Kinder in Deutschland; Teil 21: Kinder sind unsere Gegenwart

»Kinder denkt an eure Zukunft« lautet ein aktuelles Werbeplakat der Berliner Sparkasse. Kinder sind unsere Zukunft, sie sind unser wertvollster Rohstoff, so heißt es oft. Sie werden als zukünftige Steuerzahler, Arbeitnehmer, Rentenbeitragszahler, Vollblut-Konsumenten, Wähler oder auch als vermeintliche Leistungsträger bewertet. Bei all diesen Betrachtungsweisen geht es um funktionales, technisches und systemisches Denken, aber am allerwenigsten um die Kinder selbst. Denn für Kinder ist vor allem eines wichtig: Leben im Augenblick.

»Was willst Du später mal werden?«, ist eine immer wiederkehrende beliebte Frage von Familienangehörigen, Bekannten oder Verwandten in Deutschland. Sie fragt nach der möglichen Lohnarbeitsverwertung und der zukünftigen Systemfunktion des Kindes. Wird es ein Arzt werden, der beliebt und vorzeigbar sein wird? Oder doch ein Hausmeister, der es schwer haben wird, für all seine Kosten aufzukommen? Wie bereite ich mein Kind am besten auf die Arbeitswelt vor? Wird er arbeitslos oder gar ein Sozialschmarotzer sein, für den ich mich als Mutter schämen werde? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Millionen Eltern in Deutschland. Nichts scheint für viele Eltern so wichtig, wie die spätere Lohnarbeit ihres Kindes zu sein. Sie werden dahingehend von allen Seiten schon früh konditioniert.

Es sind die Interessen und Wünsche von Eltern, Politikern, Bildungseinrichtungen und Wirtschaftsvertretern, welche den Kindern aufgedrückt werden. Es sind nicht die ureigensten Bedürfnisse von Kindern, denn sie leben in der Gegenwart ihres schöpferischen Tuns. Für sie ist das kindliche Spiel enorm wichtig, Sport und Bewegung, ihre Freundschaften, ihre Hobbys, Neigungen und Leidenschaften sowie natürlich ihre Bezugspersonen. Sie denken nicht daran, ihre Interessen oder Fähigkeiten ökonomisch verwerten zu wollen, weder in der Gegenwart noch in der Zukunft. Sie beschäftigen sich in der Regel mit den Dingen, um ihrer selbst willen und eben nicht selbstentfremdet wie es Erwachsene in der Lohnarbeit des Geldes wegen machen.

Ein Kind ist keine Knetmasse, die beliebig geformt werden kann. Jedes Kind hat seine Stärken und seine Schwächen sowie sein ihm eigenes Entwicklungstempo.

- Remo H. Largo, Kinderjahre, Piper Verlag 1999, S. 17

Kinder als Gegenwartsphänomen zu bewerten, würde bedeuten, mehr Verständnis für sie aufzubringen und auf ihre elementaren Bedürfnisse mehr einzugehen: eben nicht die ganze Woche eines Kinder mit Bildungsangeboten  (Klavierunterricht, Kinderenglisch, Sportkurs etc.) zu verplanen und auch kein Schulsystem, in dem Kinder faktisch eine 40 Stunden Woche haben. Kinder sind unsere Gegenwart bedeutet auch, in der Öffentlichkeit oder in der Wohnung spielende, weinende und laut lachende Kinder nicht nur zähneknirschend zu akzeptieren, sondern zu respektieren und letztlich gar zu befürworten. Vor allem heißt es, Kinder in ihrem So-Sein und in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen und sie nicht als zukünftiges Lohnarbeitssystemprodukt zu betrachten.

Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen Folgen können im ZG-Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

6 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 21: Kinder sind unsere Gegenwart

  1. Laut dem Buch von Alexander Inglis aus dem Jahr 1918 »Prinzipien der höheren Schulbildung« gehorcht die Schule folgenden Prinzipien (aus J.P. Gatto: http://www.birkenbihl.de/PDF/gatto.pdf):

    »1. Die verstellbare oder anpassungsfähige Funktion
    Schulen müssen feste Reaktions-Gewohnheiten gegenüber Autoritäten etablieren. Dies schließt natürlich kritisches Beurteilen komplett aus. Es zerstört auß?erdem so ziemlich die Idee, daß nützliches oder interessantes Material gelehrt werden sollte, weil
    man reflexiven Gehorsam solange nicht testen kann, bis man weiß?, ob man es schafft, daß Kinder etwas lernen und sie alberne und langweilige Sachen tun.

