Von wegen Fachkräftemangel

Am 13. Juni 2013 gab es auf SpiegelOnline einen Artikel mit dem Titel: »Jobsuche: Der ganz normale Bewerbungswahnsinn«. Der Beitrag beschreibt die schwierige und aufwändige Suche eines Wirtschaftsingenieurs (Master of Science, Note: sehr gut). Er habe rund 60 Bewerbungen geschrieben, sich etlichen Rollen‐ und Psychospielchen von Personalern reinziehen und auch mehrfache Gespräche beim gleichen Arbeitgeber unterziehen müssen, um eine Stelle zu bekommen:

»In diesem Jahr gibt es 700 Bewerber für vier freie Plätze.«

Es ist die Rede von einem Ingenieur und keinem Geisteswissenschaftler. Hier wird die Lügen‐Propaganda vom Fachkräftemangel sehr deutlich.

Seit Jahren wird das Lied des Fachkräftemangels gesungen:

Gerade technisch Hochqualifizierte sucht man auf dem deutschen Arbeitsmarkt oft vergeblich. Weil dadurch viele Stellen unbesetzt blieben und die Unternehmen deshalb sogar Aufträge ablehnen mussten, gingen der deutschen Volkswirtschaft im vergangenen Jahr 18,5 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren.

-stepstones.de

Wenn es wirklich so wäre, warum leisten sich Unternehmen dann solche völlig überzogenen Einstellungsprozeduren? Wenn der Markt aus Angebot und Nachfrage bestehe, dann könnten sich vielmehr, bei einem tatsächlich bestehenden Fachkräftemangel, die qualifizierten Arbeitskräfte (Angebot niedrig) ihre Stellen aussuchen, wenn diese doch so händeringend gesucht werden (Nachfrage hoch)? Hinzu kommt, dass über 20.000 Ingenieure in Deutschland als arbeitssuchend gemeldet sind.

Der angebliche Fachkräftemangel, ist der Versuch das Überangebot an arbeitslosen Hochqualifizierten aufrecht zu erhalten und die Löhne zu drücken. Denn nur so, sind Unternehmen weiterhin in der Lage, die Bedingungen zu definieren. Was gäbe es für Unternehmen schlimmeres, als auf jede Arbeitskraft wirklich angewiesen zu sein? Ohne sofortige Ersetz‐ und Austauschbarkeit jedes einzelnen »Arbeitnehmers«? Was wäre nur, wenn Bewerber in Vorstellungsgesprächen weitgehend die Einstellungsbedingungen oder gar das Gehalt mit entscheiden könnten? Ein Horror für Arbeitgeberverbände und Unternehmen! Deshalb wird präventiv der Fachkräftemangel ausgerufen, damit solch eine Situation niemals zustande kommt.

8 Gedanken zu “Von wegen Fachkräftemangel

  1. Wenn es einen Fachkräftemangel gab, dann an solchen die trotz guter Qualifikation für volle Zeit und niedrigen Lohn arbeiten wollten. Inzwischen hat sich das aber geändert, die Aussicht überhaupt eine Stelle zu bekommen lässt viele immer schlechtere Konditionen akzeptieren.

  2. Vielleicht ist einmal ein Anreiz, jenen, die noch emsig versuchen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, nahe zu legen, einmal darüber nach zu denken, wohin die Reise gehen soll. Ein ganze Reihe an entwürdigenden Positionen muss dann eingehen. Wer ein auskömmliches Einkommen sich zuführen kann, der kann sich auch lösen von den vorgegaukelten Vorteilen einer zeit‐ und Lohnintensiven Anstellung und sich damit zugleich von vielschichtig zugreifenden Sinnsträngen der Arbeitslogik teilweise schützen.
    Aber immer noch, wird es als heldenhaft angesehen, eine Arbeitsstelle ergattert zu haben. Je mehr Bewerber man übertrumpft hat, desto hochtrabender die Ehre. Unsere neue Ehrgesellschaft zirkuliert darum. Arbeitsrittertum. Im Duell gesiegt. Die Ehre bewiesen. Schamfrei sein.

  3. Nach 20 Firmen in 10 Jahren weiss ich dass nur Experten gesucht werden. Facharbeiter gibts genug. Wie wird man zum Experten? Richtig, durch Zeit. Wer verfügbar sein muss, ist besser Generalist, also Facharbeiter.
    Soviel,sokurz.

  4. Wie es im Spiegel‐Artikel so schön heißt.
    vergehen oft Monate.....
    Man glaubt es nicht, aber das kann sogar Jahre gehen.
    Mitte letzten Jahres, trudelte tatsächlich noch eine Absage bezüglich einer Stelle ein, bei welcher ich mich anderthalb Jahre zuvor beworben hatte. Interessant übrigens auch mitunter die ganz normalen bürokratischen Dinge. Selbst auf Zeugnisse etc. manchmal mehrere Monate zu warten, ist überhaupt kein Einzelfall. So was wirkt besonders speziell, bei Unternehmen in denen die Mitarbeiter ständig mit Wörtern wie z.B. Prozessoptimierung gequält werden. Der Eindruck, dass auch alle anscheinend mehr damit beschäftigt sind, als mit einer dem eigentlichen Berufsbild entsprechenden Arbeit, bekommt man irgendwie auch nicht mehr los.

  5. Und wenn dann Absagen kommen, dann mit teils abenteuerlichen Begründungen. Ich hatte mich vor 13 Jahren (nicht vergleichbar mit heute, damals gab es im MINT‐Bereich echt noch viele Stellen) bei einer namhaften deutschen Großfirma beworben. Als die anriefen, um mich zum Vorstellungsgespräch einzuladen, hatte ich längst woanders einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Ich bat darum, meine Unterlagen zurück geschickt zu bekommen. Die kamen dann prompt 4 Wochen (!) später. Mit dabei eine Begründung für die Rücksendung/Absage: »Leider konnten wir keine für Ihr Profil geeignete Stelle in unserem Unternehmen finden.«
    Manche Firmen brauchen wirklich keine Mitarbeiter. Mittlerweile (nach einigen Jobwechseln) arbeite ich projektbezogen und habe da leider auch oft den Arbeitgeber wechseln müssen, da Projektende meist auch Kündigung bedeutet. Es macht manchmal keinen Spaß mehr, hochqualifizierte Arbeitskraft zu sein. Und was das Gehalt angeht: Am meisten verdient habe ich direkt nach dem Studium vor 15 Jahren, seither ist es immer weniger geworden.

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