Ziegenjournalismus (2): SEO

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Eine weitere mittlerweile sehr große Plage, ist die SEO‐Gleichschaltung, die effektiv Filterblasen und Echokammern erzeugt. Ganze Heerscharen von vermeintlichen Online‐Marketing‐Experten geben Journalisten und Redakteuren explizite Anweisungen, wie ein google‐konformer Text auszusehen hat. Die Anzahl der Wörter, Keywords, Verlinkungen, Clickbait‐Überschriften und so weiter. Besonders anstrengend und nutzerfeindlich sind die No‐News‐Beiträge, die Nicht‐Nachrichten und das Gerüchte‐Geblubber, die nur als Platzhalter für Keywords und das Google‐Ranking dienen. Ein typisches Beispiel. Weiterlesen

Banale Medienkritik

Unsere armen Massenmedien werden von allen Seiten mit Schmutz, Hetze und Häme überzogen. Dabei kontern die bürgerlichen LeiDmedien gerne nur dort, wo es ihnen leicht fällt, zurück zu feuern (»Lügenpresse‐Vorwurf«, Verschwörungstheorie, Populismus etc.). Vergessen werden hierbei selbst die alltäglichen Fehler, Ungereimtheiten und Verzerrungen, weil Redaktionen gnadenlos zusammengespart werden, Journalisten am Fließband schuften müssen und Meldungen von Nachrichtenagenturen ungeprüft kopiert werden. Zwei Beispiele. Weiterlesen

Pressefreiheit?

»Anzeigenkunden stellen Forderungen, der Übergang zur Prostitution ist schleichend.«
(Gabor Steingart am 10. Mai 2019 auf meedia.de)

»Um den Bruch mit den Medien zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass für den Journalismus die Nähe zu den Mächtigen überlebensnotwendig ist, um gegenüber der Konkurrenz zu bestehen.«
(Jun Branco. »Julian Assange — erst gefeiert, dann fallen gelassen«. Le Monde Diplomatique. Mai 2019. S. 21) Weiterlesen

Die SEO‐Filter‐Bubble (2)

Die devote Google‐Hörigkeit (SEO) sämtlicher Online‐Medienportale geht mir weiterhin gehörig auf den Sack! Warum? Weil überall Nicht‐Nachrichten, Gerüchte, Spekulationen, Filterblasen und Echokammern erzeugt werden, nur damit man beim Suchmaschinenranking weit vorne steht. Es wird nicht mehr geschrieben, was Redakteure für relevant halten oder was den Leser interessieren könnte, sondern das, was der Google‐Algorithmus vorgibt und belohnt. Es gibt mittlerweile unendlich viele Artikel und Beiträge im Internet, die absolut keine handfesten Infos, News oder Daten mehr beinhalten, sondern nur Keyword‐und‐Textbaustein‐Dropping im Spekulations‐Mantel betreiben. Natürlich im vemeintlich attraktiven Schablonen‐Rahmen für Google. Und damit es nicht sofort auffällt, dass man absolut keine neuen Informationen oder News hat, bedient man sich gerne solcher Formulierungen: Weiterlesen

Qualitätspresse

Warum die meisten Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, mittlerweile PR‐ und Presseberater haben und tunlichst darauf bedacht sind, was sie wann und wo der Presse sagen, zeigt das Beispiel von Thomas Gottschalk. Er hat sich nach 46 Jahren Ehe scheiden lassen, jedoch öffentlich keinen Grund dafür genannt (Warum auch?). Nachdem die Boulevard‐ und Klatschpresse ihn im April 2019 tagelang bedrängt hatte, war es ihm zuviel:

»Die Leser irgendwelcher Weiberzeitungen, die gehen mir wirklich am Arsch vorbei.«

Nun hatten die Qualitätsmedien zwar immer noch keine Begründung für die Scheidung, aber endlich endlich endlich (!!) eine zitierfähige Aussage, die polarisiert, provoziert, Aufmerksamkeit und Reichweite erzeugt. Denn nur darum geht es. Google spuckt fast 35.000 Ergebnisse dazu aus. Außerdem kann man daraus wiederum tolle, irreführende Clickbait‐Überschriften generieren:

Thomas Gottschalk nach Ehe‐Aus: Wer ihm »am Arsch vorbei geht«
»Am Arsch vorbei«: Gottschalk im ersten Interview nach Ehe‐Aus
Thomas Gottschalk zieht vom Leder

Das ist nur ein Beispiel von sehr vielen Methoden (zitierfähige Aussagen herauspressen, aus dem Zusammenhang reißen und damit Clickbait‐Überschriften produzieren), die unsere Konzern‐, Lücken‐, Produkt‐, Wahrheits‐, Qualitäts‐ und Systempresse verwenden, um Aufmerksamkeit und Reichweite zu generieren. Um Wahrheitsfindung oder Informationsvermittlung geht es schon lange nicht mehr.


