„Bürger, bettelt um Lohnarbeit!“

Im April 2010 schrieb ich einen Artikel mit dem Titel „Arbeitslose dürfen nicht glücklich sein!“. Darin schrieb ich, dass es für viele Menschen eine Kausalität zwischen Lohnarbeit und Glück gebe. Ferner, dass wer erwerbslos ist, auch gar nicht glücklich sein könne bzw. nicht glücklich sein dürfe! Wer erwerbslos ist und auch noch behaupte, er sei gar nicht so unglücklich darüber, wird als Parasit, Schmarotzer, ja als Unmensch gesehen. Wer erwerbslos ist, hat sich zu schämen, zu ducken und sich ständig bei der Familie und bei Freunden zu rechtfertigen, warum er denn keine Lohnarbeit habe?

Nach der Frage, was Glück sei, werden wenige antworten: eine Lohnarbeit haben. Stattdessen werden die Familie, Beziehungen, Freunde, Hobbys, Leidenschaften usw. genannt. Immaterielle Dinge. Wenn nun jemand erwerbslos ist und für sich in Anspruch nimmt, dass ihn diese immateriellen Dinge glücklich machen, wird mit den Augen gerollt: „Aber wie kannst Du ohne Arbeit glücklich sein? Das geht doch nicht!“. Der individuelle Verwertungshabitus ist derart tief in den Köpfen der Menschen verankert, dass für viele Selbstverwirklichung ohne Lohnarbeit ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ohne den Sachzwang Lohnarbeit würden viele wohl das Leben fürchten: die Furcht vor der Freiheit. Insofern betteln wir darum, Sklaven sein zu dürfen. Schaut man sich Menschen an, wie sie täglich zu ihrer Lohnarbeit schleifen, wie sie ächzen, stöhnen, klagen, jammern – sehen so glückliche Menschen aus?

Jeder Erwerbslose steht unter Generalverdacht ein fauler Sack zu sein. Bei der Familie, bei Freunden, Bekannten und natürlich der Arbeitsagentur. Jeder Nicht-Lohnarbeiter muss sich erstmal ausführlich rechtfertigen, warum er denn erwerbslos sei. Das Argument, dass es mehr Arbeitslose als Stellen gibt – offiziell 3 Millionen Erwerbslose (In Wahrheit um die 6 Millionen) treffen auf ca. 500.000 freie Stellen – wird einfach ignoriert oder übergangen. Da können der Lebenslauf, die Qualifikationen und die Bewerbung noch so gut sein – es gibt nicht genug Lohnarbeit für jeden! Und das ist sogar gewollt! „Ja, ich weiß, es ist schwer heutzutage!“, heißt es dann beschwichtigend. Verständnis wird vorgeheuchelt, ohne die eigene Perspektive in Frage zu stellen. Eine Woche später heißt es dann wieder: „Und haste endlich Arbeit?“.

Ich denke manchmal, viele Lohnarbeiter sind unglücklich mit sich und ihrem Leben. Eingebunden in Zwänge, Handlungen und einer Selbstentfremdung durch Lohnarbeit, dass keine Sinnstiftung gibt. Der einzige Trost ist dann das Geld und die Möglichkeit zum Konsum sowie die Gewissheit, dass es anderen genauso ergeht wie einem selbst.  Frei nach dem Motto: wenns mir dreckig geht, soll es den anderen nicht besser gehen! Deswegen unter anderem auch die große Verachtung gegenüber Erwerbslosen und der große soziale und gesellschaftliche Druck alle in -die nicht vorhandene- Lohnarbeit zu pressen.

Der Hang zur Freude nennt sich bereits Bedürfnis der Erholung und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. „Man ist es seiner Gesundheit schuldig“ — so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heisst zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.

– Friedrich Nietzsche

Faulheit hieß früher mal Müßiggang und war ein wichtiger Bestandteil des Lebens, um das innere Gleichgewicht zu halten. Heute ist Jeder, der nicht beschäftigt ist, konsumiert oder lohnarbeitet, überflüssiger gesellschaftlicher Ballast. Schmarotzer, die alle anderen durchfüttern müssen. Der Arbeitsfetischismus ist in Deutschland derart weit verbreitet, dass die Wiedereinführung der Zwangsarbeit ohne große Probleme möglich wäre. Sie würde dann natürlich anders heißen. Zum Beispiel Ein-Euro-Job. Wäre der Slogan „Arbeit macht frei“ nicht von den Nationalsozialisten besetzt, würde er heute eine neue Inflation erfahren.

