Neusprech: Marktgerechtigkeit

»Das im Vergleich zur Konkurrenz höhere Lohnniveau verhindere aber, dass der Konzern dauerhaft im Wettbewerb mithalten könne. Deshalb zahle die Post in den neuen Gesellschaften nun marktgerechte Löhne.«

- Melanie Kreis, Personalchefin bei der Deutschen Post zum ver.di Streik am 8. Juni 2015 auf reuters.com

ZG-Artikel: Neusprech HeuteDer Markt wird meist als ein zentraler Ort definiert, an dem gehandelt wird. Der Marktplatz. Es gibt nationale und internationale Märkte, Finanzmärkte, Kapitalmärkte, Arbeitsmärkte, Immobilienmärkte, Börsenmärkte und viele weitere. Häufig werden sie personalisiert, mit einem Bewusstsein ausgestattet und als Götze verehrt: der Markt fordert, bestimmt und ist auch mal verunsichert. Da konkrete (und auch digitale) Handelsplätze nur durch die Menschen, die dort ein Geschäft tätigen, lebendig werden können, dient das Schlagwort Markt besonders in den Massenmedien als Tarnbegriff, um die Interessen von Millionären und Milliardären, Bankstern, Finanzspekulanten, Investoren und Managern zu verstecken.

Die Gerechtigkeit. Ein zentraler soziologischer, philosophischer und politischer Leitbegriff. Er bezeichnet einen (Ideal-)Zustand, indem alle Interessen, Güter und Bedürfnisse aller Menschen berücksichtigt und fair aufgeteilt werden. Eine einheitliche Definition gibt es nicht und wird auch vehement abgelehnt, da das Schlagwort seit Menschengedanken politisch und wirtschaftlich instrumentalisiert wird.

Die Willy Brandt‐SPD hatte noch die soziale Gerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit, das vermeintlich faire Verteilen des gesellschaftlichen Reichtums, in ihrem Programm. Die Schröder‐SPD plädierte für die Chancengerechtigkeit. Es ging fortan nicht mehr darum, durch Steuerpolitik und Lohnobergrenzen einen finanziellen Ausgleich zu schaffen, sondern es sollten ausschließlich die Individuen dahingehend befördert werden, so das sie am Erwerbsleben teilnehmen können, ohne Rücksicht auf die strukturellen Gegebenheiten der Arbeitswelt, die unterschiedlichen Hintergründe, Lebensentwürfe und Lebenschancen.

Die CDU hat sich seit jeher vor allem der Leistungsgerechtigkeit verschrieben. Einer vermeintlichen Idee von Fairness, die auf Vertragspartnerschaft sowie auf individuellen Talenten und Qualifikationen beruhen soll. Dabei wird der Begriff Leistung nicht exakt definiert, sondern in einer Endlosschleife gehalten: wer viel leistet, der verdient auch viel; wer viel verdient, leistet demnach auch viel.

Kommt nun die Marktgerechtigkeit als neuer Leitbegriff? Die Konsequenz aus der marktkonformen Demokratie, die CDU Bundeskanzlerin Merkel ausgerufen hat? Die vollständige Unterwerfung unter die Interessen von Reichen und Vermögenden? Der Begriff marktgerechte Löhne ist letztlich ein Euphemismus und eine Rechtfertigung, um Lohndumping betreiben zu können.

5 Gedanken zu “Neusprech: Marktgerechtigkeit

  1. »Wer viel leistest, verdient auch viel. Wer viel verdient, leistet auch viel.« Dieser unsinnige Glaubenssatz hält sich so hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen. Dabei braucht man nicht einmal lange nachdenken, um gleich 20 Beispiele zu finden, die das komplett widerlegen. Eigentlich kommt dieser Satz ja auch vornehmlich aus irgendwelchen Manager‐ oder Bankerkreisen, die in ihrer verblendenten, selbstherrlichen Arroganz, ihr Tun für wertvoll halten.

  2. Gerechtigkeit und Güte sind theologische Attribute des Marktes,
    Allgegenwart und Allwissenheit gehören auch dazu.

  3. Na klar wird der Begriff ›soziale Marktwirtschaft‹ ersetzt durch den der ›Marktgerechtigkeit‹. Der Begriff ›sozial‹ wird erst umgedeutet: »Sozial ist, was Arbeit schafft«, dann eleminiert. Ich schlage eine Umbenennung aller Parteien vor, die noch ein »S« in ihrem Namen tragen, damit das Wort ›sozial‹ schneller aus unserem Wortschatz getilgt werden kann.
    Ach was, wozu brauchts überhaupt Parteien? Wozu Juristen, Gerichte? Kann man den Markt verklagen?
    Vielleicht werden ja in Zukunft dem Markt eigene Kirchen errichtet, in denen jeder zu dem neuen Gott beten kann oder Opfer darbieten, damit der Markt ihm wohl gesonnen ist ...
    Vielleicht liefe aber auch ohne Menschen alles viel reibungsloser für den Markt?
    Absurd und menschenverachtend — was anderes fällt mir zu den Entwicklungen nicht ein.

  4. Pingback: Der Markt |

  5. Die vollständige Unterwerfung unter die Interessen von Reichen und Vermögenden ist schon über 20 Jahre Realität. Nur das man sie jetzt besser wahrnehmen kann, wenn man das möchte. Ändern tut sich daran dann nichts, denn dieser Kreislauf ist die Bedingung für »Angenehmes«.

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