Aufmerksamkeit als Währung

aufmerksamkeit_titelDie meisten Menschen glauben immer noch, man würde alle Produkte und Dienstleistungen mit Euros bezahlen. Diese Naivität nutzen PR‐ und Marketing‐Soldaten häufig aus, indem sie groß mit umsonst, gratis oder kostenlos werben. Dabei bezahlt man im digitalen Informationszeitalter zunehmend entweder mit seinen Daten, persönlichen Informationen oder auch mit der Aufmerksamkeit und Zeit, die man einer Sache widmet. Der Umtausch zu Euros erfolgt dann häufig still und leise. Hinter den Kulissen.

Medienökonomie
Ob Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet oder Öffentlichkeit: für Werber und Sponsoren ist es essentiell, gesehen, gehört und gelesen zu werden. Banken, Unternehmen und Konzerne geben unwahrscheinlich viel Geld aus, damit man sich an sie und an ihre Produkte, Dienstleistungen und Ideen erinnert. Da die klassische Werbung weitestgehend als nervig und störend empfunden wird, denken sich Marketing‐Agenturen und PR‐Soldaten immer neue perfide Methoden und Strategien aus, um unsere Zuwendung zu erhalten. Da werden beispielsweise getarnte Werbeartikel verfasst (Advertorials), Produktreklame in Tests verpackt, Blogbeiträge bezahlt, Verlinkungen entlohnt (Amazon), es wird personalisierte Werbung geschaltet (Facebook) und es werden Marketingbeauftragte eingesetzt, die sich als User in Foren und Blogs tarnen, um dann ganz gezielt spezielle Firmen und Produkte zu empfehlen (gutefrage.net).

Denn sie wollen sich mit aller Macht in unser (Unter-)Bewusstsein einpflanzen, unsere Wahrnehmung lenken und unsere Wertvorstellungen vergiften. Der Preis für die Werbung richtet sich in der Regel nach der Reichweite, also nach der zu erwartenden Aufmerksamkeit. Auflage, Quote, Marktbeteiligung, Leser‐ und Klickzahlen gelten als Indikatoren, um das vermeintliche Interesse, die Zuwendung und Anteilnahme an kommerziellen Produkten zu messen. Indem die Werbe‐ und Warenwelt unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit verlangt, in jede Pore des alltäglichen Lebens kriecht -und uns dabei zu Objekten ihrer Begierde macht‐ wird sie zum Botschafter herrschaftlicher Machtansprüche.

Selbstvermarktung
Für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und nicht selten beruflich von der Gunst der Zuschauer abhängig sind (Politiker, Schauspieler, ABC‐Promis, Buchautoren, Professoren), ist es enorm wichtig, gehört zu werden und bekannt zu sein. Ihr Marktwert richtig sich primär nach dem Bekanntheitsgrad und nicht nachdem, was sie zu sagen haben. Also gibt es von diesen Personengruppen öffentliche Reden und Interviews, TV‐Auftritte oder Textveröffentlichungen, für die sie kein Geld verlangen. Ihr Lohn ist dann die Steigerung des Bekanntheitsgrades und die Etablierung der eigenen Marke, mit der dann wiederum beispielsweise mehr Bücher verkauft oder mehr Leute ins Konzert gelockt werden. Nach diesem Prinzip werden leider auch vermehrt politisch und sozial engagierte Menschen geködert, damit sie ihre oft ohnehin schon ehrenamtliche oder kläglich bezahlte Arbeit, umsonst zur Verfügung stellen.

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Auch die sozialen Netzwerke werden primär mit den eigenen Daten und mit der Aufmerksamkeit, die man ihnen gibt, bezahlt. Facebook wirbt beispielsweise beim Einloggen immer noch groß damit kostenlos zu sein. Eine dreiste Lüge, denn mit den Daten, die dort im Hintergrund milliardenfach abgeschöpft werden, bezahlen die User ihre Mitgliedschaft. Längst haben sich für Unternehmen die Likes bei Facebook und die Aufrufe bei Youtube als wichtige Währungseinheit etabliert, um die eigene Reichweite zu messen. In aller Regel gilt hier vor allem nur die Quantität. Denn während man die Aufmerksamkeitsspanne bei einem Werbeplakat nur schätzen kann, wird sie bei Social Media — Aktivitäten exakt angezeigt (Retweets, Aufrufe, Likes). Ob diese Zahlen dann auch wirklich so verlässlich sind, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Im digitalen Informationszeitalter, gepaart mit einer von Profitinteressen gesteuerten Mediendemokratie, sind Aufmerksamkeit und Bekanntheitsgrad eine nicht zu unterschätzende Währung.

5 Gedanken zu “Aufmerksamkeit als Währung

  1. Medienpräsenz ist nicht nur für A‐ bis C‐Promis die beliebteste und härteste Währung. Das zeigen die Castings für alle möglichen Formen von Trash‐TV/Script Reality. So mancher Depp aus irgendeinem globalen Arschlochhausen in der urbanen Pampa giert nach Aufmerksamkeit durch die Kameras »Bin ich gezz im Fernsehn?« um auch nur ein Mal im Leben für wenige Minuten Mittelpunkt der Welt zu sein, selbst wenn er sich dabei zum Oberdepp macht.

  2. @altautonomer

    Dabei glaube ich noch nicht einmal, dass die meisten Exhibitionisten sind oder gerne einen öffentlichen Seelenstriptease vorführen. Vermutlich hat das mehr mit einem gestörten, narzistischen Selbstbild zu tun. Und der Angst, klein und unbedeutend zu sein. Dabei sind wir, wenn man das ganze Universum betrachtet, alle genau das.

  3. Nö, ist hier noch so, wie anno 92 in den Juneited Stehts....Dank des Rabatts von 50 % fühlen sich die Kunden als clevere Einkäufer. Vgl. Dilbert Principle 1992 / Scott Adams.

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