Die SEO‐Filter‐Bubble
Replik auf: »Journalismus unter Beschuss«

»Die Stillen gehen unter...«

Seit wann ist eine öffentliche Anschuldigung ein Beweis?

...die Lauten brüllen sich in den Mittelpunkt«. So war es schon immer! Ja. Nichts Neues. Schon klar. Und dennoch: im Social‐Media‐Zeitalter bekommt diese Redewendung eine ganz neue Dimension. Kritiken, Reviews, Forenbeiträge, Twitter‐Geschrei und Kommentare werden bei Medienanalyse‐Zwecken als quantitative Messeinheiten herangezogen, um Statistiken und vermeintlich repräsentative Grafiken zu erzeugen. Nur: die stillen Leser oder diejenigen, die ihre Meinung nicht äußern, werden gar nicht mehr mit einberechnet. Es gibt keine Quote für Lesebeteiligung (wie die Wahlbeteiligung), Umfragen für die stillen Leser (»Warum kommentieren Sie nicht?«) oder Ähnliches. In den quantitativen und qualitativen Medienanalysen existieren sie schlicht nicht.

Insofern scheinen provozieren und polarisieren für viele Webseiten‐Betreiber eine geeignete Methode zu sein,  um Aufmerksamkeit, Kommentare und Klickzahlen zu generieren (»Clickbait!«). Auch hier lautet das Motto: »Inhalte überwinden!« Argumente im Twitter‐Format. Überschriften, die Versprechen machen, die sie nicht einlösen. Zwei‐, Drei‐ und Vierdeutige Botschaften. Personalisierungen statt Sachdiskussionen. Konflikte generieren. Gezielten Bullshit in den Äther rotzen. Und vor allem: immer und überall laut brüllen!

Was sagt eigentlich Habermas dazu, der Zeit seines Lebens immer an die Macht der »Kommunikation« geglaubt hat?


Shitstorm
Die SEO‐Filter‐Bubble
Aufmerksamkeit als Währung

Presseblick (78)

Wie diskreditiert man jede Form von Medienkritik? In dem man nicht die Botschaft angreift, sondern den Sender der Botschaft unglaubwürdig macht. Nur weil ein paar vermeintlich rechte Deppen »Lügenpresse« schreien (Wie? Die BILD sagt immer die Wahrheit?), bedeutet das eben nicht, dass jede Form von (auch linker) Medienkritik Populismus, Verschwörungstheorie, Antisemitismus, Fake News oder braune Nazi‐Scheiße ist. Aber genau so einfach machen es sich viele Journalisten in den LeiDmedien. Stefan Niggemeier bringt es auf den Punkt: »Was in der Wahrheitspresse steht, kann ja gar nicht falsch sein!« Und wieder was gelernt. :JAJA:

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Medial verstrahlt

Wer in einer Schule, einem Hort oder in einer Kindertages‐, Jugend‐ oder sozialen Einrichtung arbeitet, erlebt relativ schnell die Folgen der Digitalisierung. Immer mehr Kinder haben eine Aufmerksamkeitsspanne von 30 Sekunden bis maximal 5 Minuten. Sie können alle »Fortnite«-Tänze, bauen tolle »Minecraft«-Welten, wissen schon sehr früh wie man mit smartphones und Tablets umgeht, aber können sich mit 6 Jahren nicht mehr die Schuhe zu binden, geschweige denn eine analoge Uhr lesen. Es ist daher völlig unverständlich, dass es von wissenschaftlicher Seite immer wieder heißt, man habe dafür »noch keine Daten« oder man müsse das Phänomen »noch untersuchen«. Die digitale Versumpfung von Millionen von Smartphone‐Junkies ist jeden Tag überall zu beobachten.

