»Wir müssen reden!«

»Schweigen ist die wesentlichste Bedingung des Glückes.« (Heinrich Heine. »Essays I: Über Deutschland. Elementargeister«.)

Wie oft habt Ihr diesen Satz in eurem Leben schon gehört? Immer wenn es zwischenmenschliche, berufliche oder familiäre Konflikte, Probleme und Differenzen gibt, kommt das Allheil‐ und Wundermittel Kommunikation daher. Viele glauben heutzutage daran, dass es nur auf die richtigen Worte, die richtige Technik oder die vermeintlich richtige Semantik ankomme, um Menschen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Ja, es gibt riesige Berufszweige, die sich damit beschäftigen: von Coachern, Beratern, Moderatoren, Psychologen, Pädagogen bis zum Supervisor. Das Web ist voll mit tausenden Foren, bei denen ganz innovativ geraten wird: »Redet doch mal darüber!«

Sicher, Kommunikation ist alles. Aber gleichzeitig Nichts. Die Macht der zwischenmenschlichen Kommunikation wird ständig überschätzt. Besonders von Frauen. Denn den tief verinnerlichten Normen, Werten und Narrativen kommt man nicht mit einem »guten Gespräch« bei. Schön wärs! Anstatt die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die gesetzlichen Regelungen und die strukturellen Sachzwänge, die uns täglich beherrschen und disziplinieren, zu thematisieren, weil sie eben in fast allen Fällen die Ursachen aller Probleme sind, will man lieber über vermeintlich zwischenmenschliche Probleme quatschen und labern. So als wäre alles nur ein »Vermittlungsproblem«. Nein, es ist oft sogar sehr heilsam, in sich zu ruhen und zu schweigen.

Presseblick (33)

Mo Seetubtim, Gründerin, Autorin und Kreativdirektorin bei brandmentalist.com, schreibt auf huffingtonpost.de über »Diese 20 Überzeugungen machen Menschen erfolgreich«. Jeder könne alles erreichen, wenn er nur die richtige Einstellung habe. Schließlich hat die Götze Eigenverantwortung magische Kräfte und kann, wie von Geisterhand, ökonomische Abhängigkeiten, Anpassungszwänge und Selbstentfremdungsmechanismen, spielend leicht überwinden. Konzerne und Banken treiben die Welt nicht in den Ruin, dafür ist der Einzelne mit seiner negativen Einstellung verantwortlich. Jawohl! Weiterlesen

Kinder in Deutschland; Teil 27: Kontaktabbruch

Wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, hat das meist ernste Gründe. Ein vermeintlich kleiner Streit kann das Fass zum Überlaufen bringen. Jahrelange zwischenmenschliche Differenzen, emotionale Kälte und eine Beziehung, die nicht auf Augenhöhe basiert, kann vor allem erwachsene Kinder, dazu bewegen, den Kontakt komplett abzubrechen. Die Dunkelziffer verlassener Eltern wird in Deutschland auf über 100.000 geschätzt. Natürlich sind Eltern nicht für alles allein verantwortlich, ihre Kinder werden auch von Freunden, Erziehern, Lehrern, Liebespartnern und den Medien geprägt. Dennoch sperren sich die meisten Eltern dagegen, die Kindheit der eigenen Kinder ernsthaft zu reflektieren. Weiterlesen

Krankhafte Gesundheit

Ich fühle mich gesund. Ich bin zufrieden mit mir und meinem Leben. Sicher gibt es immer Rückschläge, nachdenkliche Zeiten, aber auch Erfolgsgefühle und glückliche Momente in meinem Leben. Alles in allem bin ich jedoch ein recht zufriedener und ausgeglichener Mensch, auch wenn einige vermuten mögen, mein kritischer Geist rühre von einer unzufriedenen Seele her. Dem ist aber nicht so. Es ist eben einfach meine Art. Soweit so gut.

Wenn ich mich jetzt entscheiden würde, eine Therapie zu machen, stelle ich folgende These auf:

Der Therapeut würde nach spätestens zwei oder drei Sitzungen, bei mir etwas vermeintlich ungesundes finden. Er würde vermutlich solange in meiner Psyche bohren und popeln, bis er eine Diagnose erstellen kann. Was würde das über Psychologen und Therapeuten aussagen? Machen sie gesunde Menschen krank bzw. sorgen sie für ihre eigenen Patienten? Werden Therapeuten maßlos überschätzt? Oder sind wir einfach alle krank und wissen es nur nicht?

P:S: Passt zwar jetzt nicht hier hin, aber wir haben unsere »Kommentieren‐Infoseite« aktualisiert.

Psychologie der Resignation

»Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag auf den andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, daß ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod. Und das war ihm durchaus recht«.

- Patrick Süskind. Aus dem Roman: Die Taube. Seite 5.

Anmerkung: Sieht so die Psychologie der Masse aus? Eine millionfache Resignation? Wenn ja, was kann man dagegen tun? Sollte man etwas dagegen tun? Scheinbar steht das Bedürfnis nach monotoner Sicherheit, sei sie noch so illusorisch, über dem urmenschlichen Drang nach authentischem Leben.