Selbstverwirklichung durch Fremdbestimmung

Wer einer Lohnarbeit nachgehe, verdiene sein eigenes Geld, sei nicht mehr vom Staat abhängig, sorge für sich selbst und seine Familie, verwirkliche sich selbst und nehme aktiv an der Gesellschaft teil. So lautet eine der üblichen, allgemein gültigen und selten in Frage gestellten Dogmen der westlichen Industriegesellschaften. Manche Menschen sind gar »selbstständig« oder gründen eine »Existenz«. Wer als ein vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft anerkannt, ja als Mensch respektiert und nicht zu den Überflüssigen zählen will – der muss einer Lohnarbeit nachgehen. Unabhängig davon, welche Vorstellungen er oder sie vom Leben hat. Individualismus bedeutet, die eigene Lebensgestaltung, Selbstfindung und Sinnerfüllung der vorhandenen sozioökonomischen Struktur zu unterwerfen.

Schon als Jugendlicher habe ich das nie verstanden: der ökonomische Zwang zur Lohnarbeit, wird in Film, Fernsehen, Literatur, Schule und von der Familie als Selbstverwirklichung bezeichnet. Wie kann man einen Zwang als Selbstfindung bezeichnen? Zwänge sind eine subtile Form der Gewalt und kein schöpferischer oder gar freiwilliger Prozess des Individuums. Selbstverwirklichung, im Sinne vom Streben nach Glück, bedeutet stets der eigenen inneren Stimme zu folgen, der eigenen schöpferischen Energie zu vertrauen und das zu werden und zu sein, was man vom Wesen her ist – völlig unabhängig davon, was andere von einem wollen oder erwarten. Und das ist keineswegs Esoterik oder Sozialromantik, sondern Aristoteles.

Der Marketing‐Charakter
Für Erich Fromm besteht die heutige Selbstentfremdung vor allem darin, Menschen zu Objekten zu machen. Dies machen Unternehmen, weil sie ihre Angestellten als Ressourcen und Kostenfaktoren betrachten. Die Politik, weil sie die Menschen in Funktionsträger einteilt: Steuerzahler, Konsumenten, Arbeiter, Rentner, Parteispender und so weiter. Aber die Menschen machen sich auch selbst zu Objekten, weil sie die sozioökonomischen Verhältnisse verinnerlicht haben: Ich bin Arzt, ich bin Büroangestellter, ich bin Vater von zwei Kindern, ich bin Rechtsanwalt.

Es ist dies die Art, wie man sich erlebt, nicht als einen Menschen mit seiner Liebe, seiner Angst, seinen Überzeugungen und Zweifeln, sondern als eine der realen Natur entfremdete Abstraktion, die im Gesellschaftssystem eine bestimmte Funktion erfüllt.

- Erich Fromm. Authentisch leben. Freiburg im Breisgau 2000. S. 109

Der Soziologe bezeichnet dies als Marketing‐Charakter. Der Mensch erlebt sich als eine Ware, die sich auf dem Arbeitsmarkt und dem Persönlichkeitsmarkt möglichst gewinnbringend verkaufen will. Damit hat er schon vor über 60 Jahren, in »die Kunst des Liebens«, den heutigen Menschen mehr als exakt beschrieben. Heute gibt es Personal‐Trainer, Selbstmarketing‐Experten und Personal‐Branding‐Berater – alle wollen sie der Ware Mensch zu größerem persönlichen Gewinn verhelfen und reden dabei unentwegt von Authentizität.

Monotonie als Sinnerfüllung
Heute erfüllen Millionen Menschen eine oder mehrere Funktionen. Oft, ohne davon erfüllt zu sein. Hauptsache »man tut was« lautet die Devise. Jede Tätigkeit, so sinnlos sie auch sein möge, sei besser als gar keine, so der allgemeine Konsens. Die Begriffe Individualismus, Selbstverwirklichung, Sinnerfüllung, ja auch Glück werden heute ganz selbstverständlich als Synonyme für Lohnarbeit, Anpassung und Konformität gebraucht. Für Karl Marx war die Selbstentfremdung durch Lohnarbeit ein zentraler Kritikpunkt am Kapitalismus. Heute ist jedwede Kritik an ihr Ketzerei, Gutmenschentum und gilt als realitätsfremd.

Beruf haben heißt: nur laufen, nur schmecken, nur riechen, nur kämpfen können, immer nur eines können. [...] Denn nichts fällt jedem Menschen so schwer, als immer genau das gleiche zu tun. [...] Denn der Mensch ist nicht nur Hand oder nur Fuß oder nur Kopf; er ist alles vereint. Hand, Fuß und Kopf wollen gemeinsam sein. Wenn alle Glieder und Sinne zusammentun, nur dann kann sich ein Menschenherz gesund freuen, nie aber, wenn nur ein Teil des Menschen Leben hat und alle anderen tot sein sollen.

- Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiave. Bastei Lübbe Verlag. 2008

Fazit
Dies alles ist jedoch keine natürliche Entwicklung des Menschen oder alternativlos, wie uns Ökonomen immer wieder weismachen wollen, sondern die Folge einer von Politik und Wirtschaft vorangetriebenen Entwicklung. Der Begriff »Kindheitsträume« verdeutlicht, dass wir als Kinder noch nicht ganz so stark von der sozioökonomischen Ideologie indoktriniert wurden und näher bei uns selbst waren. Wir hatten noch Wünsche, Träume und Bedürfnisse – eigene Vorstellungen vom Leben. Später haben gesellschaftliche Vorstellungen und Zwänge diese verdrängt: »Kind, was willst Du später mal werden?«. Viele Eltern bezeichnen dann die Resignation vor dem Selbst, die Verdrängung der eigenen Wünsche und die Anpassung an die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse, als reif und erwachsen. Sie sind stolz, dass ihr Kind »keine Flausen mehr im Kopf hat«. Selbstverwirklichung durch Fremdbestimmung.

12 Gedanken zu “Selbstverwirklichung durch Fremdbestimmung

  1. Zunächst einmal danke für den Text.

    Mir geht es schon seit Jahren »Schon als Jugendlicher habe ich das nie verstanden: der ökonomische Zwang zur Lohnarbeit, wird in Film, Fernsehen, Literatur, Schule und von der Familie als Selbstverwirklichung bezeichnet« — Mir geht es ganz genauso ;)

    Übrigens, mein Vater war selbständiger Unternehmer, und hat bis zum Ende nie seinen eigenen Lebenstraum verwirklichen können, und die Arbeits‐Ideologie so verinnerlicht, dass er heute sicher nicht auffallen würde in einer Zeit wo man der Arbeit einen regelrechten Altar erichtet, und aus dieser eine (weltliche) Religion macht.

    Ich erlebe es derzeit immer noch bei meiner Mutter, und meinen Geschwistern, die meine Arbeit nicht würdigen, aber ihre eigene auf den (oben erwähnten) Altar hieven wollen.

    Was die Arbeits‐Ideologie angeht, da ist für mich das Kardinalerlebnis die Beschäftigung mit den NS‐Verbrechen gewesen »Arbeit macht frei« (Torinschrift des Vernichtungslagers Auschwitz); »Vernichtung durch Arbeit« und »Reichsarbeitsdienst« (angeblich freiwillig, wie andere »Dienste« zu NS‐Zeiten, aber in Wahrheit — wie heutige »Freiwilligendienste« reiner Zwang) — alles in Zeiten der heutigen Arbeits‐Ideologie vergessen.

    Schaut man einen Bericht im TV, dann wird das nie erwähnt, aber genau die Heiligung der Arbeit war doch der Grund für die unmenschliche Politik der Nazis — so meine Meinung, seither....

    ...naja, wir leben ja wieder in Zeiten wo die Arbeit heilig gesprochen wird, und da stören diese Verbrechen an der Menschheit — durch Arbeits‐Ideologie — eben nur, und bleibt lieber in den Medien totgeschwiegen....wie mir auffällt....

    Übrigens, die Arbeitsideologie greift sogar bei Beziehungsanbahnungen — Ich las vor kurzem ein Buch zum Thema Partnerschaft, und ungelogen stand dort drin, dass man seinen (zukünftigen) Partner zur Einstellung zu Hartz IV fragen sollte, da daran schon Beziehungen zerbrochen wären, d.h. ist Frau für Hartz IV wird nix mit Partnerschaft, was ebenso auch für Mann gilt....als Beispiel...auch umgekehrt wird der Fall erwähnt....

    Unglaublich, aber leider wahr....

    Was »Beruf« angeht, dass kommt, so meine ich, von »Berufung«, und hat etwas mit der protestantischen Ethik eines gewissen Dr. Martin Luther zu tun, der als erstes Arbeit in Deutschland regelrecht geheiligt hat.....nach Max Weber (?) meine ich....

