Der pädagogische Happen (33)

Mutter: »Hätten Sie mal kurz eine Minute?«

Pädagoge: »Ja klar, was gibts denn?«

Mutter: »Meine Tochter sagt, dass sie von einer Lena aufs Übelste beleidigt wurde! Ich möchte diese Schimpfwörter jetzt hier nicht wiederholen. Aber sowas hat sie noch nie gehört! Ich will, dass sie mit der Mutter von Lena darüber sprechen und sie fragen, woher ihre Tochter solche Wörter kennt!?«

Pädagoge: »Ich werde mich darum kümmern!«

Mutter: (Einen Tag später. Erbost. Sauer. Wütend.) »Meine Tochter sagt, Sie haben mit ihr und Lena gesprochen. Stimmt das?«

Pädagoge: »Ja. Beide Kinder habe sich entschuldigt und es ist bisher zu keinem weiteren Konflikt gekommen.«

Mutter: »Das reicht mir nicht! Ich will, dass Sie mir die Telefonnummer von Lena’s Mutter geben, damit ich mit ihr sprechen kann!«

Pädagoge: »Das ist nicht unsere Aufgabe. Das wird nur zu einer Eskalation führen. Außerdem kann ich das aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht machen. Tut mir Leid!«

Mutter: (stapft ohne ein weiteres Wort wütend davon.)


Der pädagogische Happen (1−32)

Der pädagogische Happen (32)

 

 

 

 

(In der Schule, Abholsituation)

Mutter: Meine Tochter erzählt mir jeden Tag Zuhause, dass sie von einem Ali immer geärgert wird.

Pädagoge: Ja, ich habe die Situation beobachtet. Möchten Sie eine unbeteiligte Einschätzung dazu hören?

Mutter: (sauer, aufgebracht) Ich will, dass sie sich diesen Ali zur Brust nehmen. Es kann nicht sein, dass er hier frei dreht und andere Kinder schlagen darf!

Pädagoge: (ruhig, sachlich) Wenn ich Ihnen das einmal kurz erklären dürfte...

Mutter: (unterbricht) Wo ist denn dieser Ali jetzt gerade? Ich will mit ihm reden!

Pädagoge: (bestimmt) Stop! So geht das nicht! Die Kinder stehen in der Einrichtung unter unserer Fürsorge und Aufsicht. Außerdem reden wir doch gerade darüber. Also der Konflkt ging von beiden Seiten aus. Ihre Tochter Anna-Lena hat auch...

Mutter: (unterbricht wieder, wird lauter) Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich möchte sofort mit der Leitung sprechen! Wo finde ich die?

Pädagoge: Das Gebäude links, dritte Tür rechts.

Mutter: (stapft wütend davon)


Der pädagogische Happen (1−31)

Lehrer-Bashing

Es ist mittlerweile zum Volkssport geworden und dauert keine 10 Minuten mehr, wenn über Schule geredet wird: Lehrer-Bashing. Es klammert (wie so oft) jedwede strukturelle Problematik komplett aus: »schuld sind die Lehrer!« Darin sind sich alle einig. Sie sind die Prügelknaben der Nation. Gleichzeitig wundern sich alle, warum es bundesweit so einen Lehrermangel gibt? Die Bezahlung ist doch vergleichsweise solide? Na gut, Kinder können ein wenig Kraft kosten, aber das bekommt man doch irgendwie hin, oder?

Das Problem sind jedoch nicht die Kinder, sondern die Eltern! Ich kenne und lebe ‑als Pädagoge der täglich in einer Grundschulklasse arbeitet und gleichzeitig als Vater auf Elternabenden auftritt- beide Perspektiven. Am Ende sind es für mich meist die Eltern, die mit Hysterie, Propellerkreisen, überzogener Anspruchshaltung, Gerüchten, Vorwurfssprache, Selbstoptimierungs‑, Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken sowie mangelnder Kooperationsbereitschaft, das System Schule zu einer anstrengenden Veranstaltung machen. Waren früher die Kinder für ihre Leistungen selbst verantwortlich, stürmen heute die Eltern die Lehrerzimmer: »Warum hat mein Kind eine fünf bekommen?« Weiterlesen

Der pädagogische Happen (30)

Erzieher und Pädagogen sollen...

