Kommerzielle Gefühlsduselei

Mehr als 42 Millionen Views hat der EDEKA Weihnachtsclip (#heimkommen) auf youtube.com generiert. In den ersten zehn Tagen nach der Veröffentlichung wurde das Video insgesamt rund 2,5 Millionen Mal über Facebook, Google und das Web geteilt. Mehr als 13.000 Kommentare auf youtube.com menscheln jauchzend vor sich hin und sind emotional entzückt, ob der schwülstigen Achterbahnfahrt, hinter der ein kommerzieller Discounter steht. Die immense Reichweite beweist (wieder einmal), wie leicht und wie einfach die Masse mit Emotionen zu besänftigen ist. Denn die Fleischskandale von EDEKA, die Mitarbeiter‐Überwachung des Unternehmens sowie der Verkauf von giftigen Textilprodukten interessieren längst nicht so viele Herzschmerz‐Menschen, wie ein gefühlsduseliges und schmalziges Werbevideo.

Eine Auswahl an Youtube‐Kommentaren:

Sinem Tuerkmen: »ich hab immer wieder geheult als ich das gesehn hab.«

Dominik Kollenbach: »Jedes mal wenn ich diesen Werbespot sehe muss ich weinen weil das einfach so trauchig ist niemand sollte an Weihnachten alleine sein selbst mein schlimmster Feind Respeck Edeka.«

Dieter Gefeke: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.«

Town Mods: »WOW, das ist ja mal die schönste Werbung der Menschlichen Geschichte!«

LydiaSonja: »Danke für dieses Wunderbare, tiefbewegende Video!«

Müde Marktexistenzen
Warum der alte Mann in dem Werbevideo zu Weihnachten zunächst allein gelassen wird, thematisieren die mehr als 13.000 Kommentare nicht. Es ist heute halt nun mal so. Nach den Ursachen fragt niemand. Dabei wurden und werden Familien systematisch zerstört und kaputt gemacht. Soziale Isolierung und Atomisierung, Konkurrenz‐ und Wettbewerbsdenken, Egoismus, Eigennutz und Vorteilsdenken sind nicht Gottes Wille oder der Naturzustand des Menschen, sondern die charakterlichen Stützpfeiler der neoliberalen Ideologie, die seit rund 30 Jahren sämtliche Lebensbereiche vergiftet hat. Ob »Bedarfsgemeinschaften« und Zwangsenteignungen durch ALG2, der geforderte, allseits bereite flexible und mobile Lohnarbeiter, prekäre und befristete Beschäftigungsverhältnisse, Schicht‐, Feiertags‐ und Wochenenddienste, die Ausweitung des Niedriglohnsektors sowie der Ladenöffnungszeiten – das alles macht Menschen und damit die Familien kaputt, entzweit und spaltet sie. Diese Zustände sind weder Schicksal, noch Naturzustand, sondern gewollte Wirtschaftspolitik, damit die Bonzen immer noch ein bisschen mehr Geld zum Zocken haben.

»Die Atomisierung schreitet nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch im einzelnen Individuum, zwischen seinen Lebenssphären, fort.«

Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 148

Hinzu kommt: in welcher Familie gibt es heute eigentlich keine Probleme? Wo gibt es keine Missverständnisse, keinen Narzissmus oder keine verkorkste Kommunikation? In welcher Familie gibt es denn noch gegenseitigen Respekt, Anerkennung und Achtung? Die heile und harmonische Familienwelt existiert de faktisch doch nur in Werbevideos oder in Hollywood‐Filmen. Und das ist auch so gewollt, denn Solidarität, Empathie und Mitmenschlichkeit sind der Feind des Kapitals. Die beauftragte Werbeagentur »Jung von Matt« greift hier einen neoliberal‐sozioökonomisch erzeugten und gewollten sozialen Konflikt auf, verdient damit Geld und die Handelskette EDEKA freut sich über die öffentliche Aufmerksamkeit. Niemandem geht es hier um Humanismus, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe oder Empathie, auch wenn das die über 13.000 Kommentatoren auf youtube.com offenbar nicht verstanden haben (zugegeben, ich habe nicht alle, aber viele gelesen ;) ). Nicht zufällig beschreibt Daniela Strasser von W&V den Clip als »modernen Content«. Botschaften, Inhalte, Musik, Darsteller — alles nur Mittel zum Zweck einer »offensiven Kommunkationsstrategie«, wie es Marketing‐ und PR‐Soldaten gerne bezeichnen.

