Fressen als Fetisch

fressen_fetischKochsendungen mit und ohne Promis, Kochbücher auf den Bestseller‐Listen, Foodblogger und Food Events wie die Berlin Food Week, Erlebnis‐Restaurants (wie beispielsweise das Dunkelrestaurant) oder der Billig‐Italiener um die Ecke, Dinner Shows, Restaurant‐Kritiker und Bewertungsportale wie yelp.de, Ernährungstipps und Trainer, Gourmet‐Köche, dogmatische Vegetarier oder fanatische Veganer, Fast Food – Jugendhype, Magersucht‐Kotz‐Models, Kino‐Popcorn‐Reinstopfer, Omas Kochkünste, Bio‐Besseresser, Kochduelle, Diät‐Wahnsinn oder dutzende Rezepte‐Webseiten: essen und kochen ist für viele Menschen nicht einfach nur ein Grundbedürfnis des Körpers, sondern Leidenschaft, Obsession und Fetisch.

Wenn in der Familie gekocht oder ein Kuchen gebacken wird, verzehrt sich derjenige nach Anerkennung und Bestätigung: »Schmeckt es auch? Ja? Wirklich?« Natürlich mundet es vorzüglich! Wie immer. Ehrlichkeit ist hier nicht angesagt. Ähnlich wie bei der Frauen‐Fangfrage: »Bin ich zu dick?« Wie so oft wiegt der Narzissmus schwerer als die Authentizität aller Beteiligten. Für manche scheint es die einfachste und schnellste Form von Fishing for Compliments zu sein. Und dann folgen die ewig langen Gespräche über die Bestandteile und Zutaten: »Ah, das hast Du auch drin? Oh, wie lecker. Ja stimmt, passt gut. Muss ich auch mal ausprobieren.« Diskussionen über das Essen und das Wetter machen mittlerweile einen Großteil unserer zwischenmenschlichen Kommunikation aus.

Auch wenn in den Industrieländern die Armut zunimmt, die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander klafft, viele Schulkinder kein warmes Mittagessen haben, Obdachlose nicht wissen, woher sie etwas zum Beißen bekommen sollen und mittlerweile mehr als 900 Tafeln in Deutschland existieren, wird gleichzeitig der kleinbürgerliche Dekadenz‐Diskurs von Weihnachtsgänsen, Bio‐Brot und Bärlauch‐Pesto kultiviert und gepflegt. Laut dem UN World Food Programme (WFP) leiden rund 900 Millionen Menschen auf der Welt an Hunger, jährlich sterben weltweit mehr Menschen an Hunger, als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen und 162 Millionen Kleinkinder in den Entwicklungsländern sind chronisch unterernährt. Und wir diskutieren hier oft und gerne beispielsweise darüber, ob nun Oregano oder Basilikum besser in die Tomatensuppe passt.

»Die Welt ist nur noch da zur Befriedigung unseres Appetits, sie ist ein riesiger Apfel.«

- Erich Fromm. Die Kunst des Liebens. Ullstein Verlag. 2010. Seite 102.

Unsere Überfluss‐ und Wegwerfgesellschaft platzt im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Nähten. Die Deutschen sind laut der IASO‐Studie die dicksten Europäer. Bewegungsfaulheit, Alkohol‐, Fast Food‐ und zu viel Süßigkeiten‐Konsum sowie zu wenig Obst und Gemüse sollen die Ursachen sein. Wir futtern was das Zeug hält und schmeißen gleichzeitig riesige Berge an Lebensmitteln weg. Nach einer Studie der Universität Stuttgart wirft jeder von uns pro Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm Lebensmittel weg. Dennoch wäre es zu einfach mit der Eigenverantwortungs‐Keule zu argumentieren, denn den allergrößten Teil werfen die Erzeuger selbst weg, um die Preisstabilität aufrecht zu erhalten. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird zudem häufig mit der Maximalhaltbarkeit gleichgesetzt. Hat ein Produkt die Mindesthaltbarkeit überschritten, wird es nicht selten weg geworfen, obwohl es noch gut ist.

Ich habe auch nichts gegen ein gutes Essen oder gegen gelegentlich inspirierende Rezepte, nur hat der deutsche Fress‐Wahnsinn mittlerweile völlig übersteigerte Ausmaße angenommen. Ob Food‐Blogs, Events, Koch‐Sendungen, Bio‐Dogmatiker oder Schrebergarten‐Gemüseanbauer: das Einverleiben wird zum Markenzeichen des eigenen Charakters. Ich werde, was ich koche. Ich bin, was ich esse. Ich wünsche mir im Angesicht des real existierenden Welthungers ein wenig mehr Demut und Bescheidenheit sowie etwas weniger Ernährungs‐Dekadenz‐Diskurse.

