Neulich beim Friseur

Mehr als 1,5 Stunden hat man mich schmoren lassen. Ich hatte keinen Termin. Die Damen kamen auch nicht mal zwischendurch zu mir oder versuchten mich irgendwie zu beschwichtigen (»Ein Glas Wasser?« Oder: Es ist gleich soweit!«), nein, sie redeten überhaupt nicht mit mir. Nach über 90 Minuten habe ich den Laden wütend verlassen. Ein Kunde weniger. Ich gehe vielleicht 3–4 mal im Jahr zum Friseur. Und das sehen die Angestellten auch. Ich bin weder ein eitler Herr, der sich alle zwei Wochen seine Zwei Millimeter schneiden lässt, noch ein Vereinsamter, der ein nettes Schwätzchen mit jungen Damen halten will. Ich bin auch kein weibliches holdes Wesen, das sich für viel Geld die Haare machen lässt, weil das ja irgendwie wichtig sei.

Beim nächsten Laden musste ich zwar nur 30 Minuten warten, aber auch da sprach man mich gleich an: »Lange nicht mehr beim Frisör gewesen, he? (Hoa, Hoa)« — »Ja, ich bin Pragmatiker!« Das Gesicht hättet Ihr sehen sollen. Kein Selbstoptimierer und Selbstinszenierer, dem wir teuer Haarwachs, -Gel, -Shampoo, -Pflegespülung, Haarfarbe gegen die ersten grauen Haare oder sonstigen Mist andrehen können (alles schon erlebt!) und der dazu nur alle paar Monate vorbei kommen will? Was soll denn das? Da braucht man nicht übermäßig zuvorkommend sein. Selbst mit der bekloppten Bonuskarte verdienen wir nicht viel an dem. Warum dann noch freundlich sein?

First‐World‐Problem. Ich weiß.


»Neulich...«

Presseblick (5)

Die Aktion Mensch hat eine interessante Studie zum Thema berufliche Teilhabe und Einstiegshemnisse von behinderten Menschen herausgebracht: »Als größte Barriere bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung identifiziert die Studie Bedenken der Arbeitgeber über eine geringere Leistungsfähigkeit«. Auch sei der Anteil an arbeitslosen Akademikern mit Behinderung zwischen 2009 und 2012 um 17 Prozent gestiegen. Zeitgleich sank die Zahl der arbeitslosen Akademiker ohne Behinderung um rund vier Prozent. Noch Fragen?

Auf faz.net wurde die Schönheitschirurgin Cynthia Ann Wolfensberger interviewt: »Unsere Gesellschaft ist sehr pubertär. Wie Menschen, die noch nicht ganz erwachsen sind, wollen heute alle wie die anderen aussehen«. Tja, aber vom erwachsen werden, vom sich selbst lieben und akzeptieren lernen verdienen Schönheitschirurgen ja nichts, oder? Vielmehr würden ihnen dann die Kunden ausgehen. Heuchlerische Doppelmoral, die uns hier aufgetischt wird. Gerade diese Branche nährt sich, wie ein Blutsauger, an den Minderwertigkeitskomplexen der verunsicherten Massen. Weiterlesen

Zehn Dinge, die das Leben schöner machen!

Weil ich ja doch so ein schrecklich negativer und depressiver Mensch bin, und in allem nur das Negative sehen will (also alles so sehe, wie es ist), gibt es heute mal die volle Packung positive Energie: Zehn Dinge, die das Leben erträglicher schöner machen:

  1. Eine Tasse Jasmintee mit Honig.
  2. Ein gutes Buch zum darin versinken.
  3. Ein ehrliches und spontanes Lächeln eines fremden Menschen.
  4. Seine Liebsten in den Arm nehmen.
  5. Spielende und lachende Kinder.
  6. An sich selbst glauben und seine Ideale leben.
  7. Ein einsamer Waldspaziergang.
  8. Zwischenmenschliche Zärtlichkeiten.
  9. Ein treuer Tiergefährte.
  10. Schöpferische Tätigkeiten, wie: zeichnen, malen, schreiben und musizieren.

Schlank oder nicht schlank?...

