»Kinder machen glücklich!«

Laut Statistischem Bundesamt lebten im Jahr 2017 in der Bundesrepublik Deutschland ungefähr 11 Millionen Kinder bis 14 Jahren. Nach einer Erhebung des Zentralverbandes Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands (ZZF) wohnen 34 Millionen Haustiere im Land. Und laut Kraftfahrt‐Bundesamt gibt es im Jahr 2019 rund 65 Millionen Kraftfahrzeuge in Deutschland. Diese Zahlen vermitteln einen kleinen Eindruck davon, was den meisten Deutschen wirklich wichtig ist: Autos und Haustiere. Erst lange danach kommen Kinder.

Es gehört zudem zum allgemeinen Narrativ, dass Kinder viel Geld kosten, Lärm machen, Zeit fressen, Dreck verursachen, nerven und total anstrengend seien. Diese Erzählung beherrscht nicht nur die Wahrheitspresse via kinderlosen und ehrgeizigen Journalisten‐Karrieristen, sondern wird auch von vielen Kinderhassern als Argumentationsapparat herangezogen, um ihre Kinder‐Abneigung vermeintlich zu versachlichen. Deshalb ist es nötig, auch einmal zu entgegnen, warum Kinder glücklich machen. Denn Kinder sprechen eine Ebene an, die bei uns Erwachsenen häufig schon längst verschüttet ist: die Seins‐Ebene.

»Der Schüler musste durch alle möglichen Arten von Belohnung oder Strafe zum Lernen gebracht werden. Erst seit relativ kurzer Zeit begann man zu erkennen, dass ein Kind lernen will, wenn der Lernprozess selbst interessant ist.«

(Erich Fromm. »Die Pathologie der Normalität«. Ullstein Verlag 2012. S. 146)

Kinder sind lebendig und authentisch. Sie sind zunächst, bis sie zum Haben verführt werden. Sie leben im Augenblick. Tauchen in den Moment ein. Sie verwenden alles um sich herum, um Kontakt zur Welt aufzunehmen. Mit allen Sinnen wird wahrgenommen, konstruiert und empfunden. Sie sind natürliche Philosophen, Künstler und Ingenieure. Sie spielen, lernen um ihrer selbst willen, ohne Kosten‐Nutzen‐Habitus, Effizienz‐ und Verwertungsdenken. Sie zeigen uns unsere Grenzen auf. Bewegen uns zur Selbstreflexion, schulen unsere Wahrnehmung für Dinge, die wir längst gelernt haben zu ignorieren. Sie adaptieren unsere vermeintlichen Stärken und Schwächen. Halten uns somit einen Spiegel vor, über unsere Verhaltensweisen, Entscheidungen und Werte.

Ihr spielerische Umgang mit Themen aus Technik, Naturwissenschaft und Mathematik, verdeutlicht, dass staatliche Schulen komplett überflüssig sind. Spielen ist Lernen und Lernen ist spielen. Nur die Erwachsenen, die fertigen Menschen, machen Wissen und Fakten zu einer untoten Haben‐Ware. Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten werden nicht für das Selbstmarketing (»Du musst Dich verkaufen!«) oder für einen Kosten‐Nutzen‐Habitus erlernt, sondern weil sie Freude bringen. Kinder fühlen sich zu etwas berufen. Erwachsene machen aus jeder Tätigkeit einen Beruf.


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

10 Gedanken zu “»Kinder machen glücklich!«

  1. Ich bin selbst Mutter zweier Mädchen (5 und 6 Jahre) und es stimmt, Kinder zu haben katapultiert die Eltern regelrecht in Richtung Selbstentwicklung.
    Der Vergleich der Anzahl Kinder, Haustiere und Autos und die Schlussfolgerung daraus, dass den Menschen in Deutschland Haustiere und Autos wichtiger wären als Kinder, hinkt allerdings gewaltig. Denn Menschen über 60 haben nun mal biologisch bedingt eher selten Kinder unter 14 Jahren — Haustiere und Autos dagegen wahrscheinlich schon.
    In meiner Umgebung kann ich ganz klar eine Trendwende beobachten. Es gibt kaum Familien, die weniger als 2 Kinder haben, Kindergärten und Schulen platzen aus allen Nähten, obwohl in den letzten 20 Jahren keine Einrichtung geschlossen wurde.
    Was allerdings heutzutage immer anstrengender wird, ist die von der Gesellschaft erwartete Selbstoptimierung und Perfektionierung. Gerade über die Medien wird den Menschen vorgegaukelt, dass gleichzeitig Karriere, Kinder, Erfüllung materieller Wünsche und auch noch Glücklichsein heute möglich, ja gar Standard seien. Das erzeugt einen enormen Druck und — hier wären wir wieder beim Thema — meine Kinder haben mir die Augen geöffnet, dass dieses Leistungsdenken totaler Quatsch ist. Hin und wieder sollte man auch als Erwachsener mal im Hier und Jetzt leben — einfach mal Blödsinn machen, wieder über einfache Witze lachen, oder über sich selber, das Leben nicht so ernst nehmen — einfach nur sein :)

  2. Meiner eigenen Wahrnehmung nach finde ich auch, dass die Rechnung — 11 Mio Kinder, 34 Mio Haustiere, 65 Mio Kfz — die Alterspyramide in D. vernachlässigt. Alte kriegen keine Kinder mehr sondern halten sich einen Wuffi, treffen sich nicht zum Tete‐a‐tete sondern beim Kardiologen und haben auch wenig Interesse an gesellschaftlichem Wandel, meckern dafür aber umso mehr. Veränderung ist mit denen nicht zu machen, das ist leider die bittere Wahrheit. Auch unter sog.»Linken«.

