Neusprech: Freiheit

»Individuelle Freiheit kann es nur in einer Marktwirtschaft ohne Sozialstaat geben«

- Milton Friedman, Vordenker des Neoliberalismus, in seinem Buch »Kapitalismus und Freiheit« von 1984

Die Wissenschaft definiert den Freiheitsbegriff häufig in zwei Unterkategorien: die negative Freiheit als die Freiheit von etwas und die positive Freiheit, als die Freiheit zu etwas. Freiheit von Zwang (negative Freiheit) bzw. die Freiheit zur Entscheidung und ungehemmten Entfaltung der eigenen Person (positive Freiheit) sind die gängigen Definitionen. Untersucht man jedoch den Freiheitsbegriff in der politischen Debatte so wird er fast ausschließlich als rein ökonomische Freiheit definiert.

Der Terminus ist in der Politik seit jeher sehr positiv aufgeladen und besetzt. In der politischen Öffentlichkeit in Deutschland hat der Freiheitsbegriff zunehmend die Bedeutung von bürgerlicher, liberaler Freiheit bekommen. Freiheit heißt in dieser Hinsicht, frei von Regulierungen, frei von Bürokratie und frei von weiteren vermeintlichen Handelsbeschränkungen zu sein.

Die Ermöglichung zu einem Leben in Freiheit, würde zunächst eine soziale Sicherheit voraussetzen. Denn nur das Fundament der sozialen Sicherheit, würde es Menschen ermöglichen, Spielräume die einem die Freiheit gibt, auch zu nutzen. Der liberale Freiheitsbegriff hingegen, welcher ohne jegliche ethische Normen und Werte agiert, kommt dem Gesetz des Dschungels nahe, in dem das Recht des Stärkeren zählt und sonst gar nichts. Das Wörterbuch für Sozialpolitik hält hierzu treffend fest: »Im Neoliberalismus wird ein neuer Subjekttypus geschaffen, der im Herrschaftskonzept Freiheit handelt. Innerhalb des eisernen Käfigs Freiheit stehen den Subjekten alle Handlungsfreiheiten offen, nur die nicht, diesen Käfig zu zerstören«. Freiheit ist die Freiheit sich am Markt verkaufen zu müssen. Die Freiheit als Zwang.

»Vor diesem Hintergrund können die Leistungen der vergangenen 17 Jahre nicht hoch genug bewertet werden — vor allem die Leistungen der Menschen, die tatkräftig zugepackt und die Chancen der Freiheit genutzt haben«.

- CDU Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit der Schweriner Volkszeitung am 2. Oktober 2007

19 Gedanken zu “Neusprech: Freiheit

  1. Die heutige »Freiheit« ist nichts weiter als eine moderne Form der Sklaverei. Wir, als Marktteilnehmer, sind nur unter sehr großen Opfern in der Lage, uns dieser Sklaverei zu entziehen. Wir können nicht ohne die anderen existieren, daher sind wir im Grunde immer gezwungen, für andere zu arbeiten. Wir sind wie die Hamster im Rad, ständig zu mehr gezwungen.

    Darum ist eine der wesentlichen Forderungen, wie wir unsere Freiheit erlangen können, ein bedingungsloses Grundeinkommen. Erst wenn kein Zwang mehr zur bezahlten Arbeit besteht, können wir uns wirklich frei entfalten. Natürlich werden einige sich dann bequem zurücklegen und nichts tun. Dieses ist der Albtraum aller Grundeinkommensgegner — Menschen die Nichts tun!
    Ich schätze aber, die Mehrheit wird sich ohne weiteres sinnvoll beschäftigen. Und es wird auch eine Vielzahl von Menschen geben, die eben mehr als ein Grundeinkommen haben wollen und deshalb für Geld arbeiten. Aber, sie werden nicht mehr dem unmittelbaren Zwang unterliegen! Und das verstehe ich unter Freiheit.
    Aber ich bin pessimistisch, was die Verwirklichung betrifft. Freiheit ist etwas, was Unsicherheiten, Wahlmöglichkeiten und Irrationalitäten bedeuten kann. Und davor hat die Politiker‐ und Beamtenkaste in Deutschland (und nicht nur hier) eine für sie Heidenangst. Menschen, die tun was sie für richtig halten — eine beängstigende Vorstellung. Nein, in Deutschland müssen die Menschen kontrolliert, überwacht und zu ihrem Arbeitsglück gezwungen werden, sie sind ja sooo unmündig.

