Der pädagogische Happen (24)

Vater: »Du Leon, was möchtest Du später eigentlich mal werden?«

Sohn: »Ich weiß es nicht.«

Vater: »Aber Du musst doch wissen, womit Du später Dein Geld verdienen willst! Schließlich musst Du Deine Miete mal selbst bezahlen, willst sicher auch mal in den Urlaub fahren und Dir was gönnen, oder?«

Sohn: »Ich weiß es wirklich nicht.«

Mutter: »Was macht Dir denn besonders viel Spass?«

Sohn: »Malen und zeichnen, Autoscooter fahren und mit Lego spielen.«

Vater: »Ach komm, als Busfahrer oder Künstler kann man doch keine Familie ernähren! Du wirst mal schön studieren und dann was ordentliches lernen. Arzt. Anwalt. Betriebswirtschaft. Ingenieur.«


Der pädagogische Happen (1−23)
Selbstentfremdung

Anstand kostet!

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©epikur (eigenes Werk)

Wer sich sein Gewissen, seine Fairness, seine soziale Gerechtigkeit und sein Mitgefühl bewahren will, muss dafür mit harter Währung bezahlen! Die meiste Kohle macht man, wenn man skrupellos, rücksichtslos und egoistisch ist. Wer sich scheut, auch mal bigott, verlogen und korrupt zu sein, wer nicht professionell lügen kann und will (Marketing, PR, Vertrieb etc.), wer Mühe hat, die eigene Selbstentfremdung nicht als Selbstverwirklichung zu verdrehen — der wird niemals eine steile berufliche Karriere hinlegen können! Weder in der Automobil‐ oder Pharmaindustrie, in einer Bank, noch in einem Konzern oder irgendeiner anderen Branche, wo man richtig Geld verdienen kann.

Nächstenliebe, Empathie und Mitgefühl sind ökonomisch gesehen nicht nur wettbewerbsschädigend, sondern schlicht nichts wert. Ja, zur Aufrechterhaltung der Arbeitsmoral und zur Mitarbeiterführung wird ein wenig Sozial‐Klim‐Bim betrieben und/oder gelegentlich gemenschelt. Auch werden die Ideale von Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten, rücksichtslos ausgebeutet — all das wird aber nicht mit Euros vergütet. Es spielt zudem in der Management‐Ebene, in der Finanzindustrie und auf politischer Ebene kaum eine Rolle. Was zählt, sind Quartalsberichte, Dividenden und Profite. Und weil sich Anstand schlicht nicht rentiert, sondern nur Kosten verursacht, wird auf ihn weitestgehend verzichtet.


» Die ganz normale Ungerechtigkeit
» Marktgerechtigkeit und Verwertungsmoral
» Ohne Haltung

Haben oder Sein

habensein_titelSeit einiger Zeit arbeite ich nun in einer Grundschule. Vormittags bin ich in einer Jül‐Klasse und Nachmittags im Hortbereich. Es ist die schlechtbezahlteste Lohnarbeit, die ich bisher hatte und gleichzeitig die zufriedenstellendste Tätigkeit, die ich in meinen rund 40 Jahren ausgeübt habe. In aller Regel füllt man eine Funktion aus, die nicht erfüllt. Bei der man eine soziale Maske kultivieren und sich langfristig von sich selbst entfremden muss, damit man auf der Lohnarbeit ordentlich funktionieren kann. Aber, um mal ein Wort zu bemühen, dass leider längst von Marketing‐Soldaten gekapert wurde: eine Arbeit, bei der man authentisch sein darf, ist häufig eine erfüllende und befriedigende Tätigkeit.
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»Du hast das Falsche studiert!«

studi_titelDiesen Satz bekommen Geisteswissenschaftler, aber auch alle Anderen, die erfolgreich ihr Studium abgeschlossen, aber noch keine Erwerbsarbeit gefunden haben, immer wieder zu hören. Nur wer entscheidet eigentlich, was das »richtige Fach« ist (MINT!?), was man angeblich hätte studieren müssen, um schneller oder eine bessere Lohnarbeit zu finden? Unternehmen, der ominöse Markt, die Politik, die Medien oder die Familie? Alle Anderen wissen es scheinbar regelmäßig nicht nur besser, sondern wollen auch festlegen, was einen zu interessieren hat, ja was man beruflich hätte machen müssen.

