schließlich unabhängig. Oder etwa nicht?

Im Einzelfall mag es Jobs geben (besonders im sozialen, geisteswissenschaftlichen oder künstlerischen Bereich), in denen Menschen Sinnerfüllung und Freude durch ihre Tätigkeiten erfahren und davon sogar noch halbwegs gut leben können. In den meisten Fällen dürfte es aber eher so sein –insbesondere in Anbetracht des Arbeitsmarktes- das Mann und Frau an Lohnarbeit nehmen, was sie kriegen können. Hauptsache Arbeit. Egal welche. Eine Funktion ausfüllen ohne erfüllt zu sein. Weiterlesen

Unerwünschte Fragen

In einem vergessenen Lager im Oktober 2016 entdeckt

Brettspiel: In einem vergessenen Lager im Oktober 2016 entdeckt.

  1. Wer hat Macht und weshalb?
  2. Warum ist Eigentum, Vermögen und Besitz weltweit so extrem ungleich verteilt? Und ist das ein Naturzustand oder gibt es Möglichkeiten, diesen Zustand zu verändern?
  3. Wer hat welches Interesse? Welche geopolitischen Ziele verfolgen Israel und die USA? Was wollen Banken und Konzerne? Warum wird das in den Leitmedien nicht thematisiert?
  4. Wenn Lohnarbeit in der Regel Selbstentfremdung und eben nicht Selbstverwirklichung bedeutet, warum gibt es dann noch immer einen so weit verbreiteten Lohnarbeits-Fetisch?
  5. Warum sind Kapitalismus und Krieg so untrennbar miteinander verbunden?

Wer sich allein nur diesen Fragen stellt, wird schnell zu einem Populisten, Verschwörungstheoretiker, Antisemiten, Spinner, Aluhut oder Antiamerikaner erklärt.

Du musst funktionieren!

funktion_titelAls…

Mutter
Vater
Kind
Liebespartner
Lohnarbeiter
Steuerzahler
Konsument
Freund

Der Zwang zur lebenslangen Selbstentfremdung und die Hingabe zur konsumorientierten Identitätsproduktion gelten als gesunder Geisteszustand. Wer nicht mehr mitmachen kann oder will, wer auf die ureigenen Bedürfnisse hören und nicht mehr primär für die Interessen anderer Leute instrumentalisiert werden möchte, sei krank und brauche psychiatrische Behandlung. Frei und authentisch im Neoliberalismus ist, so zu sein, wie andere Dich haben wollen und nicht, wie Du gerne sein möchtest! Kultiviertes Doppeldenken als soziale Norm und Alltags-Realität.

Selbstoptimierung

opti_titelNach dem griechischen Philosophen Epikur ist Glück die Erfüllung ureigener Bedürfnisse, eine Hingabe an die kreative Lust und das Streben nach einem Zustand innerer Seelenruhe. Dabei sei die strategische Reduktion auf die notwendigsten Bedürfnisse keine Askese, sondern die Vermeidung von schädlichem Ehrgeiz und krankmachender Gier. Der heutige sozioökonomische Anpassungsdruck, der auf die Menschen durch vielerlei Kanäle und Mechanismen ausgeübt wird, macht das Individuum zum Objekt fremder Bedürfnisse. Zu einer Nummer, zu einem Produkt und zu einer Arbeitsmarktware. Der technokratisch-bürokratische Staatsapparat sowie die neoliberale Konsum- und Arbeitswelt zwingen den Bürger, seine Individualität zu negieren, seinen Marktwert zu steigern und sich -im Sinne einer höheren ökonomischen Verwertbarkeit- ständig selbst zu optimieren. Weiterlesen

„Bleiben Sie authentisch – aber verkaufen Sie sich!“

authentisch_titelDas hat letztens eine Frau zu mir gesagt, die das völlig ernst meinte. Sie sah absolut keinen Widerspruch zwischen den eigenen Bedürfnissen, Interessen und individuellen Charaktereigenschaften und dem, was andere, primär Unternehmen, Politik und die Familie von einem wollen, fordern und verlangen. Authentisch sei heute demnach, so zu sein, wie andere einen haben wollen und nicht, so zu sein, wie man wirklich ist. Oder noch besser: nur derjenige ist wirklich authentisch, der sich ohne Widerstand formen und biegen lässt. Selbstentfremdung sei Selbstverwirklichung. Ja, sind denn alle verrückt geworden? :WTF:

Kinder in Deutschland; Teil 33: Großeltern

großeltern_titelEs scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass Großeltern, ihre Enkel materiell und emotional verwöhnen dürfen. Es werden den Kindern wenig bis keine Grenzen gesetzt, sie dürfen überdurchschnittlich viele Süßigkeiten futtern und sie werden mit allerlei Kram beschenkt. Viele Großeltern entschuldigen ihr Verhalten mit dem Argument, dass sie nicht anders „könnten“, sie würden ihre Enkel doch so selten sehen und wollen ihnen dann doch „etwas Gutes“ tun. Dabei ist dieses Verhalten der Großeltern alles andere als ein Kavaliersdelikt, denn es geht ihnen vor allem darum, von den Enkeln unbedingt geliebt zu werden. Diese egoistische Einstellung so mancher Großeltern, erzeugt häufig nicht nur viele Konflikte mit den Eltern, sondern schädigt langfristig auch der kindlichen Entwicklung der Enkel. Weiterlesen