Kinder in Deutschland; Teil 26: Elternängste

Die Pädagogik in Deutschland hat in den letzten 30 Jahren große Fortschritte gemacht. Auch wenn Politik und Wirtschaft Kinder, nach wie vor, primär als zukünftig verwertbare Ressourcen betrachten, so hat es in den Erziehungswissenschaften große Entwicklungen gegeben. Die Bedürfnisse von Kindern und dessen Wohlergehen stehen zunehmend im Mittelpunkt, im Gegensatz zur autoritären Erziehungsmethode der Nachkriegszeit. Auch der Integrations — bzw. Inklusiongedanke von geistig und körperlich eingeschränkten Kindern ist im Gespräch (Umsetzung jedoch mangelhaft). Gleichzeitig sind jedoch auch die Erwartungen, der Leistungsdruck und die Unsicherheiten von Eltern gestiegen. Während Kinder meist altersentsprechende Ängste haben (Furcht vor Dunkelheit, Monstern, Vernachlässigung, Gewalt etc.), werden viele Eltern von sozial konstruierten und oft völlig übersteigerten Sorgen beherrscht.

Typische Elternsorgen und Ansprüche
Besucht man mit seinem Kind einen Spielplatz, kann man einige der heutigen Elternängste gut beobachten. »Du musst was trinken« ist beispielsweise so ein Satz, der häufig auftritt. Scharen an Eltern treibt die Sorge um, ihr Kind würde dehydrieren und ohnmächtig werden. Infolgedessen wird Kindern immer wieder zwangsweise und unter Androhung Flüssigkeit eingeflößt. Zugegeben, wenn Kinder in ihrem Spiel sind, denken sie oft nicht daran etwas zu trinken, selbst wenn der Körper es bräuchte. Austrocknen dürften dennoch die wenigsten Kinder.

Wird in den Medien gerade wieder ein Kinderschänder oder Entführer thematisiert, sind viele Eltern in heller Aufregung und befürchten, an jeder Ecke könnte ein solcher auf ihr Kind lauern. Sicherlich will man als Elternteil sein Kind vor derlei Gefahren beschützen, die gefühlte Angst ist hier jedoch um ein vielfaches höher, als die tatsächlich gegebene. Sexualdelikte gehen in Deutschland seit Jahren zurück und gemessen an allen Straftaten sind Sexualverbrechen minimal. Mit sachlichen Argumenten kommt man bei emotional gesteuerten Eltern aber hier nicht weiter. Da dürfen Kinder dann nicht mehr ohne Aufsicht auf den Spielplatz oder gleich für einige Tage nicht mehr aus dem Haus gehen.

Sie stellten fest, dass der sogenannte Streifradius von Grundschulkindern — also das Gebiet, das sie auf eigene Faust entdecken können — binnen weniger Jahrzehnte von 20 auf vier Kilometer geschrumpft ist.

- eltern.de

Der Leistungsdruck und das ständige Vergleichen mit anderen Kindern und die Angst, das eigene Kind könnte in der Entwicklung langsamer als andere Kinder sein, treibt viele Eltern um: »Dein Kind konnte mit 13 Monaten schon laufen? Ich glaube, meine Tochter hat sprachliche Defizite und muss zur Logopädie. Kann Dein Sohn schon Kopffüßler malen? Seit wann ist Dein Kind eigentlich trocken und ohne Schnuller?«. Was oberflächlich betrachtet, ein harmloser Vergleichs-small-talk ist, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als die Angst, das eigene Kind könnte Entwicklungsdefizite und demnach später Probleme in der Schule haben. Manche Eltern sind hierbei regelrecht hysterisch und verdonnern ihre Kinder zum zusätzlichen Sprach-, Spiel-, Förder- oder Sportunterricht. Jedes Kind hat jedoch seine ganz eigene Entwicklungsgeschwindigkeit und Eltern tun gut daran, den eigenen Kindern in ihrer Entwicklung mehr zu vertrauen.

Hinzu kommen Ängste vor Krankheiten und Verletzungen, das Kind könnte auf »die schiefe Bahn« geraten oder sich »falsche Freunde« aussuchen, schlechte Schulnoten bekommen und damit schlechte Berufschancen, es könnte konsolen-, PC-Spiele-, facebook- oder internetsüchtig werden, wenig Freunde haben, nur zuhause sitzen, auf Spielplätzen in Glasscherben laufen, von anderen Kindern gemobbt und geschlagen werden, andere Eltern, Familienangehörige oder Kita-Erzieher könnten den eigenen Erziehungsstil kritisieren, Plastik-Spielzeug könnte Giftstoffe haben und und und. Die heutigen Ängste von Eltern sind beinahe unzählig. Sicher, sie wollen alle nur »das Beste« für ihre Kinder, sorgen sich und machen sich Gedanken. Die oft völlig übertriebenen Ängste sind aber nicht folgenlos.

