Blendkörper

Es wird Zeit, euch Tussis einen offenen Brief zu schreiben. Eure Arroganz, euer zickiges Gehabe und eure maßlose Selbstverliebtheit ist kaum noch auszuhalten. Natürlich ist nicht jede Frau, die sich mal hübsch macht, gleich eine Tussi. Die Lebenseinstellung, immer die Schönste sein zu wollen, sich ausschließlich über den eigenen Körper zu definieren und jegliche Themen, die nichts mit euch persönlich zu tun haben, sofort abzuschmettern – das alles erhöht beträchtlich die Chance, eine Tussi zu sein. Sicherlich habt Ihr die Freiheit zu tun und zu lassen was Ihr wollt – leider ist eure Anzahl mittlerweile so groß, so dass man euch kaum noch ausweichen kann.

Ihr habt das neoliberale Lebensdogma in euer Herz geschlossen. Solidarität mit anderen Frauen? Das gibt’s nur in der feministischen Theorie. Im Alltag sind andere Frauen für euch in erster Linie Konkurrentinnen im Aufmerksamkeits‐Wettbewerb. In der Öffentlichkeit schaut Ihr euch oft andere Frauen an und vergleicht sie mit eurem Aussehen, eurem Körper und eurem Auftreten. Und egal ob Ihr sie vermeintlich unattraktiver oder gar attraktiver als euch findet, es wird so oder so über sie gelästert. Andere Frauen stehlen euch zudem die Aufmerksamkeit der Männer und zeigen euch die eigene mangelhafte Körperoptimierung auf.

Ihr habt euch auch das Wettbewerbsdenken zu eigen gemacht. Die Schneewittchen‐Frage: »Wer ist die Schönste im ganzen Land?« treibt euch an. Eine beste Freundin zu haben, die vermeintlich schlanker und attraktiver als Ihr seid, fällt euch verdammt schwer. Lieber habt Ihr eine Freundin, die keine Konkurrenz für euch ist. Schließlich wollt Ihr angesprochen werden und im Mittelpunkt stehen.

Hinzu kommt, dass nicht selten hinter einem vermeintlich schönen Körper, ein nicht minder hässlicher Geist und Charakter steht. Wenn man sich mit euch mal länger als eine Stunde ernsthaft unterhält, erkennt man nicht nur die gähnende Leere, nein — man merkt auch recht schnell, dass sich hinter der aufgeputschten Körper‐Fassade, Klischee‐Denken auf BILD‐Niveau verbirgt. Wer sich den halben Tag mit shoppen (samt ausgeprägtem Markenbewusstsein), Kosmetik, Beauty‐TV, Klamotten, Schminke, Boulevard usw. beschäftigt, hat auch nichts wirklich interessantes zu erzählen.

Niemand von euch ist besonders toll oder erhaben, nur weil Ihr besonders schlank seid oder die Männer euch hinter her schauen. Wenn Ihr euch ausschließlich und vor allem über euren Körper definiert und reduziert,  dann seid Ihr eigentlich zu bemitleiden. Das Glück wird euch wohl nur selten hold sein. Auch wenn Ihr eine zeitlang die Aufmerksamkeit der Männer und den Neid anderer Frauen genießen solltet –wenn die Vergänglichkeit des Lebens (Falten, Krankheiten, Cellulites, Schwerkraft, graue Haare usw.) sich unbeugsam und unerbittlich seinen Weg durch euren Körper bahnt‐ spätestens dann sind bei euch Depression, Identitätskrise und Selbstzweifel vorprogrammiert.

Die meisten Männer werden euch als ein benutzbares Stück Fleisch sehen und euch auch so behandeln. Und dann werdet Ihr euch wieder mit euren Freundinnen treffen und gemeinsam über die bösen, bösen Männer lästern und euch fragen: »Warum immer ich?« Ihr wollt einfach nicht verstehen, dass der Versuch, über das Lockmittel »Körper« einen Menschen zu finden, der euren Charakter liebt, zwangsläufig scheitern muss. Wer einen Menschen mit Charakter möchte, der muss auch Charakter und nicht nur Haut, Strumpfhose, Esprit‐und‐Marken‐Klamotten, Schminke oder Röckchen zeigen. Nur weil das bei »Pretty Woman«, »Dirty Dancing« und »Titanic« ausgereicht hat, einfach irgendwie nur schlank und schön zu sein, um einen »tollen Mann«  zu finden und um glücklich zu werden, so klappt das im alltäglichen Leben noch lange nicht.

