»Weniger essen, mehr bewegen!«

Das wars. Ende. Aus. Schluss. Vorbei. Mehr gibt es nicht zu sagen! Ehrlich. Das ist die ganze Philosophie. Punkt. Kann ich mit so einer banalen Botschaft durch die Talkshows wandern? Meine teuren Bücher verkaufen? Freiberuflicher Diät‐, Fitness‐ oder Ernährungstrainer werden? Einen Youtube‐Kanal mit hunderten Videos veröffentlichen? Teure Superfood‐Produkte verkaufen (Mega‐Fatburner für 20 Euro)? Nein? Geht nicht? Zu wenig »Content«? Muss ich also doch irgendeinen Bullshit labern, um irgendwie Aufmerksamkeit zu generieren? Soll ich also jede Form von biochemischer Wechselwirkung im menschlichen Körper aufzählen? Jeden Aspekt des Stoffwechsels thematisieren? Echt jetzt?


Fressen als Fetisch

6 Gedanken zu “»Weniger essen, mehr bewegen!«

  1. Zählt auch geistige Beweglichkeit?

    Ansonsten versuche es doch einfach mal.

    Mit irgendetwas zum Thema Selbstoptimierung geht doch immer was. Bastelst halt noch irgendeine »Studie« rein, die Deine Sicht untermauert und mit etwas Glück landest Du neben Youtube, öffentlichen Auftritten mit Vermögenden und Gelangweilten auf der Suche nach dem nächsten Trend sogar im Nachmittagsfernsehen des ÖR...

  2. Die Phrase stimmt schon mal, fehlt nur noch das kaufmännische Drumherum, was wie eine PR‐Performance von Mark Zuckerhut klingt.
    Damit macht man nämlich zu viel Zucker, zu viel Salz, Süßstoff und Lipödem vergessen, wenn es ums Zu‐dick‐sein geht.

  3. Ganz übel ist die Serie »Die Ernährungsdocs«. Für alles, was der Pschyrembel an Krankheiten aufbietet haben diese Typen ein und dasselbe Standardrezept: Abnehmen durch Ernährungsumstellung. Die wollen sich nur mit Banalitäten wichtig machen.

    Neulich hatten sie einen Nierensteinpatienten mit rezidivierenden Kalzium‐Oxalasteinen, dem eine kalziumarme und Oxalsäurefreie Ernährung als Meaphylaxe empfohlen wird. Dieser Betroffene wird irgendwann richtig sauer sein, denn eine Studie hat gezeigt, dass nur 20 % der Kalzium‐Oxalatsteinträger von dieser Prävention profitieren und die anderen 80 % trotz strenger steinspezifischer Diät wieder einen Rezidiv bekommen. Einfach mal zu sagen, dass die Ursache in bislang unerforschten molekularbiologischen Stoffwechsel‐Prozessen liegt, dazu hatten sie nicht den Mut. Viel trinken hilft nebenbei auch nicht.

    Ich weiss, wovon ich spreche.

    Richtig übel wird es auch, wenn der sexistische Spassvogel Hirschhausen auf die Menschheit im ÖR Fernsehen losgelassen wird.

  4. Es ist tatsächlich so banal. Wie ein Konto. Völlig egal, wie, wann oder was man zu sich nimmt. Allerdings ist der Grat extrem schmal. Schon der Gegenwert von einem Riegel Schokolade am Tag bedeutet auf ein Jahr gerechnet volle 10 kg Gewichtsunterschied.
    Es gibt übrigens ein ausgezeichnetes Buch dazu: Fettlogik überwinden von Dr. Nadja Hermann, in dem sie ganz kühl und rational sämtlich Mythen und Märchen rund um das Thema widerlegt. Das ist übrigens die gleiche Frau, die als Erzählmirnix längere Zeit großartige Comics veröffentlichte.

  5. Man sollte auch die Konsequenzen des Neoliberalismus auf das Ernährungsverhalten nicht unterschätzen: Durch die befristeten Arbeitsverhältnise, die geringen Löhne und die geringen Transferleistungen enstehen immer wieder Situationen, in denen Menschen Nahrungsbeschaffung als nicht mehr jederzeit gesichert erleben und dann, wenn sich die finanzielle Lage vorübergehend stabilisiert einen starken Nachholbedarf entwickeln. Ein Freund von mir verliert während jeder Phase der Arbeitslosigkeit viel Gewicht und nimmt während der abhängigen Beschäftigung viel zu.
    Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass eine schlanke Figur in der Unterschicht zum gesundheitlichen Risiko werden kann, ist es danach in der Tat deutlich schwieriger zu einem ausgewogenen Essverhalten zurückzukehren, das Gehirn scheint sich Krisenzeiten anzupassen und für die Zukunft vorsorgen zu wollen. Ein verlässlicher Sozialstaat und höhere Löhne wären einem gesunden Lebensstil enorm zuträglich, leider wird dies auch zuwenig thematisiert.

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