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Eingebettete Ersatzleben
Wenn nur ein Viertel der 40 Millionen Zuschauer, den Bundestag wegen dem Syrien Einsatz gestürmt hätten, nur ein Drittel RTL und BILD für immer abschwören würden oder nur die Hälfte bei der TTIP‐Demonstration anwesend gewesen wären, dann wäre eine andere, ja eine mitmenschlichere Welt durchaus möglich. Und um nicht missverstanden zu werden: ich bin kein Feind von ehrlichen Emotionen. Wohl aber ein Skeptiker, wenn diese als Mittel zum Zweck instrumentalisiert werden, was in der Werbeindustrie, in der Politik sowie im Unterhaltungsfernsehen regelmäßig geschieht. Vermeintlich authentische Gefühle sind heute zum großen Teil (Selbst-)Inszenierung und Marketinginstrumente. Facebook ist hier das beste Beispiel. Dort, wo die Masse sich tummelt, erreichen primär schwülstig‐kitschige oder vermeintlich »lustige« Beiträge eine große Reichweite: Glückskeks‐Sprüche, Cat Content, Pipikaka‐Humor‐Videos, Baby‐Bilder und so weiter. Wer hier sachlich argumentieren will, geht in der Regel im Meer der infantilen Emotionsamöben völlig unter.

»Die Massen können nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen. Nur diese schrecken oder verführen sie und werden zu Ursachen ihrer Taten.«

- Gustave Le Bon. »Psychologie der Massen«. Nikol Verlag 2009. S. 69

Es ist kaum ein Zufall, dass fast alle politischen Herrschaftsinstrumente der Gegenwart und der Vergangenheit auf die Emotionen abzielen. Alle Regierungen und Massenmedien dieser Welt manipulieren die Bevölkerungen mit rhetorischen Formulierungen, Bildern, Wörtern und Musik. Sie werden verführt, geblendet, eingelullt. Die Masse wird mit Nebenkriegsschauplätzen beschäftigt, sie wird gespaltet (divide et impera), emotional gegeneinander aufgehetzt (Raucher vs. Nichtraucher, Frauen vs. Männer, Erwerbslose vs. Flüchtlinge etc.) und mit Feindbildern gefüttert (der böse Putin und die bösen Islamisten). Dagegen ist die Vernunft, der Verstand oder auch das Argument von jeher ein Mittel der Aufklärung und des Humanismus gewesen. Insofern brauchen wir heute weniger viral‐schmalzige Werbe‐Gefühlsduseleien, dafür aber deutlich mehr emotionale Vernunft sowie einen gefühlvollen Menschenverstand, der zwar empathisch ist, aber nicht von überzogenen und infantilen Sentimentalitäten beherrscht wird.

11 Gedanken zu “Kommerzielle Gefühlsduselei

  1. Das ist eine absurde Weihnachtsidylle. Der Vater muss seinen Tod fingieren, damit seine Kinder zu ihm kommen und alles sind glücklich. Irgendwie gelingt es mir nicht diesen Schwachsinn zu begreifen.

  2. Ein Renner ist auch die herzschmerzige, musikalische Schmalzstulle der Popsängerin Adele. Der neue Titel »Hello« wurde bis heute
    739.530.188 mal angeklickt.

  3. Schlimmer noch, — bestimmte Teile der Werbeindustrie im mehr kostenintensiverem Bereich, welcher die übliche billige Stakkato‐Werbung das Feld abgetragen hat, — wird das aller‐schwerstens freuen. Um was wetten wir, dass nach diesem Erfolg, (und sogar noch seinen Umfelddiskussionen bis in die Satire hinein), die Nachfrage nach dem veredelterem, sprich sensiblerem Ambiente zwischen Werbepsychologie und Darbietungsmöglichkeiten, — steigen wird? Das ist wie ein Trigger, der ein neues altes Genre wiederbeleben wird.

  4. @eb

    Ich befürchte auch. Nachdem das Trash‐TV‐Tabu mit »Big Brother« und »Dschungelcamp« gebrochen wurde, TV‐Sendungen als Therapieersatz funktionieren und virale Werbekampagnen in tiefenpsychologische Bereiche vordringen und alle damit »Erfolg« haben, wird es kein Halten mehr geben.

    @altautonomer

    Wahnsinn. Fast eine Milliarde Views. »Du darfst aber nicht verallgemeinern« — heißt es ständig. Und wie sind dann solche Zahlen zu erklären (sofern sie echt sind)? Da kann man gar nicht mehr anders, als der Masse bestimmte Attribute zuweisen.