  2. @gerhardq
    Ist es ihnen zu verübeln, dass unsere Politiker immer vom schlimmsten ausgehen? Wer denkt denn immer nur an den eigenen Vorteil und an die Vermehrung von Macht und Reichtum? Es sind genau diese Leute und deshalb können sie sich schon lange nicht mehr vorstellen, dass jemand einfach nur aus Spaß etwas macht.

  3. Den Gegnern des Bedingungslosen Grundeinkommens empfehle ich das Buch »Unser Ende ist euer Untergang. Die Botschaft der Hopi an die Welt«

    Darin gibt es eine Geschichte von einem Hopi, der nach Jahren des Stadtlebens wieder zurück zu den Hopis ging und seine Zeit nur mit »Nichtstun« verbrachte. Vom Rest der Gemeinschaft wurde er mit allem was er zum Leben brauchte versorgt. Eines Tages stand er auf und beteiligte sich an den anfallenden Arbeiten.

    Diese Geschichte zeigt ganz klar auf, dass der Mensch gar nicht in der Lage ist auf Dauer nichts zu tun.

    Die Aufteilung der Lebenszeit in Arbeits‐ und Freizeit, hat meines Erachtens fatale Folgen. Der Zwang immer etwas »sinnvolles« tun zu müssen, lässt uns keinen Raum mehr die Welt zu beobachten und steht unserer Bewusstwerdung im Wege. Tagträume sind total verpönt, dabei wären diese so wichtig für die Erschaffung einer friedlichen Welt.

    Für mich ist ausnahmslos ALLES was ich tue sinnvolle Arbeit, egal ob Andere dies so sehen oder nicht. Dafür kämpfe und streite ich und lasse mir MEINE LEBENSZEIT nicht einteilen in Arbeits‐ und Freizeit.

    Wer kann schon beurteilen, was sinnvoll ist und was nicht?
    Meiner Meinung nach doch nur der den es betrifft.
    Oftmals erschließt sich der Sinn erst viel später.

    Ich zumindes nehme mir die Freiheit für ein Bedingungsloses Grundeinkommen zu streiten, allen Gegenmeinungen zu Trotz.

    Liebe Grüße
    Margitta Lamers

  4. Ich hoffe ich wirke jetzt nicht wieder Kommentarhemmend ;)
    So unbequem der Begriff auch ist, aber Verantwortungsbewusstsein war der bisher sinnvollste menschliche Kompromiss zwischen Freiheit infolge allzu großem Individualbewusstsein, und dogmatischer Gleichschaltung ganzer Gesellschaftsformen. Dieses hässliche Wort ist Milton Friedmann anscheinend nicht bekannt gewesen. Zumindest hat man Schwierigkeiten es bei ihm in einem menschlichen Kontext aufzufinden.
    Gemeinschaften welche sich selber ethisch weiterentwickeln wollen, benötigen wenigstens annäherungsweise eine Gleichstellung der Begriffe Freiheit und Verantwortungsbewusstsein.
    Freiheit erhält man durch Chancen zur Freiheit und Gerechtigkeit durch die Verteilung dieser Chancen auf alle. Haben alle die Chance auf Freiheit?
    (Immer vorausgesetzt wir erklären Freiheit mit Individueller Selbstverwirklichung).

  5. @antiferengi

    Ganz im Gegenteil. Ich finde, Deine Kommentare oft eher kommentarfördernd ;)

    Im Sinne einer neoliberalen Ideologie sind Freiheit und Eigenverantwortung doch untrennbar miteinander verwoben. Individuelle Selbstverwirklichung heisst hier jedoch vor allem Eigentum, Vermögen und Arbeit.

    »Chancen für Alle« titelt doch die INSM auf ihren Plakaten. Der Begriff Chancengerechtigkeit suggeriert auch eine vermeintliche Gleichstellung von Freiheit und Gerechtigkeit. Letztendlich alles Propaganda, Lügen und Wortklauberei.

    Jeder der sich die gesellschaftliche Ordnung, mit ihren Mechanismen und Zwängen offen und ehrlich anschaut, wird wenig Gerechtigkeit und wahre Freiheit erkennen.

