Der Markttraumjob

»Mein Job ist mein Traumjob, der am Markt gefragt ist — beste Aufstiegschancen inklusive«

- Plakatwerbung der Initiative www.praktisch-unschlagbar.de vom BMBF und BMWi im Rahmen des Ausbildungspaktes

Anmerkung: Du sollst nicht die Lohnarbeit verrichten, die Dir gefällt oder Spass macht. Du sollst den Unternehmen, den Konzernen, kurz: dem Markt dienen. Dort schuften, wo Nachfrage nach Menschenmaterial besteht. Was bedeuten schon Selbstbestimmung, Würde und freie Entfaltung des Individuums, wenn der allmächtige Gott‐Leviathan »Markt« Forderungen stellt?

Interessant ist, dass das Marketing‐Internetportal horizont.net das Plakat zum obigen Zitat auch aufführt. Da heisst es auf einmal:

Mein Traumjob ist am Markt gefragt — beste Aufstiegschancen inklusive.

Vermutlich haben die Kampagnenmacher selbst gemerkt, was sie da eigentlich formuliert haben und es im Nachhinein verändert. Denn so ist der Satz natürlich entschärft. Zum Vergleich nochmal beide Bilder. Bild 1 ist in einem Berliner U‐Bahnhof aufgenommen, Bild 2 vom Internetportal horizont.net. Auf der Homepage der Kampagne habe ich das Bild nicht gefunden (klicken zum vergrößern):

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass der Satz wohl kein wörtliches Zitat vom abgebildeten Martin Henning ist. Auf der Kampagnen‐Seite gibt es ein Interview mit ihm, wo er folgende Aussage macht:

Warum wurde gerade diese Ausbildung bzw. Weiterbildung ausgewählt?

Ich habe mich für die Ausbildung zum Fluggerätmechaniker entschieden, weil ich seit meiner Kindheit fasziniert bin von Flugzeugen. Der Bereich Triebwerkstechnik begeistert mich besonders, weil er besonders anspruchsvoll und herausfordernd ist.

Offensichtlich ist und war es seine Motivation diese Lohnarbeit zu wählen, weil es seinen Interessen entspricht und eben nicht, weil sie gerade am »Markt« gefragt ist. Die Kampagnenmacher und insbesondere die Paktpartner, dazu gehören unter anderem die Arbeitgeber‐Verbände BDI und BDA, verdrehen und instrumentalisieren die Kampagne für ihre eigenen Interessen:

Gemeinsam die Fachkräfte sichern [...] Reserven mobilisieren [...] das Potenzial und die Fähigkeiten möglichst vieler junger Menschen nutzen [...] die Ausbildungsreife sicherzustellen...

Während noch vor ca. 40 Jahren die Selbstentfremdung und Fremdbestimmung des Menschen, durch die Lohnarbeit, offen diskutiert und kritisiert wurden, wird es heute als Naturzustand des Menschen definiert: wir haben dem »Markt‐Dämon« zu dienen und haben zu funktionieren. Der sog. »Ausbildungspakt« ist eine Farce und dient in erster Hinsicht Arbeitgeber‐Interessen. Unternehmen sollten ab einer bestimmten Größe, unabhängig von der Marktnachfrage, verpflichtet werden, Ausbildungsplätze bereit zu stellen.

8 Gedanken zu “Der Markttraumjob

  1. Na ja, das eine muss doch das andere nicht ausschließen. Es ist für ein Unternehmen auch wünschenswert, wenn die Mitarbeiter ihre Erfüllung in ihrem Job sehen wegen höherer Motivation usw..

    Das Problem ist doch, dass für die meisten Leute keine Tätigkeit vorhanden ist, die ihren Fähigkeiten, Wünschen usw. entspricht. Der zitierte Azubi stellt doch wohl eher die Ausnahme im neoliberalen Kapitalismus dar, dessen Vertreter dies tatsächlich als Naturzustand definieren und fatalistische Fügung in unser Marktschicksal verlangen.

    Wegen der zugegebenen Unsicherheit des marktliberalen Systems propagieren die Heilsbringer des Marktes auch das life long learning Konzept, um eventuell ›mal in eine Marktnische kriechen zu können.

    Dagegen macht man aktuell nicht viel, weil die Mehrzahl der Opfer immer noch ruhig gestellt ist durch tolle TV‐Formate, Videospiele oder sonstiger Ablenkung.

  2. Ich kann das nur bestätigen, weil ich mich aus beruflichen Gründen gelegentlich mit diesen Propagandaschriften zum Thema Ausbildung befassen muss. Ich frage mich regelmäßig: Was würdest du tun, wenn du ein alterstypisch orientierungsloser Sechzehnjähriger wärst, der fast jeden Tag mit so was zugeschwallt wird? Punk werden? Alkoholiker? In den Untergrund?
    Perfide auch, dass mit diesem Flitterkram bei jungen Menschen, die was erreichen wollen, Erwartungshaltungen in puncto Job aufgebaut werden, die niemals eingelöst werden können. Fragt noch jemand, warum Depressionen und Burnout sich zu den neuen Volxkrankheiten mausern?

