Neulich beim Friseur

Mehr als 1,5 Stunden hat man mich schmoren lassen. Ich hatte keinen Termin. Die Damen kamen auch nicht mal zwischendurch zu mir oder versuchten mich irgendwie zu beschwichtigen (»Ein Glas Wasser?« Oder: Es ist gleich soweit!«), nein, sie redeten überhaupt nicht mit mir. Nach über 90 Minuten habe ich den Laden wütend verlassen. Ein Kunde weniger. Ich gehe vielleicht 3–4 mal im Jahr zum Friseur. Und das sehen die Angestellten auch. Ich bin weder ein eitler Herr, der sich alle zwei Wochen seine Zwei Millimeter schneiden lässt, noch ein Vereinsamter, der ein nettes Schwätzchen mit jungen Damen halten will. Ich bin auch kein weibliches holdes Wesen, das sich für viel Geld die Haare machen lässt, weil das ja irgendwie wichtig sei.

Beim nächsten Laden musste ich zwar nur 30 Minuten warten, aber auch da sprach man mich gleich an: »Lange nicht mehr beim Frisör gewesen, he? (Hoa, Hoa)« — »Ja, ich bin Pragmatiker!« Das Gesicht hättet Ihr sehen sollen. Kein Selbstoptimierer und Selbstinszenierer, dem wir teuer Haarwachs, -Gel, -Shampoo, -Pflegespülung, Haarfarbe gegen die ersten grauen Haare oder sonstigen Mist andrehen können (alles schon erlebt!) und der dazu nur alle paar Monate vorbei kommen will? Was soll denn das? Da braucht man nicht übermäßig zuvorkommend sein. Selbst mit der bekloppten Bonuskarte verdienen wir nicht viel an dem. Warum dann noch freundlich sein?

First‐World‐Problem. Ich weiß.


»Neulich...«

10 Gedanken zu “Neulich beim Friseur

  1. Das ist natürlich ärgerlich... Keine Ahnung, ob es da ein Vorteil ist, wenn man in einer Gegend wohnt, wo sowieso alle Leute nicht das große Geld in der Tasche haben. (Weil das dort mit dem Sachen‐aufschwatzen nicht so gut klappt, da ein guter Teil der Leute nur eine gewisse Standard‐Behandlung will — eben Wolle loswerden -, weil alles weitere ihnen zu teuer wird.)

    Mal eine kleine vorsichtige Frage: In den letzten Texten kommt so eine gewisse Anti‐Haltung gegenüber beinahe allem, was man täglich sieht, herüber, wenn nicht glatt gekoppelt mit einem Funken Verbitterung und ein bisschen Verzweiflung über die Frage »Warum läuft das alles so? Warum machen so viele dieses Hamsterrad mit?«.
    Keine Ahnung, ob das jetzt real so ist (und auch der emotionale Standpunkt wirklich so schlimm) oder ob das zum Blog‐Konzept hier ein wenig dazu gehört...
    Was mich an der Stelle mal interessieren würde (kann auch als Frage von sich selbst an sich selbst verwendet werden): Machst du so einiges oder denkst so einiges aus reiner Anti‐Haltung, um gegen den Strom zu schwimmen, weil der Mainstream nicht dein Ding ist und du ihn für nicht richtig findest? Oder ist das wirklich so »ich verweige mich, weil ich nicht das Hamsterrad mitmachen will«?
    Bitte emotional nicht falsch verstehen, ich frage das aus bestimmten Gründen.