  6. @margitta:

    Gerade heute morgen hatte ich diese Diskussion mit meiner Frau, die meinte, ich solle man wieder Geld verdienen (ich bin Schriftsteller und Softwareentwickler), ich würde ja den ganzen Tag nichts tun außer in Foren Kommentare zu schreiben :) .

    Meiner Erfahrung nach brauche ich eine Zeit mit Nichtstun, um wieder richtig produktiv zu sein. Zur Zeit entwickle ich mehrere Projekte, bei denen ich noch nicht weiß, was sie bringen. In solchen Situation mache ich grundsätzlich eins, ich beschäftige mich so intensiv wie es geht mehrere Tage mit dem Projekt. Dann mache ich für ein bis zwei Wochen etwas vollkommen anderes, z.B. Kommentare schreiben. Schon während dieser Zeit kommen alle möglichen guten und nicht so guten Ideen hoch, die ich mir dann notiere. Wenn ich mich dann an die Arbeit mache, flutscht diese in der Regel wie von selbst. Ich sage dazu gern, daß ich mein Unterbewußtsein mit der Arbeit beauftrage.

    Was ich damit sagen will, auch wenn man »nichts« tut, kann man unterbewußt ganz schon schwer arbeiten. Gerade beim Schreiben ist nichts schlimmer, als verkrampft einen Weg zu suchen.

    Als Chef habe ich früher meine Angestellten nicht zur Arbeit ermahnt, wenn ich mal gesehen habe, daß sie sich nicht mit ihren Aufgaben beschäftigt haben. Wenn ich meine Mitarbeitern freie Hand ließ, war die Arbeit oft schneller erledigt, als wenn diese verkrampft am malochen waren. Gute Mitarbeiter wissen in der Regel selbst sehr gut, wie sie eine Arbeit erledigen müssen, daß muß ich ihnen nicht vorschreiben. Und da ich als Chef die Mitarbeiter eingestellt habe, arbeiteten für mich nur gute Mitarbeiter.

    Und gerade um solche Auszeiten ohne wirtschaftliche Not zu überwinden, halte ich das Grundeinkommen für einen sinnvollen Ansatz. Aber das bedeutet auch, daß ich Vertrauen in die Menschen setzen muß, was sicherlich manchmal enttäuscht wird. Wer sich allerdings darauf einläßt, der wird feststellen, daß Vertrauen wieder Vertrauen gebiert.

    So, und jetzt werde ich mir mindestens 30 Minuten Entspannung mit meiner Mindmachine gönnen :) .

  7. »Darum ist eine der wesentlichen Forderungen, wie wir unsere Freiheit erlangen können, ein bedingungsloses Grundeinkommen. Erst wenn kein Zwang mehr zur bezahlten Arbeit besteht, können wir uns wirklich frei entfalten. Natürlich werden einige sich dann bequem zurücklegen und nichts tun. Dieses ist der Albtraum aller Grundeinkommensgegner – Menschen die Nichts tun!
    Ich schätze aber, die Mehrheit wird sich ohne weiteres sinnvoll beschäftigen. Und es wird auch eine Vielzahl von Menschen geben, die eben mehr als ein Grundeinkommen haben wollen und deshalb für Geld arbeiten. Aber, sie werden nicht mehr dem unmittelbaren Zwang unterliegen! Und das verstehe ich unter Freiheit.«

    Das schlagende Argument vieler linker Grundeinkommensgegner ist, dass durch ein Grundeinkommen:
    1. dem Staat als Verteiler des Grundeinkommens zuviel Macht zugestanden wird, denn der Staat wird bereits von der Industrie beherrscht, woraus dann zweitens folgt:
    2. dem Bürger die Notwendigkeit entzogen wird, gegenüber einem Arbeitgeber überhaupt auf Zahlung eines Einkommens zu bestehen.

    Aus 2. und 3. folgt, dass ein Arbeitgeber, der den Staat beherrscht und darüberhinaus seinen Angestellten kein Einkommen zahlen muss, dies aus Ökonomie‐Denken (billige Arbeitskräfte) auch nicht tut und darüberhinaus auch noch einen Arbeitszwang einführt, damit ihm auch wirklich Arbeitnehmer, die von ihm kein Einkommen empfangen, billig zur Verfügung stehen.

