Die SEO-Filter-Bubble

seo_titelEs gibt einen wichtigen Aspekt, warum wir es mit einer zunehmenden medialen Online-Gleichschaltung zu tun haben und der eher selten thematisiert wird: Search Engine Optimization (SEO) oder kurz: Suchmaschinenoptimierung. Schließlich wollen alle Webseiten-Betreiber möglichst auf der ersten Seite einer Google-Suchanfrage stehen. Verschiedene Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass fast 30 Prozent aller Nutzer auf das erste Ergebnis klicken und nur knapp 5 Prozent der User sich die Mühe machen, auf Seite Zwei der Suchergebnisse zu klicken. Um also weit vorne zu stehen, werden verschiedene Methoden angewandt (Onpage- und Offpage-Optimierung, Linkpyramiden, Backlinks, PageRank, Social-Media-Spamming, Gestaltung der Landing Page etc.). Die Hauptmethode ist und bleibt aber den sog. »Content« (also den Inhalt der jeweiligen Seite) so anzupassen, um Google-Algorithmen bestmöglich zu entsprechen.

Optimierte Konformität
Zahlreiche Agenturen und Dienstleister haben sich mittlerweile darauf spezialisiert, Webseiten google-konform zu optimieren. Die Internetindustrie ist darauf angewiesen bei spezifischen Suchbegriffen via Google auch gefunden zu werden, um anschließend entsprechende Produkte und Dienstleistungen anbieten zu können. Neben dem technischen SEO-Aspekt, werden die Online-Inhalte eben nicht nur durch Mainstream, dpa-copy-and-paste, innere Selbstzensur, Opportunismus und Redaktionsvorgaben bestimmt, sondern wesentlich auch dadurch, was die Leser quantitativ bei Google suchen. Die Top-Suchbegriffe und Themen müssen bedient werden, wenn man seine Reichweite und die Klickzahlen erhöhen will. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn man auf Koch-Webseiten, auf einmal einen Artikel über die US-Serie »Walking Dead« oder auf Online-Präsenzen von Frauenzeitschriften einen Beitrag über Star Wars findet.

Denn zu den Top-Suchbegriffen bei Google im Jahre 2015 gehören laut Google-Trends:

Sonnenfinsternis
Minions
Star Wars
Pegida
Helene Fischer
Justin Bieber
Fallout 4
Fifa 16
Michael Schumacher

Zu den 100 Most Popular Google Keywords gehören laut siegemedia.com beispielsweise:

Weather
Translate
Maps
News
Calculator
Movies
Games
Cars
Pizza
translator

So gut wie alle kommerziellen Webseiten-Betreiber (und leider nicht nur die)  wollen, wenn möglich, so viele Keywords wie möglich davon bedienen. Denn das bedeutet Klickzahlen, Reichweite und letztlich: Werbeeinnahmen. Die entsprechenden Keywords werden  dafür nicht nur im jeweiligen Text gezielt untergebracht, sondern auch in der Überschrift und in der Internet-Adresse platziert. So wird das freie Schreiben und Texten in ein enges, vorgegebenes SEO-Korsett gequetscht. Auch die Begriffsvielfalt oder gar die Erfindung neuer Wortkonstruktionen sind nicht im SEO-Interesse. Ebenso wenig, wie die Platzierung von Wörtern in Bildern, da die Suchabfragen bei Google diese in der Regel nicht berücksichtigen können. Auch viele weitere Möglichkeiten, Artikel zu verfassen, Rand-Themen zu bedienen und/oder nicht google-konform zu texten werden selten genutzt, da sie ansonsten weniger Reichweite erzielen würden.

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Gleichschaltungsproduktion
Nun könnte man SEO als demokratisch bezeichnen, ebenso wie den TV-Trash auf den privaten Fernsehanstalten. Schließlich wollen das die Nutzer doch auch so, oder nicht? Es seien eben ihre Themen und Interessen, die da bedient werden würden. Wo liege also das Problem? Zunächst einmal leidet die Qualität vieler Texte und Inhalte im Netz unter dem engen SEO-Korsett. Wer nur das liefert, was die Leute vermeintlich wollen, schafft damit systematisch Echokammern und Filterblasen, verengt die User-Sichtweise, blendet Alternativen aus und bewegt sich thematisch immer nur im gleichen Mitte-Mainstream-Sumpf der Boulevard-Banalitäten. Der Wille des Volkes mag demokratisch sein, die mediale Online-SEO-Gleichschaltung und damit Aushöhlung der Pressevielfalt ist es nicht.

Hinzu kommen Clickbait-Überschriften, die Antworten und Inhalte versprechen, die sie dann nicht liefern (Hauptsache der Klick wurde abgegriffen). Endlos lange Foto- und Bilderstrecken, um die Klickrate oder die Verweildauer auf der Webseite künstlich zu erhöhen sowie eigentlich kurze Artikel, die dann aber auf mehreren Seiten künstlich verlängert und episch ausgebreitet werden, um auch hier größere Zugriffszahlen zu erzeugen. Auch Erklärbär-Überschriften mit der typischen Idiotenansprache („Hier werden Sie geholfen!“) sind ein beliebtes SEO-Mittel und weit verbreitet:

Darum…
Wieso…
Weshalb…
Darauf…
Hier…
Diese…
Das…
So…
Wie…
Warum…
Was…

Die SEO-, Werbe- und Marketing-Industrie gibt kommerziellen Anbietern im Internet mittlerweile sehr präzise vor, wie, wo, wann und welchen »Content« sie veröffentlichen sollten (bzw. bieten diesen „Service“ gleich selbst an), um bestmöglich dem Google-Algorithmus zu entsprechen. In diesem Zusammenhang sind auch die ewig gleichen und schnöden Sexismus-Debatten zu verstehen: sie werden angeklickt und gelesen. Diese ganze Vorgehensweise nennt sich dann euphemistisch: Online Vermarktung.

