»Wir müssen reden!«

»Schweigen ist die wesentlichste Bedingung des Glückes.« (Heinrich Heine. »Essays I: Über Deutschland. Elementargeister«.)

Wie oft habt Ihr diesen Satz in eurem Leben schon gehört? Immer wenn es zwischenmenschliche, berufliche oder familiäre Konflikte, Probleme und Differenzen gibt, kommt das Allheil‐ und Wundermittel Kommunikation daher. Viele glauben heutzutage daran, dass es nur auf die richtigen Worte, die richtige Technik oder die vermeintlich richtige Semantik ankomme, um Menschen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Ja, es gibt riesige Berufszweige, die sich damit beschäftigen: von Coachern, Beratern, Moderatoren, Psychologen, Pädagogen bis zum Supervisor. Das Web ist voll mit tausenden Foren, bei denen ganz innovativ geraten wird: »Redet doch mal darüber!«

Sicher, Kommunikation ist alles. Aber gleichzeitig Nichts. Die Macht der zwischenmenschlichen Kommunikation wird ständig überschätzt. Besonders von Frauen. Denn den tief verinnerlichten Normen, Werten und Narrativen kommt man nicht mit einem »guten Gespräch« bei. Schön wärs! Anstatt die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die gesetzlichen Regelungen und die strukturellen Sachzwänge, die uns täglich beherrschen und disziplinieren, zu thematisieren, weil sie eben in fast allen Fällen die Ursachen aller Probleme sind, will man lieber über vermeintlich zwischenmenschliche Probleme quatschen und labern. So als wäre alles nur ein »Vermittlungsproblem«. Nein, es ist oft sogar sehr heilsam, in sich zu ruhen und zu schweigen.

»Echte Probleme!«

»Die Zahllosen, die nichts mehr kennen, als sich und ihr nacktes schweifendes Interesse, sind die gleichen, die kapitulieren, sobald Organisation und Terror sie einfängt.«
(Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 171)

Ich habe in meinem bisherigen Leben mit dutzenden sog. »bildungsnahen Mittelschichts‐Aufsteiger‐Leistungsträger‐Eltern« sprechen dürfen (beruflich und privat). Und was sie erlebt haben, ist der absolute Horror! Dagegen sind alle anderen Probleme einfach nur lächerlich:

  • »Das Edeka an der Ecke schließt seine Fischtheke. Dabei gab es dort immer so lecker Fischbrötchen!« :(
  • »Das Klavier, dass ich kaufen wollte, ist nicht mehr im Angebot!« :(
  • »Mein Sohn schafft in Mathe nur die Note 3!« :(
  • »Wir schaffen es dieses Jahr nicht (zeitlich, Geld ist kein Problem!), ein zweites Mal in den Urlaub zu fahren!« :(
  • »Die neue Bewirtschaftung bei unserem Stamm‐Italiener ist echt unfreundlich!« :(
  • »Wir können uns in unserem neuen Eigenheim auf keine Möbel einigen!« :(

Ich kann auch absolut nicht verstehen, wie sich Manche darüber lustig machen! Das sind echte Probleme, die es zu bewältigen gilt und die armen Menschen extrem belasten! Zwei Straßen weiter fischt ein Armutsrentner Pfandflaschen aus einem Mülleimer. Bitte, habt Mitleid mit Ihnen! :JAJA:  


»Problembeschäftigungstherapie«
»Orientierungsprobleme?«
»Problemkinder«

Bigotte Parallelwelt

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Deutschland ist voller Jammerlappen und Nörgler. Ständig wird sich beschwert. Über Massenerwerbslosigkeit, niedrige Löhne, Zwei Klassen Justiz und –Medizin, Alters‐ und Kinderarmut, Obdachlosigkeit, Massenüberwachung, Depressionen, Burnout und Einsamkeit, Kriegstreiberei, Lobbyismus, Bankenkasino, Profitgier, Hartz4 – Willkür und vieles andere. Dabei geht es uns doch echt gut! Da gibt es Menschen, beispielsweise in Berlin Zehlendorf, denen es so richtig dreckig geht! Denn trotz dickem Konto, Eigentumshaus, übervollem Kühlschrank, Auto und Garten müssen sie an öffentlichen Plätzen Hunde ertragen, die nicht angeleint sind. Unglaublich, oder?

Deshalb gründen sie auch Bürgerpetitionen für Hunde‐Leinenzwang. Milizen, welche die Nichtraucherzonen kontrollieren. Freiwillige Müllwachen. Garten‐Hecken‐Schützen. Manchmal gibt es sogar richtig Engagierte, die um den gesamten Schlachtensee (Umfang 5,5 Kilometer) alle 500 Meter die Bäume mit Hilfesuchaufrufen, wie beispielsweise nach einem Lila Stirnband, zutackern. Das sind echte Probleme! Und wenn es gegen Ausbeutungsverhältnisse, den autoritären Chef, Massenentlassungen, gegen Banken und Konzerne, den rassistischen Mob oder gegen Propaganda‐Medien geht, stehen solche Leute auch auf! Vom Sofa zum Kühlschrank.

Problembeschäftigungstherapie

Unsere sozialen Lebenswelten scheinen aus der täglichen Beschäftigung mit vermeintlichen Problemen und ihren Lösungen zu bestehen. Der Lebenssaft, der uns daran erinnert, am Leben zu sein. Denn Leben ist leiden, motzen, meckern, klagen, schimpfen, jammern, heulen und nörgeln. Wer von sich behauptet wenig bis keine Konflikte oder Probleme in seinem privaten Umfeld zu haben und mit sich selbst im großen und ganzen zufrieden ist, der ist langweilig und hat nichts zu erzählen. Der Klatsch‐und‐Action‐Sender RTL mit seinen Pseudodokusozialsoaps zeigt uns auf, was als wichtiges Problem zu gelten hat:

Welche Couch soll ich mir kaufen? Was koche ich mir morgen? Warum hat Person X so schlecht über mich gesprochen? Welche Pflanzen sind für meinen Garten geeignet? Welches Iphone passt am besten zu meinem Charakter? Weiterlesen

Luxusprobleme

Was koche ich mir morgen? Welchen Film schaue ich mir am Wochenende im Kino an? Biobrot oder Weißbrot? Wann finde ich endlich Zeit mein Auto zu waschen? Mit welcher Farbe soll ich meine Haare färben? Was ziehe ich mir heute für Sachen an? Wieso finde ich keinen Schrank, der in mein Schlafzimmer passt? Knaack Club oder Silverwings? Welches smartphone soll ich mir kaufen? Wohin fahren wir dieses Jahr in den Urlaub? Welche Schuhe zeigen meine Persönlichkeit am besten? Warum sind die Festplatten immer noch so teuer? Ohrstecker oder Ohrringe? Können wir uns ein zweites Auto leisten?