    Es ist Illusion, anzunehmen, ein Grundeinkommen verschaffe den Menschen MEHR Freiheit. In einem von der Wirtschaft beherrschten Staat werden bei allen Entscheidungen primär die Interessen der Wirtschaft bedient. Wenn Arbeitnehmer also dank eines Grundeinkommens prinzipiell kein Einkommen mehr brauchen, wird ihnen die Wirtschaft kein Einkommen zahlen, vor allem deshalb nicht, weil die Wirtschaft durch Einfluss auf die Politik einen Arbeitszwang durchsetzen kann und wird.

    Dass diese Möglichkeiten real sind, sieht man im Grunde genommen an der Entwicklung von ALG, ALGII und Sozialhilfe hin zu HartzIV.
    Früher waren ALGI/II und Sozialhilfe dafür gedacht, Menschen aufzufangen, die arbeitslos wurden. Als Folge davon mussten Unternehmen ihren Angestellten Gehälter zahlen, die über ALGI/II bzw. Sozialhilfe lagen, damit Arbeitlose überhaupt ein Angestelltenverhältnis eingingen.
    Die alten ALGI/II/Sozialhilfe entsprachen praktisch einem Grundeinkommen, das im Falle des Ausfallls eines regulären Einkommens (Arbeitslosigkeit) gezahlt wurden.
    Dann wurden ALGII und Sozialhilfe zu HartzIV zusammengelegt und indirekt ein Arbeitszwang (»Arbeitsanreiz«, HartzIV‐Kürzungen) geschaffen, der Menschen zwingt, zu arbeiten und zwar gerade zu Ausbeutungsbedingungen (1-€-Jobber). HartzIV ermöglicht Menschen also gerade nicht, von Arbeitgebern ein volles Gehalt zu fordern, dass über dem HartzIV‐Satz liegt. Und siehe da, ganz ökonomisch nutzen Arbeitgeber den HartzIV‐Arbeitszwang aus und stellen 1-€-Jobber ein.

    Wer kann also BEWEISEN, dass selbiges nicht auch mit einem Grundeinkommen passiert? Nämlich dass die Wirtschaft dafür sorgt, dass ein Arbeitszwang eingeführt wird und dass dann nur noch Pseudo‐Gehälter im zweistelligen Euro‐Bereich gezahlt werden?
    Aus der Sicht eines Unternehmers, der Personal sucht, würde ich nämlich genau das tun: Arbeitszwang + für mich billige Grundeinkommens‐Bezieher‐Angestellte.

    Die ganze HartzIV‐Misere ließe sich ganz gut richten, wenn:
    1. keine Kürzungen an HartzIV vorgenommen werden dürfen
    (bedingungslose finanz. Unterstützung von Arbeitslosen)
    2. ein flächendeckender, bindender und einklagbarer Mindeststundenlohn für alle Branchen und Bereiche in Deutschland eingeführt werden würde.

    Noch ein Detail:
    Würde man die Einkommenssteuer für Einkommen ab 500.000€ um nur 1% erhöhen, hätte man Mehreinnahmen in Höhe von 20 MRD €.!!!!!
    Wer 500.000€ verdient, für den hat eine Erhöhung von 1% Einkommenssteuer, kaum Einfluss auf Lebenswandel, Konsumverhalten o.ä. Wer soviel Geld verdient, wird 5.000€ nicht vermissen.
    Zum Vergleich:
    — In den Bildungssektor wurden gerade 1,9 Mrd € verteilt auf 4 oder 5 Jahre investiert.
    — Der gesamte deutsche Bildungsetat im dt. Staatshaushalt beläuft sich etwa auf 10 Mrd €.
    — Der Schuldendienst (also Zinsen) im Bundeshaushalt beläuft sich pro Jahr etwa auf 40 Mrd €.

    Soviel mal zur Relation von solchen Zahlen. Also jetzt stellt euch vor, was man mit 20 Mrd. € alles machen könnte. Versucht zu überlegen, ob ihr 5.000€ / Jahr vermissen würdet, wenn ihr 500.000€ / Jahr verdient.
    Würdet ihr 10.000€ / Jahr vermissen, wenn ihr 500.000€ verdient?

    Da liegt der Hund begraben.
    Diese ganze Grundeinkommensgeschichte klingt sehr nett, hätte aber, wenn man sich mal überlegt, wie unser politisches System funktioniert, katastrophale Folgen für alle deutschen Nicht‐Eliten. Grundeinkommen für alle, das würde — realistisch und in heutigen polit. System gedacht — auf ein HartzIV‐für‐alle hinauslaufen. Die Wirtschaft würde in Begeisterungsstürme ausbrechen.

  8. @epikur
    Danke für die Beilegung meinr Ängste :)

    Was ich eigentlich meinte waren nicht die gewohnt technokratischen
    und auch so umgesetzen/missbrauchten Begriffe von Freiheit und Verantwortungsbewusstsein, — sondern die welche wir in den letzten Jahrzehnten verloren haben. Das menschliche Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft und deren Mitglieder und auch das Verständniss für das gleichwertige Verlangen nach Selbstverwirklichung. Ich denke dass wir diesbezüglich das gleiche meinen.

    Eine kluge Politik welche die Menschen liebt welche sie vertritt, kennt diese Menschen, und kann den momentanen Status für Freiheitsbewusstsein und Verantwortungsgefühl einschätzen. So eine Politik muss min. mit menschlichen Rahmenbedingungen genauso fähig sein umzugehen, wie mit wirtschaftlichen Konzepten.

    Das sie es nicht war ist wohl eindeutig. Aber mich interessieren auch die vielen Trittbrettfahrer aus der sogenannten Bildungselite genauso, wie all jehne welche teils aus Ignoranz, teils aus Bequemlichkeit, teils aus eigener Habsucht mitmanipuliert, oder einfach nur weggeschaut haben. Hierzu gehören auch viele, welche gerne von der Dummheit der Massen sprechen.

    Ein Großteil dieser Massen verbringt immerhin Arbeitszeit ohne Freude daran, d.h. ohne wirklich Freiheit zur Selbstverwirklichung. Ohne diesen Anteil sehen wir alle ziemlich alt aus bezüglich unserer eigenen Selbstverwirklichung. Für mich würde es Sinn machen, wenn diesem Anteil langsam mal mehr Konzentration zukommt.

  9. Ich stimme Mirakulix in seiner Kritk des Grundeinkommens zu. Als ›Dauereinrichtung‹ wäre das, bei ansonsten unveränderten Parametern, nur eine neue Form der ›Armutsverwaltung‹. Zu fordern wäre aber überhaupt die Abschaffung der Notwendigkeit einer solchen, aller ›Sozialstaatlichkeit‹, in welcher Form auch immer. Dabei wiederum mag ein Grundeinkommen dienlich sein als Übergang, aber eben nur verbunden mit dem Willen zu einer wirklichen ›Umwälzung der Verhältnisse‹. Ansonsten siehe oben...

  10. @Mirakulix & @Peinhard:
    Das Schlüsselwort lautet »bedingungslos«. Ein Grundeinkommen, daß an Bedingungen gebunden ist, ist nichts weiter als eine weitere Form der Sklaverei.
    @Mirakulix:
    Ich hatte mich vor einiger Zeit einmal etwas intensiver mit der Einkommensteuer beschäftigt: http://kommentare.zeit.de/user/gquell/beitrag/2009/02/06/ein-neues-steuerrecht
    Mir wäre es am liebsten, wenn wir ein einfaches Steuerrecht wie nach Herr Kirchhoff hätten, nur daß ich im Gegensatz zu ihm für einen progressiven Steuersatz plädiere. Es wäre im Grunde sehr einfach: alle Einkommen werden zusammengenommen und daraus wird die Einkommensteuer berechnet. Das würde heißen, auch Kapitalerträge, Renten, Kredite, etc. würden damit erfaßt. Und für die Bereiche, wo sich die Steuerperson nicht zuordnen läßt, wird einfach eine Quellensteuer in Höhe des maximalen Steuersatzes erhoben. Wer Steuern zurückhaben will, der muß dann eben eine Steuererklärung abgeben. Das ließe sich sogar in Doppelbesteuerungsabkommen mit Steueroasen einbauen, dann wäre die ganze Hexenjagd mit einem Schlag erledigt.
    Auch die gesamten Steuereinnahmen würden dramatisch zunehmen, denn die, die zur Zeit relativ wenig leisten (Personen mit reinen Kapitalerträgen), würden dann entsprechend ihrem wahren Einkommen besteuert.