    Zynischer Gruß
    Bernie

  2. Nü, — nach dreißig Arbeitsjahren, bewege ich mich mittlerweile doch ganz langsam und zart, zwar immer noch entfernt, aber doch stetig annähernd in den Bereich vor, den ich ursprünglich mal als Berufung empfunden hatte. Das geht schon, — vorausgesetzt man lebt lange genug, — hat jede Menge Glück, — und es gibt dann noch so was wie einen Arbeitsplatz, wenigstens annähernd im entsprechenden Bereich. Und man hat sich dabei natürlich zwischenzeitlich nicht verloren, und verkauft den Schmonz auch noch als Erfolg. (Selbstverwirklichung über Erfolg, Ansehen, Kohle)

    Das mit der Selbstverwirklichung über Arbeit, scheint sich als Witz der Geschichte, eisern halten zu wollen. Anders könnte ich mir auch die Akzeptanz von konstruierten Authentizitäten, gar nicht anders erklären. Echtes, gibt es nur dort, wo es auch gelebt wird bzw. überhaupt existiert.

    Übrigens, extrem passend, das Zitat von Fromm.

  3. »Viele Eltern bezeichnen dann die Resignation vor dem Selbst, die Verdrängung der eigenen Wünsche und die Anpassung an die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse, als reif und erwachsen. «

    Und viele Menschen überhaupt bezeichnen das so , es ist zu einer regelrechten Krankheit geworden , dieses Gerede über das (eigene) Erwachsensein , und immer ist das gemeint , was im Satz beschrieben wird.

    Das sind dann aber dieselben Leute , die dir — oft im angetrunkenen Zustand — ganz fürchterlich auf den Zeiger gehen damit , wie toll es doch war , als sie in ihren Zwanzigern waren , selten so offen natürlich , zumeist eher zwischen den Zeilen.

  4. Danke für diesen Text. Es hat mich schon immer gewundert, wie vielen Leuten völlig selbstverständlich der Satz »man muss sich halt verkaufen können« über die Lippen kommt, unfähig, die eigene Degradierung zum bloßen Stückgut wahrzunehmen.

    »Selbstverwirklichung« ist zudem in sprachlicher Hinsicht ein völlig idiotisches Wort. »Da möchte ich mich selbst verwirklichen« — Aha, vorher war man also nicht Teil der Wirklichkeit, oder wie?

  5. @Maxim

    »Selbstverwirklichung« ist zudem in sprachlicher Hinsicht ein völlig idiotisches Wort. »Da möchte ich mich selbst verwirklichen« — Aha, vorher war man also nicht Teil der Wirklichkeit, oder wie?

    Eine sehr gute Fragestellung .......für einen gewöhnlichen, normalen, empathischen Menschen. Dieser wird Nachdenken , Abwägen, Resümieren.

    Für Psychopathen jedoch, für (bösartige) Narzissten, Nekrophile, Sadisten ist es ein Weckruf (Ermunterung) ihr »natürliches Ich« hervorzukehren, ihr Innerstes auszuleben.

  6. Fromm zitiert gerne Meister Eckhart, der es schon vor 600 Jahren so auf den Punkt brachte: »Die Menschen sollten nicht so viel nachdenken, was sie tun sollen; sie sollten vielmehr bedenken, was sie sind.«

  7. Erst einmal vielen Dank für diesen tollen Text, der zum Nachdenken anregt. Ich muss dir in einigen Punkten zustimmen. Leider, wie ich finde. Ich weiß nicht mehr, von wem das Zitat war, aber es lautete: Ich bin lieber um der Freiheit WIllen arm, als mich zu unterwerfen. Das finde ich sehr passend und ansprechend und ich wünschte, dass mehr Menschen es so sehen würden.

  8. Hallo Leute,
    Könntet ihr mir helfen und eine Interpretation des Textes einstellen?
    Schon mal danke im voraus.
    Liebe Grüße

  9. In unserer Gesellschaft haben es konditionierte Marionetten leider immer noch (auch im Jahre 2016) leichter als passionierte Querdenker, die Selbstverwirklichung ohne Fremdbestimmung erstreben. Zum Glück gewährt das Internet zutrauliche Hoffnung: Neue Berufsgruppen wie Blogger / YouTuber beweisen das und auch mir als Autorin eröffnen sich gänzlich neue Möglichkeiten. So konnte ich dank Self‐Publishing meinen gesellschaftskritischen Roman »Otto hat Flick Flacks gekauft«, der die verstaubte Bürokultur ordentlich auf›s Korn nimmt, ohne entschärfenden Rotstift publizieren.
    Viele Grüße Sandra Vahle

  10. @Pasota

    Und wie! Habe den Namens‐Link rausgenommen und werde dazu demnächst einen Beitrag veröffentlichen. Kommt in letzter Zeit vermehrt vor, dass hier »unauffällig« Werbung gemacht wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.