14 Gedanken zu “„Bürger, bettelt um Lohnarbeit!“

  1. ja, wunderbar beschrieben und richtig ists auch.
    zu bemerken wäre evtl noch, daß die „glücklichen“ arbeitnehmer sehr oft ausgesprochen aggressiv reagieren, wenn ein „arbeitsloser“ sagt, daß er zufrieden ist. und noch merkwürdiger, die wahren sozialschmarotzer aus wirtschaft und showbiz und sport und graf koks samt anhang, freundeskreis und nuttchen werden nicht angefeindet, sondern von einer breiten masse bewundert etc.

  2. gratulation zu diesem artikel. ich hatte immer ein schlechtes gewissen, wenn ich mal alle vier baumeln ließ. aus künstlerischer sicht aber ist die arbeit des schreibens (malens, musizierens, usw.) überlebensnotwendig – als eine form der selbstbehauptung.

    im übrigen ist die zockerei der leute, die das geld dafür haben, die zockerei an der börse und auf den finanzmärkten in meinen augen höchst unproduktiv,kontraproduktiv und zerstörerisch.

  3. ALKOHOL KOMMT EIN ERHEBLICHER WERT ZU BEI DER BEKÄMPFUNG VON ENTZUGSERSCHEINUNGEN!
    Als ich vor einigen Jahren das zweifelhafte Glück hatte, einer stationären Rehamaßnahme („Kur“) beizuwohnen, war ich als Patient auch gezwungen, sonntäglichen, morgendlichen Vorträgen zur Stärkung des Gesundheitsverhaltens zu lauschen.
    Einmal wurde ich aus diesem verordneten Tiefschlaf dadurch geweckt, dass eine „Arbeitspsychologin“ versuchte, über den Wert von Arbeit aus psychologischer Sicht zu referrieren. Dem wohlsituierten Mäuschen war aufgefallen, dass in der Rehaklinik immer mehr Patienten aufschlugen, die sich erdreisteten, trotz anstrengungslosem Wohlstand unglücklich zu sein und dies sei der Ausgangspunkt gewesen, sich damit zu beschäftigen, welchen Wert denn die Erwerbsarbeit habe, ihre Inhaber vor seelischer Erkrankung schützen zu können…
    Nach dieser netten Vorrede könnte man verleitet sein zu erwarten, jetzt käme eine spannende, tolle Wahrheit, die dieses Fräulein von akademischen Graden hätte verlauten lassen. Aber nein, der schnöde Zeitgeist ist in erster Linie … naja, schnöde eben und und selbstreferrenziell. Zur wissenschaftlichen, quasi amtlichen Ermittlung des Wertes von Arbeit wurden
    ARBEITSLOSE
    befragt, die treu und brav das zu bestätigen scheinen, was der deutsche Michel denn erwartet:
    Arbeit schützt vor den negativen Aspekten, die Arbeitslose erwarten können, sollten, dürften.
    Sehr blond wurde da die Arbeit im Umkehrschluß gelobt:
    *gibt einem diejenige Tagesstruktur, die der arbeitslos gewordene zu vermissen scheint.
    *hilft jene Ausgrenzung und negativen Sanktionen zu vermeiden, die der Arbeitslose erfährt
    *usw.usf.
    ???
    ???
    ???
    Also muss Alkohol gut sein, weil er die Entzugserscheinungen lindern hilft! Prost!

  4. Sehr schön gesagt. Stimme dem Artikel vollumfänglich zu. Wobei ich eines vermisse, nämlich die Korrelation mit der verinnerlichten Selbstentfremdung.

    Nämlich nicht ein wohlfeil boshafter Mensch tendiert dazu die Arbeit zum Lebensinhalt aller zu diktieren, es handelt sich vielmehr um den Menschen, der in seiner Selbstentfremdung durch die Umstände einer Gesellschaft mit Zwängen zur naturentfremdeten Arbeitsweise bereits von Kindesbeinen an geschädigt ist. Er hat das Leben anders erlernt und ruht daher auf diesen „Fraktalen“ einer Ideologie, die er verinnerlichte. Angriffe auf diese Gedankenwelten sind Angriffe auf seine Person, weil sie als Bestandteile seines Überichs und seiner Ich-Konstruktion (Ich bin fleissig! Ich ruhe mich nicht auf Sozialleistungen aus!) sind.