Angst essen Selbstständigkeit auf
Wer seine Kinder vor allen vermeintlichen Gefahren beschützen will, noch bevor diese überhaupt eintreten, bringt seine Kinder um viele Entwicklungsmöglichkeiten. Zunächst werden Kinder eine Gefahr häufig erst dann als solche erkennen, wenn sie sie selbst erlebt haben. Das heisst nicht, dass man seine Kinder absichtlich die heiße Herdplatte anfassen oder sie vors Auto laufen lassen sollte, aber doch, dass sie »kleinere« Risiken selbst erleben sollten. So entwickeln sie auch eigenständige Lösungswege, erkennen es als »gefährlich« an und erweitern ihren Horizont, als wenn sie ständig nur bevormundet werden.

Hinzu kommt, dass die Entwicklung der Selbstständigkeit stark gehemmt wird. Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, um Selbstbewusstsein zu entwickeln. Zu viele Vorschriften entmündigen Kinder und lassen sie schwer erwachsen werden. Oft sind es nämlich die gleichen Eltern, die ihre Kinder jahrelang verwöhnt und übertrieben beschützt haben, und sich dann über die mangelnde Selbstständigkeit ihrer Kinder wundern und beschweren. Auch wenn gerade Eltern es nicht hören wollen, aber eine hunderprozentige Sicherheit kann und wird es nie geben. Wer sich zu stark von seinen Ängsten steuern und beherrschen lässt, überträgt sie langfristig auch auf seine Kinder.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 25 Folgen können im ZG-Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

7 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 26: Elternängste

  1. »Wer sich zu stark von seinen Ängsten steuern und beherrschen lässt, überträgt sie langfristig auch auf seine Kinder.«

    Ein perfektes Fazit. Wir wollen unsere Kinder vor Krankheiten schützen und machen sie krank. Warum muss man Kinder immer und immer wieder vergleichen? Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist bei Kindern unterschiedlich. Das ist nicht automatisch etwas schlimmes. Indem man sie zum lernen zwingt, nimmt man ihnen die Freude daran. Dadurch lernen sie später schlechter und der vermeintliche Vorsprung vor den anderen geht verloren. In einem RSA Video meinte der Vortragende, dass den Menschen nichts besseres im Bildungssystem eingefallen ist, als Kinder nach ihrem Produktionsdatum zu sortieren. Streng genommen wird das auch sehr grob gemacht. Denn ein halbes Jahr Altersunterschied bedeuten unter Umständen große Unterschiede im Entwicklungsstand.
    RSA Animate — Changing Education Paradigms
    http://www.youtube.com/watch?v=zDZFcDGpL4U

  2. @chriwi

    Um die Bedürfnisse von Kindern geht es ja gar nicht, das ist das grundlegende Problem, wie ich schon öfters geschrieben habe. Sie werden als Knetmasse, Ressourcen und Funktionsträger für Politik und Wirtschaft betrachtet. Zuerst nur als Konsumenten (Walt Disney, Toys r us, Ikea etc. leben vom Kinder-Konsum), später zusätzlich als Ware für den Arbeitsmarkt und Steuerzahler.

    Für eine individuelle Lern- und Entwicklungsgeschwindigkeit ist in der industrialisierten Massenkultur, in welcher der Profit ein Gott und das Individuum nichts ist, einfach keinen Platz. Insofern ist der gesamte Komplex »Kindheit und Erziehung« ein perfektes Spiegelbild unserer kranken Gesellschaft.

    EDIT: Ich denke, das ständige Vergleichen mit anderen Kindern resultiert einerseits aus der Angst, dass eigene Kind könnte »hinterherhinken«, und andererseits ist er Ausdruck des tief verinnerlichten Konkurrenzdenkens.

  3. »Insofern ist der gesamte Komplex »Kindheit und Erziehung« ein perfektes Spiegelbild unserer kranken Gesellschaft. «
    Man muss es selbst erkennen und wenigestens bei den eigenen Kindern richtig machen.

  4. Ich vermute mal, dass es, denke ich, den Autoren dieses blogs bekannt ist, dass unsereiner eine gewisse Scheu davor hat, mit Zitaten oder bekannten Denkern, Philosophen etc. in der Gegend herum zu wirbeln. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, und i.d.R. darauf reduzierbar, dass solcherlei Art der Vermittlung hauptsächlich immer etwas mit Personenkult und dem Kult des eigenen gewollten Verständnisses zu tun hat. Doch bezüglich des Themas, möchte ich eine Ausnahme machen, die auch geschichtlich zwischen Adorno und Marx ihren eigenen Wiederspruch und Wiederstand gegen allzu rationalistisches Denken und Willen zur Homogensierung fand. Wenn ich ein Buch, wenigstens zum distanzierten Lesen empfehlen dürfte, dann wäre es dieses hier. Möglicherweise, erscheint es off Topic, — aber kranke Eltern, bringen auch nicht mehr zu Wege, als kranke Kinder.