...ist das hier die Frage? Oder vielmehr: sollte das die Frage sein? Millionen Frauen (und auch viele Männer) in Deutschland können nicht entspannt essen oder haben gar eine Essstörung. Sie kotzen, hungern und rennen in Herden ins Fitness‐Studio, um dem herrschenden Schönheitsdogmatismus gerecht zu werden. Ihr Alltag und ihre Gedanken drehen sich oft um die eigene Körperoptimierung: Welche Creme passt zu meinem Typ? Welches Essen hat wenig Kalorien? Welche Kleidung betont meinen Körper am besten? Bei welchem Sport nehme ich am meisten ab? Weiterlesen

Blendkörper

Es wird Zeit, euch Tussis einen offenen Brief zu schreiben. Eure Arroganz, euer zickiges Gehabe und eure maßlose Selbstverliebtheit ist kaum noch auszuhalten. Natürlich ist nicht jede Frau, die sich mal hübsch macht, gleich eine Tussi. Die Lebenseinstellung, immer die Schönste sein zu wollen, sich ausschließlich über den eigenen Körper zu definieren und jegliche Themen, die nichts mit euch persönlich zu tun haben, sofort abzuschmettern – das alles erhöht beträchtlich die Chance, eine Tussi zu sein. Sicherlich habt Ihr die Freiheit zu tun und zu lassen was Ihr wollt – leider ist eure Anzahl mittlerweile so groß, so dass man euch kaum noch ausweichen kann. Weiterlesen

Lebenswerte

by epikur

Sicherheit bedeutet, dass der Kühlschrank immer gut gefüllt ist.

Gesundheit bedeutet, in der Lohnarbeit zu funktionieren.

Schönheit bedeutet, Aufmerksamkeit zu bekommen.

Frieden bedeutet, fürs Alter vorsorgen zu können.

Liebe bedeutet, einen Menschen zu besitzen.

Gerechtigkeit bedeutet, ein Auto zu fahren.

Glück bedeutet, viel zu haben.

Visuelle Selbstdefinitionen

Quelle: Wikimedia

Ich bin eine schlanke, junge Frau. Männer und Frauen schauen mir hinterher und ich ziehe körperbetonte Kleidung an. Ich fühle mich ganz toll.

Ich bin ein Mann mittleren Alters. Ich habe einen Bauch und nur wenig Muskeln. In der Öffentlichkeit schauen mir viele auf meinen Bauch. Ich bin oft verunsichert.

Ich bin weiblich und Mitte vierzig. Mein Busen hängt, meine Hüften sind dick und ich bekomme erste Falten im Gesicht. Ich habe Angst vor dem älter werden.

Ich bin ein Rentner, habe graue Haare, gelebte Haut und bin langsam im Gehen. Ich werde als Mensch häufig übersehen. Ich fühle mich oft überflüssig.

Ich bin ein übergewichtiges, fünfzehnjähriges Mädchen. In der Schule werde ich oft deswegen geärgert und beschimpft. In der Öffentlichkeit schauen mich andere Menschen häufig abschätzig an. Ich bin ängstlich.

Unter die Haut

David Garrett soll angeblich der schnellste Geiger der Welt sein. Für viele ist er auch ein Schönling und er tingelt durchs deutsche Fernsehen. Er berührt mich jedoch nicht, er bewegt nichts in mir. Yann Tiersen ist vor allem durch seine Filmmusik zu »Amelie« bekannt geworden. Er ist ein Multi‐Instrumentalist und was am wichtigsten ist: er berührt mich mit seiner Musik, David Garrett hingegen nicht.


 

Gesundschönheit

Quelle: wikimedia

Zwischen Schönheit und Gesundheit, zwischen Gesundheit und Schönheit wird ein untrennbarer Zusammenhang hergestellt. Die Pharma‐, Lebensmittel‐ und die Sportindustrie erzeugen mit dieser konstruierten Kausalität eine Symbiose, von der alle finanziell profitieren. In dieser Trias ist gesund und schön, wer sich entsprechend ernährt, ist gesund und schön, wer die entsprechenden Kosmetik‐ bzw. Pharmaprodukte verwendet und ist gesund und schön, wer ausreichend Sport betreibt. Wer gesund und schön sein will, muss nicht nur leiden, wie der Volksmund sagt, sondern er muss vor allem kaufen, zahlen und konsumieren. Weiterlesen