Neusprech: »sozial verträglich«

»HypoVereinsbank will weitere 1.500 Stellen sozialverträglich abbauen«

- Meldung aus der FAZ.net vom 6. Februar 2009

Die Begriffe der »Sozialverträglichkeit« bzw. der Formulierung vom »sozial verträglichen Stellenabbau« sollen suggerieren, dass im Sinne der ethischen und sozialstaatlichen Normen Menschen gekündigt, gefeuert bzw. aus der Firma geworfen werden. »Sozial verträglich« vermittelt eine Metapher des »weichen Fallens« aus der Firma bzw. dem Arbeitsplatz. Insofern ist es in erster Linie ein Euphemismus, welcher die individuelle Situation des soeben Gekündigten ausblendet.

Ob es für den Einzelnen überhaupt »sozial verträglich« sein kann, seinen Job zu verlieren, ist mehr als fraglich und ignoriert diese Formulierung. Stattdessen verweist sie auf die Struktur der Sozialstaatlichkeit, die das schon irgendwie anständig regeln würde. Zum Beispiel in Form von Abfindungen oder ähnlichem. Außerdem ist der Terminus ein gutes Beispiel für eine Methode der Sprachmanipulation von der Verbergung, Kaschierung und Beseitigung des handelnden Menschen aus der Sprache. In der Formulierung des »sozialverträglichen Stellenabbaus« verschwinden gleich zwei Subjekte: der Verantwortliche, der die Arbeiter gekündigt hat und der Gekündigte selbst. Dadurch wird zum einen die Verantwortlichkeit für die Kündigung und zum anderen das individuelle Schicksal der Gekündigten verborgen. Außerdem findet eine Versachlichung der Entscheidung statt, nicht der Mensch wird gefeuert und verliert seine Lohnarbeit, sondern: »die Stelle wird abgebaut«.

Ein weiterer ähnlicher Satz, der einen Euphemismus darstellt und ebenfalls die Verantwortlichkeit des Unternehmers außen vor lässt, ist die der »betriebsbedingten Kündigung«. Hier wird suggeriert, dass der Unternehmer durch einen vermeintlichen »Sachzwang« keine andere Wahl hatte, als den Mitarbeiter zu kündigen. Ob »sozial verträglich«, »betriebsbedingt«, »Personalanpassung« oder »den Mitarbeiter freistellen« — der Arbeiter wird gefeuert und steht ohne Einkommen da. Letztendlich sollen diese Satzkonstruktionen die Kündigungsentscheidungen des Unternehmers legitimieren und einen Widerstand gegen die Kündigungen schon im Wortlaut unterbinden helfen.

»Die Deutsche Telekom will den Umbau ihrer Geschäftskundensparte T‐Systems vorantreiben und schließt dabei betriebsbedingte Kündigungen nicht aus«

- Meldung auf tagesschau.de vom 23.Juli 2008

3 Gedanken zu “Neusprech: »sozial verträglich«

  1. Ich habe in einer Diskussion folgende Argumente gelesen. Die Arbeitnehmer wollen im Aufschwung am Gewinn beteiligt werden, da müssen sie im Abschwung eben auch beteiligt werden.

    Genau das ist das Basisargument und es wäre auch richtig, wenn die Arbeitnehmer an den Gewinnen beteiligt worden wären und es ebenfalls für die Arbeitgeber zutreffen würde. Diese Wälzen einfach die Kosten auf andere ab. Man sollte eine Strafsteuer gegen Entlassungen einführen. Damit können die Zusatzkosten der Sozialkassen gedeckt werden.

  2. Sehr treffende Analyse, die zum Nachdenken anregt. Ein Aspekt ist mir dabei übrigens noch eingefallen:
    Wenn Kündigungen wirklich »sozial« sein wollten, müssten sie eigentlich nicht »sozial verträglich« sondern »individuell verträglich« sein. Darauf erheben sie aber zum Glück keinen Anspruch — ein Fünkchen Wahrheit steckt in dieser Sprachverwendung also noch drin.

  3. Jeder Arbeitsplatz der, egal ob »sozial verträglich« oder nicht , abgebaut wird, wird nicht neu geschaffen und fehlt für immer. Kampf um jeden Arbeitsplatz damit auch die Jungen noch einen haben!

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