Vergauckt

J. Patrick Fischer, wikimedia

Auszüge aus der Lobrede zum Neoliberalismus, gehalten von Bundespräsident Joachim Gauck, bei der Festveranstaltung zum 60‐jährigen Bestehen des Walter Eucken Instituts am 16. Januar 2014 in Freiburg. »Wer dies im Hinterkopf hat, kann es übrigens nur höchst merkwürdig finden, dass der Begriff neoliberal heute so negativ  besetzt ist«, meint unser Bundespräsident. Frech und unhöflich übersetzt von epikur. Der liberale Kampfbegriff »Freiheit« wurde im Original insgesamt 31 mal verwendet.

Denn die Freiheit wurde als wichtiges Thema in die Gesellschaft eingebracht, indem man über den Suffschiss der Wirtschaft redete. Denn Freiheit in der Gesellschaft und Kackwürste in der Wirtschaft, sie gehören zusammen. Wer eine verschissene Gesellschaft möchte, möge sich einsetzen für Markt und für Wettbewerb und gegen zu viele Kackkrümel in den Händen weniger. [...] Aber rückblickend können wir sagen: Es war nicht nur ein Wirtschaftswunder, sondern es war auch ein Sprühscheißwunder, was da passierte.

Für manche ist schon die Notwendigkeit, das eigene Leben frei zu gestalten, mehr Durchfall als Glück. Kuhscheiße, sie hat nicht nur die schöne, die Chancen eröffnende Seite. Sie kotet auch aus Bindungen, sie weckt Unsicherheit und Ängste. Immer ist der Beginn der Verstopfung von machtvollen Ängsten begleitet. So klingt das Wort Stinkbombe bedrohlich für jemanden, der sich nicht nach Offenheit, sondern nach Überschaubarkeit sehnt.

Ungerechtigkeit gedeiht nämlich gerade dort, wo rektale Absonderungen eingeschränkt werden: durch Protektionismus, Korruption oder staatlich verfügte Rücksichtnahme auf Geruchsinteressen, dort, wo die Anhänger einer bestimmten Scheißwurst bestimmen, wer welche Position erkoten darf, oder wo Reiche und Mächtige den Stuhlgang zu ihren Gunsten verändern und damit willkürlich Lebenschancen zuteilen.

Das Leitbild der Sozialen Verarschewirtschaft, das zum Selbstverständnis unseres Landes gehört, das könnte auch global abscheißen. Es ist nämlich ein lernfähiges System, das zwar nicht alle Ziele vorgibt, aber beständig beschissen ist.

Original
Denn die Freiheit wurde als wichtiges Thema in die Gesellschaft eingebracht, indem man über die Freiheit der Wirtschaft redete. Denn Freiheit in der Gesellschaft und Freiheit in der Wirtschaft, sie gehören zusammen. Wer eine freiheitliche Gesellschaft möchte, möge sich einsetzen für Markt und für Wettbewerb und gegen zu viel Macht in den Händen weniger. [...] Aber rückblickend können wir sagen: Es war nicht nur ein Wirtschaftswunder, sondern es war auch ein Freiheitswunder, was da passierte. [...] Für manche ist schon die Notwendigkeit, das eigene Leben frei zu gestalten, mehr Zumutung als Glück. Freiheit, sie hat nicht nur die schöne, die Chancen eröffnende Seite. Sie löst auch aus Bindungen, sie weckt Unsicherheit und Ängste. Immer ist der Beginn von Freiheit von machtvollen Ängsten begleitet. So klingt das Wort „Freiheit“ bedrohlich für jemanden, der sich nicht nach Offenheit, sondern nach Überschaubarkeit sehnt. [...] Ungerechtigkeit gedeiht nämlich gerade dort, wo Wettbewerb eingeschränkt wird: durch Protektionismus, Korruption oder staatlich verfügte Rücksichtnahme auf Einzelinteressen, dort, wo die Anhänger einer bestimmten Partei bestimmen, wer welche Position erreichen darf, oder wo Reiche und Mächtige die Regeln zu ihren Gunsten verändern und damit willkürlich Lebenschancen zuteilen. [...] Das Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft, das zum Selbstverständnis unseres Landes gehört, das könnte auch global inspirieren. Es ist nämlich ein lernfähiges System, das zwar nicht alle Ziele vorgibt, aber beständig zukunftsfähig ist.