  5. Ein sehr interessanter und wahrer Artikel. Alle Aspekte sind gut zusammengefasst. Am wichtigsten ist es wohl, die richtige Balance zu finden, zwischen dem Erklären der möglichen Gefahren und dem Loslassen und gleichzeitigen Vertrauen, dass das Kind sich im entscheidenden Moment daran erinnert.

    Ich kann dazu ein Beispiel aus meiner eigenen Kindheit beisteuern:
    Meine Eltern hatten mich immer davor gewarnt, fremden Menschen zu glauben, die mich unter einem Vorwand irgendwohin mitnehmen wollten. Meine Mutter hatte mir auch ein Beispiel erzählt, von einem früheren Nachbarn, der Dinge von ihr forderte, die sie nicht wollte. Und sie hatte mich ebenfalls darauf hingewiesen, dass es Männer (oder Personen) gibt, die sich erst an Kindern vergehen und sie anschließend töten, damit sie nichts verraten können.
    Und irgendwann kam der Tag, an dem ich ganz allein in einer einsamen Straße Rollschuh lief. Es war die zweite Parallelstraße oberhalb meiner Heimatstraße. Und diese Straße hatte am Ende einen Drehplatz — war also ›ne Sackgasse. Und dieser Drehplatz war wunderbar zum Rollschuhlaufen.
    Nicht weit von diesem Drehplatz gab es eine kleine Abzweigung, die zunächst autobreit und asphaltiert — wie eine schmale Straße — verlief, vorbei an wenigen Häusern, um dann in einen Weg zu münden, der durch einen kleinen Wald führte, bis hin zu einer Treppe. Über diese Treppe gelangte man hinunter zu einem von Felsen umgebenen Spielplatz, der am Rande einer großen Hauptverkehrsstraße lag, in der — auf der gleichen Seite und nur wenig unterhalb des Spielplatzes — auch eine meiner Klassenkameradinnen wohnte — in einem Mehrfamilienhaus, mit zweitem Eingang zu einem Friseursalon.
    Während ich nun auf dem Drehplatz Rollschuh lief, kam ein fremder Mann auf mich zu. Er sprach mich an und erzählte mir, meine Mutter sei bei diesem Friseur und sie habe ihn gebeten, mich abzuholen. Ich solle meine Rollschuhe abschnallen und mit ihm zu meiner Mutter gehen.
    Zunächst tat ich, was er sagte. Schließlich trug ich die Rollschuhe in meiner linken Hand und meine rechte Hand ruhte in der seinen. Wie ein braves Mädchen ging ich Hand in Hand mit diesem fremden Mann durch die abzweigende Straße, vorbei an den letzten Schieferhäusern, Richtung Weg auf den Wald zu.
    Und in diesem Moment kamen mir die Worte meiner Eltern in den Sinn.
    Blitzartig riss ich mich los und rannte weg. Der Mann rief hinter mir her, ich solle zurückkommen und mit ihm gehen, meine Mutter säße doch beim Friseur und würde auf uns warten. Aber ich blieb nicht mehr stehen, ich rannte und rannte. Und erst eine Straße weiter, als er nicht mehr in Sicht war, gönnte ich mir eine kurze Verschnaufpause, bevor ich weiterrannte, bis nach Hause.
    Und ... meine Mutter war zu Hause!
    Ich erzählte ihr von dem Mann. Ich glaube sie lobte mich auch, weil ich weggelaufen war; aber so richtig ernst schien sie mein Erlebnis nicht zu nehmen.
    Und auch als wenig später in derselben Straße ein Mädchen meines Alters auf dem kurzen Weg von seinen Eltern zu den Großeltern abgefangen und ermordet wurde, gingen meine Eltern nicht mit mir zur Polizei. Ich hätte den Mörder beschreiben können. Ich kannte sein Gesicht. Ich ging mit ihm an der Hand.
    Aber immerhin hatten meine Eltern mich gewarnt, sodass ich mich früh genug losriss.
    Und genauso habe auch ich später MEINE Tochter gewarnt, ihr aber auf der anderen Seite sehr viel Freiheit gewährt.

    Es gibt auch eine Leseprobe aus meinem Buch.
    Wer Interesse hat, kann hier klicken:
    http://www.amazon.de/gp/customer-media/permalink/mo1XNPUGTJZC5HK/3842313209/ref=cm_sw_r_tw_ci_3842313209

  6. PS:
    Leider funktioniert der am 13. Aug. 2013 angegebene Amazon-Link nicht mehr. Aber inzwischen gibt es (Vor-)Leseproben bei YouTube.
    Hier eine zum Thema Erziehungsvorsätze: https://youtu.be/nO4EyQiBTGo

    Oder, für Menschen, die die Auswahl lieben, hier noch der Link zur Playlist mit ALLEN (Vor-)Leseproben:
    https://www.youtube.com/playlist?list=PLlQs5f69-ucGXUol0p0HWWKd3Sbyjxodr

    Liebe Grüße und beste Wünsche für alle Familien
    von
    Freya Glücksweg

  7. @Freya Glücksweg

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