7 Gedanken zu “Fressen als Fetisch

  1. Als Ergänzung noch, dass viele frisch geerntete Lebensmittel (Gemüse, Obst, Fleisch) schon weggeworfen werden, bevor sie überhaupt in den Handel kommen, weil sie der Norm nicht entsprechen.

    Über die Dekadenz von Kochsendungen im TV hab ich auch schon mal etwas geschrieben und das TV‐Angebot von einer Woche recherchiert: Satt 1

    https://klausbaum.wordpress.com/2013/11/07/alle-fernsehanstalten-fusionieren-zu-satt1/

    Gruss vom militanten Salatisten. ;)

  2. Dazu Wilfried Schmickler:
    “Lammkarree vom Irischen Salzwiesenlamm, die halbe Taube an Wirsingpraline,
    die Trilogie von Gänsestopfleber, Carpaccio mit geröstetem Felsoctopus und gefülltem Kohlrabi mit Flusskrebsen, marinierter Mondseehecht auf Zitronenthymian,
    das Duett von Seezunge und Jacobsmuschel – eine Offenbarung, Reis und Steinpilze gehen eine intime Liaison ein. Dazu einen 98er Peuf de Meuf.” Den spätgelesenen Digestif erkennt man schon mit geschlossenen Augen an dem Schlürfgeräusch des Konsumenten, das aber mehr an den Tod einer 20 Jahre alten Kaffeemaschine erinnert.

  3. Ich mache um das Fernsehprogramm, die Zeitungen, ... schon lange einen großen Bogen. Das ist alles so hohl und leer. Der kollektive Flachsinn tut nur weh und ist mir total unerträglich.

  4. Ich kenne noch einige Geschichten aus der Großelterngeneration.

    Mein Großvater musste ’41 Richtung Stalingrad ziehen. Schon unterwegs war er schockiert über das zum Himmel schreiende Elend der Zivilbevölkerung. Dass Schlimmste, was er gesehen hätte, wären hungernde Männer und Frauen gewesen, die um chleb — also Brot — bettelten.

    Später, als die Sowjetsoldaten bei uns im Dorf stationiert waren, hatte er ihnen immer dicke Wurstbrote mitgebracht, weil er der tiefsten Überzeugung war, dass sie noch immer in der UdSSR hungern müssten.

    Und wenn wir Enkelkinder nicht aufessen wollten, hat er uns von den »armen Negerkindern in Afrika, die noch nicht einmal Kartoffelschalen zu essen hätten« erzählt.

    Er ist zwar schon seit fast 20 Jahren tot, aber seine Lehren und Erfahrungen prägen einen Teil der Familie immer noch. Ich empfinde bei manchen absurden »Luxus«-Fressalien in Rezeptbüchern und Co. einfach nur noch Ekel.

  5. Das gibt es noch viel zu wenig. Solange sie kollektiv Eier in die Pfanne kloppen, fackeln sie Flüchtlingen nicht die Bude ab, stellen keinen Hartzies nach und schmeißen auch keine Schlafsäcke der Clochards weg oder sorgen nicht für Entlassungen von Büroboten und Reinigungshilfen . Von daher Chekoch galore!

  6. Mit dem Fressen stimmt was nicht. in der Tat. ein Fetisch, ein Wahn oder eine Aversion. Ein großer Fleischwolf ist die westliche Welt. Am Ende kommt aber nichts verwertbares heraus.
    Mit großer Inbrunst und lässiger Entspannung wirft man heute Essen in den Müll. Das halbe Schnitzel, ab in den Müll. Man lehnt sich zurück und genießt die Erreichungen des Wohlstandsnieveaus, wozu es auch gehört, rülpsend das halbe essen in den Müll zu werfen. Ich bestelle halt noch eine Portion, ist doch egal, schmeiß ich sie halt weg.
    Und anderes herum jene, die die Genußlandschaften des Essens noch nie kennen gelernt hat und Tag ein und Tag aus eine Scheibe Schwarzbrot mit Köse und Gurke ist, der Ekelgefühle aufgewallt werden beim Gedanken, genussvoll und viel zu Essen. Und jene, man darf sie nicht vergessen, die ästhetisch essen. Eine halbe Seite Beschreibung der Speise, Schaum mit xy — Partikeln, aufgewärmt in der Kupferpfanne, geschüttelt im Muranoglasbehälter, geschöpft mit Bambusschöpfern, verfeinert mit mit biologischen Aromen aus Südwestchina und Norditalien, serviert auf Gmundner Edelkeramik mit 38 cm Durchmesser, garniert mit regional produziertem Schnickschnack. Zwei Happen und das Fest ist vorbei. Dies ist zweifellos eine Art Zynismus gegenüber den Verhungernden. Sehr, ich habe Unmengen an Speisen. Es ist mit schon langweilig vor lauter Fressen. Ich lasse es mir daher künstlerisch aufbereiten.

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