Wir sind nicht die Guten!

guten_titelSeit unserer frühesten Kindheit wird uns eingetrichtert, dass wir im Westen auf der hellen Seite der Macht stehen würden. Im Geschichtsunterricht wird von gemeinen Herrschern und brutalen Diktaturen der Vergangenheit erzählt. Im Sozialkundeunterricht erfahren wir etwas über vermeintliche Unrechts- und Schurkenstaaten, die auf der ganzen Welt verteilt seien. In der Schule und der Universität sowie in den Massenmedien wird diese Erzählung tausendfach wiederholt. Das alles hätten wir heute in Deutschland, den USA und Europa überwunden. Wir würden in der besten aller möglichen Welten leben: der Demokratie. Im Paradies der Freiheit. In einer Wertegemeinschaft. Dabei sind Selbstüberhöhung und Narzissmus kein Beweis für gelebte humanistische Ethik sowie für die Wertschätzung der Menschenrechte. Weiterlesen

Worüber sich Diktatoren freuen würden

  • wenn die Massenmedien ohne ein zentrales Zensurorgan alle das Gleiche schreiben.
  • wenn die Bürger mit Vorliebe nach oben kriechen und nach unten treten.
  • wenn die Mehrheit die Wiedereinführung der Todesstrafe freudig begrüßt.
  • wenn Lohnarbeits- und Schuldknechtschaft für Freiheit gehalten werden.
  • wenn der Staat einen Krieg führt und es niemanden interessiert.
  • wenn ein Großteil der Bevölkerung sich in ihr Schicksal fügt, resigniert und davon überzeugt ist, »nichts ändern« zu können.
  • wenn Kunst, Kultur und Philosophie stark an Bedeutung verlieren und das ökonomisch-bürokratisch-technokratische Denken dominiert.
  • ein Gerät zu besitzen, daß die Bürger bespaßt, überwacht und Daten sammelt, dass den Menschen aber vollkommen gleichgültig ist.

Neusprech: Marktgerechtigkeit

»Das im Vergleich zur Konkurrenz höhere Lohnniveau verhindere aber, dass der Konzern dauerhaft im Wettbewerb mithalten könne. Deshalb zahle die Post in den neuen Gesellschaften nun marktgerechte Löhne.«

- Melanie Kreis, Personalchefin bei der Deutschen Post zum ver.di Streik am 8. Juni 2015 auf reuters.com

ZG-Artikel: Neusprech HeuteDer Markt wird meist als ein zentraler Ort definiert, an dem gehandelt wird. Der Marktplatz. Es gibt nationale und internationale Märkte, Finanzmärkte, Kapitalmärkte, Arbeitsmärkte, Immobilienmärkte, Börsenmärkte und viele weitere. Häufig werden sie personalisiert, mit einem Bewusstsein ausgestattet und als Götze verehrt: der Markt fordert, bestimmt und ist auch mal verunsichert. Da konkrete (und auch digitale) Handelsplätze nur durch die Menschen, die dort ein Geschäft tätigen, lebendig werden können, dient das Schlagwort Markt besonders in den Massenmedien als Tarnbegriff, um die Interessen von Millionären und Milliardären, Bankstern, Finanzspekulanten, Investoren und Managern zu verstecken. Weiterlesen

Freiheit im Gefängnis

»Ein leistungsfähiges Individuum ist jemand, dessen Verhalten nur insofern  Aktion ist, als es die richtige Re-Aktion auf die objektiven Anforderungen des Apparates ist und dessen Freiheit sich beschränkt auf die Wahl des angemessensten Mittels, um den Zweck zu erreichen, den es selbst nicht gesetzt hat.«

 — Herbert Marcuse. (Dieses Zitat ist nicht aus »Der eindimensionale Mensch«, sondern aus »Einige gesellschaftliche Folgen moderner Technologie‹, in: Schriften Bd. 3. »Dem User »Blub« war das wichtig.)

