Haben oder Sein

habensein_titelSeit einiger Zeit arbeite ich nun in einer Grundschule. Vormittags bin ich in einer Jül‐Klasse und Nachmittags im Hortbereich. Es ist die schlechtbezahlteste Lohnarbeit, die ich bisher hatte und gleichzeitig die zufriedenstellendste Tätigkeit, die ich in meinen rund 40 Jahren ausgeübt habe. In aller Regel füllt man eine Funktion aus, die nicht erfüllt. Bei der man eine soziale Maske kultivieren und sich langfristig von sich selbst entfremden muss, damit man auf der Lohnarbeit ordentlich funktionieren kann. Aber, um mal ein Wort zu bemühen, dass leider längst von Marketing‐Soldaten gekapert wurde: eine Arbeit, bei der man authentisch sein darf, ist häufig eine erfüllende und befriedigende Tätigkeit.
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Der pädagogische Happen (13)

_happen_

Mutter: »Na, wie war der Tag heute?«

Erzieherin: (lächelt freundlich, versucht diplomatisch zu sein) »Schwierig. Oskar hat heute Steine nach Sophia geworfen und sie leider auch direkt am Auge getroffen. Sie musste im Krankenhaus behandelt werden.«

Vater: »Oh, das tut mir leid. Aber, das hatte doch sicherlich eine begründete Vorgeschichte, oder? Er würde sowas nie einfach nur so machen!«

Erzieherin: »Das Ganze ging sehr schnell, aber ich habe es genau beobachtet. Er hat Steine aus unserem Garten aufgehoben und sie direkt auf Sophia geworfen. Es gab vorher keine Interaktion zwischen den beiden. Außerdem mussten wir ihn heute Morgen aus der Sportgruppe nehmen, weil er ständig in körperlichen Konflikten involviert war.«

Mutter: »War das mit Christian? Dem Integrationskind? Der ist aber auch nicht Ohne!«

Erzieherin: »Leider gab es dann heute Nachmittag noch einen Vorfall. Nachdem meine Kollegin ihn ermahnt hatte, nannte er sie...Fotze

Vater: (wütend) »Jetzt reicht es mir aber! Unser Sohn tut so etwas nicht!« (Er nimmt seine Frau an die Hand, sie wenden sich ab und gehen ihren Sohn holen.)

(Bisherige Folgen)

Der pädagogische Happen (8)

_happen_Die häufigsten Fragen von Eltern an Erzieher und Kinder, wenn sie die Kleinen entweder vom Kindergarten, der Schule oder der Nachmittags‐Betreuung abholen, sind:

  1. (an das Kind) »Was hast Du heute gegessen? Wann? Wie viel? Hat es Dir geschmeckt?«
  2. (an die Erzieher) »Hat das Kind heute einen Mittagsschlaf gemacht?«
  3. (an das Kind) »Hast Du Hausaufgaben auf?«

Fragen nach Spiel‐Aktivitäten, Freunden/Freundinnen sowie danach, wie sich das Kind tagsüber gefühlt hat, welche Gedanken, Träume oder Interessen es hatte, werden in der Regel von Erwachsenen eher selten gestellt. Besitz‐, Versorgungs‐ und Leistungsdenken dominieren das Eltern‐Kind‐Verhältnis. Sie nennen es »Liebe«.

Kinder in Deutschland; Teil 40: Erzieher. Lehrer. Eltern.

erz_titelDer Leistungs‐, Selbstoptimierungs‐ und Wettbewerbswahnsinn hat in Deutschland viele soziale und empathische Errungenschaften zerstört. Kinder werden heute zunehmend als Investitionsobjekte, Ressourcen (»Kinder sind unsere Zukunft!«) und als Selbstverwirklichungs‐Projekte wahrgenommen und definiert. Der freie Kinderwille ist fast gänzlich verschwunden. Stattdessen sind sie den Interessen von Eltern, Schule, Politik, Wirtschaft und Medien komplett ausgeliefert. Statt aber zu hinterfragen, warum die Kleinen heute so überfrachtet werden, warum es vor 30 Jahren noch keine Helikopter‐Eltern gab und warum wir oft völlig übertriebene Erwartungen und Anforderungen an Kindergärten, Schulen und unseren Nachwuchs haben, wird die Verantwortung hierfür wie in einem Ping‐Pong‐Spiel zwischen Eltern, Erziehern und Lehrern ständig hin und her geschoben. Weiterlesen

Kinder in Deutschland; Teil 32: Die perfekten Eltern

perfeltern_titelViele Eltern in Deutschland setzen sich selbst, und besonders ihre Kinder, nicht nur wegen der beruflichen Zukunft unter Druck, sondern auch wegen ihrer eigenen Ängste und dem Anspruch, die perfekten Eltern sein zu wollen. Gierig saugen sie alle Erziehungsratgeber auf und beglücken ihre Umwelt ungefragt mit Ratschlägen, wie man mit Kindern umzugehen habe. Wann und in welcher Form man konsequent sein darf, welche Medien pädagogisch wertvoll seien und wie man sein Kind am besten ernähren solle. Doch je unreflektierter der eigene Perfektionismus hierbei ist, desto weiter entfernen sich die Eltern von der Ebene des Kindes. Einige Beispiele. Weiterlesen

Presseblick (1)

Inge Jacobs fragt auf stuttgarter-zeitung.de, wie es wohl gelingen kann, mehr Menschen in den Erzieher Beruf zu bringen? Natürlich nicht, indem man Erzieher endlich ordentlich bezahlt, sondern indem man millionenschwere Werbe‐Kampagnen ins Leben ruft und laut darüber spricht.

In der Wirtschaftswoche (wiwo.de) wird geschildert, wie die Deutsche Bahn Graffiti Sprüher mit Drohnen‐Kameras »jagen« will: »Der neue Hightech‐Spürhund mit Logo der Bahn koste 60 000 Euro«. Hundert Stück und dann wären wir bei 6 Millionen Euro, Wartung noch nicht mit gerechnet. Gibts die auch mit Laser‐Upgrade, falls die Terror‐Sprüher Widerstand leisten?

Das Sprachrohr der Neoliberalen auf welt.de, Dorothea Siems, meint, so schlimm sei das alles mit der prekären Beschäftigung in Deutschland gar nicht: »Der in den vergangenen Jahren gewachsene Niedriglohnsektor bedeute keineswegs eine Verdrängung von gut bezahlter Arbeit, sondern sei vielmehr zusätzlich entstanden«. Da helfen auch keine Medikamente mehr.