10 Gedanken zu “Blendkörper

  1. Hohlmantelgeschosse halt und die Zahl wächst stetig. Aus diesem Grund halte ich mich von den meisten Frauen fern. Und ich bin eine.
    Vielen Dank für diese grandiose Beschreibung.

  2. Derlei Oberflächlichkeiten sind kein Alleinstellungsmerkmal der Frauenwelt mehr, siehe »Party Bruder!« auf VIVA. Gibt auch immer mehr magersüchtige Männer. Oder Gesäß‐ und Brustmuskelimplantate, Koffeinschampoo gegen Haarausfall und was weiß ich für die 42 Zeichen der Hautalterung beim Mann. Der Selektionsdruck auf Männer wurde deutlich erhöht.
    Füßli‐Socken sind ein Anschlag auf männliches Wohlbefinden, wer traut sich denn noch Tennissocken in Sandalen zu tragen? Früher hielt man sich als Putz eine Tussi, heute muss man selbst ran. Verdoppelt die Anzahl der Kunden der kosmetischen Industrie. Früher gab es Old Spice, Deo und sonst nix.
    Die Tussis sind uns Männern einfach 50 Jahre Werbeterror voraus.
    Das hässliche Entlein aus Dirty Dancing hätte aber dringend eine Nasenkorrektur gebraucht, dann hätte sie den Schwitzie auch ins Bett bekommen!
    @Stefanie
    »Hohlmantelgeschosse« ist gut! Nach der Flugphase zerplatzen sie

  3. stimmt — allerdings laufen immer mehr kerle, fitnesstudiogestählt und hohl in der birne, genauso unbedarft durchs leben. aber beide gruppen passen ja hervorragend zueinander.

  4. Die Existenz in Kalibrierungsversuchen des eigenen Körpers nach dem Vorbild von Fotos auf Plakatwänden und in Zeitschriften und in Werbespots zu verbringen, betrifft wohl homolog Männer ebenso.
    Ihr Leben ist die Orientierung an Werbefotos. Der Spiegel eines der wichtigsten Existenzwerkzeuge. Ihr Geist, eine automatische Adaptionsmechanik des Körpers.
    Gut, nicht minder minderbemittelt sind Pseudointellektuelle im philosophischen und sozialwissenschaftlichen Seminar, aus deren Mündern die Repetition des Bestehenden kommt, die dafür aber nach dem konstruierten Intellektuellenlook der 1960er sich kleiden. Große Hornbrille, zerzaustes Jahr, Ledertasche, künstlich gebraucht gemachte Klamotten und irgendwo auf diesem wandelnden Modesteg ein lässiger Spruch: be quit, looking for Marx. Oder die extreme Variante: mit 20 Jahren schon im braunen Lodenanzug, Ledertasche und Hornbrille samt Seitenscheidel durch die Aulen wandeln. Die Perfektionierung der Halbbildung. Durchbricht man die angefeuerte Phantasie durch ein Gespräch face‐to‐face kommt die Gülle zum Vorschein, deren bedeutendstes Merkmal ein formales ist: eine Panzermauer, die Fragelust, Relativierungsbewegungen und Reflexion sowie intellektuelles Problembewußtsein unterbindet. Im Grunde ist alles schon fix. Man möchte sich zusätzlich etwas aneigenen, mentales Know How, den Geist frisieren. Dafür setzt man auch auf Marx, man wird gar Anarchist, das paßt besonders gut zu Dieselklamotten.

  5. Ist dieses »Tussie‐Phänomen« nicht auch eine Gegenreaktion auf einen Feminismus , der längst gekippt ist in positive Vorurteile in Bezug auf Frauen und negative in Bezug auf Männer ?

    Ein Feminismus , der erst jetzt so simpel daherkommt , wie ihm immer vorgeworfen wurde und vor dem der intelligente Teil der Frauen längst Reißaus genommen hat?

    Wer simple Weltbilder propagiert , darf sich über das Kippen ins Gegenteil nicht wundern.

  6. Ups. Darf ich ein gutes Wort für die Mädels einlegen? Nur eines? Ich meine, — sind ja auch nur Menschen. Also, — ich mag sie. Und ich bin Vegetarier. :PFEIF:

  7. Pingback: Eine ganz normale Bahnfahrt | ZG Blog

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