»Kann man ohne einen Account bei Facebook, Linked-In, Xing, Tumblr, Lepra-VZ oder was es alles sonst so gibt, überhaupt noch existieren?«

Dietmar Wischmeyer. „Ihr müsst bleiben, ich darf gehen“. Ullstein Verlag. Berlin 2013. S. 20

Die mediale Gleichschaltung findet eben nicht nur durch angepasste, transatlantische Journalisten statt, die mit strenger Selbstzensur pflichtbewusst dem redaktionellen Tendenzschutz ihren Tribut zollen, sondern auch durch strukturelle SEO-Vermarktungs-Techniken, die eine differenzierte und weltoffene Wahrnehmung effektiv blockieren, weil quantitative Kriterien häufig dafür sorgen, dass sich die User stets nur in ihrer gewohnten SEO-Bubble bewegen.

6 Gedanken zu “Die SEO-Filter-Bubble

  1. Bei der jetzigen Präsidentenwahl in den Es Scha A war es ja auch schon Thema, dass die Suchvorschläge, die Google zu Ms. Clinton geliefert hatte, überwiegend positiven Inhaltes waren, obwohl die Frau so viel Dreck am Stecken hat, und bei ihrem Gegenkandidaten waren auf einmal auch welche negativen Inhalts mit dabei — das hat eigentlich für jeden erkennbar ohne großes technisches Know-how vor Augen geführt, wie sehr auch Google selbst eine einzige Filterblase ist. Was ihnen nicht passt, wird nicht erfasst, oder zumindest nicht noch selbst darauf verwiesen. Das macht die Sache eigentlich sehr einfach zu erklären, wie man im Internet gewisse Inhalte aus dem Fokus der Öffentlichkeit bekommt während manche vielleicht noch denken »eine Suchmaschine sieht alles, die blendet schon nichts aus — weil Maschine und Maschine dumm«.

  2. Danke für den Text. Als Redakteur einer Tageszeitung kann ich dem nur 100% zustimmen. Bei uns läuft da seit Jahren eine Debatte zwischen klassischen Print-Redakteuren und den Click-Junkies aus der Online-Abteilung.In letzter Zeit geben die Printler aber auf, es ist halt ermüdend. Und solange die Zugriffe weiter steigen hat man wenig Argumente.

    Die Medienmanager klammern sich meines Erachtens an diese Zahlen, denn es kann ja live gemessen werden, was »funktioniert«. Journalistische Relevanz und Ausgewogenheit tritt da in den Hintergrund. Irgendeine drittklassige Trash-TV-Sendung landet dann eher auf der Webseite als eine lokale politische Debatte.

    Das hat übrigens nach meiner Beobachtung zwei Folgen: Zum einen werden die Idioten-Schlagzeilen zunehmend auch auf Papier gedruckt. (»Warum das und das jetzt passiert...«) Das Cick-Baiting weitet sich also sinnloserweise in den Printbereich aus. Zum anderen werden beispielsweise Nicht-Mainstream-Themen gar nicht mehr aktiv von der Redaktion in die sozialen Netze geteilt, wo immerhin rund 30–40 Prozent der Leser (der Onliner würde sagen: User) herkommen. Das verstärkt die ganze Sache noch.

    Ich kann nur sagen: Die meisten Journalisten sind nicht gerade stolz auf die Web-Auftritte ihrer Häuser. Weil da eben durch dieses ganze SEO-Zeug (wozu es eigene Schulungen und Optimierer gibt) die eigentliche Arbeit vor die Hunde geht. Aber es lässt sich halt zählen! Da geht den Controllern in den höheren Etagen einer ab...

  3. @ Journalist

    Danke, für ihren Kommentar.
    Tut gut zu lesen, das nicht jeder, der heutzutage berufsmäßig schreiben darf, muss und soll, mit den Dingen einverstanden ist, die die »Controllerabt.« (zählen, messen, wiegen, gewichten) durch die Möglichkeiten der Algorithmen in nahezu jedem Lebensbereich geschaffen haben.

    Wehrt euch, nicht aufgeben.

  4. @Journalist @Alles nur Satire

    Leider darf man da als Berufsjournalist nicht zu laut werden oder muss anonym bleiben, sonst ist man seinen Job wohl schneller los, als man gucken kann. Und am Ende muss die Miete bezahlt werden. Da ist es einfacher, die ökonomischen Probleme der bürgerlichen Leitpresse, allein den »Populisten-Verschwörungstheorie-Bloggern«, Online-Aktivsten und Adblock-Nutzern in die Schuhe zu schieben, was landläufig in allen möglichen Diskursen ständig und überall leider getan wird.

  5. Ein verdammt gutes Post.

    Verdammt ein jeder, der noch kein Google-Konto hat. Und nie eins einrichten wird. Ihr werdet alle sterben!

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