Identitätsproduktion

change_titelIch habe das nie verstanden. Da geht Mann oder Frau zum Frisör, kauft sich neue Klamotten und/oder macht eine erfolgreiche Diät und sofort reden alle davon, dass er oder sie sich verändert habe. Eine riesige Medien- und Schönheitsindustrie produziert und profitiert von diesem Narrativ. Natürlich ist das Aussehen Teil der individuellen Identität. Aber eben nur ein Teil. Wer sich seiner selbst bewusst sein, also selbstbewusst werden will, erreicht das eben nicht mit dem Konsum von gleichgeschalteter Marken-Identitätsproduktion. Persönlichkeit und Charakter verkommen hier zu kollektiven Konsum-Worthülsen, da sie jeder überall kaufen kann.

Selbstinszenierung, Selbstoptimierung und Selbstentfremdung sind die modernen Werte der digitalen Unfreiheit. Authentische Veränderung hingegen, kommt aus sich selbst heraus. Sie ist Sein und nicht Haben. Sie ist das Ergebnis von persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen. Sie kann nur entstehen, wenn man mit Neugier, Empathie und Selbstreflektion durch das Leben geht. Eigenschaften, die vielen Facebook-Selbstinszenierer-Narzissten völlig fremd sind.

5 Gedanken zu “Identitätsproduktion

  1. Facebook-Selbstinszenierer-Narzissten sind auch nur Phänomen, Spiegel einer Gesellschaft, der alles zum Angebot verfällt und somit auch all deren Mitglieder zum Angebot degradieren und sich verhalten wie die konkurrierenden Teile einer Kollektion im Musterköfferchen, darauf spekulierend, das Interesse des Meistbietenden zu erfüllen, bis hinab zum Verbleib in der Resterampe, dessen unverkäuflichste Teile schließlich in einer zugigen Ecke im Lager verrotten.

    Wirklich frei sind wir in einer solchen Gesellschaft nur darin, Gewalt anzuwenden, gegen uns oder gegen Andere. Und viel mehr Sinn als der Wettlauf gegen das Verrotten gibt aller Umtrieb, von links bis rechts, von unten bis oben, auch kaum noch her.

    Im Verrotten noch Mensch zu bleiben, menschlich, sich sehnend nach Anderen, um sich gegen die Kälte zu wehren. Kaum sonst ein Lichtblick.

  2. @Reinplatzer

    „Im Verrotten noch Mensch zu bleiben, menschlich, sich sehnend nach Anderen, um sich gegen die Kälte zu wehren. Kaum sonst ein Lichtblick.“

    Schön formuliert! Auch wenn ich manche schon wieder „Eso-Bullshit“ rufen höre. Aber nein, ich sehe das auch so! Nicht zufällig gibt es so ein großes Verlangen nach dem Rückzug in die Familie. Den vermeintlichen Hort der Wärme.

  3. Ja. Oder in die Glaubensgemeinschaft, gleich welcher Coleur. Das ist gleichermaßen regressiv wie nachvollziehbar. Einen emanzipatorischen Impuls, im Sinne einer Umwälzung der Verhältnisse, kann ich auch darin nicht erkennen. – Aber das Schicksal von Shen Te, dem guten Menschen von Sezuan, legte auch Brecht in die Hände der Gesellschaft, er zog „den Vorhang zu und alle Fragen offen“. Wenn die Gesellschaft als Ganzes zu keinem menschlichen Schluss kommt, dann retardieren auf kurz oder lang auch all ihre Mitglieder.

  4. Selbstoptimierung ist das krasse Gegenteil von Selbstfindung
    (Selbstentfaltung). Ego-Optimierung wäre der ehrlichere Terminus.

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