»Doch genau das ist das Problem vieler Geisteswissenschaftler. Sie haben für alles studiert, nur nicht für den Markt.«

welt.de vom 15. Mai 2015

Nur wie kann es eine »falsche Wahl« gewesen sein, wenn man es gerne gemacht hat? Wenn man mit Leidenschaft, Interesse und Neugier dabei war? Wie können Tätigkeiten, die einen erfüllen und gleichzeitig niemanden verletzen, falsch sein? Soll etwa der ökonomische (Selbst-)Verwertungszwang  immer und überall das oberste Kriterium sein? Sollen etwa alle Werte -bis auf den Tauschwert‐ wertlos seien? Spätestens beim Titelzitat entblößen sich die Phrasen von der »Selbstbestimmung«, der »Eigenverantwortung« und des »Sei Deines Glückes Schmied« — als pure Unterwerfungsdogmen an die herrschenden Gegebenheiten. Wie soll man bitte glücklich werden, wenn man stets nur das sagt und macht, was andere  von einen erwarten? :WTF:

Moral. Motivation. Markt.

moral_markt_titelIch wollte in die Wissenschaft gehen, um mich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben. Nun bin ich ständig damit beschäftigt, private Investoren zu gewinnen und Forschung in ihrem Sinne zu betreiben.

Ich wollte Jura studieren, um die Welt gerechter zu machen, also für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Nun verdiene ich mein Geld damit, die kriminellen Reichen vor angemessenen Sanktionen zu schützen. Weiterlesen

Presseblick (23)

Die Wirtschaftswoche schreibt über »die Traumberufe unserer Kinder«. Erläutert wird eine Umfrage des Jugendforscher‐Teams iconKIDS&Youth im Auftrag von LEGO City. Kinder sollen und müssen schließlich funktionieren: zuerst nur als Konsumenten, später zusätzlich als Steuerzahler und Lohnarbeiter. »73 Prozent der Kinder wissen schon ganz genau, welchen Beruf sie einmal ergreifen wollen.« Nur leider sinke mit zunehmenden Alter die Zuversicht, den gewünschten Beruf auch zu bekommen, so die Redakteurin Miriam Bax. Das liege natürlich nicht an unserem Arbeitsmarkt, bei dem auf ca. eine Million offener Stellen (sehr optimistisch gerechnet) ungeschönt sechs bis sieben Millionen Erwerbslose treffen, sondern daran, dass man »Ausschreibungen für Profifußballer oder Geheimagenten« in den Jobbörsen vergeblich suche. Es gibt kaum eine frustrierendere Frage für Kinder als »Was möchtest Du später einmal werden?«. Bei dem Arbeitsmarkt sind die meisten am Ende froh, überhaupt eine Lohnarbeit gefunden zu haben. Weiterlesen

Von wegen Fachkräftemangel

Am 13. Juni 2013 gab es auf SpiegelOnline einen Artikel mit dem Titel: »Jobsuche: Der ganz normale Bewerbungswahnsinn«. Der Beitrag beschreibt die schwierige und aufwändige Suche eines Wirtschaftsingenieurs (Master of Science, Note: sehr gut). Er habe rund 60 Bewerbungen geschrieben, sich etlichen Rollen‐ und Psychospielchen von Personalern reinziehen und auch mehrfache Gespräche beim gleichen Arbeitgeber unterziehen müssen, um eine Stelle zu bekommen:

»In diesem Jahr gibt es 700 Bewerber für vier freie Plätze.«

Es ist die Rede von einem Ingenieur und keinem Geisteswissenschaftler. Hier wird die Lügen‐Propaganda vom Fachkräftemangel sehr deutlich. Weiterlesen

Schweigen ist Volk

»Sie verstehen, qualifiziert, das heißt im rechten Moment, freiwillig zu schweigen. […] Sobald Sie etwas zu sagen haben, geht es nur noch darum, möglichst raffiniert zu verschweigen, was Sie zu sagen hätten, wenn Sie wirklich etwas zu sagen hätten.«

-Michail Krausnick, »Die Sache Mensch«, Rowohlt Verlag, Hamburg 1985. S 7

Anmerkung: Wer Karriere machen will, muss lernen, anständig zu schweigen. Zu sagen, was man denkt und fühlt, das kann doch jeder! Betriebs‐, Geschäfts‐ und Betrugsgeheimnisse wahren, das Unternehmen durch ein Engagement im Betriebsrat oder der Gewerkschaft nicht in Verlegenheit bringen, und den Chef nicht mit der Wahrheit konfrontieren — das macht einen qualifizierten Mitarbeiter aus.