Neusprech: Krankheit

»Es geht nicht, dass sich jeder bei Kopfschmerzen drei Tage krank schreiben lassen kann. Die ersten drei Krankheitstage sollten auf den Urlaub angerechnet oder nicht mehr bezahlt werden.«

- Klaus‐Peter Meinzer, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU‐Mittelstands — und Wirtschaftsvereinigung bei netdoktor.de am 13. Juni 2006

Die Krankheit wird gemeinhin als eine unerwünschte Einschränkung bzw. Benachteiligung des Menschen gesehen. Sie wird als eine negative Zustandsform betrachtet, welche die eigenen Fähigkeiten beeinträchtigt. Das nicht Vorhandensein von Harmonie und Glück wird als Krankheit definiert. Im marktradikalen Deutschland wird die Krankheit sprachlich und ideologisch auf eine fehlende Funktion reduziert, da der Lohnarbeiter nicht mehr ganz (oder eben nur teilweise) fähig ist, einer bezahlten Arbeit nachzugehen.

Ursache, Symptom und Auswirkungen der individuellen Krankheit interessieren die wenigsten Arbeitgeber. Der Mensch soll funktionieren. Dabei muss die Krankheit nicht zwingend etwas negatives sein. Sie kann uns Dinge bewusst werden lassen, die wir im Alltag verdrängen oder nicht wahrhaben wollen. Im Sinne einer ganzheitlichen Einheit und Polarität des Menschen, ist die Krankheit ein ebenso wichtiger Bestandteil des Lebens wie die Gesundheit. Die Krankheit als Phänomen zu verdrängen, gleicht der weitverbreiteten Angst vor dem Tod. Eine Krankheit nur als eine »Fehlfunktion« des Menschen zu betrachten, macht ihn zu einem Ding und verkennt die Krankheit als ein ganzheitliches Phänomen des Menschen.

Krankheit in Deutschland bedeutet: in der Arbeitswelt nicht‐zu‐funktionieren. So werden bisweilen auch schwangere, körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen oder Rentner als »krank« angesehen. Das gleiche gilt für Oppositionelle, Weltenbummler und Unangepasste. Wer sich dem Verwurstungsapparat nicht fügt, wird als abnormal, als »krank« angesehen. Dabei macht die kapitalistische Zwangsgesellschaft, in dem jeder dem Geld, dem sozialen Status und der Macht — ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen und vor allem auf sich selbst — hinterher jagt, die Menschen schleichend kaputt, macht sie wirklich krank. Denn nur wer ohne Zwang lebt, kann auch wahrhaftig gesund sein.

»Angestellten, die ihren Chefs bereitwillig Wehwehchen schildern, drohen negative Konsequenzen. Kranke sollten daher nicht nur das Bett, sondern auch ihre Zunge hüten«

- Meldung im Focus vom 7.April 2009

5 Gedanken zu “Neusprech: Krankheit

  1. Es ist eben der technokratische Umgang mit der Krankheit, der sich auch genauso im Gesundheitswesen wiederspiegelt. Der Kranke ist nur eine Kartei und die Pharmaindustrie versucht exakt für dieses Leiden ein Medikament zu finden. Die Psychologie, die eigentlich hier eine Brücke schlagen müsste, wird aber nur missbraucht für kommerzielle Zwecke und banale Studien, die von den echten gesellschaftlichen Problemen letztlich nur ablenken. In der Psychologie und Psychiatrie hat man arbeitet man auch nur eher daran die Symptome zu bekämpfen, dass die Menschen quasi wieder funktionieren, statt sie wirklich zu therapieren — was allerdings auch zeitaufwendig ist.

    Man missbraucht aber heutzutage viel Wissen, statt es wirklich fortschrittlich einzusetzen, was aber der Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche zu ›verdanken‹ ist. Daran zeigt sich aber letztlich, dass unser gesamter Lebensstil bröckelt, weil er uns schadet, schatt uns zu nutzen. Es sind zu viele reaktionäre Kräfte am Werk, die eine Vorstellung von der Welt haben wie aus dem 19. Jahrhundert — und entsprechend handeln sie. Deshalb scheinen auch die Menschen das 20. Jahrhundert komplett vergessen zu haben und müssen erneut für die Dinge kämpfen, die sie schon mal hatten.

  2. Werter Klaus Peter,

    wenn sie die Folgekosten tragen die daraus entstehen können, dass man Krankheiten verschleppt anstatt sie zu kurieren bin ich einverstanden. Ich verstehe euch Vorsitzende von Parteien und/oder Lobbyorganisationen nicht. Warum könnt ihr nicht einen Schritt weiter denken als bis zur ersten Zahl die ihr in irgendeiner Statistik seht? Warum soll immer nur der Arbeitnehmer die Kosten für euer denken tragen? Wenn ein Arbeitnehmer so viele Pflichten aufgelegt bekommt, wo bleiben die Rechte? Was sie und andere fordern ist Ausbeutung. Nicht nur der einzelnen Person, sondern der Gemeinschaft. Wenn sich keiner mehr traut krank zu werden, weil sonst zahlen muss oder Urlaub verliert werden mittelfristig schlimmere Erkrankungen und chronische wahrscheinlich zunehmen. Aber dann kann man ja die Kassenbeiträge senken und es wieder umlagern nicht wahr?

  3. Als ich zu Beginn der 60er Jahre einer Tätigkeit als Büroangestellter nachging, ging in jener Firma die Redensart um (der oberste Chef konnte von seinem Zimmer aus beobachten, wer wann das Gebäude betrat): Es ist besser, sich krankzumelden, als zu spät zu kommen. (Damals gab es den Gedanken einer gleitenden Arbeitszeit noch nicht.
    Der schwachsinnige Vorschlag von Herrn Mainzer würde dazu führen, dass ein von Migräne befallener gezwungen wäre, nicht nur einen Tag zu fehlen, sondern sich länger als drei Tage krankschreiben zu lassen. Mindestens also eine Woche.

  4. Tja, Generalverdacht für alle. Eben auch für die Kranken.
    Schwarze Schafe als wirksame Entschuldigung für den absoluten Kontrollzwang.
    Nur ein auf zukunftsorientiertiertem Positivismus basierender Marktradikalismus lässt auch die Gläubigen und deren Motivation folgen.
    Wer nicht mehr kann steht dem Weg dahin im Wege.
    Ich warte über kurz oder lang noch auf die Aussage das alle welche nicht mehr nützlich sind unter das Prädikat »höhere Gewalt« fallen, und deshalb aus natürlichen Gründen keinem Verantwortungsbereich mehr unterliegen. Der passende Satz dazu: »jeder ist ersetzbar« — ist bereits in der Gesellschaft akzeptiert. Was noch fehlt ist ein gewisser Endfatalismus. Lidl hat nur Pech gehabt und ist vor diesem Fatalismus entdeckt worden.

  5. Wartet es nur ab. Demnächst erfindet irgendein Pharmaverein eine Droge, die psychologisch glücklich macht und keine unerwünschten (die Produktivität beeinträchtigenden) Nebenwirkungen hat, jedenfalls nicht vor 68.
    Wäre ja gelacht, wenn die Industrie nicht schon daran forschen würde.

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