  5. Wie viele alte Menschen müssen u.A. alleine ihr
    Weihnachten verbringen, weil ihren Kindern, inzwischen
    auf Hartz IV vegetierend, schlicht das Geld für die
    Anreise fehlt – ebenso wie sie ihren Kindern kein
    traditionelles Weihnachtsfest ausrichten können.

    Zu Spot(t) – den mag ich mir gar nicht erst antun.
    Aber er dürfte ein typisches Beispiel für eine die
    Sentimentalität einer Kultur ?) abgeben, deren Kehrseite
    Grausamkeit ist. Beim »Stille Nacht, heilige Nacht«
    Pipi in die Augen kriegen, aber auf Arbeit/ im Dienst
    Andere zum Weinen bringen …

  6. @jtheripper

    Hihi. Die Satire kannte ich noch gar nicht. Passt aber super. »Kommen wir alle hier her nur um den Scheiss Edeka Fraß mit Dir essen zu müssen« :MRGREEN:

    EDIT: Die Kommentare in dem von Dir verlinkten Video sind extrem selbstentlarvend.

  7. @kevin Sondermüller

    »Sentimentalität und Grausamkeit«

    Da gibt es offenbar tatsächlich einen Zusammenhang. Erinnert an diese Film‐Mafiosi , eiskalte Killer , aber wenns um die Familie geht....

  8. Tiefgehende Zitate! Vor allem Adorno gibt zu denken. Aber Le bon nicht minder, dieser Vorgänger Freuds. Die Massenformation ist wohl die unerlässlichste heute. Aber nur zusammen mit mit dem ersten Zitat. Die Masse der Atomisierten. Erkenntisreich ist es denn auch, in sich zu gehen. Aber nicht zur Auskundschaftung von Optimierungspotentialen, wie der therapeutische Diskurs dies übt, zur Erzuegung von Illusionen, wie der neureligiöse Diskurs beschwört. Man geht dabei einer Verleugnung auf den Leim: das Ich kämmert bei sich selbst herum oder sucht Superobjekte in der Phantasie auf und verleugnet, dass es nicht nur aus sich selbst besteht, dass es kräftige Sinnmuskeln hat, die in den gesellschaftlichen Bedeutungen verankert sind und von dort her geformt wurden. Daher zum Schauen seiner Selbst als einem in diesem Gefelcht sich befindlichen. Nah ist man dran am Schauen der Atomisierung, der Vereinzelung und den unwiderstehlichen Neigungen zum Vollzug von Zugehörigkeitshandlungen in massenhafter Form: illusionäre, a‐körperliche Bindungen zum nächsten, zu allen, fiktive Verschmelzungsphantasien (er hat die gleiche Handtaschenmarke wie ich, er ist wohl einer wie ich, obwohl ich nur auf youtube sein Video von vorgstern sehe, ich liebe ihn).
    Dieser Werbefilm ist sehr derb. In der Regel wird nur der rührende Inhalt gesehen oder soll nur gesehen werden. Jede Kontextualiserung kann gar nicht gewünscht sein, denn dann bliebe als Assoziation zur Firma nur das Fast‐Erbrechen, sowie bei mir. In der Tat wird der Nutzlose der Gesellschaft veräppelt. ›Du bist nutzlos? Na, wenn du stirbst wird schon wer an dein Grab kommen.‹ Gerade wenn er stirbt, dann muß halt die Zeit frei geschaufelt werden. Dann kommen die in Wirtschaft und Erfolg eingespannten Kinder aus allen Weltteilen eingeflogen zur Zelebrierung des Begräbnisrituals, natürlich eines völlig sinnentleerten, man tut, was man zu tun pflegt. Wer aber zu seinem Vater im Falle einer gewöhnlichen Vaterbeziehung erst im Todesfall in räumliche Nähe kommt, der kommt offensichtlich zu spät. Die Firma ist also eine, die immer zu spät kommt. Na denn, da hat der Werbefilmmacher den Bock abgeschossen. Kriege ich da etwa nicht das neueste von Markt, nur Produkte von vorgestern?
    Das Gefallen scheint mir in der Tat von einer Art Abwechslung herzurühren. Man kennt ja das Gefühlsset der Werbung: jung, frisch, lustig, überraschend, keck, superior, wohltuend usw. Nun hat man das ganze etwas angereichert. Mal was anderes! Das ist doch ein Skript, das fast überall nützlich ist. Nichts ist in der monotonen Arbeits‐ und Warenwelt rechter, als eine Abwechslung, eine Erfrischung. Und diese Werbung stellt wohl eine Art Abwechslung dar, eine kleine sentimentale Geschichte anstatt eines grellen Spots.

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