    • ...die Resilienz der Kinder fördern.
    • ...die Kinder für Nachhaltigkeit, gesundes Essen und kulturelle Vielfalt begeistern.
    • ...die Kinder in allen Vorläuferkompetenzen (Mathe, Deutsch, Naturwissenschaften) stärken, fördern und bilden, damit sie gut auf die Schule vorbereitet werden.
    • ...ein Musikinstrument spielen, sich für Sport interessieren und eine klare deutliche Sprache haben.
    • ...die Kinder in ihren Ich‑, Sach- und Sozial-Kompetenzen stärken.
    • ...perfekte Diplomaten sein, damit sie auch bei schwierigen Elterngesprächen absolute Ruhe bewahren können.
    • ...mit einem unendlichen Vorrat an Empathie, Einfühlungsvermögen und sozialem Bewußtsein ausgestattet sein.
    • ...sich ständig in Inklusion, Sprachförderung, Partizipation und Gender fortbilden.
    • ...sich sowie die eigenen Handlungen jeden Tag selbst reflektieren können.
    • ...mit jedem Kind sichere sozial-emotionale Bindungen eingehen können.
    • ...perfekt basteln, malen und zeichnen können.
    • ...den Kindern Medien, Fremdsprachen und demokratische Werte näher bringen können.
    • ...Feste und Feiern organisieren sowie mit anderen Sozialpartnern kooperieren können.
    • ...
    • ...

...mit einer niedrigen Bezahlung und einer geringen Wertschätzung zufrieden sein! :jaja:


Berliner Bildungsprogramm
Der pädagogische Happen (1−29)

Jungen und Mädchen

»Sechs- bis zehnjährige Kinder zeigen geschlechtstypische Unterschiede in ihrem Sozialverhalten. [...] Jungen wetteifern miteinander, zeigen Dominanzstreben und Risikobereitschaft. Ihre Fantasien und Geschichten kreisen um Konflikte, Gefahren, Zerstörung, körperliche Stärke und heldenhafte Taten. Mädchen bevorzugen Zweierbeziehungen, reagieren eher auf Vorschläge anderer, machen mehr Vorschläge und geben weniger Befehle. Für sie steht Kooperation im Vordergrund.«

(Gabriele Haug-Schnabel. Grundlagen der Entwicklungspsychologie. Breisgau 2005. S. 162)

Solche und ähnliche Aussagen findet man häufig in der pädagogischen und psychologischen Fachliteratur. Im Deckmantel der objektiven Forschung werden Verhaltensweisen von Jungen oft eher negativ und das Verhalten von Mädchen eher positiv bewertet. Ich kann so einer einseitigen, klischeebehafteten und häufig reproduzierten Beobachtung nicht zustimmen. Auch wenn ich nur drei Schulen sowie mein gesamtes privates Umfeld als Gegenthese heranziehen kann. Weiterlesen

Fördern. Fördern. Fördern.

Die Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft produziert nicht nur systematisch ein ausgegrenztes Prekariat, sie verdient auch an und mit der Angst. Insbesondere Eltern sind stellenweise ganz gezielt massiv verunsichert worden. Jahrzehntelang haben vermeintliche Erziehungsexperten durch allerlei mediale Kanäle (TV, Buch, Web, Radio, Zeitung etc.) die elterliche Intuition nachhaltig beschädigt. Man müsse und solle seine Kinder so und so erziehen, man solle das sagen, das unternehmen, sich so verhalten und so weiter. Dann wird wieder genau das Gegenteil erzählt und propagagiert. Hinzu kommt ein Dschungel an pädagogischen Konzepten, Haltungen und Werten, die sich nicht nur gegenseitig widersprechen, sondern alle von sich behaupten, dass sie die »einzig wahre Erziehungsmethode« betreiben würden.

Das Ergebnis sind pränatale Frühförderung (»Je früher desto besser!«), Kindergarten-Chinesisch sowie die Auffassung, dass alles Tun pädagogisch wertvoll, also Förderung sein muss. Es ist der Zeitgeist der uns sagt, dass Kinder und Jugendliche arbeitsfähig genormt werden müssen. Ihre ökonomische Verwertbarkeit und Funktionstüchtigkeit sollen hergestellt werden. Oder anders: »Unsere Kinder sind unsere Zukunft«. Eine Ware. Ein Rohstoff. Ein Objekt. Das soll eben bestmöglich optimiert werden.

Was häufig fehlt, ist eine subjektbezogene, ehrliche und authentische Seins-Haltung zu Kindern und Jugendlichen. Sie in ihrem Wesen so annehmen können, wie sie sein wollen und nicht, wie Unternehmen, Politiker oder Eltern sie nach ihren eigenen Vorstellungen formen wollen. Es ist insofern absolut nicht verwunderlich, dass psychische Kinderkrankheiten zugenommen haben: man behandelt sie allerorten wie Knetmasse.