    2. Die integrierende Funktion
    Dies könnte gut »die Anpassungs-Funktion« genannt werden, weil ihre Absicht ist, Kinder so gleich zu machen wie möglich. Menschen, die sich anpassen sind vorhersehbar, und das nützt auß?erordentlich jenen, die viele Erwerbspersonen nutzbar machen und manipulieren wollen.

    3. Die diagnostische und weisende Funktion
    Die Schule sollte die angemessene soziale Rolle eines jeden Schülers beschließ?en. Dies wird getan, indem man Beweise mathematisch und anekdotenhaft in kumulativen Aufzeichnungen
    protokolliert. So wie in »deine permanenten Aufzeichnungen«. Ja, Sie haben eine.

    4. Die differenzierende Funktion
    Ist einmal ihre soziale Rolle »diagnostiziert«, müssen Kinder nach ihrer Rolle sortiert und nur so weit trainiert werden, wie ihr
    Ziel in der sozialen Maschinerie es verdient — und keinen Schritt weiter. So viel dazu, wie man Kinder dazu bringt, ihr persönlich Bestes zu geben.

    5. Die selektive Funktion
    Dies bezieht sich überhaupt nicht auf die menschliche
    Wahlmöglichkeit, sondern auf Darwins Theorie der natürlichen Selektion, anwendungsbezogen auf das, was er »die begünstigten Rassen« nannte. Kurz, die Idee ist, den Dingen auf den Weg zu helfen, indem man bewusst versucht, die Aufzucht zu verbessern. Schulen sind dafür da, den Untauglichen zu markieren — mit schlechten Noten, Nachhilfeunterricht und anderen Strafen — klar
    genug, damit ihre Gleichaltrigen sie als tieferstehend akzeptieren werden und sie in wirksamer Weise aus den sich reproduzierenden Wettspielen ausschließ?en.
    Das ist, was all diese kleinen Erniedrigungen von der ersten Klasse an zu tun hatten: Den Dreck wegzuwaschen.

    6. Die einführende Funktion
    Das gesellschaftliche System, angedeutet von diesen Regeln, wird eine elitäre Gruppe von Aufsehern erfordern. Zu diesem Zweck wird eine kleine Fraktion von Kindern leise gelehrt werden, wie man dieses anhaltende Projekt bewerkstelligt, wie man auf eine Population aufpasst und sie kontrolliert, deren geistiges Niveau absichtlich so weit ordnungsgemäß? heruntergeschraubt wird, damit die Regierung unbestritten weitermachen darf und Kapitalgesellschaften sie niemals für folgsame Arbeit wollen würden.«

    Es geht darum, aus Kindern zuverlässige egozentrische Arbeitsameisen zu schaffen, die zum einen die Erwerbstretmühle nicht verlassen und zum anderen gehorsame Konsumenten sind. Es geht der normalen Regelschule nicht darum, daß sich die Kinder als freie Menschen entwickeln können. Nicht umsonst enthält die neue Liste der psychiatrischen Krankheiten inzwischen das Krankheitsbild (sinngemäß): »Aufsässigkeit gegenüber Obrigkeiten«. Jemand, der unter dieser Krankheit leidet, kann dann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und chemisch ruhiggestellt werden.

  2. @gerhardq

    »Aufsässigkeit gegenüber Obrigkeiten«. Jemand, der unter dieser Krankheit leidet, kann dann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und chemisch ruhiggestellt werden.

    Kann man diese Liste irgendwo einsehen? Wäre interessant.

  3. »Es sind die Interessen und Wünsche von Eltern, Politikern, Bildungseinrichtungen und Wirtschaftsvertretern, welche den Kindern aufgedrückt werden. «

    Erstaunlich , wie selbstverständlich in politischen Talks heute davon gesprochen wird , man müsse mehr Kinder kriegen , um die Renten zu sichern, ohne daß dem verwundert widersprochen wird.

    Noch erstaunlicher , daß gerade konservative Politiker sich hemmungslos daran beteiligen , die müßten es doch am ehesten seltsam finden , wenn die von ihnen so betonte Famlie nur noch aus finanzieller Sicht betrachtet wird.

  4. Öhmm, Tjä, Tschuldigung. Ich weiß, vollkommen out of Topic. Rieeeesensorry. Aber ich bin einfach total begeistert vom Bildle. ( Wer hat’s gemacht? Und wieso, kann man das nicht vergrößern? )

  5. @eb

    Wurde in einem Indoor-Spielplatz in Berlin von mir gemacht. Eine Bildvergrößerung hätte eine schlechtere Qualität zur Folge. So wollte ich das kaschieren ;)

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