Umsatzgeneriertes Unglück

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  • Wer mit seinem Körper im Einklang lebt, macht keine kostenintensiven Diäten, rennt nicht in das Fitness‐Center, kauft keine Abnehm‐Wunder‐Mittelchen und macht keine teuren Schönheits‐Operationen.
  • Wer auch als Alleinstehender emotional klar kommt, bezahlt keine teuren Partner‐Vermittlungs‐und‐Singlebörsen‐Gebühren. Oder legt sich ein Haustier zu und versenkt seine Kohle in teuren Haustier‐Arztkosten, Futter und Zubehör, damit er was zum knuddeln und beherrschen hat.

  • Wem ein Prepaid‐Uralt‐Handy völlig ausreicht, der ist schlecht für das riesige Smartphone‐Business.
  • Wer seinen Charakter nicht durch eine kommerzielle Identitätsproduktion (Zugehörigkeiten, Marken, Labels, Brandings etc.) festlegt, konsumiert weniger teure Produkte und Dienstleistungen.
  • Wer mit weniger Angst und dem Bewusstsein, dass das Leben jederzeit unvorhergesehen enden kann, durchs Leben geht, legt weniger Geld in Versicherungen, Sparanlagen, Überwachungskameras und Sicherheitsprodukten an.
  • Wer mit dem Altern kein Problem hat, konsumiert keine Anti‐Aging‐Kosmetik, lässt sich keine Falten wegmachen oder das Grau in den Haaren wegfärben.
  • Wer gesund lebt und sich ernährt, ist zwar ein Freudenfaktor für die Krankenkassen, kauft jedoch keine überteuerten Arzneimittel, ist kein regelmäßiger Krankenhaus‐Kunde und gibt der Pharmaindustrie viel zu wenig Geld zum Wachsen.
  • Wer sich selbst nicht darüber definiert, was er besitzt und vorzeigen kann, wird sich nicht unbedingt Markenkleidung, ein großes Haus oder einen teuren Sportwagen zulegen.
  • Wer nicht dem Bio‐Glauben anhängt, kauft keine völlig überteuerten Kosmetika und Lebensmittel.
  • Wer Frieden, Mitmenschlichkeit und Diplomatie als einzig gültige Werte akzeptiert, ist schlecht für die Waffen‐, Rüstungs‐ und Kriegsindustrie inklusive nationaler Armeen. Wie soll man Kriege um Kapitalinteressen und Rohstoffe führen, wenn es nicht genug Soldaten gibt?

Ergo: wer sich schon immer gewundert hat, warum so viele Menschen im „freien Westen“ so verbittert und frustriert sind (Ein Blick in die Gesichter morgens in Bus und Bahn genügt!), obwohl sie materiell doch so viel haben würden, der sollte mal darüber nachdenken, ob das nicht genau so gewollt sein könnte? Sind unglückliche, unausgeglichene und unzufriedene Menschen, in jeder Hinsicht nicht die besseren Konsumenten? Wäre es daher nicht die primäre Aufgabe von PR‐ und Marketing‐Industrie (im Auftrag des Kapitals) den Menschen immer wieder neue Bedürfnisse einzuimpfen und sie unglücklich zu machen? Damit man im nächsten Atemzug die entsprechende Problemlösung kommerziell anbieten kann?

Oder, um mich mal (ganz bescheiden ;) ) selbst zu zitieren:

Die Verfestigung und Institutionalisierung von Unzufriedenheit, Angst und Unglück sind elementare Pfeiler unserer Wirtschaftsordnung.“

12 Gedanken zu “Umsatzgeneriertes Unglück

  1. »warum so viele Menschen im „freien Westen“ so verbittert und frustriert sind (Ein Blick in die Gesichter morgens in Bus und Bahn genügt!), obwohl sie materiell doch so viel haben würden,«
    Seit 2 Jahren bin ich heute wieder einmal mit Öffis zur Arbeit, vom westlichen Ruhrgebiet nach Düsseldorf. Ich würde schätzen:
    95% der beobachteten Fahrgäste nutzen diese Transportmittel, weil sie gerade materiell nicht soviel haben und/oder (noch) keinen Führerschein.
    Aber ansonsten gebe ich Dir recht: Das Bohei um gewisse Konsumgüter nimmt mittlerweile Formen an...
    Bestes Beispiel ist in einem Teil meiner Familie das Iphone nebst Zubehör. Erfüllt wirklich alle Apple‐Jünger‐Klischees.