    Daher rühren diese Diskussionen bzw. die irrationalen Reaktionen über die Arbeit als Lebensinhalt auch an dem Trauma, das im Unbewußten Betroffener weiterexistiert:
    Nämlich die Überwindung bzw. Auslöschung des kindlichen lebendigen Selbst, das sich mit einer solchen Monotonie und Hetze bzw. der Inhaltsleere der heutigen Arbeitswelt nie zufrieden geben wollte und eliminiert ist bei all jenen, die ihr eigenes Selbst (eigene individuelle Bedürfnisse in Bezug auf Arbeit und Selbstverwirklichung) gar nicht kennen, sondern um gerade diese Indoktrination des „Arbeit über alles“ und der resultierenden bzw. zu Grunde liegenden Zwänge herum aufgebaut haben.

    Es ist also tatsächlich ein Konflikt der Angst, denn der Arbeitslose ohne eine ausreichende Fähigkeit sich Selbst zu entfalten, wird tatsächlich krank und der Trugschluss wird hier genährt, daß die Arbeitslosigkeit verantwortlich sei, wohingegen es die Unfähigkeit ist, sich ohne Pflicht zur Arbeit mit Dingen auseinander zu setzen.

    Wichtig zu betonen ist, daß jeder diesen Problemen begegnen kann, so er den Willen hat, sich Selbst neu zu entdecken und entfalten. Das passiert ja immer mal wieder, wenn z.B. Bekannte plötzlich den angestandenen Beruf aufgeben und etwas völlig anderes machen, weil sie merken, das diese alte Tätigkeit ihnen gar nichts bedeutet. Das Beispiel ist noch nicht vollständig, aber es zeigt eben auf, worum es geht.
    In der von mir geschätzten Sendung 37° auf ZDF gab es dazu eine Folge, die einen Herrn zeigte, der mitten im Leben bemerkte das er in der Tretmühle feststeckte. In einer „Neuorientierung“ bzw. Selbstentdeckung stellte er eben jene defizitäre Entwicklung an sich fest, daß ihm seine eigenen Bedürfnisse abhanden gekommen waren. Er stieg beruflich aus, begann sich für Kunst und Kultur zu interessieren und lernte Tanzen und wollte einen Kunsthandel eröffnen.

    Worum es also hier auch geht, ist, das wir aufhören diese Sachverhalte mit diesem depressiven Enthüllungsaktivismus zu reproduzieren, sondern lernen, das wir anderen Menschen den Mut machen sollten sich selbst wieder zu entdecken und diesen oft steinigen und anstrengenden Weg zu beschreiten. Alleine ist das vielen unmöglich, dafür braucht mancher eine Leitfigur und diese Führung und die Motivation der Betroffenen, können nur diejenigen übernehmen, die mehr vom Leben verinnerlicht und diese Zusammenhänge verstanden haben.

    MFG

  5. Im Nachhinein betrachte ich meine Zeit der Arbeitslosigkeit als eine Art von Sabbatjahr /auch wenn es mehr als ein Jahr war.
    Selbstredend verweilt zunächst der Gedanke der Selbstunwertigkeit, denn am Spiel des gesellschaftlichen Lebens genannt Arbeit, darf man nicht teilnehmen. Der Eintritt wird verwehrt durch nichts sagende Absagen in brieflicher Form. Was unternimmt man nicht alles, um seine Eigenwerbung zu erhöhen. Schöne Mappen, gutes Briefpapier etc. Aber immer wieder mit dem gleichen Resultat. Allmählich beginnt man sich damit abzufinden, dass der Weg über Los unerreichbar ist. Man widmet sich dem Leben, die Kreativität steigt enorm. Im Zuge des engen Wirtschaftens entstehen viele neue handwerkliche Projekte. Es war nicht die schlechteste aller Zeiten. Auch weiß ich, dass jene Zeit wieder kommen kann, doch die Angst davor ist mir genommen. Irgendwie geht es immer weiter. Jeder, der im Erwerbsleben teilnimmt, wird irgendwann einmal mit dieser Zeit konfrontiert. Es ist kein Untergang. Auch wenn es hart ist.

  6. Ich war bei der Lohnarbeit noch nie glücklich und froh, als ich sie mit 60 abstreifen konnte (noch konnte). Dabei fiel mir auf, dass viele in meinem Alter oder noch etwas älter, die ihr Lohnarbeitsjoch abstreifen könnten, nicht wissen, was sie ohne anfangen sollten. Die Arbeit ist zu ihren Lebensinhalt geworden – komischerweise. Ich frage mich dann immer wieder, was – außer ein paar Euros mehr Rente – finden diese Menschen daran so erbaulich, tagtäglich die gleichen Akten sich vorzunehmen, sich an einer Supermarktkasse herumzudrücken, irgendwelchen Mist in den Computer zu hämmern usw. usf. Das Leben hat doch soviel Schönes zu bieten, ohne dass ich morgens 5:00 Uhr aufstehen muss. Meiner Gesundheit ist das bis jetzt wahnsinnig gut bekommen. Endlich ohne Fesseln leben! Das machen zu können, was einen Spaß macht. Leider haben viele Menschen vergessen, was Spaß macht.