Anmerkung: Oder auch: Selbstentfremdung durch den Lohnarbeitszwang. Heute wird euphemistisch behauptet (auch in linken Kreisen), dass der sozioökonomische Druck zum Lohnarbeits-Fetisch, nicht entfremden, sondern die Menschen an der Gesellschaft teilhaben lassen würde. Das Leben in Lohnarbeits-Knechtschaft und  finanzieller Abhängigkeit mache also aus Menschen freie Persönlichkeiten?

Freiheit?

»Ein Arbeiter ist nicht frei wie ein Bürger, er ist nicht frei, zu denken und zu handeln wie ein Bürger, er hat nur die Freiheit, zwischen der Revolution und der Resignation zu wählen.«

- Jean-Paul Sartre. »Der Mensch und die Dinge«. Rowohlt 1978. S. 194

Anmerkung: Zu ergänzen wäre noch die Freiheit der Lohnarbeit und des Konsumierens. Laut Human Development Index 2013 (HDI), der die menschliche Entwicklung messen soll, ist Deutschland auf Platz 5 von insgesamt 186 Plätzen. Nach der aktuellen Rangliste von Reporter ohne Grenzen für die Pressefreiheit steht Deutschland auf Platz 14 von insgesamt 180 Plätzen. Wir müssten insofern doch ein Land sein, in dem die Menschen eine hohe individuelle Freiheit genießen, oder  etwa nicht?

Sicherheit vor Freiheit

»In gewisser Hinsicht sind die heute geltenden Sicherheitsgesetze in den europäischen Ländern deutlich strenger als in den faschistischen Regimen des 20. Jahrhunderts.«

- Giorgio Agamben, »Die Geburt des Sicherheitsstaats«, Le Monde Diplomatique, März 2014, S. 12

Anmerkung: Die Formulierung »aus Sicherheitsgründen« gilt heute als Freifahrtschein für den Abbau von Bürgerrechten. Im Namen der Sicherheit werden biometrische und genetische Daten der Bürger erfasst und gespeichert, öffentliche Orte und Arbeitsplätze mit Videokameras überwacht, Agent Provocateurs bei Protestaktionen eingesetzt, das Internet kontrolliert und vieles mehr. Es sind nicht allein die technischen Möglichkeiten, sondern vor allem der Wille der Mächtigen, das Volk lückenlos kontrollieren zu wollen.

Vergauckt

J. Patrick Fischer, wikimedia

Auszüge aus der Lobrede zum Neoliberalismus, gehalten von Bundespräsident Joachim Gauck, bei der Festveranstaltung zum 60-jährigen Bestehen des Walter Eucken Instituts am 16. Januar 2014 in Freiburg. »Wer dies im Hinterkopf hat, kann es übrigens nur höchst merkwürdig finden, dass der Begriff neoliberal heute so negativ  besetzt ist«, meint unser Bundespräsident. Frech und unhöflich übersetzt von epikur. Der liberale Kampfbegriff »Freiheit« wurde im Original insgesamt 31 mal verwendet. Weiterlesen

Warum kritisches Denken glücklich macht!

»Immer siehst Du alles so negativ?« oder »warum musst Du immer so viel kritisieren?« sind Vorwurfsfragen, die mir nicht selten gestellt werden. Weil das in Frage stellen von öffentlich akzeptierten Denkweisen und Verhaltensnormen, die eigene Selbstentfremdung sichtbar macht, empfinden das viele als unbequem und ungemütlich. Folglich gehen sie davon aus, ich sei ein völlig verbitterter, frustrierter und unglücklicher Mensch, der eigentlich gar nicht ernsthaft kritisieren, sondern sich nur auskotzen will. Ich muss dieser »Meinung« leider eine radikale Abfuhr erteilen, denn: für mich gehören Kritik und Glück unweigerlich zusammen und sind mitnichten ein Widerspruch. Zudem: ich bin mit meinem derzeitigen Leben durchaus zufrieden.

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