  3. Gott, sprichst du mir aus der Seele. Keine Chance mehr, dass zu machen, was auch den eigenen Interessen und Leidenschaften entsprechen könnte. Stattdessen fadenscheinige Diskussionen über Work‐Flows für Erfolgsgeile. Lebenslanges Lernen für den; »Jetzt, hier ich bin da, und gerade benutzbar für das was ihr braucht, — also kauft mich« — Adepten. Die Sterne, kennen nur noch ein Gesicht. — Geld. Viel Geld.

  4. Es geht schon in der Schule oder teilweise Kindergarten los; man wird ruhiggestellt und muss (!) zeichnen, basteln... und später schreiben und errechnen, was andere als »schön« oder »wichtig« empfinden, danach bewirbt man sich und muss (!) in Büchern nachlesen wir man sich richtig beim VErstellung... oh pardon ich meine natürlich Vorstellungsgespräch verhält (Blick, Körperhaltung, Sprache, Atemrythmus, Intimrasur etc.) Alles muss sitzen wie eine Eins.
    Oder man geht studieren; aber auch hier keine Muße, sondern etwas, womit man richtig Karriere machen kann und zwar in Regelstudienzeit mit Praktika und und und
    Sinnloser Scheiß.

    Und was muss ich hier jetzt lesen?!
    Jetzt muss man es nicht nur Lehrern, Politikern, Eltern u.ä. Recht machen, sondern auch noch »dem« »MARKT« 0_o WTF

    Komisch, dass ausgerechnet »Konservative« und Neo-»Liberale« so einen Rotz verlangen, den man KNIGGEN kann, wo sie — wenn sie wirklich konservativ wären — in die Steinzeit zurück müssten, als die Leute noch Dinge lernten, die sinnvoll waren und sich nachts nach einem gemeinsamen Grillabend hingelegt haben und sich gesagt haben: »Man, was ich heute wieder alles gemacht und gefunden habe!«

    Heute: Zahlen jongliert, Bilanzen gefälscht, Klinken geputzt.

    Traurig.

    Und wären sie wirklich »liberal«, dann...

    Naja!
    Freiheit — ein wunderbares Ideal... eine Illusion letztendlich.
    Bekannt, bekannt...

    Habe gestern eine österreichische Talkshow gesehen mit Dirk Müller, einem Ökonomen, einer Freigeldlerin und ein paar anderen Gestalten und der Ökonom meinte, dass ein kommender Krieg eine kollektive Geisteskrankheit ist, und in der Tat, dieser militärischer Ton mit seinen Durchhalteparolen, Außenseiteraggressivität, Fahnenschwänken und dem Gebrüll bemerke ich zusehens in unserer ach‐so‐friedlichen Gesellschaft die es ja eigentlich »gelernt« haben will. Nun gut.

    Und dass viele dieser »Traumjobs« nur noch mit Psychopharmaka und anderen Drogen zu ertragen sind rundet das ganze so ziemlich ab.

    Die Leute heute müssen IRGENDWO IRGENDWAS arbeiten
    Sie fahren abends dann IRGENDWO nach Hause zu IRGENDWEN als xte Lebensabschnittsgefährte von IRGENDEINEM Job (zum Umziehen für IRGENDEINEN nächsten Job vllt??)
    Sie nennen es »FREIHEIT«.

    Bäh.

  5. Der Freiheitsbegriff der Neoliberalen ist ein dezidiert negativer, d. h., Freiheit bedeutet für sie Freiheit von (staatlicher) Bevormundung, gewaltsamen Übergriffen der Mitbürger u.ä.. Freiheit zu etwas kann es für sie nur auf dem Markt geben: Als Akademiker_in Burgerwender zu werden, ist daher kein Zwang sondern Freiheit, während die Besteuerung eines Unternehmens ein staatlicher Eingriff also Zwang ist.

  6. Man sollte sich eben nicht als Sklave sehen, wenn einem schon nichts anderes übrig bleibt, als in irgendeine menschenverachtende Maloche zu rennen.
    Man muß das als Chance begreifen, um diese Scheißbetriebe zu unterwandern, zu infiltrieren um Schaden dort anzurichten, wo er auch
    Wirkung zeigt.
    Begreift doch endlich, diese Drecksbonzen brauchen euch und das könnt ihr ausnutzen, um das Ganze von innenraus zu zerstören.
    Nur mal so ein kleiner Hinweis.

  7. Pingback: Der Markttraumjob | WIR Der ZeitBote Saarland – Das Sozial-Magazin

  8. Und wenn an solchen Arbeitsplätzen, da wo man angeblich gefragt ist, der eine Mitarbeiter den anderen Mitarbeiter verkauft, wenn Mobbing, Spionage an der Tagesordnung ist, dann ist das »doppelplusgut«. Und wenn die Lohnspirale sich in einem Tempo nach unten dreht, dann rotiert der Jobber im Hamsterrad.
    Es wird Zeit, dass wir aus diesem Wahnsinn aussteigen und Deutschland neu gestalten. Wir gründen den Staat Deutschland neu. Eine Aktion von:

    http://www.neudeutschland.org/index.php/Wir_gr%C3%BCnden_Deutschland_neu_-_Und_Sie_machen_mit.html

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