Medienrealität

Was nicht passt, wird passend gemacht. (mehr als 900 Kommentare; viele zensiert). Kolumne von Jochen Bittner. Zeit.de vom 13. Oktober 2016

»Massenmedien bilden die Realität nicht ab, sie konstruieren sie.« Dieses Zitat von Noam Chomsky verdeutlicht die große Diskrepanz zwischen erlebter Alltagsrealität und Medienrealität. Der Fokus wird gezielt auf Schwerpunkte und Themen gesetzt, die häufig für Millionen von Menschen keinerlei Relevanz besitzen: Gender-Sternchen, Russen-Bashing, Transgender, NATO-und-Konzern-Interessen etc.. Die Medienwahrnehmung soll zur Alltagswahrnehmung werden. Sie berichten eben nicht darüber, was ist, sondern was wir über bestimmte Sachverhalte, Personen und Ereignisse denken sollen. Hinzu kommt, dass weite Teile der Altmedien und Journalisten den Pfad der möglichst neutralen und sachlichen Berichterstattung weitestgehend verlassen haben:

»Ich glaube, dass man die Leute eher gewinnen kann, wenn im Journalismus eine Haltung vertreten wird, als wenn da irgendwie einfach nur Fakten angehäuft werden.«

(ARD-Faktenfinder Patrick Gensing)

Wer diesen Zusammenhang einmal erkannt hat, betrachtet die Massenmedien aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus. Kampagnen. Agenda-Setting. Kontakschuld. Framing. Ad Hominem. Clickbait. Inhalte überwinden. Polarisierung. Um nur einige übliche Methoden zu nennen. Es geht nicht nur um Aufmerksamkeit, Reichweite und Marktanteile, sondern auch um die Köpfe der Menschen: Meinungs- und Deutungshoheit. Um jeden Preis. Die herrschenden Gedanken sind (und bleiben) die Gedanken der Herrschenden. Wer sich einmal anschaut, welchen kleinen illustren Kreis die Massenmedien gehören, wird nicht umhin kommen zu sagen: es ist erste Bürgerpflicht, den Lückenmedien zu misstrauen!


Ziegenjournalismus

Das Technopol

Neil Postman hat 1985 mit seinem Buch »Wir amüsieren uns zu Tode« weltweit für Aufsehen gesorgt. Seine Hauptthesen vor über 30 Jahren: die Massenmedien würden jeden Inhalt als Unterhaltung präsentieren, Sachverhalte und Kontexte aus dem Zusammenhang reißen, personalisieren statt analysieren, Bilder als Selbstzweck verwenden sowie Aufklärung, Wahrheit und Wissen, dem Verwertungszwang unterordnen. Für eingeweihte Bildungsbürger und interessierte Intellektuelle, mag das zu dieser Zeit keine neue bahnbrechende Erkennntnis gewesen sein, aber Postman schaffte es, seine Analysen in eine klare und verständliche Sprache zu verpacken. 1992 erschien dann ein weiteres Buch von ihm, das bis heute leider eher ein Nischendasein fristet: »Das Technopol«. Weiterlesen

Nicht-Nachrichten

Im Zeitalter von SEO, Aufmerksamkeitskämpfen, Clickbait und Aktualisierungsdruck, schießen die bürgerlichen Wahrheitsmedien im Minutentakt News und Meldungen raus, kopieren ungeprüft Agenturmeldungen und kleistern irgendwelche nichtssagenden Texte zusammen, bei denen vor allem google-relevante Keywords untergebracht werden sollen. Algorithmen, Tools und Maschinen geben zunehmend vor, was uns zu interessieren hat. Roboterjournalismus. Automatisierter Content. Text Mining. Insbesondere der Konjunktiv-Journalismus, die Glaskugel-Prophezeiungen, die wilden Thesen, die starken Schätzungen und die hoffnungsfrohen Spekulationen, haben es den großen Verlagen und Redakteuren angetan.

Noch bevor es überhaupt gesicherte Informationen über irgendeinen x‑beliebigen Sachverhalt gibt, will und muss man scheinbar unbedingt Google-Platzhalter-Meldungen in den Äther rotzen. Der Nachrichtenwert für den Leser ist hier in aller Regel mehr als bescheiden. Aber darum geht es den Verantwortlichen auch gar nicht. Klicks und Aufmerksamkeit stehen über dem Inhalt. Ein paar typische Beispiele. Weiterlesen

»Ich bin reich!«

»Deutsche horten Milliarden im Ausland. Auslandskonten bleiben beliebt: Mindestens 590 Milliarden Euro haben Deutsche nach Informationen von NDR und SZ dort deponiert.«

tagesschau.de vom 24. Juni 2020

Anmerkung: Unglaublich, diese »Deutschen«! Wir haben überall Krise und die horten milliardenfach ihre Kohle im Ausland? Schämen die sich nicht? Diese rund 83 Millionen »Deutschen«? Ich muss ja zugeben, ich horte auch manchmal so ein paar Milliönchen in Luxemburg. Mein Nachbar hat letztens erst zu mir gesagt, er mache jetzt eine Überweisung von 3 Milliarden Euro auf sein Schweizer Bankkonto. Üblicher Alltag bei uns »Deutschen«. Wir sind halt reiche Säcke. Wir »Deutsche«. :jaja:

Ziegenjournalismus (4): Zitate

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Die Rubrik »Ziegenjournalismus« will sich mit den ganz alltäglichen und üblichen Methoden der Mainstream-Presse, der Leitmedien, der bürgerlichen Medien (oder wie auch immer man sonst die großen, auflagen- und reichweitenstärksten Presseerzeugnisse nennen will) beschäftigen. Der Verlust der Deutungs- und Meinungshoheit sowie der Glaubwürdigkeit großer Medienhäuser, hat eben nicht erst mit den Social-Media-Phänomenen, vermeintlichen Fake News, Facebook, Verschwörungstheorien, Putintrollen, den Lügenpresse-Vorwürfen oder mit dem Populismus angefangen, sondern schwelt im Hintergrund schon seit Jahrzehnten.