    Aber solange die Finanzgesetze von amerikanischen Anwaltskanzleien geschrieben werden, können wir in Deutschland von einer sozialen Marktwirtschaft nicht ausgehen.

  11. »gerhardq sagt:
    22. April 2009 um 18:26

    @Mirakulix & @Peinhard:
    Das Schlüsselwort lautet »bedingungslos«. Ein Grundeinkommen, daß an Bedingungen gebunden ist, ist nichts weiter als eine weitere Form der Sklaverei.«

    Gerade DAS ist der Punkt.
    Ein Grundeinkommen wird unter den gegenwärtigen politischen Zuständen niemals »bedingungslos« sein, genausowenig wie ALGII/Sozialhilfe (sehr gemäßigte Bedingungen damals, keine Repressalien!) und schlimmer noch HartzIV (verschärfte Bedingungen, Kürzungen u Repressalien) nicht bedingungslos sind.
    Zur Zeit beherrscht die Wirtschaft die Politik und die würden schon dafür sorgen, dass es ein Grundeinkommen eben nicht bedingungslos gibt.
    Schon jetzt hetzen ja Springer und Co. gegen das angeblich faule, versoffene, ungebildete und arbeitsscheue asoziale Pack. Unter solchen gesellschaftlichen Zuständen wird niemals ein bedingungsloses Grundeinkommen zustande kommen. Nicht mal HartzIV‐Grundsicherung ist bedingungslos und das ist kein Grundeinkommen, sondern ein Existenzminimum.
    Das Existenzminimum in Deutschland ist nicht (mehr) bedingungslos, dass muss man sich erstmal klarmachen.
    Im Gegenteil, wenn die derzeitigen Wirtschaftseliten so einem Grundeinkommens‐Dings zustimmen würden, ist aufzuhorchen. Es ist einfach absurd, zu glauben, dass Wirtschaftseliten einem sozio‐ökonomischen Programm zustimmen würden, von dem sie nicht nur nicht profitieren sondern unter dem sie weniger Gewinn (weil weniger Ausbeutung durchsetzbar) machen würden.

    Deine Idee zur Reform des Steuer(un)wesens finde ich gut. ;)

    Zu überlegen ist auch noch, wie man den Einfluss der Amis in Europa beschneidet. In der Hinsicht hat Putin recht, dem wurden mal Verschwörungstheorien‐Hirngespinste unterstellt, als er von versuchter politischer Einflussnahme amerikanischer Organisationen (demaskiert als NGOs) in Russland redete.

  12. Ich bin wirklich voller Respekt vor eurer Kompetenz bezüglich Steuerwesen, Steuersätzen, Grundeinkommen, Quellensteuer, ..........
    doch @Mirakulix wie du schon richtig beschreibst.
    Zur Zeit beherrscht die Wirtschaft die Politik.
    Wieso werde ich das Gefühl nicht los, das sie uns beherscht ?
    Natürlich macht es absolut Sinn, wenn wir das Fehlverhalten in technokratischem
    Sinne bemängeln, und auch aufzeigen.
    Doch es ist ein wenig wie mit dem Satz das Pferd von hinten aufzäumen.
    Wir reden von Konzepten, Systematiken, Steuern.
    Alles wovon der Bürger welcher dafür arbeitet i.d.R. keine Ahnung von hat, und deshalb
    nunmal Volksvertreter wählt, deren Job dies sein sollte.
    Der Großteil dieser Bürger ( und für mich gehören Arbeiter dazu ), will mal endlich
    Politiker welche diesen Job, relativ visionslos zugunsten dieser Bürger macht.
    Ich muss tatsächlich auch unser eigenes Denken bemängeln. Bevor wir es geschafft
    haben diese Menschlichkeit zu erreichen wissen wir schon wie es technokratisch besser
    gehen könnte. Ich hoffe ich trete dir jetzt nicht auf die Füsse, ( ich werde die Sache mit
    dem ss und ß nie mehr verinnerlichen :) , aber mir gefällt der Satz von @Peinhard
    bezüglich der wirklichen ›Umwälzung der Verhältnisse‹.
    Erst mal bringen wir den Leuten Menschlichkeit bei, dann werden die Konzepte auch
    am Menschen orientiert umgesetzt. Vor der Menschlichkeit von Konzepten und
    Systemen zu sprechen führt nur dazu dass die Bürger unseres Landes die absolute
    Abhängigkeit von Wirtschaftstechnokratischen Konzepten weiter akzeptieren, ohne
    Alternativen dazu entwickeln zu können. Ich hoffe du siehst jetzt nicht den grossen
    Weltverbesserer in mir, aber manchmal muß man prioritätsmässig vorgehen.