Besonders bigott sind viele linksgrüne Bio‐Öko‐Alternativ‐Eltern, die alles Digitale für ihre Kinder verbieten, aber selbst den ganzen Tag an der WhatsApp‐ und Facebook‐Nuckelflasche hängen. An vielen Schulen und Kindertageseinrichtungen sind die Dummphones verboten. Es hängen Verbotsplakate. Es wird überall darüber informiert. Aber was interessiert das die Süchtigen. Bei Kita‐ und Schulveranstaltungen sitzen die Eltern nur noch mit erhobenen Händen da, um alles aufnehmen zu können. Wer Bus und Bahn fährt, glaubt in einem dystopischen Thriller zu sein. Übrigens: der Vergleich mit der Tageszeitung ist nur noch lächerlich. Offline ist das neue Bio!


»Automatisierung. Digitalisierung. Industrie 4.0.«
»Handystrahlung produziert Zombies«
»Digitale Dystopien«

»Toxische Community«

Es ist nicht ganz einfach, eine Institution zu schaffen, die sozusagen in Form einer Wahrheitskommission entscheidet, was ist wahr und was nicht. Dann muss ja auch noch entschieden werden, was ist relevant oder was ist nicht relevant. Da befinden wir uns am Anfang einer Diskussion.”
(Justizminister Heiko Maas (SPD), zeit.de vom 13. Dezember 2016)

Dieses geflügelte Schlagwort verwenden Journalisten seit einiger Zeit, um Kommentare und Forenbeiträge als unangemessen, unhöflich und unfreundlich zu bezeichnen. Dabei rühren viele an und in dieser Vokabel, je nach eigener Bedürfnis‐ und Interessenlage. Denn als »giftig« gelten häufig nicht nur Beleidigungen, Provokationen oder menschenverachtendes Gedankengut, sondern auch (Politik‐, Medien‐ und Ideologie-)Kritik, mit der man sich nicht befassen und die man nicht lesen will. Die ZEIT löscht beispielsweise regelmäßig Kommentare, die ihrer Meinungs‐ und Deutungshoheit gefährlich werden könnten. Andere Online‐Medien haben die Kommentarsektion gleich ganz gesperrt. Feminismus‐, NATO‐ und Neoliberalismus‐Kritik brandmarkt man dann auch gerne mal als unangemessen oder »toxisch«.

Gerade die bürgerlichen Journalisten haben immer noch große Probleme damit, Kritik anzunehmen. Kommunikation bedeutet für sie in aller Regel senden und nicht empfangen. Festzuhalten ist, dass omnipräsentes PR‐und‐Marketing‐Bullshit‐Gelaber, die millionenfachen SEO‐Texte im Web (ohne wirklichen Informationsgehalt) sowie die überall getarnten Werbe‐Artikelchen (um den Adblocker zu umgehen) die Web‐Community ebenfalls nerven und provozieren. Das Generieren und Bedienen von Skandalen, Lügen, Hypes, Shitstorms und Affären, um Aufmerksamkeit zu generieren, ist im Übrigen für einen konstruktiven Diskurs nicht weniger »toxisch«, als Beleidigungen und Provokationen von Web‐Usern.


»Anti‐Fake‐News«
»Aufmerksamkeit als Währung«
»Replik auf: Journalismus unter Beschuss«

Sachsen: Regierungserklärung

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat am Mittwoch, den 5. September 2018  um 10 Uhr im Landtag eine Regierungserklärung abgegeben:

»... und so können wir heute sagen, dass verantwortliche Journalisten, die vor Ort gewesen sind, die auch als Lügenpresse beschimpft worden sind, weswegen ich mich auch ganz deutlich dagegen wehre und diesem Begriff entgegentrete. Dass durch diese Berichterstattung und durch unser gemeinsames Agieren klar ist: Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd, es gab kein Pogrom in Chemnitz.«

Anmerkung: Wenn er das so sagt, dann wird es wohl auch stimmen, oder? Darüber hinaus empfinde ich den ständigen Begriffskampf um die »Lügenpresse« als ziemlich absurd. Es sollte doch weniger darum gehen, wie man die Presse etikettiert, als viel mehr darum, warum es mittlerweile so viele Begriffe für sie gibt (Lügenpresse, Mainstream‐Medien, Lückenpresse, Kaufpresse, Systempresse, Propaganda‐Medien, Hofberichterstattung, NATO‐Medien etc.). Dann würde man sich aber der Kritik stellen. Und das will man nun wirklich nicht. :NENE: