Kinder in Deutschland; Teil 40: Erzieher. Lehrer. Eltern.

erz_titelDer Leistungs‐, Selbstoptimierungs‐ und Wettbewerbswahnsinn hat in Deutschland viele soziale und empathische Errungenschaften zerstört. Kinder werden heute zunehmend als Investitionsobjekte, Ressourcen (»Kinder sind unsere Zukunft!«) und als Selbstverwirklichungs‐Projekte wahrgenommen und definiert. Der freie Kinderwille ist fast gänzlich verschwunden. Stattdessen sind sie den Interessen von Eltern, Schule, Politik, Wirtschaft und Medien komplett ausgeliefert. Statt aber zu hinterfragen, warum die Kleinen heute so überfrachtet werden, warum es vor 30 Jahren noch keine Helikopter‐Eltern gab und warum wir oft völlig übertriebene Erwartungen und Anforderungen an Kindergärten, Schulen und unseren Nachwuchs haben, wird die Verantwortung hierfür wie in einem Ping‐Pong‐Spiel zwischen Eltern, Erziehern und Lehrern ständig hin und her geschoben.

Keine Gelassenheit. Nirgends.
Erzieher in Kindergärten klagen immer öfter über Eltern, die völlig realitätsferne Ansprüche und Erwartungen haben. Obwohl sie einen Kitavertrag unterschrieben haben, in dem das Konzept der Einrichtung ausführlich erläutert wird, wollen sie den Erziehern ständig vorschreiben, wie sie Veranstaltungen organisieren, was sie kochen und wie sie mit den Kindern umgehen sollen, ergo: wie sie ihre Arbeit machen sollen. Viele Eltern begreifen einen Kindergarten nicht mehr als Bildungseinrichtung, sondern als einen privaten Dienstleistungsservice. Auf der anderen Seite gibt es kaum eine Elternrunde, wo sich nicht mindestens eine oder einer über den Kindergarten und/oder über die Schule des Kindes beschwert. Es wird ständig nach vermeintlichen Problemen gesucht, gemotzt, gemeckert und gelästert. Viele sind besorgt, hysterisch, panisch.

Typische Forumbeiträge auf eltern.de:

»Probleme im Kindergarten«
»Darf der männliche Erzieher wickeln?«
»Wie reagiert ihr auf folgende Sätze von Erziehern...«

Viele Schulklassen sind derweil überfüllt und Lehrer überfordert, krank oder bekommen früh ein Burnout Syndrom. Öffentliche Schulen sind marode und werden systematisch unterfinanziert. Davon profitieren vor allem die Privatschulen. Die Nachfrage nach Privatschulen ist mittlerweile höher als das Angebot. Die Betreiber von Privatschulen haben ein reges Interesse daran, dass die staatlichen Schulen ein schlechtes Image besitzen. Viele Kinder haben mittlerweile eine 40 Stunden Schulwoche, inklusive Sportverein, Klavierunterricht, Hausaufgaben, Nachhilfeunterricht und Fremdsprachenkurs. Eltern haben Angst, ihre Kids könnten später keinen guten Schulabschluss machen oder nicht studieren. Hinzu kommen etliche andere Elternängste, was einen individuellen Entfaltungsspielraum von Kindern kaum noch zulässt. Der Nachwuchs wird überwacht, kontrolliert und gesteuert.

Schuld sind immer die Anderen.
All diese Phänomene sind beileibe kein Schicksal oder einfach so über uns gekommen. Auch sind dafür nicht einseitig Eltern, Erzieher oder Lehrer schuld. Auch wenn uns das die Mainstreampresse oder etliche Elternseiten immer wieder weismachen wollen. Die seit mehr als 30 Jahren tief verinnerlichte neoliberale Ideologie von Wettbewerbs‐, Leistungs‐, Konkurrenz‐, Besitz‐ und Konsumdenken, in Kombination mit dem Dogma der Selbstverwirklichung durch Lohnarbeit, ist nicht folgenlos. Hinzu kommen die bigotte Eigenverantwortungs‐Rhetorik und das verlogene Gerede von Erfolg durch Bildung. Dabei sind beispielsweise Kinder von Reichen und Vermögenden alleine schon deshalb beruflich erfolgreich, weil sie die Kinder von Reichen und Vermögenden sind. Ihre Leistung besteht häufig genug nur darin, Kinder von Reichen und Vermögenden zu sein.

»Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen.«

- Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 27

Gerade im Bildungsbereich hat die neoliberale Spaltungsdynamik sich voll ausgebreitet. Erzieher, Lehrer und Eltern sind in der Regel völlig unpolitisch und gehen lieber aufeinander los, anstatt sich gegen die neoliberalen Bankster zu solidarisieren. Ich erlebe das fast tagtäglich auf dem Spielplatz oder wenn ich mit Freunden, Eltern oder Erziehern spreche. Auch sämtliche Foren von Mutti‐ und/oder Eltern‐Webseiten sind voll von gegenseitigen Anschuldigungen.

Nach den Ursachen wird natürlich nicht gefragt. Weder Erzieher, Lehrer noch Eltern beschäftigen sich mit den eigentlichen Ursachen ihrer alltäglichen Probleme und Konflikte. Stattdessen begeben sich alle Parteien entweder in einen zermürbenden Kleinkrieg oder helfen sich gegenseitig. Letzteres mag zwar auf den ersten Blick positiv sein, wenn aber Eltern Kindergärten und Schulen mit Sach‐ und/oder Geldspenden unterstützen, dann hat dies auf Dauer die gleiche Wirkung wie bei den Tafeln: es verfestigt die Zustände. Außerdem können die neoliberalen Spar‐, Streich‐ und Kürzungsapologeten sich nicht nur ins Fäustchen lachen, sondern fröhlich weiter im öffentlichen Bereich kürzen, Banken und Unternehmen das Geld zuscheffeln und die Infrastruktur verrotten lassen.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 39 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden. Eine Auswahl bisheriger Teile:

» Folge 34: Erwachsen werden
» Folge 27: Kontaktabbruch
» Folge 24: Freiräume

2 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 40: Erzieher. Lehrer. Eltern.

  1. Sehr gut beschrieben!
    Zum Bereich der »(Schul)Bildung« kann ich nur Vorträge von Freerk Huisken (gegenstandpunkt) empfehlen.
    Wettbewerb von klein auf, Konkurrenzdruck durch Vergleichbarkeit (Noten), »Chanchengleichheit«, gewollter Lernstress, Prüfungsangst etc.
    Wenn es allein um den Lernerfolg ginge, würde man all die nachweislich negativ einwirkende Stressfaktoren umgehen.

    Nicht ohne Grund ging Schule schon vor Jahren von der sog. Fachkompentenz zur Methodenkompetenz über.
    Das ganze hat und hatte nie etwas mit Bildung, sondern nur mit Lohnarbeitsorientierter Ausbildung zu tun.

  2. Erziehen wird heute mit Tiefziehen verwechselt (ein Verfahren
    zur Verformung thermoplastischer Kunststoffe).

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