  13. Zum einen stimme ich Mirakulix grundsätzlich zu, was die ›Bedingungslosigkeit‹ eines Grundeinkommens angeht. Für unmöglich halte ich es dennoch nicht — wenn ›die Eliten‹ bspw befinden, dass es einfach ›billiger kommt‹. Es sind aber nicht die Bedingungen, die ein mögliches Maß an Freiheit einschränken, sondern ganz entscheidend ist ebenfalls die Höhe. Mehr als Straubhaars ›sozialer Fußboden‹ (auf dem wir dann nächtigen dürfen) wird auch oder gerade bei Bedingungslosigkeit nicht drin sein.

    Auch antiferengis Standpunkt des erstmal dies, dann das (quasi von selbst) sehe ich gelinde gesagt kritisch — zu groß sind die Wechselwirkungen zwischen den ›Verhältnissen‹ und den ›Haltungen‹, die ›Mensch‹ in diesen ›ungestraft‹ einnehmen kann. ›Menschlichkeit‹ wird in diesem System nicht belohnt, sondern im Gegenteil ziemlich klar abgestraft. Ein Appell an die Menschlichkeit ohne gleichzeitig damit auch die Verhältnisse in Frage zu stellen wird ebenso verhallen wie alle an die ›Moral‹ von ›Marktteilnehmern‹.

    Hm, beim erneuten Lesen deines Beitrags bin ich mir allerdings auch nicht mehr sicher, ob ich nicht gerade mit Karacho durch eine offene Tür...? ;)

  14. @Peinhard
    Keine Sorge, — keinem gehts besser.
    Ich versuche mit anderen bereits seit Gerhard Schröder in meinem eigenen Umfeld darauf hinzuweisen was sich meiner Ansicht nach auf viel subtilere Weise bei uns allen verändert hat, und damit auch das Geschehen begünstigte. Ich hoffe epikur ist mir jetzt nicht böse, weil ich einfach mal zu einem meiner eigenen Blogs verweise. Wenn du mal viel Zeit hast kannst du ja mal reinschauen.
    blog29

  15. »Peinhard sagt:
    23. April 2009 um 11:37

    Zum einen stimme ich Mirakulix grundsätzlich zu, was die ›Bedingungslosigkeit‹ eines Grundeinkommens angeht. Für unmöglich halte ich es dennoch nicht – wenn ›die Eliten‹ bspw befinden, dass es einfach ›billiger kommt‹. «

    Hallo Peinhard,

    wenn die Eliten befinden sollten, dass ein Grundeinkommen billiger kommt als ein Gehalt, dann kann man von so einem Grundeinkommen wohl kaum erwarten, dass dies höher wird als HartzIV+Ein-Euro-Job, oder?

    Momentan ist es so, dass die Gesellschaftspyramide unten bröckelt, nämlich indem immer mehr vormals sozialversicherungspflichtige, anständig bezahlte Tätigkeiten von Ein‐Euro‐Jobbern erledigt werden

    Ich sehe momentan kein Konzept und keinen Prozess, der das irgendwie verhindern würde.

    Als nächstes sind die Büro‐ und Sachbearbeiter dran, deren Jobs dann von Ein‐Euro‐Hartzis erledigt werden werden — is ja billiger. Viele VW‐Arbeitr sind ja wohl schon Leiharbeiter, die auch nicht mehr als die Hartzi‐Ein‐Euro‐Jobber haben. Die Gehälter, die dann eingespart werden, werden ausnahmslos ins mittlere bis höhere Management und in Aufsichtsrat‐ und Vorstandsboni und Aktionärsdividenden wandern.