Verantwortlich sind hier vor allem die gängigen und alltäglichen Methoden der großen Gazetten, die mit »vierter Gewalt« sehr wenig, aber mit »Aufmerksamkeitsgenerierung« sehr viel zu tun haben. Diese Prinzipien werden weder von den Medienhäusern selbst, noch von anderer Seite groß in Frage gestellt oder offen kritisiert. Sie gehören halt zum Geschäft, so die gängige Argumentation. Eine dieser üblichen Medien-Verkaufsstrategien, welche Fakten, Darstellungen, Berichte und Sachlagen häufig verzerren, ist der medienspezifische Umgang mit Zitaten. Weiterlesen

Interviewpartner

Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“

(Paul Sethe, Gründungsherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Jahr 1965.)

Unsere geschätzten Lückenmedien spüren immer stärker den Verlust ihrer Meinungs- und Deutungshoheit. Deshalb schlagen sie auch wild um sich, in dem sie jede noch so sachliche, linke Medienkritik als Populismus, Verschwörungstheorie oder Fake News diffamieren. Der linke Vorwurf, dass die bürgerlichen Medien, primär Systemmedien sind, welche die Gedanken und Interessen der Reichen, Vermögenden und Herrschenden drucken, ist nicht neu, aber dieser Tage wieder überall zu beobachten. Beispielsweise bei der Wahl ihrer Interviewpartner.

Ob Spiegel, Welt, ZEIT, FAZ, BILD, ARD oder ZDF: in aller Regel kommen PR-Pressesprecher, Lobbyverbände von großen Unternehmen, die Industrie, Banken, Manager oder vermögende Leute viel häufiger zu Wort als Gewerkschaftsvertreter, Betriebsräte, soziale Bewegungen, Mietervereine, Arbeiter oder gar Erwerbslose. So geschehen beispielsweise in der Berliner Zeitung am Mittwoch, den 11. Dezember 2019. Interviewpartner: Kommunal- und Landespolitiker, ein Sprecher des Immobilienverbandes BBU, ein Fussballtrainer und die Ex-BVG-Chefin Sigrid Nikutta.


Ziegenjournalismus

Ziegenjournalismus (2): SEO

Haben Journalisten den Mut, die Hand zu kritisieren, die sie füttert?

Eine weitere mittlerweile sehr große Plage, ist die SEO-Gleichschaltung, die effektiv Filterblasen und Echokammern erzeugt. Ganze Heerscharen von vermeintlichen Online-Marketing-Experten geben Journalisten und Redakteuren explizite Anweisungen, wie ein google-konformer Text auszusehen hat. Die Anzahl der Wörter, Keywords, Verlinkungen, Clickbait-Überschriften und so weiter. Besonders anstrengend und nutzerfeindlich sind die No-News-Beiträge, die Nicht-Nachrichten und das Gerüchte-Geblubber, die nur als Platzhalter für Keywords und das Google-Ranking dienen. Ein typisches Beispiel. Weiterlesen

Banale Medienkritik

Unsere armen Massenmedien werden von allen Seiten mit Schmutz, Hetze und Häme überzogen. Dabei kontern die bürgerlichen LeiDmedien gerne nur dort, wo es ihnen leicht fällt, zurück zu feuern (»Lügenpresse-Vorwurf«, Verschwörungstheorie, Populismus etc.). Vergessen werden hierbei selbst die alltäglichen Fehler, Ungereimtheiten und Verzerrungen, weil Redaktionen gnadenlos zusammengespart werden, Journalisten am Fließband schuften müssen und Meldungen von Nachrichtenagenturen ungeprüft kopiert werden. Zwei Beispiele. Weiterlesen

Pressefreiheit?

»Anzeigenkunden stellen Forderungen, der Übergang zur Prostitution ist schleichend.«
(Gabor Steingart am 10. Mai 2019 auf meedia.de)

»Um den Bruch mit den Medien zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass für den Journalismus die Nähe zu den Mächtigen überlebensnotwendig ist, um gegenüber der Konkurrenz zu bestehen.«
(Jun Branco. »Julian Assange — erst gefeiert, dann fallen gelassen«. Le Monde Diplomatique. Mai 2019. S. 21) Weiterlesen

Die SEO-Filter-Bubble (2)

Die devote Google-Hörigkeit (SEO) sämtlicher Online-Medienportale geht mir weiterhin gehörig auf den Sack! Warum? Weil überall Nicht-Nachrichten, Gerüchte, Spekulationen, Filterblasen und Echokammern erzeugt werden, nur damit man beim Suchmaschinenranking weit vorne steht. Es wird nicht mehr geschrieben, was Redakteure für relevant halten oder was den Leser interessieren könnte, sondern das, was der Google-Algorithmus vorgibt und belohnt. Es gibt mittlerweile unendlich viele Artikel und Beiträge im Internet, die absolut keine handfesten Infos, News oder Daten mehr beinhalten, sondern nur Keyword-und-Textbaustein-Dropping im Spekulations-Mantel betreiben. Natürlich im vemeintlich attraktiven Schablonen-Rahmen für Google. Und damit es nicht sofort auffällt, dass man absolut keine neuen Informationen oder News hat, bedient man sich gerne solcher Formulierungen: Weiterlesen