Authentizität vermarkten

Authentisch sein bedeutet, so zu sein wie andere Dich haben wollen!

In der zweiten Folge von »Black Mirror« hält der Protagonist eine Rede (ab der 50. Minute) vor einer Casting‐Show‐Jury. In dieser betont er, dass die Menschen einander nicht mehr wirklich zuhören, nur noch ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen im Fokus haben, er spricht über Konsumterror und das es vor allem keine echte Authentizität mehr geben würde. Die Reaktion der Jury ist nicht Empörung, Leugnung oder Widerspruch, nein, sie stimmen ihm zu und geben ihm fortan eine eigene TV‐Sendung, in der er seine Gesellschaftskritik weiter ausführen darf.

Das ist die Totalität des Neoliberalismus: alles kann und muss vermarktet werden. Individualität, Authentizität, Persönlichkeit — alles wird produziert, darf, kann, soll und muss konsumiert werden. Alles ist Ware. Von der Arbeitskraft bis zur Identität. Jede Pore des Lebens unterliegt den Gesetzen der Verwertung.

Hinzu kommt: Authentizität ist nur im Rahmen von engen sozioökonomischen Grenzen erwünscht und erlaubt. Weshalb sonst gibt es massenweise »Verhaltensknigge« für Bewerbungen, Vorstellungsgespräche, Gehaltsverhandlungen, für das erste Date, wie man sich auf Weihnachts‐ und Betriebsfeiern zu verhalten hat usw.? Kommunikationstrainer und Coacher wollen uns ständig sagen, wie wir uns zu verhalten haben, um vermeintlich wirtschaftlich erfolgreich im Leben zu sein. Authentisch sein bedeutet, so zu sein, wie andere Dich haben wollen!


»Bleiben Sie authentisch – aber verkaufen Sie sich!«
Neusprech: Authentisches Marketing
So werden Sie authentisch!

Wirtschaftskultur

»Seit ein paar Jahren denken manche Leute aus der Musikbranche mehr ans Geld als an alles andere. Die Musiker werden manipuliert. Sie unterzeichnen Knebelverträge und müssen ihre Urheberrechte auf Lebenszeit an diese Unternehmen abtreten. Für die ist Musik bloß Content, den man zu Geld machen kann, nicht die Frucht künstlerischer Arbeit.«

Frage: Von welchem Land ist hier die Rede?

Sprache der Liebe (Update)

sprach_liebe_titelNach rund sieben Jahren zum ZG‐Artikel »Sprache der Liebe« gibt es heute ein paar Ergänzungen (weitere Beispiele gerne in den Kommentaren!). Für mich ist es mittlerweile offensichtlich, wie sehr unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sowie unsere Sprache von marktwirtschaftlichem Denken geprägt sind (Erich Fromm hat dies in der »Kunst des Liebens« bereits vor über 50 Jahren prognostiziert). Angebot und Nachfrage, Besitz‐, Konsum‐, Haben‐ und Profitdenken, Wettbewerb, Konkurrenz, Egoismus und Eigennutz bestimmen unsere tatsächlichen Vorstellungen von der Liebe. Auch wenn sie in der Unterhaltungsindustrie häufig romantisch‐esoterisch verklärt wird.

  • »Du bist mir echt zu billig
  • »Das Vertrauen hat sich ausgezahlt, wird sich sicher auszahlen
  • »Eine Bilanz von der Beziehung ziehen. Die Beziehungsbilanz
  • »Davon profitieren wir beide!«
  • »Diese Beziehung hat sich nicht mehr gelohnt
  • »Das hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.«
  • »Deine Aussage nehme ich für bare Münze
  • »Das kommt mir teuer zu stehen.«
  • »Ich will ihn/sie haben
  • »Die Zeit mit ihm/ihr war unbezahlbar
  • »Aussehen und Sozial Status bestimmen meinen Marktwert
  • »Kaufst Du ihm das ab?«
  • »Es war eine kostbare Zeit. Und hat mein Leben bereichert. Es war ein Gewinn für mich.«

Die SEO‐Filter‐Bubble

seo_titelEs gibt einen wichtigen Aspekt, warum wir es mit einer zunehmenden medialen Online‐Gleichschaltung zu tun haben und der eher selten thematisiert wird: Search Engine Optimization (SEO) oder kurz: Suchmaschinenoptimierung. Schließlich wollen alle Webseiten‐Betreiber möglichst auf der ersten Seite einer Google‐Suchanfrage stehen. Verschiedene Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass fast 30 Prozent aller Nutzer auf das erste Ergebnis klicken und nur knapp 5 Prozent der User sich die Mühe machen, auf Seite Zwei der Suchergebnisse zu klicken. Um also weit vorne zu stehen, werden verschiedene Methoden angewandt (Onpage‐ und Offpage‐Optimierung, Linkpyramiden, Backlinks, PageRank, Social‐Media‐Spamming, Gestaltung der Landing Page etc.). Die Hauptmethode ist und bleibt aber den sog. »Content« (also den Inhalt der jeweiligen Seite) so anzupassen, um Google‐Algorithmen bestmöglich zu entsprechen. Weiterlesen

Kommerzielle Gefühlsduselei

Mehr als 42 Millionen Views hat der EDEKA Weihnachtsclip (#heimkommen) auf youtube.com generiert. In den ersten zehn Tagen nach der Veröffentlichung wurde das Video insgesamt rund 2,5 Millionen Mal über Facebook, Google und das Web geteilt. Mehr als 13.000 Kommentare auf youtube.com menscheln jauchzend vor sich hin und sind emotional entzückt, ob der schwülstigen Achterbahnfahrt, hinter der ein kommerzieller Discounter steht. Die immense Reichweite beweist (wieder einmal), wie leicht und wie einfach die Masse mit Emotionen zu besänftigen ist. Denn die Fleischskandale von EDEKA, die Mitarbeiter‐Überwachung des Unternehmens sowie der Verkauf von giftigen Textilprodukten interessieren längst nicht so viele Herzschmerz‐Menschen, wie ein gefühlsduseliges und schmalziges Werbevideo. Weiterlesen

Vermarktbare Lebenswelten

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind Werbeflächen.
Strassen, Häuser und Bäume sind Werbeflächen.
Schulen und Universitäten sind Werbeflächen.
Kinos und Museen sind Werbeflächen.
Krankenhäuser sind Werbeflächen.
Das Internet ist eine Werbefläche.
Restaurants sind Werbeflächen.
Kaufhäuser sind Werbeflächen.
Baustellen sind Werbeflächen.
Menschen sind Werbeflächen.