    Wenn Hartzi‐Euro‐Jobber also sowieso im kommen sind, dann wird kein Grundeinkommen das noch unterbieten können, ergo wird es vermutlich nicht eingeführt werden, es sei denn, man würde die flächendeckende Einführung von HartzIV+Ein-Euro-Job-Konzepten als »Grundeinkommen« eines Arbeitenden definieren.

    Ich will eigentlich auch niemandem auf die Füße treten, doch eines ist mir nicht klar:

    Was mir nicht klar ist, ist, wieso irgendjemand überhaupt für ein bedingungsloses Grundeinkommen lobbyiert, denn ein bedingungsloses, erhöhtes HartzIV mit höheren, anrechnungsfreien Altersrückstellungen entspräche dem Gedanken nach einem Grundeinkommen. Dann hat jeder entweder Arbeit oder kriegt bedingungslos ein erhöhtes HartzIV bis er wieder Arbeit hat.

    Oder sehe ich da was falsch?

    Also wieso lobbyiert irgendjemand überhaupt für ein Grundeinkommen und nicht für ein höheres, bedinungsloses HartzIV mit höheren anrechnungsfreien Altersrückstellungen? Eine Kampagne für eine Erhöhung von HartzIV gab es ja mal bei diversen Parteien, da hätten sich die Grundeinkommens‐Befürworter eigentlich anschließen können.

    So wie ich das sehe, eignet sich ein Grundeinkommen unter den gegenwärtigen politischen Zuständen (Einfluss der Wirtschaftseliten) hervorragend für das schlagartige Herabdrücken all derjenigen Löhne, die noch halbwegs zum Leben reichen: Sekretärinnen, Buchhalter, Kaufmann, niederes Management...
    Und es ist festzustellen, dass die Gehaltsschere in den letzten Jahren immer weiter auseinanderging, und zwar nicht nur, weil oben immer mehr verdient wird, sondern auch weil unten immer weniger verdient wird.

    Beste Grüße

  16. Solche Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen liebe ich! Dabei ist es doch ganz einfach: Entweder wird das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt und schafft die Freiheit, zu deren Zweck es ersonnen wurde, oder es passiert sowas wie Mirakulix andeutet mit »Grundeinkommen für alle, das würde (...) auf ein HartzIV‐für‐alle hinauslaufen. Die Wirtschaft würde in Begeisterungsstürme ausbrechen«, kurz: die ultimative Polarisierung. ABER wäre das schlimm?? Nein, denn dieses Maß an Polarisierung würde dann natürlich zur Revolution und zum Umsturz der Verhältnisse sorgen! Wäre doch auch toll!

  17. @ Manfrd

    Ich glaube, dass es nicht nur zwei Lösungen (bedingungsloses Grundeinkommen vs Grundeinkommen=HartzIV-für-alle) gibt und ich persönlich hoffe auf die friedfertigste, im Herzen bin ich halt Idealist, im Kopfe ein schwarzsehender Zyniker

  18. Hallo Mirakulix,

    »wenn die Eliten befinden sollten, dass ein Grundeinkommen billiger kommt als ein Gehalt, dann kann man von so einem Grundeinkommen wohl kaum erwarten, dass dies höher wird als HartzIV+Ein-Euro-Job, oder?«

    Nein, natürlich nicht. Das schrob ich aber auch — es wird allenfalls den ›sozialen Fußboden‹ geben, mit dem Straubhaar und Konsorten (ua auch der flotte Skifahrer aus Thüringen) bereits ›liebäugeln‹.

    Die ›politischen Zustände‹, die de facto ein Primat der Wirtschaft vertreten wirst du im übrigen aber auch nicht abschaffen können, ohne diese Form von Wirtschaft und Staat überhaupt abzuschaffen. Denn dieser Staat ist immer zuerst — also ›primär‹ — auf das ›Gelingen der Ausbeutung‹ angewiesen, da er über Steuern und Abgaben nur daraus überhaupt ›Handlungsfähigkeit‹ gewinnt und gewinnen kann. Das Verhältnis im gegenwärtigen System nachhaltig zugunsten eines ›Primats der Politik‹ umkehren zu wollen, ist illusorisch. Und das wie gesagt nicht nur wegen der schieren Größe (und Macht) einiger Marktteilnehmer, sondern ›vom Prinzip her‹.

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