»Elternängste«
»Familienkonflikte«
»Der pädagogische Happen«

Inklusion predigen. Neoliberalismus leben.

Auf jeder Arbeitsstelle müsste ein Schild hängen: »Beim Betreten endet die Demokratie! Willkommen im Neofeudalismus!«

Die Welt der Pädagogik ist nicht selten eine realitätsverweigernde Glasglocke, in der mit schillernden Fachbegriffen ein humanistisches Weltbild proklamiert wird, das vor allem in der real existierenden Lohnarbeitswelt (aber auch sehr häufig im zivilgesellschaftlichen Leben) schlicht nicht existiert. Da wird von...

  • Partizipation
  • Selbstwirksamkeit
  • Wertschätzung
  • Ganzheitliches Lernen
  • Inklusion

...und vielem mehr gesprochen. In der Regel interessiert das weder Politiker, Manager, Banker oder Unternehmensbosse. Für sie zählt nur der persönliche Vorteil und der Profit. Die pädagogische Arbeit ist daher in großen Teilen nicht nur ein Kampf gegen Windmühlen, sondern auch eine ermüdende Sisyphos-Arbeit. Kinder lernen vor allem: »Wasser predigen. Und Wein saufen!«


»Die zehn Gebote des Neoliberalismus«
»Berliner Bildungsprogramm: eine Kritik«
»Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn«

Der pädagogische Happen (24)

Vater: »Du Leon, was möchtest Du später eigentlich mal werden?«

Sohn: »Ich weiß es nicht.«

Vater: »Aber Du musst doch wissen, womit Du später Dein Geld verdienen willst! Schließlich musst Du Deine Miete mal selbst bezahlen, willst sicher auch mal in den Urlaub fahren und Dir was gönnen, oder?«

Sohn: »Ich weiß es wirklich nicht.«

Mutter: »Was macht Dir denn besonders viel Spass?«

Sohn: »Malen und zeichnen, Autoscooter fahren und mit Lego spielen.«

Vater: »Ach komm, als Busfahrer oder Künstler kann man doch keine Familie ernähren! Du wirst mal schön studieren und dann was ordentliches lernen. Arzt. Anwalt. Betriebswirtschaft. Ingenieur.«


Der pädagogische Happen (1−23)
Selbstentfremdung

Presseblick (74)

»Nähme man den Zeitungen den Fettdruck weg, um wie viel stiller wäre es auf der Welt.« (Kurt Tucholsky)

SEO und Clickbait wohin man nur schaut. Kaum ein Online-Medien-Erzeugnis redet gern darüber, aber die Google-Algorithmen bestimmen längst, was, wann, wo und in welcher Form geschrieben und veröffentlicht wird. Vorbei sind die Zeiten, wo ein Redakteur für die Leser geschrieben hat, weil er das Thema für relevant hielt. Nun richten sich ganze Online-Redaktionen nach Google-Richtlinien und SEO-Begriffen. Foto-Klickstrecken mit 30 Seiten, kaum externe Links (oder Quellenangaben) sowie künstlich aufgeblähte Texte. Und das sieht man immer wieder an den Nicht-Artikeln. Beiträge, die keinerlei Informationswert haben, aber in denen wichtige Google-SEO-Keywords platziert werden, damit man bei der großen Suchmaschine schneller gefunden wird: »ist das aber leider alles nur heiße Luft.« Egal, Hauptsache wir haben den Klick kassiert. :euphorie:  Weiterlesen

Der pädagogische Happen (23)

 

 

 

 

(Tag 1. Schulhort. Abholsituation.)
Mutter: »Du Jonas, jetzt komm endlich, wir müssen dringend zum Judo!«
Pädagoge: »Jonas, Du räumst aber bitte noch das Lego auf!«
Mutter: »Muss das jetzt wirklich sein? Wir haben es sehr eilig!«
Pädagoge: »Das Aufräumen gehört zum Spielen dazu!«
(Die Mutter zieht ein langes Gesicht.)
(Tag 2. Klassenzimmer. Elterngespräch.)
Mutter von Jonas: »Mein Sohn will Zuhause nie aufräumen. Es gibt immer Streit. Habt Ihr da vielleicht ein paar Tipps?«


Der pädagogische Happen (1−22)