Zaubersprech

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»Zahlungsziele mit Herz und Verstand!« Plakatwerbung für Mitarbeiter im telefonischen Forderungsmanagement. (gesehen am 10.01.2018 in Berlin)

Die Fixierung auf Schlagwörter, Bullshit‐Bingo‐Begriffen, Platitüden, Euphemismen, Fachwörter und positiv aufgeladenen Plastik‐Vokabeln ist im Jahr 2018 so stark wie nie zuvor. Im politischen Diskurs gibt es unendlich viele neoliberal aufgeladene Kampfbegriffe sowie eine ganze Reihe von Diffamierungsvokabeln, um die Meinungs‐ und Deutungshoheit aufrecht zu erhalten. Die Marketing‐ und PR‐Branche ist voll mit Bullshit‐Begriffen, welche die Realität vertriebsgerecht verbiegen sollen. Ebenso die Ökonomie, die Wissenschaft, die Medizin, die Naturwissenschaften, die Psychologie und alle anderen Bereiche. Selbst in der Pädagogik muss jeder -der ernst genommen werden will‐ mindestens einmal die Wörter Inklusion, Selbstwirksamkeit und Partizipation erwähnt haben.

Es geht häufig kaum noch um Inhalte, sondern primär um den Schein von Argumenten. Um Begriffs‐Dropping. Um eine Fassade von Diskurs. Heute kann man problemlos lange wissenschaftliche Texte veröffentlichen oder große Reden halten, bei denen man den gesamten Beitrag nur noch um die Zauberwörter herum baut. Sie fungieren als Wiedererkennungsmerkmal, um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu signalisieren. Sie triggern Narrative, ohne sie direkt zu thematisieren. Zauberwörter funktionieren auch ganz ohne Inhalt. Denn sie sind bereits die Botschaft.


Beispiele für Zauberwörter:
» Neusprech‐Begriffe
» Begrifflichkeiten
» Alltagsmarktsprache
» Kriegssprache
» Siegersprache
» Marketing‐Deutsch

Den Mord vermeiden

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In der deutschen Sprache wird das Wort »Mord« weitestgehend gemieden. Gezielte, bewusste und vorsätzliche Tötungen sind jedoch an der Tagesordnung. Weil es uns jedoch so gut geht und wir im Merkel‐Paradies leben, brauchen wir unbedingt Wohlfühlbegriffe und Formulierungen:

  • Jemanden um die Ecke oder zum Schweigen bringen
  • Kollateralschaden
  • Vom Aussterben bedroht
  • Ziel ausgeschaltet
  • Mission erfüllt
  • Tragischer Zwischenfall
  • Bestände dezimieren
  • Unfall mit Personenschaden
  • Unvermeidliches Vorgehen
  • Außergesetzliche Tötung

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Werter Leser,

ich bin ein suchmaschinenoptimierter Text ohne Sinn und Verstand. Ich schreibe nicht für Sie, sondern für eine Maschine. Ferner, ich täusche Ihnen natürlich vor, als hätte ich wahnsinning wichtigen CONTENT, als würde ich etwas zu sagen haben. Aber in Wahrheit schreibe ich ausschließlich für GOOGLE. Und um dort besser gefunden zu werden, gibt es das sog. SEO (»Search Engine Optimization«). Dieses besagt, dass ich im Blog‐ und Artikelnamen sowie im Text KEYWORDS unterbringen muss, um ein besseres PAGERANKING erzielen zu können: RTL, YOUTUBE, FACEBOOK, AMAZON, BILDER, GELD, EBAY, ARBEIT, SEX und so weiter.

Insofern ist »www.zeitgeistlos.de« für die Suchmaschinenoptimierung eine schlechte Wahl, denn wer gibt dieses Wort schon bei google ein? Besser wäre: »www.zeit-berlin-geist.de«. Außerdem rät mir SEO auf Wortschöpfungen, Neologismen und Gedichten zu verzichten. Kreativ ist nur das, was SEO erlaubt, d.h. was Menschen bei GOOGLE eingeben. Wichtig sei die ONPAGE‐ und OFFPAGE‐OPTIMIERUNG einer Seite. Bitte benutzen Sie mich und setzen Sie BACKLINKS.

Herzlichst,

Ihr bezahlter SEO‐Autor