  2. Ich kenne tatsächlich mehrere männliche Wesen (einschließlich mir) die dieses First World Problem teilen.
    Lösungen: — Lange Haare tragen (ging bei mir früher, heute im Job nicht akzeptabel -> s.o. »Hamsterrad«)
    — einmal im Monat sich selbst eine Glatze rasieren (Aufwand und sieht irgendwie Schei*e aus)
    — sich einen Friseur suchen, der hauptsächlich von Leuten genutzt wird, die auch nicht anderes wollen, als schnell Haare schneiden (in Berlin schwierig, ich nutze dafür Stiglitz, da es schneller geht dort hinzufahren, als einen Friseur in Mitte/Tiergarten/Schöneberg zu nehmen, in Hamburg einfach)

  3. Kein Selbstoptimierer und Selbstinszenierer, dem wir teuer Haarwachs, -Gel, -Shampoo, -Pflegespülung, Haarfarbe gegen die ersten grauen Haare oder sonstigen Mist andrehen können (alles schon erlebt!) und der dazu nur alle paar Monate vorbei kommen will?

    Stellt sich schon die Frage, wo die Grenzen des neoliberale Dogma liegen? Ist dann nicht die Haarpflege, das Kämmen und Bürsten, das Waschen an sich, ein Kniefall vor der Selbstoptimierung? Oder könnte es nicht auch einfach so sein, dass man(n) sich auch gerne schön die Haare schneiden lässt, um für seine Liebste und sich selbst gut auszusehen?

    So lange ich mir keinen Scheiß einreden lasse und ich das bekomme, was mir gefällt, was ist daran so schlimm? Außerdem: Ich unterstütze damit das Handwerk (inklusive saftigem Trinkgeld).

  4. @matrixmann

    Ja, meckern, motzen, zynisch, ironisch und sarkastisch sein, gehört zum Blog‐Konzept. ;) Für große sachliche Analysen fehlt mir häufig die Zeit, das konnte ich in der Vergangenheit öfter (also ja, bin in einem 40‐Stunden‐Hamsterrad). Deshalb verlinke ich ja meist am Ende eines Artikels auf ältere Artikel von mir, wo ich das Thema schon tiefer und ausgiebiger behandelt habe. Übrigens wird es nicht nur mir so gehen: viele Blogger haben nach ein paar Jahren das Gefühl, immer das Gleiche zu erzählen. Und ja, ich schreibe darüber was ich erlebe, beobachte und worüber ich mir Gedanken mache.

    Aber ansonsten gehts mir gut! :d

  5. Man fragt mal lieber nach, denn 100%-ige Sicherheit hat man ja nie, ob man sich mal Sorgen machen muss...
    Es wäre nicht verwerflich, wenn — eher wie »normal« unter den gegebenen Umständen. Oder jedenfalls möglich.

  6. @matrixmann:
    Wenn man so eine Kritik äußert, muss man auf seinen Geisteszustand befragt werden? Gibt es keine erlaubte Kritik am Themenkomplex, der heutzutage unter dem Stichwort »Körperpflege« verstanden wird? Ist das etwa kein Wachstumssektor wider jegliche Notwendigkeit, außer der, ein paar Zahlen zu verändern? Was ist mit der Schädlichkeit?

    @Musil:
    Ich soll mich freuen, wenn ich Anderen Arbeit mache?

  7. ich war vor ziemlich genau 40 Jahren das letzte Mal beim Schnippler...nur mal so zur Info.
    Das erledigen immer meine Damen... ;)

  8. Gute Haarschneidemaschinen gibt es ab 50€ aufwärts.
    Zwei Mal sah es kacke aus, war mir aber egal, dann hatte ich den Dreh raus.
    Wenn deine Wunschfrisur eine Haarlänge < 15 mm zulässt, ist dies die Alternative zur Matte. Kommt für mich mangels Masse nicht in Frage.
    War vor genau 32 Jahren zuletzt beim Friseur.

  9. Ich besuche in etwa alle 4 12 Wochen meinen Friseur und kann mich keineswegs über mangelnde Freundlichkeit und Höflichkeit beklagen.

    Vielmehr werde ich äußerst zuvorkommend und respektvoll behandelt, was ich unter anderem auch auf meine gepflegte und, ich möchte meinen, elegante Erscheinung zurückführen möchte. Insbesondere die Damenwelt im Allgemeinen goutiert dieses Auftreten augenscheinlich häufig mit positiver Interaktion — sei es mit einem Lächeln oder mit ein paar freundlichen Worten.

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