    Das bürgerliche Mittemilieu im gebärfähigen Alter wirft durchaus ein paar Kinder auf den Nachwuchsmarkt — das beobachte ich jedenfalls in Nachbarschaft und Verwandtschaft. Je wettbewerbsorientierter die gesamte Gesellschaft gedrillt ist, desto stärker sind sie getrieben von Abstiegsängsten, auch das ist nichts Neues. Um ihrem Milieu gerecht zu werden, überbieten sie sich mit guter Laune zum Überstundenstress und achten peinlich genau auf ihr Konsumverhalten, das sie demonstrativ von der Unterschicht unterscheidet. Das kostet Geld, weswegen ihre meiste Energie in die Karriere fließt. Sie machen sich wichtig und so wollen sie auch behandelt werden. Zum Einkauf reicht keine Stofftasche, es muss ein Fjäll Raven Daypack für 100 Euro sein, ein Becher Sahne ist nicht gut genug, es muss die überteuerte Sylter Sahne sein, Schwedenbröd ist trendy, also muss das zähe Schwedenbröd zum Mondpreis in den Einkaufskorb.

    Den Kindern vermitteln sie ihre Werte weiter, von der täglichen Fahrt mit dem SUV in die Schule bis zur Rundumlernförderung, Sportverein und Musikunterricht. Viele Kinder, die ich sehe, sind heute Freizeitmanager auf dem Laufsteg. Gammeln, abhängen, trödeln ist den meisten fremd; sie wissen nichts damit anzufangen, sich einfach treiben zu lassen. — Auch Friday for Future könnte so ausdauernd nicht funktionieren, ohne das Übermaß Disziplin und Effizienz, das den Kindern auf Schritt und Tritt zeit ihres Lebens eingetrichtert wurde.

  3. »Es gibt kaum Familien, die weniger als 2 Kinder haben, Kindergärten und Schulen platzen aus allen Nähten, obwohl in den letzten 20 Jahren keine Einrichtung geschlossen wurde.«

    Ich sehe da gerade so etwas, was sich eigentlich widerspricht

    Einerseits könnte die Freude, wieder mehr deutsche Kinder zu gebären mit der permanent geschürten Angst zusammenhängen , dass die Deutschen sich aufgrund mangelnder Fertilität selbst abschaffen ( Thilo Sarrazin), andererseits passt das für mich so gar nicht zur derzeitigen apokalyptischen Klimadebatte, welche auch die Einsicht befördern könnte, möglichst keine Kinder mehr in die Welt zu setzen.

    Meine Tochter zumindest, möchte keine Kinder haben ( vielleicht ändert sich das ja noch, keine Ahnung). Zumindest finde ich das eine konsequente Entscheidung.

    Möglich wäre auch, dass diese neue Gebärfreudigkeit, die ja auch mit Zuversicht in die Zukunft daher kommt, nur in bestimmten bürgerlichen Milieus anzutreffen ist, welche ein unbedingtes Vertrauen in das Versprechen in eine klimaneutrale »grüne Technologie« mitbringt.

    Dass Kinder nun unbedingt glücklich machen sollen, auch das ist nicht meine uneingeschränkte Sicht.

    @Reinplatzer
    Ja auch ich gehöre zu denen, die ständig beim Kardiologen rumsitzen, ständig rummeckern, sich eigentlich nur noch für die eigenen Wehwehchen interessieren, mit denen revolutionäre Veränderungen, neue Ideen nur noch im Bestattungswesen möglich sind, wie Baumfriedhof und Anonymengrab, und welche die Zukunft der »jungen Generation« vollkommen egal ist.

  4. @Troptard — Meine Tochter zumindest, möchte keine Kinder haben ... eine konsequente Entscheidung.

    So etwas kann sich blitzschnell ändern, nach meiner Beobachtung, da hier das Bauchgefühl wesentlich zur Entscheidung beiträgt.

    Ja auch ich gehöre zu denen, die ständig beim Kardiologen rumsitzen ...

    Nimms mal nicht persönlich, ich habe mein halbes Leben in Krankenhäusern, Kurkliniken, Rehazentren und mit Therapien verbracht. Ich habe nur kein Bedürfnis, es auch noch an die große Glocke zu hängen, weil ich damit schon genug Zeit verbringe. Ganz von unbeabsichtigten Kränkungen also abgesehen, fällt mir geschichtlich eben keine emanzipative Revolution oder Bewegung ein, die maßgeblich von den Alten bzw. Gebrechlichen initiiert und getragen wurde.

  5. @ Troptard

    Würde ich dir was zu sagen.

    a) Dieser »Fridays for future«-Wirbel spielt sich bloß in einer kleinen Gruppe ab, von deren Interessen und Wirken die Mehrheit unberührt bleibt. (Hypothese)

    und

    b) Der Mensch ist ziemlich dumm. Haben will er alles, aber wenn er dafür mal Konsequenzen ertragen muss oder gar bei sich anfangen soll, Einschnitte zu machen, dann ist er doch wieder ziemlich bequemlich.
    Und was das Thema »Kinder« angeht, so lässt sich doch die Mehrheit durch irgendwelche emotionalen Befindlichkeiten schnell in ihrer Meinung umändern, anstatt bei ihren rational gefassten Entschlüssen zu bleiben.
    Was heißt das? Z. B. zuerst von »Klima schützen« und so schwadronieren, deswegen keine Kinder bekommen wollen, aber sobald Prince Charming um die Ecke kommt, dann ist das alles vergessen. Wegen Hormone, die einem das Hirn vernebeln und so.

    So hässlich ich das ausdrücken muss, aber leider passiert das zu oft.

    Es gibt natürlich auch solche, denen das mit dem Klima und einem eventuellen Systemkollaps (den ihre Kinder dann noch erleben und darin lernen müssen, sich neu in der Welt zurechtfinden zu müssen) alles völlig egal ist. Die nur in ihrer Blase hängen und denken, es wird alles so weitergehen wie bisher.

  6. Wir sind total Übervölkert und ihr wollt auch noch mehr Kinder in diese Welt setzen in der Gewissheit, das bald eh alles den Bach runter geht???

  7. @all

    Eigentlich wollte ich jetzt kein Plädoyer für »mehr Kinder« veröffentlichen. Mir ging es hier nur darum ein paar Zeilen gegen diese typischen Narrative »Kinder kosten Geld, nerven, machen Dreck« etc. zu schreiben.

  8. @ epikur

    Manchmal frage ich mich, woher (von welchem Ort/welcher Gegend) diese Narrative kommen... Inklusive ihrem Gegennarrativ. Weil sie mir ziemlich gruselig vorkommen. Weltfremd.
    Des Öfteren kenne ich eher die Gegenteile der geschilderten Narrative als herrschendes Narrativ — und auch die Vorsicht, die damit einhergeht, wenn man persönlich mit diesen nicht übereinstimmt.
    Mach, bspw., eine spitzfindige Bemerkung darüber, dass die Erwachsenen ziemlich viel Langeweile haben müssen, weil aktuell wieder mehr Leute Kinderwagen schieben oder schwangere Frauen zu sehen sind, obwohl die ganzheitliche Lage nicht unbedingt dafür spricht, ausschweifende Nester zu bauen. Prompt würde es heißen »Was bist’n DU für einer?!«, »Hast wohl was gegen Kinder?!« und wahrscheinlich noch irgendwas anderes. Warum muss man bitteschön persönlichen Hass gegen irgendwas schieben, nur um seine Umgebung aufmerksam wahrzunehmen und etwas darin in Frage zu stellen?
    Und man könnte evtl. sogar darauf Wetten abschließen — diese Vorwürfe kommen mitunter auch von solchen Leuten, die heute noch auf Wolke 7 schweben und in 5 Jahren jammern sie darüber, dass ihnen der Partner weggelaufen ist und sie alles allein durchziehen müssen oder dass das Geld recht knapp im Haushalt ist, weil plötzlich auf der Gehaltsleiter etwas dazwischen kam, was angeblich nicht vorhersehbar war (mit solchen Dingen muss man heutzutage immer rechnen).
    ...Was das unterm Strich heißen soll? So sieht emotionale Befangenheit aus, von Anfang bis Ende. Da wird etwas sachliches schnell zu Hass umgedichtet, nur weil man nicht gern die Realität ansieht und sich in seine kleine Scheinblase des Glücks verzieht und meint, jeder müsste diese unterstützen.
    Wenn du mich fragst... so sieht eher die realisierte Version von »Weltuntergangsstimmung« aus. Pfeiff‹ auf den Verstand, der ist böse, lieber lass die Bewogenheiten des Moments genießen — wer weiß, was morgen kommt. Vielleicht steht er ja schon morgen vor der Tür. Vielleicht bewirkt ja auch, dass das, was wir gerade ohne Sinn und Verstand machen, den Weltuntergang verschwinden lässt (naiv wie eine Hollywood‐Schnulze)...

  9. Haustiere sind nicht abhängig vom Alter der Besitzer beschaffbar. Viele halten gleich mehrere. Auch Familien mit Kindern.
    Autos sind sehr ungleich verteilt. Aufem Land hat gefühlt jeder ab 18 mindestens 1. Hinzu kommen noch gewaltige Mengen an Firmenfahrzeugen, die doch wahrscheinlich in den 65 Mio. auch noch drin sind? Und ab gewissen Einkommensklassen hält man sich auch gerne mehrere Fahrzeuge. Zählen Motorräder eigentlich auch dazu?

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