  2. Ich stimme dir ja eigentlich völlig zu, aber »Bio‐Glauben«? Gerade bei konventionellen Kosmetika ist es gruselig zu sehen, was dort alles im Kleingedruckten enthalten ist, was ganz und gar nicht »pflegt«. Im Übrigen sind diese auch nicht unbedingt billiger.
    Ähnlich sieht es bei Lebensmitteln aus. Natürlich sollte man nicht »blind glauben«, in keinem Lebensbereich, aber gerade im Bio‐Hype sehe ich im Großen und Ganzen eine positive Entwicklung, die zumindest den Willen zu Veränderung aufzeigt und die Ablehnung gegenüber moderner, industrieller Lebensfeindlichkeit zum Ausdruck bringt. Natürlich ist auch die Bio‐Branche längst im Kapitalismus angekommen, die innere Widersprüchlichkeit ist sehr groß und leider auch kaum vermeidbar. Dennoch gibt es hier noch viel kreatives Potential und es herrscht auch durchaus ein anderes Bewusstsein vor.

  3. @Anna Torus

    Du sagst ja es ja schon selbst, es hat mal mit hehren Zielen und einem Bewusstsein angefangen, ist mittlerweile aber nur noch Branding, Marke und Dogma. Ein Riesen‐Geschäft. Elitärer Konsum der Besseresser, der bei Identitätsproduktion helfen und als Abgrenzung zu »denen da unten«, die ja doch nur bei Lidl und Aldi einkaufen, dienen soll.

    Niemand »verändert« die Welt, wenn er Bio‐Milch oder Bio‐Brot kauft. Das ist moderner Ablasshandel, der von der Gemütlichkeit und der Angst der Mittelschicht lebt, sich wirklich politisch zu engagieren. Dort, wo man auch mal auf die Fresse bekommt statt nur ein paar Euro mehr für Obst und Gemüse auszugeben.

    P:S: Dein Blog gefällt mir.

  4. Ich verstehe vollkommen, was du meinst und sehe diese Tendenzen auch. Dennoch ist es ein Schritt in die richtige Richtung, wenn »Bio« zumindest symbolisch nicht mehr als weltfremde Spinnerei gilt, sondern gesellschaftlich akzeptiert wird — als weltanschauliche Alternative zur industriellen Massenverarbeitung natürlicher Ressourcen. Natürlich hapert es an der Umsetzung. Aber es ist ein Zeichen von Bewusstseinswandel — oder jedenfalls eines möglichen Anfangs von Bewusstseinswandel — wenn Leben und Natur als wertvoll wahrgenommen werden — und sei es bloß dadurch, dass ein Produkt, das mit »Bio« gekennzeichnet ist, positiv oder besser bewertet wird. Die Ausbeutung des Menschen und die Ausbeutung der Natur hängen unmittelbar zusammen. Eine andere Perspektive auf das Leben an sich zu bekommen, es überhaupt als schützenswert wahrzunehmen — das ist wichtig. Und dazu trägt der Bio‐Boom meiner Ansicht nach doch trotz aller inneren Widersprüche bei.

    P.S. Ich lese hier auch gerne. ;)

  5. @Anna Torus

    Sorry — aber hier gebe ich epikur recht!

    Innerhalb dieses Systems gibt es nichts, was mal als Alternativform oder Protest gegen Selbiges begonnen hätte und nicht kommerziell verwurstet wurde. Sei es musikalisch der Punk oder jetzt Bio, Vegan usw.
    Sicher trägt so eine Lebensweise im Kleinen zu einer etwas besseren Gesellschaft bei, das System selber verändert er im Grundsatz nicht. Sobald jedoch etwas davon als profitträchtig genug erkannt wird, kommen die grossen Firmen, übernehmen das Konzept und die Firmen gleich mit, wenn es geht und sahnen ab. Der Grundgedanke dahinter ist denen wurscht, solange der Rubel rollt und am Ende landet das Ganze wieder in der marktwirtschaftlichen Rubrik.

    Statt Bio als Label würde es z.B. einfach genügen, lokal erzeugte Lebensmittel möglichst ohne Spritzen und Gentechnik zu kaufen und Bio‐Produkte aus Übersee sind alleine wegen der Umweltbilanz in der Summe vermutlich schlechter als lokal erzeugte ›normale‹.
    Viele können sich auch Derartiges gar nicht leisten, sondern sind auf die ›Drecksware‹ angewiesen, weil sie selbst in prekären Umständen leben und selbst an denen wird noch Gewinn gemacht.
    Kapitalismus wird nicht von selbst verschwinden und erst recht nicht wegen eines Bewusstseinswandels von Verbrauchern.
    Und Suggestiv‐Ängste plus Werbung dient dem Steuern dieser Dinge.

    PS. Dein und epikurs Blog gefällt mir auch ;)

  6. mein kater hat sich einach bei mir eingenistet. ist letztes jahr in frankreich ins auto rein und war nicht mehr raus zu bekommen. war aber nur ne handvoll. jetzt isser da und frisst nur billigfutter, teues igoriert er.

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