  7. @klaus baum:
    ja, selbst der Hund wird also als faul bezeichnet Oo Was soll der machen? So tun als ob er beschäftigt ist??? dabei sieht er so friedlich und entspannt aus. soll er mal ruhig genießen.

  8. Sehr schöner und auch sehr treffener Text.
    Das einzigste was mir allerdings bei dem Wort Müßiggang in den Kopf schoss, war das altbewährte Sprichwort:
    Müssiggang ist aller Laster Anfang.

    Das dem nicht so ist, merkt man daran, dass viele Leidensgenossen die der momentanen Lohnarbeit abtrünnig sind, nach den Selbstwertzweifeln, ihre Gesundheit aufbessern könnne oder auch sich mit lange unterdrückten oder gar mit nicht getrauten Fähigkeiten konfrontiert sehen, die ein völlig neues Tätigkeits und vielleicht auch Erwerbsfeld aufzeigen können….
    Daher, lasst Euch nichts schlechtes einreden, wer weiss wieviele von den anderen nur Neider sind ohne es je zugeben zu wollen.

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  10. Der Haupttopos unserer Lebenszeit. Wenn die möglichen Erscheinungsweisen des Lebens die Erde sind, dann leben wir zusammengepfercht am stinkendsten Ort, den dieser Planet zu bieten hat, eingezwungen in ein Sumpfloch, an dem wir uns gegenseitig anbeißen und erdrücken. Das weissglühende sensuelle Riechorgan der überspannten Unglücklichen dieser Erde erroch alsbald dieses miefende Tal der Mühsal und bunkerte sich ein, trieb alle Menschen in es hinein und beißt sich die Zahnstümpfe weiterhin aus am sich nicht einstellen wollenden Glück und der ausbleibenden Entspannung.
    Die Faulheit am Anderen Ende der Welt ist wie das ferne Indien um 1496, soll man es wagen, es zu erreichen, gibt es einen Weg. Der Weg ist versperrt. Die Faulheit treibt die Weissglut zum Funkensprühen, zur enthemmten Arbeitsautoaggression, zum in die frei flatternde Arbeitssucht verschobenen Trieb. Die furchtbare Angst vor der Leere des Nichtstuns, vor der Leere allein, vor den langsamer werdenden Schüben der Neigungstendenz des Lebens hin zur Ruhe und Stille. Die Faulheit, das schreckenzehrende Weihwasser der Calvinisten. Die Angst vor Spinnen: Desensibiliserung. Die Angst vor Faulheit: Desensibilisierung bis hin zur psychotischen Mitte, der Moral der Arbeit, ihrer kosmisch moralischen Sinnhaftigkeit, in der der Bogen von der sinnlosesten Überstunde zur lebensrettenden Hilfsarbeit an einem vom Sterben bedrohten gespannt wird, ambivalenzfrei allumfassend, ein reduzierter fundamentaler Arbeitssinn fantasiert wird und alle Tätigkeit zum einerlei des Nichtdifferenzierens wird. Arbeit macht frei, Arbeit ist gut. Die Speisung mit den Gaben für die nunmehr auf das Lechzen nach Anerkennung eingestellte Seele erfolgt nie. Die fest gestellte verdinglichte Ordnung ist hinter den Rücken gewandert und an das seelische Auge drückt sie sanft und lenkt es ab von sich, hin auf die Kreisgänge des Lechzens, in die falsche Hoffnung, in die nie kommende Zukunft der eigenen Kraft. Die lechzende Gesellschaft der nach den Glücksgaben panisch Grabschenden, der irrational massenhaft auf die panische Welterschließungsstreckbank eingespannten Seelen, voller Hass- und Zornblicke auf alles Glück, weil auf dem Abweg des Unglückes alles Glück aus anderen Wegen die Mühe vergebens macht, die auf zu nehmen man eingeübt wurde und die erinnert an das schmerzlich Verkehrte des größten Teils des eigenen Lebens. Aber die Hürde ist zu groß, der Sadismus nährt die Seele immer am rechten Zeitpunkt, wenn der Ansatz eines Sprunges am Horizont erschiene, nährt sie gut und beruhigt sie in das Unglück.

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