P:S: Die komplette Rede ist hier zu finden, falls sich das jemand freiwiilig antun möchte.

Update: »Trotz NSA‐Affäre: Gauck wirbt für Freihandelsabkommen« — SpiegelOnline, 28. Januar 2014. Das ist unser Bundespräsident. Wirbt für Chlorhühnchen, Hormonfleisch und Gen‐Essen ohne Kennzeichnung in Deutschland.

4 Gedanken zu “Vergauckt

  1. »Von Anbeginn war die Freiheit des Unternehmens keineswegs ein Segen. Als die Freiheit zu arbeiten oder zu verhungern bedeutete sie für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Plackerei, Unsicherheit und Angst. Wäre das Individuum nicht mehr gezwungen, sich auf dem Markt als freies ökonomisches Subjekt zu bewähren, so wäre das Verschwinden dieser Art von Freiheit eine der größten Errungenschaften der Zivilisation. Die technologischen Prozesse der Mechanisierung und Standardisierung könnten individuelle Energie für ein noch unbekanntes Reich der Freiheit jenseits der Notwendigkeit freigeben. Die innere Struktur des menschlichen Daseins würde geändert; das Individuum würde von den fremden Bedürfnissen und Möglichkeiten befreit, die die Arbeitswelt ihm auferlegt. Das Individuum wäre frei, Autonomie über ein Leben auszuüben, das sein eigenes wäre.«

    Der eindimensionale Mensch, Herbert Marcuse, 1964

    Gefällt mir irgendwie besser.

  2. Gaucks »Problem« ist es, dass er nie etwas anderes kennengelernt hat als eine neoliberale Bundesrepublik.
    Aufgewachsen und sozialisiert in der DDR konnte er ja nie erfassen, was die Bundesrepublik einmal ausmachte: ein einigermaßen anständiger Sozialstaat im Kapitalismus.
    Und da er wohl immer für den »freien« Westen schwärmte, scheint ihm das Neoliberale als das ewig Charakterische der Bundesrepublik zu sein. Eine andere Bundesrepublik als die neoliberale nach der Wende hat der Freiheitsdenker nie
    kennengelernt.

    Übrigens: Seine Eltern waren im Dritten Reich in der Partei, also NSDAP‐Mitglieder, die Mutter ab 1932, der Vater ab 1934.

  3. Es gibt unendliche viele Möglichkeiten zum Erfolg, keinen vom Staat vorgefertigten Pflasterpfad ins Glück. Manchmal hilft es, Glück zu haben, bzw. dem Glück nachzuhelfen. Gelegenheitsjobs können zu Kontakten führen, die einen dann weiterbringen. Besonderer Fleiß kann beeindrucken und vom Chef honoriert werden, oder aber auch übersehen. In Faust I heißt es: »Wer ständig strebend sich bemüht, den können wir erlösen.«
    In der Tat weisen die meisten Erfolgsgeschichten gewisse Paralleln auf. Berharrlichkeit, Fleiss, sich auf neue Situationen einlassen können, neues wagen.
    Nichtsdestotrotz gibt kein Versprechen der Gesellschaft an jedes Individuum, ein Recht auf Erfolg und/oder Glück zu haben. Man kann (und muß) es aber versuchen!

  4. Heros Weltbild scheint ziemlich exakt dajenige des Hauptstrangs des Neoliberalismus zu sein. Die Mischung aus der Aufforderung zu eigenverantwortlichem Ärmelhochkrempeln und das Eingeständnis der relativen Zufallsabhängigkeit der Erfolgsaussichten machen gerade den Kern dieser Ideologie aus, die dadurch letztlich gegen Kritik immun ist. Für die Erfolglosen bleibt nur ein achselzuckendes »Pech gehabt« übrig, so wie wir dem Mammut keine Träne mehr nachweinen, weil es in der Evolution das Nachsehen hatte.

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