Authentizität vermarkten

Authentisch sein bedeutet, so zu sein wie andere Dich haben wollen!

In der zweiten Folge von »Black Mirror« hält der Protagonist eine Rede (ab der 50. Minute) vor einer Casting‐Show‐Jury. In dieser betont er, dass die Menschen einander nicht mehr wirklich zuhören, nur noch ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen im Fokus haben, er spricht über Konsumterror und das es vor allem keine echte Authentizität mehr geben würde. Die Reaktion der Jury ist nicht Empörung, Leugnung oder Widerspruch, nein, sie stimmen ihm zu und geben ihm fortan eine eigene TV‐Sendung, in der er seine Gesellschaftskritik weiter ausführen darf.

Das ist die Totalität des Neoliberalismus: alles kann und muss vermarktet werden. Individualität, Authentizität, Persönlichkeit — alles wird produziert, darf, kann, soll und muss konsumiert werden. Alles ist Ware. Von der Arbeitskraft bis zur Identität. Jede Pore des Lebens unterliegt den Gesetzen der Verwertung.

Hinzu kommt: Authentizität ist nur im Rahmen von engen sozioökonomischen Grenzen erwünscht und erlaubt. Weshalb sonst gibt es massenweise »Verhaltensknigge« für Bewerbungen, Vorstellungsgespräche, Gehaltsverhandlungen, für das erste Date, wie man sich auf Weihnachts‐ und Betriebsfeiern zu verhalten hat usw.? Kommunikationstrainer und Coacher wollen uns ständig sagen, wie wir uns zu verhalten haben, um vermeintlich wirtschaftlich erfolgreich im Leben zu sein. Authentisch sein bedeutet, so zu sein, wie andere Dich haben wollen!


»Bleiben Sie authentisch – aber verkaufen Sie sich!«
Neusprech: Authentisches Marketing
So werden Sie authentisch!

7 Gedanken zu “Authentizität vermarkten

  1. Da fehlt aber noch das Lieblingswort deines Flatter, welches nicht einmal im Duden steht.

    »Narrativ«. Ein der Kuhjungensprache entlehntes Adjektiv.

    Wichtig wäre auch noch »Political Corretgness«.
    Noch ein Kuhjungenwort, daß angeblich die Nazis im Osten erfunden haben.

    Einfach mal auf dem Teppich bleiben...

  2. @Bärbel

    Wo liegt das Problem bei »Narrativ«? Wir sind umzingelt und eingebettet in Erzählungen, Lügen, Legenden und Mythen. Hinzu kommen gesellschaftliche Ideologien, Dogmen und die »soziale Erwünschtheit«. Das alles mit »Narrativ« zu verbinden, finde ich durchaus passend.

  3. @ epikur,

    authentisch zu sein, echt bzw.glaubwürdig zu erscheinen, das halte ich für ein vergebliches Unterfangen.

    Wie weit wäre ich wohl gekommen, wenn ich mich bei Bewerbungsgesprächen um einen Arbeitsplatz authentisch verhalten hätte , und auf die Frage, warum ich mich ausgerechnet bei dieser Firma beworben habe geantwortet hätte: Mein Interesse an der Firma war kein Besonderes sondern resultiert einfach daraus, das ich Geld brauche, um zu überleben.

    Also habe ich mich und wie viele andere doch schon immer ordentlich verbogen und bin deshalb in der Bewertung des eigenen Interesses durchaus nicht negativ gestimmt, sondern halte die geschickte Verstellung, die Täuschung am richtigen Ort für ein durchaus geeignetes Mittel im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf, von dem der Lohnarbeiter nun wahrlich nicht ausgenommen ist.

    Ich bin da wahrscheinlich schon ziemlich lange raus, kann mich aber noch sehr gut an mein erstes Bewerbergespräch erinnern: Das war ziemlich kurz Und begann mit der Frage, ob ich Keynsianer oder Neoklassiker wäre. Ich war beides nicht und habe nur mit einer Gegenfrage geantwortet: Sie sind doch bestimmt Neoklassiker. Darauf bekam ich strahlende Gesichter und zur Antwort: Ja! Wir wollen Geschäfte machen und ich hatte den Job mit dem ich dann viele Jahre sehr unglücklich war.

  4. @Bärbel
    Hihi, der Teppich ist laut sozioökonomischem, werbetechnischem und auch laut narrativer Wissenschaftlichkeit des Narrativs einer gängigen Systemtheorie, — ein fliegender Teppich. Die Suche nach Authentizität ist da schwierig, aber wer sie nicht betreibt, obliegt ziemlich schnell dem Narrativ der Bodenständigkeit eines Teppichs, als Boden, der bereits schon abgehoben ist.
    (Nur zur Sicherheit bei Unsicherheit, da epikur nach der Authentizität sucht, muss er sich nicht angesprochen fühlen)

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